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Kann Ambri auch im neuen Stadion Emotionen entfachen?
Kann Ambri auch im neuen Stadion Emotionen entfachen?
Bild: KEYSTONE/Ti-PRESS
Eismeister Zaugg

Langnau, Ambri und Ajoie – die letzten Romantiker der National League

04.09.2021, 10:5105.09.2021, 16:43

Langnau: Ein neuer Trainer und ein Kulturschock

Zum Glück gibt es auch im Frühjahr 2022 keinen Absteiger. Die SCL Tigers wären abstiegsgefährdet. Ob den Langnauern die Schmach des letzten Platzes erspart bleibt, hängt davon ab, wie lange der neue Trainer Jason O’Leary braucht, um aus Verlierern Sieger zu machen und den neuen Stil einzufuchsen.

Kein Abstieg und deshalb keine Investitionen: So wie der Bär für den Winterschlaf den Energieverbrauch auf ein Minimum reduziert, so haben die Langnauer mit einem sportlichen Winterschlaf die schwierige letzte Saison überstanden. Kein anderes NL-Unternehmen hat so viel Geld gespart und so oft verloren.

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Aber wenn die Langnauer so weitermachen, dann droht ihnen im Frühjahr 2023 bei der Wiedereinführung der Promotion und Relegation der Abstieg. Niemand weiss das so gut wie Sportchef Marc Eichmann. Aber er hat nicht die Mittel, um nachhaltig aufzurüsten. Zwar darf er – anders als letzte Saison – von allem Anfang an vier Ausländer beschäftigen. Aber sonst reichte das Geld nur zum Einkauf in den Transfer-Brockenstuben. Um bei regem Umsatz wenigstens das bisherige bescheidene Niveau zu halten, war ein Meisterstück erforderlich: Langnaus Sportchef hat dem SCB Miro Zryd aus einem laufenden Vertrag heraus abgeluchst und so den Verlust von Verteidigungsminister Andrea Glauser kompensiert.

Nicht die Transfers verändern die Lage. Sondern der Trainerwechsel. Auf den geduldigen sportlichen Defizitverwalter Rikard Franzén folgt nun der flamboyante Resultattrainer Jason O’Leary. Er sorgt nach der beschaulichen letzten Saison, als die Resultate Nebensache waren, für einen Kulturschock. Seine Motivation ist maximal. Wenn es ihm nicht gelingt, aus den notorischen Verlierern Sieger zu machen, dann ist seine NL-Karriere zu Ende, bevor sie richtig begonnen hat.

Der Trainerwechsel bringt auch einen Stilwechsel: Bach den durch Taktik geprägten Jahre unter Heinz Ehlers folgt nun ein Schritt nach vorne ins moderne, totale Hockey. Ähnlich wie Ambri versuchen die Langnauer dem Mangel an Talent davonzulaufen. Tempo- und Energiehockey, jagen der Gegenspieler und der Scheibe sollen jeden Gegner zermürben. Vier ausländische Stürmer obliegt es, die Laufarbeit in Tore umzumünzen. Der neue Stil wird die Fans begeistern und auch Niederlagen erträglich machen.

Trainer: Anders als letzte Saison

Letzte Saison hat Trainer Rikard Franzén die Politik der geldlosen Vernunft und der mageren sportlichen Kost (nie ein Spiel mit vier Ausländern) akzeptiert und umgesetzt. Der Schwede vollbrachte ein Wunder und hielt die Mannschaft zusammen. Aber die Langnauer verloren so oft, dass das Verlieren zur Gewohnheit wurde – und der Trainer am Ende der Saison als Opfer der Vernunft seinen Job verlor.

