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Berns Goalie Leonardo Genoni, geschlagen Tigers Benjamin Neukom, Miro Zryd, Yannick-Lennart Albrecht, Ville Koistinen, Raphael Kuonen, von links, jubeln, waehrend dem Eishockey National League Spiel zwischen dem SC Bern und den SCL Tigers, am Dienstag, 28. November 2017, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Grosser Jubel bei den Tigers: Langnau dreht nach einem 0:3-Rückstand in Bern noch den Match. Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Hat der SCB den Langnauern den Sieg absichtlich geschenkt?

Wie entstehen eigentlich unsinnige Verschwörungstheorien? Der wundersame Sieg der Langnauer im Berner Hockey-Tempel (5:3) gibt uns nicht nur auf diese Frage eine Antwort.



Es gibt Zufälle, die eigentlich keine Zufälle sein können. Zumindest nicht für die Liebhaber von Verschwörungstheorien.

Am Dienstag (also am Spieltag des Berner Derbys) sind im «Bernerbär», einem Kult-Gratis-Boulevardblatt für die Stadt Bern, in der Sportkolumne vom hauseigenen Chronisten folgende Worte an SCB-General Marc Lüthi gerichtet worden (Original-Wortlaut leicht gekürzt):

Betreff: Langnau helfen!

Lieber Marc

Ich bin nicht nur ein Bewunderer Deiner Tüchtigkeit als SCB-General. Bemerkenswert ist auch Deine Weisheit beim Blick über den SCB-Tellerrand hinaus. So betonst Du immer wieder, der SCB helfe im «Göpp», äh, im Cup den Kleinen gerne, die Kassen zu füllen. Das sind keine Lippenbekenntnisse. Soeben hat ja Dein SCB im «Göpp», äh, im Cup das kleine Biel absichtlich gewinnen lassen. Aber es gibt in unserem schönen Hockey-Bernbiet nicht nur Brandis, Thun oder Biel, die froh sind, wenn der SCB im «Göpp», äh Cup hilft. Denk auch an die Langnauer! Ja, ja, ich weiss, der «Göpp», äh Cup ist nicht mit der Meisterschaft vergleichbar. Nur im «Göpp», äh Cup darf man Geschenke machen und bei Bedarf auch absichtlich verlieren. Das ist eine völlig bedeutungslose Operetten-Veranstaltung und hat bei den Spielern etwa so viel Akzeptanz wie Frauenhockey. Aber es ist an der Zeit, über den Schatten zu springen und auch in der Meisterschaft über den SCB-Tellerrand hinauszublicken.

Der 1. Platz in der Qualifikation ist uns ja nicht mehr zu nehmen. Du kannst also grosszügig sein. Die SCL Tigers brauchen dringend Punkte und Selbstvertrauen. Nichts hilft bei den «Chäsigen» mehr als ein Sieg gegen den SCB.Du darfst natürlich Kari Jalonen nicht sagen, er soll die Langnauer gewinnen lassen. Da seien die Hockey-Götter davor. Aber Du kannst ihm ja augenzwinkernd sagen, für Dich (Du bist ja sein Chef!) seien die Spiele gegen die SCL Tigers das gleiche wie «Göpp-», äh Cup-Spiele. Dann hast Du Dich hockeytechnisch nicht versündigt und der grosse Kari versteht, was Du meinst.

Mit freundlichen Grüssen und einem kräftigen Hopp SCB!

Und was passiert am gleichen Tag, an dem diese Worte publiziert worden sind? Richtig: Der anfänglich himmelhoch überlegene SCB verliert nach einer 3:0-Führung das Derby sensationell und auf schier unerklärliche und mysteriöse Art und Weise noch 3:5.

Die Lüthi-Connection

Wenn wir auch noch wissen, dass der «Bernerbär» dem SCB-Vermarkter IMS gehört, die Verbindungen dieses Mediums zum SCB und zu Marc Lüthi also jahrelang und innig sind, und wenn wir auch noch erfahren, das der Geschäftsführer des «Bernerbär» (Wolfgang Schickli) ein ehemaliger Manager der SCL Tigers ist, dann sagt der geneigte Verschwörungstheoretiker: Da haben wir es! Der SCB hat auf Geheiss von oben die Langnauer gewinnen lassen! Dieser Sieg ist eine einzige Mauschelei! Das ist so sonnenklar wie die Tatsache, dass die Amerikaner nie auf dem Mond gelandet sind, sondern das ganze Spektakel bloss in einem Hollywood-Studio aufgeführt haben.

Berns Eric Blum, links, und Torschuetze Mark Arcobello, jubeln, waehrend dem Eishockey National League Spiel zwischen dem SC Bern und den SCL Tigers, am Dienstag, 28. November 2017, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Die Berner jubelten nach dem 3:0 zu früh.  Bild: KEYSTONE

Nun, die Amerikaner waren auf dem Mond und der SCB hat den Langnauern am Dienstag den Sieg natürlich nicht geschenkt. Aber wir wissen jetzt, wie eine Verschwörungstheorie entstehen kann. Die Frage ist damit noch nicht beantwortet: Warum hat der SCB verloren? Es gibt zwei einfache Erklärungen: Erstens glaubte der Favorit, ob der 3:0-Führung leichtsinnig geworden, ein bisschen Rhythmische Sportgymnastik reiche gegen das robuste defensive Armee-Turnprogramm der Langnauer. Ein fataler Irrtum. Mit rein spielerischen Mitteln – und seien sie auch noch fein gesponnen – ist Langnau nicht zu bezwingen.

