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Biels Fans jubeln nach einem Tor ihres Teams.
Biels Fans jubeln nach einem Tor ihres Teams.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Die magische Nacht, die Biel einen Schritt näher zum nächsten Titel bringt

Sind die Dämonen des Scheiterns vertrieben? Biel besiegt den SC Bern im spektakulärsten Heimspiel seit dem Wiederaufstieg von 2008 in der Verlängerung 8:7. Noch wichtiger: Die Bieler sind nun dem ersten Titel seit 1983 nähergekommen.
13.01.2022, 05:2013.01.2022, 12:52

Das Ende übertrifft jede Fantasie. Als Schlussszene zu einem Hockeyfilm wäre dieses Finale Furioso untauglich – weil einfach nicht realistisch. Simon Moser, der raue, kluge Titan, Leitwolf und Captain, die Besonnenheit und Schlauheit in Person, rastet aus. In der Verlängerung. Ohne jeden Grund rumpelt er gegen Damien Brunner und kassiert richtigerweise zwei Minuten. Darob regt sich sein Chef und Trainer Johan Lundskog – fast so etwas wie die Karikatur eines strukturierten, ruhigen, analytischen Schablonen-Schwedens so sehr auf, dass auch er zwei Minuten plus Ausschluss vom Spiel kassiert.

Biels Captain Gaëtan Hass nützt den Doppelauschluss bei fünf gegen drei Feldspieler zum Siegestreffer. Wie so vieles im Leben hat selbst dieses unglückliche Finale etwas Gutes: Simon Moser muss von seinem Trainer und Chef keine Rüge wegen Unbeherrschtheit befürchten.

Biels schlauer, wieselflinker Skorer Damien Brunner sagt, er habe Simon Moser nicht provoziert. «Spätestens nachdem wir im Mitteldrittel für nichts und wieder nichts zwei Minuten kassiert hatten, wussten wir, dass wir uns bei den Schiedsrichtern nichts, aber auch gar nichts erlauben dürfen und konzentrierten uns ganz auf unsere spielerischen Qualitäten.» Tatsächlich war Biels Offensivspektakel ein reines. Geprägt von Tempo, Technik, Mut und Leidenschaft. Aber ohne das Schmirgelpapier der Provokation.

Der Bieler PostFinance Top Scorer Toni Rajala, rechts, vergibt eine Chance gegen Berns Torhüter Philip Wüthrich.
Der Bieler PostFinance Top Scorer Toni Rajala, rechts, vergibt eine Chance gegen Berns Torhüter Philip Wüthrich.Bild: keystone

Es ist für die Bieler eine magische Nacht. Sie wird in einem grösseren Zusammenhang gesehen noch magischer. Um das zu verstehen, müssen wir uns etwas intensiver mit der kantonalbernischen Hockeykultur befassen. Biel ist im Playoff-Zeitalter (seit 1986) noch nie Meister geworden. Fast noch schlimmer: Biel hat gegen den SCB noch nie eine Playoff-Serie gewonnen.

Am 6. April 2019 schien es soweit. Mit einem Sieg auf eigenem Eis gegen den SCB wäre Biel auf Kosten des Kantonsrivalen in den Final vorgerückt. Trotz erdrückender Überlegenheit (38:19 Torschüsse) sind die Bieler nicht dazu in der Lage, das 0:1 von Ramon Untersander (9. Min.) aufzuholen. Sie verlieren 0:1. Der SCB gleicht die Serie mit diesem Sieg aus, gewinnt die 7. Partie in Bern 5:1 und holt im Final gegen Zug den Titel. Für die Bieler Hockeykultur gilt seither erst recht: Wir sind erst, wenn wir besser sind als der SCB.

Die Bieler waren an diesem 6. April 2019 nicht fähig, gegen den SCB ein 0:1 aufzuholen. Nun haben sie ein 0:3, ein 2:4, ein 3:5, ein 4:6 und ein 6:7 egalisiert und schliesslich 8:7 triumphiert. Wahrlich, die Dämonen des Scheiterns sind. Oder? Damien Brunner, schon bei diesem traumatischen 0:1 dabei und damals Topskorer des Teams, gibt zu bedenken: «Damit Sie mich richtig verstehen: Diese Aussage ist nicht gegen Berns Torhüter gerichtet. Aber ich erlaube mir zu sagen: Damals stand Leonardo Genoni im Kasten und es war etwas schwieriger ein Tor zu erzielen…»

Hätte der SCB also mit Leonardo Genoni auch diesmal gewonnen? Er zügelte im Sommer 2019 nach Zug. Es lohnt sich also nicht, auf diese Frage einzugehen. Daniel Manzato und ab der 40. Minute Philip Wüthrich waren trotz bescheidener Statistik (beide exakt mit 83,33 Prozent Fangquote) KEINE Lottergoalies. Sondern die Opfer eines Spielflusses, der über die Ufer trat, der Auflösung der defensiven Ordnung und vor allem der Dynamik, der Wucht und Kreativität des Bieler Angriffsspiels.