Jason O'Leary wird in Langnau anderes Eishockey spielen lassen.
Jason O'Leary wird in Langnau anderes Eishockey spielen lassen.
Bild: keystone

Sportchef Marc Eichmann versucht die Romantik des Verlierens zu beenden. Nichts ist schwieriger, als aus Spielern, die sich ans Verlieren gewöhnt haben, wieder Siegertypen zu machen. Deshalb der radikale Stilwechsel auf der Trainerposition: mit Jason O’Leary folgt auf den «Entwicklungshelfer» Rikard Franzén ein kompromissloser, unerbittlicher Resultatcoach. Der Kanadier, vom Stil her eine Westentaschen-Ausgabe von Chris McSorley, hat mit Langenthal 2017 die Meisterschaft gewonnen und 2019 mit Zugs Farmteam die Playoffs erreicht. Wenn er den Langnauer nicht Beine und Siege machen kann, wer dann?

Torhüter: Gleiches Problem wie letzte Saison

Ivars Punnenovs ist im Laufe von sechs Jahren in Langnau zu einem der besten Torhüter der Liga gereift. Aber er hat keine Saison ohne Verletzung durchgespielt. Aber die Langnauer müssen weiterhin jederzeit mit einem verletzungsbedingten Ausfall rechnen und sparen trotzdem das Geld für eine solide Nummer 2. Weder Gianluca Zaetta noch Damian Stettler sind reif für die NL. Das ist fatal: Statt dem fragilen Ivars Punnenovs zwischendurch eine Pause zu gönnen, wenn es ihn zwickt, muss er viel zu stark belastet werden. Kein anderes Team steht auf der Goalie-Position auf so dünnem Eis.

Die wichtigste Frage für Langnau: Bleibt Punnenovs gesund?
Die wichtigste Frage für Langnau: Bleibt Punnenovs gesund?
Bild: keystone

Verteidigung: Keine Verbesserung

2019 erreichten die Langnauer mit der viertbesten Abwehr der Liga (124 Gegentore) zum zweiten Mal nach 2011 die Playoffs. Im darauffolgenden Frühjahr zählten sie bereits 148 Gegentreffer und letzte Saison waren es sage und schreibe 198. Der Absturz auf den letzten Platz war die logische Folge dieser defensiven Verwilderung. Ist die Verteidigung jetzt besser? Nein. Nominell ist alles mehr oder weniger gleich geblieben. Aber durch eine viel bessere Offensive wird die Abwehr entlastet und das Spektakel vermehrt in die gegnerische Zone getragen. Die Balance zwischen Verteidigung und Sturm ist also besser. Eine Reduktion auf weniger als 170 Gegentreffer ist möglich. Aber 170 sind immer noch zu viel, um die Pre-Playoffs zu erreichen.

Sturm: Im Quadrat besser

Mit 107 Toren hatte die Torproduktion letzte Saison einen historischen Tiefstand erreicht. So wenig waren es in Langnau noch nie, seit die Qualifikation mindestens über 50 Spiele geht. Aber das war zu erwarten: In keinem einzigen Spiel haben die Langnauer vier Ausländer eingesetzt. Nun sind von allem Anfang an vier ausländische Stürmer im Einsatz und das Quartett wird für eine Steigerung auf mehr als 130 Tore sorgen. Die Schweizer Stürmer haben hingegen produktives SL-Niveau. Kein einziger hat letzte Saison mehr als 13 Tore gebucht. Die Ausländer sind auch bei den SCL Tigers nicht alles. Aber ohne ausländische Stürmer ist bei den SCL Tigers alles nichts.

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Prognose

Wie Ambri das Potenzial zum 10. Platz und für die Pre-Playoffs. Aber nur, wenn ein guter Start gelingt. Sportchef Marc Eichmann hat alle vier Ausländerpositionen erstaunlich gut besetzt und trotz wenig finanziellem Spielraum so klug transferiert, dass die Mannschaft nominell besser geworden ist. Der neue Trainer Jason O`Leary ist ein Mann, der allen Beine macht. Könnten die SCL Tigers mit bissigem, mutigem Offensivspiel vielleicht sogar die grosse positive Überraschung der Saison werden? Ja, das könnte sein. Aber nur dann, wenn Ivars Punnenovs die ganze Saison gesund bleibt. So oder so wird es nicht einfach, um Duell gegen den letzten Platz besser zu sein als Ajoie. Sicher ist: wenn es nur zum zweitletzten Platz reicht, so wird Langnau immerhin der spektakulärste und unterhaltsamste Zweitletzte seit Einführung der Playoffs sein.

