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Kevin Schlaepfer, Head Coach, und Martin Steinegger Sportchef, von links, waehrend der Vorsaison-MK des EHC Biel, am Montag, 24. August 2015, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Sportchef Steinegger steht Trainer Schläpfer nach NHL-Vorbild als Assistent bei.
Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Warum Kevin Schläpfer nun kein Hockeygott mehr ist und es in Biels Kabine nie mehr sein wird wie früher

Sportchef Martin Steinegger wird Kevin Schläpfers Assistent. Biel managt sein Trainer-Problem nach NHL-Manier.



Der Sportchef als Assistent? Was soll das? Eine halbpatzige Lösung, typisch für ein überfordertes Management! Unprofessionell! Aber so ist es eben nicht. Ja, Biel hat eine Lösung gewählt, die selbst in der NHL und bei den berühmtesten Klubs praktiziert wird. Biel managt sein Trainer-Problem nach NHL-Manier.

Die Trainer werden in der NHL und in der NLA aus ähnlichen Gründen gefeuert, und die Geduld der NHL Manager mit ihren Übungsleitern ist nicht viel grösser und manchmal noch weniger gross als bei uns. Ob Trainerwechsel helfen oder nicht, ob sie Probleme lösen oder nicht, steht nicht zur Debatte.

Biels Sportchef Martin Steinegger vor dem Eishockey-Meisterschaftsspiel der National League A zwischen dem EHC Biel-Bienne und den Kloten Flyers am Freitag, 16. Oktober 2015, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Thomas Hodel)

Biel-Sportchef Martin Steinegger ist als Assistent plötzlich mittendrin statt nur dabei.
Bild: KEYSTONE

Eine Lösung nach NHL-Vorbild

Allerdings gibt es auch die «Light-Variante» einer Trainerentlassung. Ausgetauscht wird nicht der Cheftrainer, sondern einer seiner Assistenten. So haben es beispielsweise die Montreal Canadiens während einer ihrer schlimmsten Krisen gemacht.

Oktober 2011. Wunderschöner Herbst und Absturz bei den Canadiens. Bessere Unterhaltung ist nicht möglich. Die Polemik ist heftig (aber mit mehr Respekt gegenüber dem Trainer und dem Management als bei uns), die Stadt zweisprachig wie Biel und Cheftrainer Jacques Martin ist durchaus ein wenig wie Kevin Schläpfer. Gewonnen hat auch er noch nichts, aber er war schon NHL-Coach des Jahres. Ein charismatischer Bandengeneral. Populär in der Stadt.

General Manager ist der freundliche Philosoph Pierre Gauthier. Er erinnert in seiner Art ein bisschen an Biels Bürogeneral Daniel Villard und liest am liebsten Lew Tolstoi. Mit ihm habe ich so gut über Napoleon und Russland philosophiert wie über Hockey. Ob Daniel Villard auch Tolstoi liest, weiss ich nicht. Ich empfehle für den Augenblick eher Tom Wolfe oder T.C. Boyle.

Montreal Canadiens head coach Jacques Martin looks on from the bench during the second period of an NHL hockey game against the Philadelphia Flyers Wednesday, Oct. 26, 2011, in Montreal. (AP Photo/The Canadian Press, Ryan Remiorz)

Cheftrainer Jacques Martin gerät 2011 mit den Montreal Canadiens in Not.
Bild: AP CP

Es gibt zwei Meinungen in der Stadt. «Feuert Jacques Martin» ist die eine. «Der Mann darf nicht entlassen werden», die andere. So wie jetzt in Biel bei Kevin Schläpfer.

Nach sechs Niederlagen in Serie wird am 26. Oktober 2011 vor dem Spiel gegen Philadelphia eine Medienkonferenz angekündigt. Also doch. Der Trainer wird gefeuert. Aber der kluge Pierre Gauthier wählt eine andere Lösung: Er feuert Assistent Perry Pearn und ersetzt ihn durch Randy Cunneyworth. Kein «Big Bang».

Was soll der Wechsel eines Assistenten in einer schweren Krise bringen? Pierre Gauthier erklärt es mir. Die Theorie geht so: Wenn der General Manager mit seinem Cheftrainer nicht mehr zufrieden ist, dann gibt es eine subtile Massnahme, um dem Headcoach Feuer unterm Hintern zu machen. Eine Entlassung des Assistenten.