Aber da war in dieser magischen Nacht noch etwas. Damien Brunner behauptet, er habe nach dem 4:6 auf der Spielerbank gesagt: «So, jetzt gewinnen wir eben 8:7.» Bloss ein Spruch? Mit ziemlicher Sicherheit wird es genau so gewesen sein. Denn Damien Brunner ist eine ehrliche Haut, der keine Prahlereien nötig hat (und die auch nicht zu ihm passen würden). Vielmehr zeichnet er sich durch eine offene, direkte und unkomplizierte Art aus und steht für ein neues Selbstvertrauen der Bieler. In einer ersten Phase hatte dieses neue Selbstvertrauen zu Überheblichkeit geführt. Aber dann ermöglichte es den Bielern, alle Rückschläge zu überwinden. Damien Brunner begründet übrigens, warum er zu seiner gewagten Prognose gekommen war. «Wir haben ja phasenweise minutenlang nach Belieben dominiert. Es musste einfach möglich sein, dieses Spiel zu gewinnen.»

Ein neues Biel und ein SCB, der nicht mehr der alte SCB von 2019 ist – ist die jahrzehntelange Hierarchie im Bernbiet durcheinandergeraten? Haben die Bieler die Dämonen des Scheiterns vertrieben? Sie sind inzwischen seit dem traumatischen Scheitern von 2019 sozusagen über sieben Brücken gegangen. Sie haben in der Qualifikation zum 7. Mal hintereinander und in allen möglichen Varianten gegen den SCB gewonnen: 4:2, 5:3, 6:5 n.V, 4:3 n.V, 2:1 n.P, 6:2 und nun 8:7 n.V

Wenn die Bieler Meister werden oder wenigstens in einer Playoffserie den SCB bodigen wollen (wir sollten nicht ausschliessen, dass der SCB die Playoffs erreicht und auf Biel trifft) – dann muss es wohl im nächsten Frühjahr sein. Die Hockeygötter haben im Bernbiet ein Fenster geöffnet, das sich im Sommer wieder schliessen wird: Der SCB hat bereits kräftig aufgerüstet (mit den Zuzügen von Romain Loeffel, Joël Vermin, Marco Lehmann, Jesse Zgraggen und Chris DiDomenico) und wird bessere Ausländer haben. So einfach wie diese Saison wird es nie mehr sein, den SCB zu demütigen.

Über diese magische Nacht gäbe es noch viel zu erzählen. Zwei Episoden sind noch erwähnenswert.

Kurz nach dem Anspiel nach dem 5:6-Anschlusstreffer von Mike Künzle schlägt Grégory Sciaroni mit einem gezielten Faustschlag Michael Hügli vor den Augen des Schiedsrichters nieder. Fünf Minuten plus Restausschluss, den die Bieler zum 6:6 Ausgleich nützen. Mit diesem Ausraster hat der wackere SCB-Stürmer keine Werbung für seine anstehenden Transferverhandlungen mit Langnaus Sportchef Marc Eichmann gemacht.

Mehr Drama als Episode ist eine Begebenheit aus dem Mitteldrittel. Während der SCB Powerplay spielt, trifft Biels Gaëtan Haas den SCB-Stürmer Christian Thomas mit dem Stock im Gesicht. Keine Strafe wird angezeigt, das Powerplay läuft einfach weiter und Dominik Kahun erhöht auf 6:4. Der SCB-Kanadier wird so schwer verletzt, dass 5 Minuten plus Restausschluss zwingend gewesen wären. Christian Thomas bleibt in der Kabine. Sportchef Andrew Ebbet klärt auf: «Er ist vom Stock gleich über dem rechten Auge getroffen worden und die Verletzung musste genäht werden. Er konnte nicht mehr richtig sehen. Ob auch das Auge verletzt worden ist, werden wir erst nach einer Untersuchung im Laufe des Donnerstages wissen.»

Nun können wir sagen: In dieser Szene haben die Schiedsrichter versagt. Wir sollten aber etwas nachsichtiger sein: Fehler zu begehen ist auch für die Unparteiischen ein Menschenrecht. Gerade in einer Partie, in der auch die Spieler ausgiebig von diesem Recht Gebrauch gemacht haben.

Wer zu Hockey-Verschwörungstheorien neigt, kann murren: Als der SCB unter Kari Jalonen noch gross und mächtig war und als Marc Lüthi in der Liga noch ernst genommen wurde, erlaubten sich die Schiris gegenüber dem SCB keine solchen Nachlässigkeiten. Sie hatten einen heiligen Respekt vor dem SCB und seinen Bürogenerälen. Hier noch kurz etwas Polemik: Richtig ist auch: Als der SCB unter Kari Jalonen und Marc Lüthi noch gross und mächtig war, rasteten in der gleichen Partie nicht nacheinander Grégory Sciaroni, Captain Simon Moser und auch noch der Trainer aus. Johann Lundskog kann eben (noch) kein Kari Jalonen und Raëto Raffainer (noch) kein Marc Lüthi sein. Ende der Kurzpolemik.

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