Ambri-Piotta: Mit bangem Herzen in eine neue Ära

Nach 61 Jahren verlässt Ambri die Hockey-Kathedrale Valascia und zügelt in eine neue Arena ausserhalb des Dorfes auf dem alten Militärflugplatz. Dieser Umzug ist die grösste Herausforderung in der Klub-Geschichte. Wird Ambri jetzt ein «normales» Hockey-Unternehmen?

Ein neues Stadion bedeutet Aufbruch in eine neue, bessere Ära und alle sind sicher: Alles wird besser. Auf der ganzen Welt ist das so, sportartenübergreifend.

Aber in Ambri, diesem märchenhaften Hockey-Dorf zwischen hohen Bergen ist auch das anders. Der Umzug in eine neue Arena ist ein durch die Umstände erzwungener Aufbruch mit bangem Herzen und ungewissen Aussichten. Wird die Magie auch im kühlen Beton des neuen Stadions leben? Vermag die Curva Sud ihren rebellischen, ja subversiven Geist im neuen Tempel zu bewahren? Vermögen Fans und Spieler auch in den neuen Gemäuern diesen «heiligen Zorn» zu entfachen, der schon so manches sportliches Wunder ermöglicht hat? Oder wird Ambri nun ein «gewöhnlicher» Klub?

Diese Frage überlagert die rein sportliche Analyse. Sie ist bezeichnend für den Mythos Ambri, für die Hockey-Romantik. Aber sie ist müssig. Wenn Ambri in der neuen Arena ein andres Ambri wird, dann war der Mythos Ambri eine Fata Morgana: Es kann ja wohl nicht sein, dass kalte, alte Mauern die Seele dieses Klubs ausmachen. Es wird, ja es muss umgekehrt sein: Ambri hat den alten Gemäuern der Valascia Leben, eine Seele eingehaucht. Und wer einer mehr als 50-jährigen Arena Leben eingehaucht hat, wird auch dazu in der Lage sein, ein neues Stadion zu beseelen und zu beleben. Oder?

Siege waren in der alten Valascia immer sekundär, ausser gegen Lugano. Der Sinn des Lebens war: Wir leiden, also sind wir. Im neuen Stadion wird das wohl bald anders sein. Ein bisschen weniger Romantik, ein wenig mehr profanes Resultatdenken und alles in allem wird Ambri nun der ganz normalen helvetischen Hockeywelt etwas näherkommen. Die Frage ist: wie nahe?

Sportlich sollte Ambri vom Wechsel in die «Nuova Valascia» eigentlich profitieren. Die Infrastruktur ist viel besser. Für Sponsoren, Fans und Spieler. Mehr Geld wird eingenommen und es wird für den Sportchef einfacher sein, einen Spieler in die Leventina zu locken.

Aber mehr Geld und bessere Voraussetzungen wecken auch höhere Erwartungen.

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Trainer: Gleich gut wie letzte Saison

Am Ende der Saison wird Luca Cereda auf eine sechsjährige Amtszeit zurückblicken können und zum «ewigen» Trainer. Seit dem Kanadier Bob Kelly (Spielertrainer von 1953 bis 1958) war kein Ambri-Coach länger als fünf Jahre im Amt. Eigentlich ist eine Entlassung ausgeschlossen. Cereda ist zu populär und personifiziert inzwischen zusammen mit seinem Sportchef die Seele und Magie Ambris. Dabei wäre kein Trainer der Liga so einfach zu entlassen.

Luca Cereda ist in Ambri praktisch unentlassbar.
Luca Cereda ist in Ambri praktisch unentlassbar.
Bild: keystone

Sein Vertrag ist nach wie vor auf drei Monate kündbar wie ein normaler Arbeitsvertrag. Im Sommer haben wir gesehen, wie stark die Position des Sportchefs und des Trainers sind: Marco Müller ist einer der besten Schweizer Center. Was auch immer die Summe der Gründe zwischen Geld und Geist, Leistung und Lohn für seinen Wechsel aus einem noch ein Jahr laufenden Vertrag heraus zu Zug sein mögen, eines zeigen sie uns: Was der Sportchef in Ambri will und der Trainer spricht, da unterziehe dich schnell und murre nicht.

