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Eismeister Zaugg

Olten – oder wenn die Schulklasse den Zug doch noch erwischt

Der EHC Olten spielt an einem guten Abend das spektakulärste Hockey in der zweithöchsten Liga. Wir sollten einen Aufstieg nicht ausschliessen.



Olten ist die Stadt der Eisenbahn. Nur noch durch den Hauptbahnhof Zürich fahren pro Tag mehr Züge. Daher passt ein Vergleich mit der Eisenbahn.

Die Oltner mahnen mit ihrem kompromisslosen Vorwärtsspiel an Schulkinder, die atemlos durch den Bahnhof rennen, um den Zug doch noch zu erreichen. Das Gleiche gilt im Eishockey.

Zug im Bahnhof Olten. (Archivbild)

Der Eisenbahn-Knotenpunkt: Bahnhof Olten. archivBild: KEYSTONE

Wehe, wenn die Schulkinder den Zug erwischen. Will heissen: Wenn es funktioniert, wenn früh ein Tor gelingt, dann sind die Oltner im Spiel. Dann sind sie dazu in der Lage, jeden Gegner zu überrollen, und die Eisenbahn braust dem Sieg entgegen.

So wie am Freitagabend. Gegen Erzrivale Langenthal steht es nach 5 Minuten und 5 Sekunden bereits 3:0 und Torhüter Pascal Caminada (34) muss Andri Henauer (18) Platz machen. Olten gewinnt 6:0.

Dieses Derby war eines der letzten Spiele mit Langenthal für den jüngeren Bruder von SCB-Verteidiger Mika Henauer (21). Andri Henauer hat den Vertrag mit dem SCB um drei Jahre verlängert und der SCB wird ihn nächste Saison nicht mehr in Langenthal platzieren, sondern beim HC La Chaux-de-Fonds. Dies bestätigen übereinstimmend SCB-Obersportchef Raeto Raffainer, SCB-Untersportchefin Florence Schelling und Henauers Agent Gaëtan Voisard.

Andri Henauer SC Langenthal

Noch bei Langenthal: Andri Henauer. Bild: imago-images.de

Ein guter Deal für alle: Andri Henauer kann so vom SCB zur künftigen Nummer 2 hinter Philip Wüthrich aufgebaut werden. Und der U20-Nationalgoalie wird bei La Chaux-de-Fonds öfter zum Einsatz kommen als in Langenthal, wo er nicht an Routinier Pascal Caminada vorbeikommt und weder bei Trainer Jeff Campbell noch bei Kevin Schläpfer himmelhoch im Kurs steht. Langenthals Sportchef muss also für die nächste Saison eine neue Nummer zwei suchen – und wird problemlos fündig werden.

Aber wir sind vom Thema abgekommen. Oltens emotionales Spektakelhockey ist ein Zeichen für eine gute Chemie in der Kabine. Die Jungs zelebrieren «Fun-Hockey».

Dazu passen die beiden erst 18-jährigen NHL-Draft-Anwärter Mason McTavish (11 Spiele/8 Punkte) und Brennan Othmann (32/16). Ersterer ist Kanadier mit Schweizer Lizenz, Letzterer kanadisch-schweizerischer Doppelbürger. Beide ziehen die Einsätze in Olten dem eingeschränkten Spielbetrieb im nordamerikanischen Juniorenhockey vor.

17.02.2021 - Winterthur, Zielbau Arena, Hockey Swiss League - EHC Winterthur vs EHC Olten - EHC Olten forward Mason McTavish 32 Winterhur Zielbau Arena Zürich Schweiz Copyright: xSergioxBrunettix

Läuft bei ihm: Mason McTavish, der Sohn von Dale McTavish (Rappi, ZSC, Zug). Bild: imago-images.de

Die Frage ist, ob sich die «Unaufsteigbaren» mit diesem «Firewagon-Hockey» in den Playoffs durchsetzen können. Ein Kantersieg ist ebenso möglich wie der Sturmlauf in die Niederlage, wenn alle offensiven Lemminge in die gleiche Richtung rennen. Gegen die Langenthaler lagen sie diese Saison auch mal nach 7 Minuten und 30 Sekunden 0:2 zurück (Schlussresultat 1:3) und einmal dauerte es bis zum 0:2 nur zweieinhalb Minuten (3:4).

Im Zweifel entscheiden sich die Spieler in heiklen Situationen für die offensive Variante. Jeder Trainer sieht allerdings im Zweifel lieber den defensiven Entscheid.

Die Oltner spielen so wenig nach taktischen Schablonen, wie Salvador Dali nach Schablonen malte. Kein Schelm, wer vermutet, dass sie oft die taktischen Vorstellungen ihres Trainers Fredrik Söderström ignorieren, vergessen oder nicht verstanden haben. Der Vertrag des Schweden läuft aus.

Setzen sich die Oltner mit diesem unkonventionellen Stil in den Playoffs durch? Das ist die grosse Frage. Kloten, Ajoie, Visp und Olten dürfen aufsteigen. Der Sieger der Swiss League steigt direkt auf und nächste Saison nicht mehr ab: Der Abstieg wird in der National League wegen der Virus-Krise für die nächste und übernächste Saison ausgesetzt. Gibt es einen Aufsteiger, umfasst die höchste Liga nächste Saison 13 Teams.

Natürlich gibt es auch Spieler, die sich um die Absicherung nach hinten bemühen. Captain Philippe Rytz ist Verteidiger. Der 36-jährige Haudegen mit der Erfahrung aus mehr als 500 Partien in der höchsten und mehr als 300 in der zweithöchsten Liga erlebt gerade einen schönen Karriereherbst.

Philippe Rytz

Hat immer noch Lust aufs Hockey: Philippe Rytz. Bild: imago-images.de

Er findet den Vergleich mit den rennenden Schulkindern durchaus treffend. «Darin liegt unsere Schwäche. Wir haben uns vorgenommen, das zu ändern und uns defensiv zu bessern.» Auch Philippe Rytz ist eine interessante Personalie. Sein Vertrag läuft Ende Saison aus, Hockey macht ihm sichtlich Spass. Er kann sich eine Karriere-Fortsetzung gut vorstellen. Aber wo, weiss er noch nicht. Er werde seine sportliche Zukunft erst nach der Saison regeln. Lediglich das Gerücht einer Karriere-Fortsetzung in Visp dementiert er: «Da ist nichts dran.» Aber wer weiss, was morgen sein wird? Visp rüstet auf.

Seit dem Abstiegsdrama im Frühjahr 1994 gegen Biel (die Relegations-Entscheidung fiel im Penalty-Schiessen: Viktor Müller, der Vater von Ambris Marco Müller, scheiterte im letzten Versuch an Olivier Anken) hat Olten die zweithöchste Liga noch nie gewonnen. 2014 war nach dem 1. Platz in der Qualifikation im Viertelfinale schon Lichterlöschen. 2013 (0:4/Lausanne), 2015 (3:4/Langnau) und 2018 (1:4 Lakers) ging der Final gegen den späteren Aufsteiger verloren.

Favoriten oder zumindest Mitfavoriten auf den Titel der zweithöchsten Liga waren die Oltner schon so oft – und jedes Mal sind sie gescheitert. Nun sind sie Aussenseiter. Eine Rolle, die ihnen sowieso besser liegt.

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