Zweitens ist Ivars Punnenovs (23) einer der vergessenen Helden der Liga. Langnau ist eigentlich gar nicht der Ort seiner Bestimmung. Das Dorf im Emmental ist eher sein Ausgangspunkt zu einer Reise durch die Hockeywelten. Von hier aus hat Martin Gerber Schweden und Amerika erobert und ist Dollarmillionär geworden – warum sollte dies nicht auch Ivars Punnenovs gelingen? Er weiss um sein Potenzial. Er hat ein gesundes Selbstvertrauen, eine fordernde Art und ist nicht zufrieden, wenn er nicht spielen darf.

Punnenovs – einer der vergessenen Helden

Er hat in dieser Saison den Konkurrenzkampf gegen Damiano Ciaccio (28) gewonnen und ist erstmals in seiner Karriere in der NLA die klare Nummer Eins. Aber der Lette mit Schweizer Lizenz wird nach wie vor arg unterschätzt und bekommt bei Weitem nicht die Anerkennung, die ihm gebührt. Wenn die besten Torhüter der Liga genannt werden, fällt kaum je sein Name. Dabei ist er diese Saison auch statistisch besser als Jonas Hiller, Gilles Senn, Joren van Pottelberghe, Benjamin Conz oder Sandro Zurkirchen. Im Derby war er am Dienstagabend besser als der SCB-Titan Leonardo Genoni (30).

Seine Persönlichkeit spiegelt sich in seinem modernen Stil: Er spielt herausfordernd, aggressiv und strahlt Energie aus, die sich an einem guten Abend auf seine Vorderleute überträgt und signalisiert, dass ein Spiel nie verloren ist – wie nach dem 0:3 in Bern. Der Abstieg mit den Lakers im Frühjahr 2014 hat ihn mental gestärkt. Er lässt sich nicht mehr beirren. Langnaus Sportchef Jörg Reber hatte keine Mühe, den Letten nach dem Abstieg der Lakers im Frühjahr 2015 zu übernehmen. Nur er war ernsthaft interessiert.

Eine hockeyverrückte Familie

Ivars Punnenovs sagt, er habe damals Langnaus Angebot sofort angenommen. «Ich habe meinem Agenten gesagt, er soll mir einen Platz in einem NLA-Team suchen. Wo, war mir egal.» Er war die Rolex auf dem Transferwühltisch. Ivars Punnenovs hat den lettischen Pass und zählt nicht als Ausländer, weil er schon als Junior in der Schweiz gespielt hat. Mit 14 hat er seine Heimat verlassen und zog auf Vermittlung von Harrijs Witolinisch von Riga zu den Oberthurgauer Pikes um.

Berns Simon Moser, Goalkeeper Leonardo Genoni, geschlagen von Tigers Benjamin Neukom, zum 3:4, waehrend dem Eishockey National League Spiel zwischen dem SC Bern und den SCL Tigers, am Dienstag, 28. November 2017, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Mit viel Kampfgeist drehten die Langnauer den Match.  Bild: KEYSTONE

Langnaus lettischer Nationalgoalie kommt aus einer hockeyverrückten Familie. Sein Grossvater war in der Sowjetunion Hockey-Schiedsrichter und sein Vater wäre, wenn es seine berufliche Laufbahn ermöglicht hätte, gerne Hockeyspieler geworden. Das war aber nicht der Fall. «Dafür hat mein Vater alles getan, dass mein Traum in Erfüllung geht. Ich durfte als Bub mit ihm an die Hockey-WM reisen.»

Die WM 2006 in der Heimatstadt Riga hat er aus allernächster Nähe mitverfolgt. «Unser Juniorentrainer war zuständig für die Eisreinigung während der Werbepausen. So durfte ich die Spiele unten aus nächster Nähe hinter dem Plexiglas verfolgen und während der Werbepausen mit der Schaufel aufs Eis.» Inzwischen gehörte er bereits zweimal (2016 und 2017) zum lettischen WM-Team. Er sagt, er habe bei seiner Ankunft in der Schweiz kein Wort Deutsch verstanden oder gesprochen. «Aber nach 14 Tagen habe ich schon recht viel verstanden.» Heute spricht er praktisch akzentfrei Schweizerdeutsch.

Dass Ivars Punnenovs den internen Konkurrenzkampf gegen Damiano Ciaccio gewonnen hat, könnte noch Auswirkungen auf den Transfermarkt haben. Beide Langnauer Torhüter haben Verträge bis 2019. Aber Langnau hat mit Akira Schmid (17) eines der grössten helvetischen Goalie-Talente in der Nachwuchsorganisation. Soll er für seine Weiterentwicklung nächste Saison in einer nordamerikanischen Junioren-Liga spielen? Oder macht es Sinn, ihn als Nummer Zwei in die erste Mannschaft zu integrieren und ab und zu in der NLA einzusetzen? In diesem Falle könnte Damiano Ciaccio aus dem laufenden Vertrag heraus nach La Chaux-de-Fonds zurücktransferiert werden. Dort herrscht inzwischen grösste Goalienot.

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