Torhüter: Gleich schwach wie letzte Saison

Vor drei Jahren hatte Benjamin Conz einen tieferen Gegentorschnitt als der heutige NHL-Hexer Elvis Merzlikins. Vorletzte Saison erreichte er mit 91,7 % die gleiche Abwehrquote wie Leonardo Genoni. Und letzte Saison mit 91,72 % die bessere als Reto Berra und Melvin Nyffeler. Wir sehen: Er ist ein vorzüglicher letzter Mann.

Das Problem ist bloss, dass er immer wieder durch Blessuren ausfällt. Sein Stellvertreter Damiano Ciaccio, der Mann, der Langnau 2011 in die Playoffs getragen hat, ist nur noch ein durchschnittlicher Goalie. So wie die biblische Gestalt Samson ohne seine langen Haare seine Kraft, so hat Damiano Ciaccio ausserhalb des Emmentals seine Magie verloren. Stefan Müller als Nummer 3 ist bloss ein österreichischer Operetten-Goalie. Nur wenn Benjamin Conz gesund bleibt, kann Ambri die Playoffs erreichen.

Verteidigung: Besser als letzte Saison

Das Verpassen der Playoffs lag nicht an der Abwehr. 158 Gegentreffer – nur sieben mehr als das drittplatzierte Gottéron. Und 19 weniger als der Achte Davos. Nach einer Saison ohne ausländischen Verteidiger bedeutet der finnische Titan Juuso Hietanen eine erhebliche Verstärkung und Entlastung für Michael Fora. Er kann sich nun wieder mehr auf die Defensivarbeit konzentrieren, die ihm deutlich besser liegt und er wird nicht noch einmal die schlechteste Plus/Minus-Bilanz (-25) des Teams haben. Yannik Burren hat das Potenzial zum richtigen Nationalverteidiger und Rocco Pezzullo ist ein ungeschliffener Diamant. Vermag Paolo Duca diese Abwehr ein paar Jahre zusammenzuhalten, steht Ambri vor einer aufregenden Zukunft.

Juuso Hietanen soll der Ambri-Verteidigung Stabilität verleihen.
Juuso Hietanen soll der Ambri-Verteidigung Stabilität verleihen.
Bild: keystone

Stürmer: Klar besser als letzte Saison

107 Treffer – so wenig wie Schlusslicht Langnau und kein Team war letzte Saison bei numerischem Gleichstand so schwach wie Ambri: 1,27 Treffer pro Spiel. Wären Ambri nicht mehr Powerplay-Minuten als allen anderen Teams (!) zugesprochen worden (37 Powerplay-Treffer) es hätte nicht einmal für 90 Tore gereicht.

Die Offensivschwäche war fehlendem Talent und ungenügendem ausländischen Personal zuzuschreiben. Mit Dario Bürgler, André Heim, Inti Pestoni sowie neuen ausländischen Stürmern hat Sportchef Paolo Duca kräftig nachgerüstet. Marco Müllers Abgang ist unerheblich: erstens können seine 10 Tore kompensiert werden, zweitens hatte er die miserabelste Bilanz der Stürmer (-24) und drittens hilft ein Wechsel nach vier Jahren letztlich dem Spieler wie dem Klub.

Stürmt neu in der Leventina: Dario Bürgler.
Stürmt neu in der Leventina: Dario Bürgler.
Bild: keystone

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Prognose

Potenzial für Rang 10 und die Pre-Playoffs. Wir gehen davon aus, dass der Umzug in den neuen Tempel ebenso eine stimulierende Wirkung haben wird wie die Teilnahme am Spengler Cup. Erheblich mehr offensive Feuerkraft, erhöhte defensive Stabilität und dank des Farmteams eine ordentliche Kadertiefe: Ambris Romantik hat eine viel stabilere Basis als die Romantik in Ajoie und Langnau. Kommt es anders, so werden wir darauf verweisen, dass Ambri eben schon immer eher ein Klub der Dramen als ein Klub der Triumphe war.