Ein Weckruf für das gesamte Team

Im Fachjargon wird von der Hinausstellung des «Drinking Boy» gesprochen: Es geht dabei nicht um die Trinkgewohnheiten oder unseriösen Lebenswandel. Der Ausdruck «Drinking Boy» bedeutet in Nordamerika so viel wie «der beste Freund des Trainers». Also der Mann, mit dem der Cheftrainer bei einem Bierchen die Probleme bespricht. Die Vertrauensperson. Mit dieser Massnahme wird der Cheftrainer aufgeschreckt und dazu gezwungen, sich neu zu orientieren. Es ist ein «Wake Up Call». Auch für die Spieler. Denn die Assistenten pflegen in der Regel den intensiveren Kontakt mit den Spielern. Das soziale Netzwerk innerhalb der Teamstruktur wird neu aufgemischt.

Die Wirkung der Assistentenentlassung wirkt in Montreal nur kurz. Die Canadiens feiern zwar sogleich mit 5:1 gegen Philadelphia den ersten Heimsieg und gewinnen auch das nächste Spiel. Aber dann kehrt die Krise zurück. Am 17. Dezember wird Jacques Martin schliesslich doch gefeuert und Randy Cunneyworth vom Assistenten zum Chef befördert. Es wird eine der schlimmsten Saisons in der Geschichte des erfolgreichsten Sportunternehmens Nordamerikas (24 Stanley Cups). Die Canadiens kommen in der Eastern Conference nicht über den letzten Platz hinaus und beenden die Saison als das drittschlechteste Team der NHL.

Ein Gott hat keine Assistenten

Nun ist der Chronist bösartig genug, um Parallelen zu Biel aufzuzeigen. Auch Daniel Villard hat Kevin Schläpfer nicht gefeuert und ihm mit Martin Steinegger einen neuen Assistenten zur Seite gestellt. Es wird enden wie in Montreal. Mit einer Trainerentlassung und einem letzten Platz. Oder doch nicht?

05.12.2015; Bern; Eishockey NLA - EHC Biel - HC Davos; 
Trainer Kevin Schlaepfer (Biel)
 (Urs Lindt/freshfocus)

Endet Kevin Schläpfers Sturzflug ähnlich wie einst der in Montreal?
Bild: freshfocus

Biel ist eben doch nicht Montreal, «Hockeygott» Kevin Schläpfer hatte noch nie einen Assistenten mit der Wichtigkeit eines «Drinking Boy». Ein Gott hat keine Assistenten. Nur Diener. Martin Steinegger ist nicht über den Kopf des Cheftrainers hinweg zum Assistenten gemacht worden wie Randy Cunneyworth in Montreal. «Kevin hat diese Lösung vorgeschlagen» sagt Martin Steinegger. Er habe sich überlegt, ob es gut sei, wenn er jetzt als nomineller Chef von Kevin Schläpfer auf einmal dessen Assistent werde. «Aber wir sind alle davon überzeugt, dass Kevin der richtige Trainer für uns ist. Wenn ich nicht dieser Meinung wäre, würde ich ihn jetzt nicht als Assistent unterstützen. Dann hätten wir ihn gleich entlassen können.»

Der «Hockeygott» verliert seine Aura

Die Geschichte der Beziehung zwischen Biel und Kevin Schläpfer ist zu schön, um sie jetzt mit einer profanen Entlassung zu beenden. Es ist vernünftig und richtig, alles zu tun, um diese Ehe zu retten.

Wir können die Situation auch auf einen einzigen polemischen Satz reduzieren. Wenn ein «Hockeygott» auf einmal die Hilfe eines Assistenten braucht, ist er kein «Hockeygott» mehr. Sondern ein gewöhnlicher Trainer. Kevin Schläpfer kann kein gewöhnlicher Trainer sein. Von nun an wird es in der Kabine des EHC Biel nie mehr ganz so sein wie es einmal war.

P.S. Auch der SC Bern dürfte bald einmal Lars Leuenberger mit einem neuen Assistenten unterstützen – um einen erneuten Trainerwechsel hinauszuschieben.

Kevin Schläpfer überkommen bei der Pressekonferenz die Emotionen

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