Ajoie: 52 Mal Cupfinal für die letzten Romantiker

Mit Ajoie kehren die letzten echten Hockey-Romantiker erstmals seit 1993 wieder in die höchste Liga zurück. Im Disneyland des frankofonen Hockeys steht nun 52mal wie ein Cupfinal auf dem Programm. Trotz vielen Niederlagen wird es viel zu feiern geben – jedes Heimspiel wird ein Volksfest sein.

Pruntrut (Porrentruy) ist so etwas wie die Hauptstadt im Disneyland des frankofonen Hockeys. Nirgendwo wird die Romantik des welschen Hockeys so gelebt und zelebriert wie beim HC Ajoie, der nach der Katholischen Kirche wichtigsten Institution im Kanton Jura.

Eine kleine, wahre Episode mag zeigen, was wie echte, gelebte Hockey-Romantik im 21. Jahrhundert aussieht. Am Ende des Tages geht es natürlich auch bei Romantikern ums Geld. Guillaume Asselin hatte im letzten Frühjahr in Sierre einen weiterlaufenden Vertrag mit einem Salär von 70'000 Euro pro Saison. Dann stieg Ajoie mit Michaël-Philip Devos und Jonathan Hazen in die höchste Liga auf. Keine Frage: Die Chance, ausgerechnet mit seinen beiden Freunden in der höchsten Liga spielen zu dürfen, würde nie mehr kommen. Also hat Guillaume Asselin die von Sierre geforderte Ablösesumme für den Ausstieg aus dem laufenden Vertrag in der Höhe von 25'000 Franken aus der eigenen Tasche bezahlt und verdient nun in Ajoie nicht einmal 150'000 Franken.

Wichtiger als Geld ist die Möglichkeit, mit seinen Freunden in der höchsten Liga zu stürmen. «Geld und Geist» in der welchen Version «Argent et Esprit». Kerniger Jeremias Gotthelf statt bloss fader Charles Ferdinand Ramuz. Und noch etwas passt zur Romantik: Michaël-Philip Devos und Jonathan Hazen müssen für die Erfüllung ihres Traumes nicht mehr nach Kloten zügeln und als «Verräter» Ajoie verlassen. Sie haben den Aufstieg in die höchste Liga auf wundersame Weise mit Ajoie geschafft – im Final gegen Kloten, das den beiden im Falle eines Aufstieges eine Chance in der NL gegeben hätte. Auch in Wien hat einer alles stehen und liegen lassen, um bei Ajoie die letzte Romantik des frankophonen Hockeys zu erleben: Verteidiger Jérome-Gauthier Leduc, natürlich auch einer aus Quebec, komplementiert das Ausländerquartett des Aufsteigers. Alle vier wissen: Es müssen viel, viele Niederlagen erduldet werden – aber so viel Eiszeit und Spass wie in Ajoie werden sie gemeinsam auf diesem Niveau in keinem anderen Klub der Welt bekommen.

Trainer: Wie letzte Saison

Niemand weiss über unsere welsche Hockeykultur so viel wie Gary Sheehan. Der eingebürgerte Kanadier arbeitet seit 1991 in der Westschweiz und steht vor der 31. Saison. Er diente als Juniorentrainer in Fribourg, Genf und Lausanne und in den letzten 16 Jahren war er Cheftrainer in Lausanne, La Chaux-de-Fonds und er beginnt nun die 8. Saison in Pruntrut. Er hat mit Ajoie 2016 die NLB gewonnen, 2020 den Cup und nun erneut die Meisterschaft der zweithöchsten Liga und damit die NL-Promotion. Er ist die frankophone, weichgezeichnete Antwort auf Arno Del Curto: ebenso leidenschaftlich, ebenso darauf bedacht, alles unter Kontrolle zu haben – aber alles mit welschem Charme, Witz und Selbstironie abgefedert.

Gary Sheehan führte Ajoie zum Cupsieg und in die National League.
Gary Sheehan führte Ajoie zum Cupsieg und in die National League.
Bild: KEYSTONE

Torhüter: Gleich wie letzte Saison

Tim Wolf war einmal ein grosses ZSC-Talent und U20-WM-Torhüter. Zwischen 2014 und 2016 scheiterte er beim Versuch, bei den Lakers und Ambri in der höchsten Liga eine Nummer 1 zu werden. Nun hat er es über den Umweg La Chaux-de-Fonds und Ajoie doch noch geschafft: Er ist Ajoies Cup- und Aufstiegsheld und Gary Sheehan setzt auf ihn als klare Nummer 1. Wer seine Mannschaft im Cup zu Siegen über NL-Titanen führt, ist wahrlich in der höchsten Liga angekommen. Aber es gibt ein Problem: Nun wird 52 Mal Cupfinal sein. Die Partien gegen Lausanne, Biel oder Davos sind nicht mehr aufregende Abenteuer, die alle beflügeln. Sie sind Alltag und es gibt viel zu viel Arbeit für einen Torhüter. Aber wer kann Tim Wolf entlasten? Wir können davon ausgehen, dass neben Victor Östlund noch weitere letzte Männer in Ajoie aushelfen werden.

Verteidigung: Gleich wie letzte Saison

Nicht ein einziger Schweizer Verteidiger bei Ajoie hat sich bereits über einen längeren Zeitraum in der höchsten Liga als Verteidigungsminister bewährt. Diese Abwehr ist mit ziemlicher Sicherheit die kleinste, leichteste, weichste und langsamste der Neuzeit. Es wird schwierig, Abend für Abend den Mut, die Energie und die Disziplin aufzubringen wie im Cupfinal. Es wird ungefähr so sein, wie wenn Zug jeden Abend gegen den Stanley Cup-Sieger antreten müsste. Einsam wie einst Winkelried der Übermacht der habsburgischen Reiter wird sich der frankokanadische Verteidiger Jérome Gauthier-Leduc den gegnerischen Sturmläufen entgegenstellen. Die Chancen stehen gut, dass er noch mehr Eiszeit zugeteilt bekommt als der letztjährige Rekordhalter Henrik Tömmernes.

Sturm: Besser als letzte Saison

Nicht ein einziger Schweizer Stürmer hätte bei einem anderen NL-Klub einen Stammplatz in den ersten drei Linien. Es wäre ein Wunder, wenn einer nun mehr als 10 Tore erzielen sollte. Und doch wird Ajoie durch die gegnerische Zone sausen und brausen. Nicht ständig, aber in regelmässigen Wellen: Nämlich dann, wenn die drei frankokanadischen Musketiere Michaël-Philip Devos, Jonathan Hazen und Guillaume Asselin unterstützt von Jérome Gauthier-Leduc an der blauen Linie wirbeln.

Hazen und Devos wirbeln nun auch in der National League.
Hazen und Devos wirbeln nun auch in der National League.
Bild: KEYSTONE

Dann wird jeweils die vierte Dimension des Spektakels aufblitzen. Coach Gary Sheehan pflegt seine besten Stürmer gegen die besten gegnerischen Stürmer aufs Eis zu schicken. Weil er weiss, dass die Besten lieber vorwärts stürmen, als hinten auszuhelfen. Auf diese Weise haben seine Besten viel mehr Spielraum. Um regelmässig Spiele zu gewinnen, werden zwölf Stürmer gebraucht. Ajoie hat nur drei, die jeder Torhüter fürchten muss.

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Prognose

Es wird kein Hockey-Wunder geben. Alles andere als der 13. und letzte Platz ist eine schöne Überraschung und ein Triumph der Hockey-Romantik. Der Aufsteiger beginnt sein erstes Abenteuer in der höchsten Liga seit der Saison 1992/93 mit einer Swiss League-Mannschaft, verstärkt mit vier Spektakel-Ausländern. Aber wir dürfen den spektakulärsten Tabellenletzten seit Einführung der Playoffs (1986) und gute Unterhaltung erwarten. Hockey-Romantik eben. Aber dramatische.

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