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31.01.2014; Bern; Eishockey NLA - SC Bern - HC Ambri-Piotta; 
Trainer Guy Boucher (Bern)
(Urs Lindt/freshfocus)

Positive anzeichen

Eismeister Zaugg

Ein Hauch von NHL – aber zum wahren SCB fehlen immer noch 35 Prozent

Ohne Guy Boucher an der Bande hätte der SC Bern auch gegen Ambri verloren. Die Frage ist nun: Kann der neue SCB-Trainer während der Olympiapause das Fundament für eine neue Dynastie der «Big Bad Bears» legen?



Wir wollen für einmal gnädig und optimistisch sein. Wir analysieren das erste SCB-Spiel unter NHL-General Guy Boucher so wie ein unglücklich verliebter junger Mann das Verhalten seiner scheinbar unerreichbaren Lady: Jede kleinste Geste wird als Zeichen erwiderter Liebe interpretiert.

Wir betrachten also den neuen SCB-Trainer mit dem allergrössten für einen sachlichen, neutralen Beobachter überhaupt vertretbaren Wohlwollen. Alles, was gut ist, schreiben wir seinem Wesen und Wirken zu. 

Ohne Boucher hätte Bern verloren

So gesehen hat der SCB dank Guy Boucher gegen Ambri 4:2 gewonnen. Hätte SCB-Manager Marc Lüthi den Trainer nicht gewechselt, dann hätten die Berner wahrscheinlich verloren. Eine Behauptung, die sich sogar sachlich und ohne jede Polemik begründen lässt. 

Das, was Guy Boucher in den ersten SCB-Trainings am intensivsten üben liess, gab den Ausschlag. Er hatte im Training immer wieder zwei Stürmer gegen zwei Verteidiger antreten lassen. Aufgabe der Stürmer war es, sich mit allen Mitteln zwischen den zwei Verteidigern den direkten Weg zum Netz zu erkämpfen und vor dem Tor für Verkehr zu sorgen – und jene der Verteidiger, dies zu verhindern.  

Berns Tristan Scherwey, links, im Duell mit Ambris Goalie Nolan Schaefer im Eishockeyspiel der National League A zwischen dem SC Bern und dem HC Ambri-Piotta, am Freitag, 31. Januar 2014, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Tristan Scherwey (l.) dürfte in der Gunst von Guy Boucher gestiegen sein. Bild: KEYSTONE

Defensives, langweiliges Arbeitshockey

Nach diesem Muster fielen die beiden wichtigsten Tore: Nach 45 Sekunden versenkte der sonst zweikampfscheue tschechische Schillerfalter Rostislav Olesz einen Abpraller von Nolan Schaefer zum 1:0. Weil er sich vors Tor durchgekämpft hatte. Und das 4:2 war ein von Tristan Scherwey abgelenkter Weitschuss. Er hatte sich im Nahkampf vor dem Tor behauptet. Diese beiden Treffer dürfen wir also der Handschrift des neuen Chefs zuordnen. 

Vor allem ohne diesen frühen Treffer, der Ambri fast zwei Drittel lang in eine «Respektstarre» versetzte, wären die Berner wohl untergegangen. Denn sie spielten auch nach diesem 1:0 nicht. Und auch nicht, als sie 3:0 führten. Vielmehr arbeiteten sie taktisches Ant(t)i-Hockey: Ein auf defensive Sicherheit bedachtes, im Grunde langweiliges Arbeitshockey, wie zuvor oft in wichtigen Partien unter dem gefeuerten Antti Törmänen. Hockey, wie es in der NHL noch immer die meisten Teams ihren Zuschauern zumuten – und wie es auch Guy Boucher in Tampa arbeiten liess. 

Neue Bissigkeit der Berner

Immerhin produzierte der SCB spannende Langeweile: Spannend, weil die Partie bis zur «Halbzeit» nur 1:0 stand und Ambri, als es allerdings zu spät war, auf 3:2 verkürzte. Spannend, weil es ständig irgendwo rumpelte. Aber langweilig, weil es nie die geringsten Zweifel gab, dass der SCB dieses Spiel gewinnen wird. «Wir brauchten zu lange, um ins Spiel zu kommen», sagte Ambris Trainer Serge Pelletier. Es sei ein intensives, gutes Spiel gewesen. «In der zweiten Spielhälfte waren wir besser, da habe ich bei uns sehr viel Gutes gesehen. Aber es war zu spät.»

Ein Element war im ersten Spiel unter dem ersten SCB-Trainer aus der NHL neu: Die Bissigkeit der Berner. Sie hatten – auch das ist typisch für einen NHL-Coach – die Anweisung, sich rein gar nichts gefallen zu lassen. Und so wurde wacker geschlagen, zurückgeschlagen und provoziert. Ein bisschen «Goon-Hockey», das Tristan Scherwey in der 36. Minute mit einer siegreichen Rauferei gegen Topskorer Alexandre Giroux und schliesslich dem alles entscheidenden 4:2 krönte. Er dürfte ab jetzt bis auf weiteres der Lieblingsspieler von Guy Boucher sein.

Entwarnung beim SC Bern – nur kurze Pause für Byron Ritchie

Schock für den SC Bern am Freitag im Spiel gegen Ambri (4:2). Leitwolf Byron Ritchie musste das Eis nach 39 Minuten nach einem Zusammestoss mit Elias Bianchi blessiert verlassen. Verdacht auf Bänderriss im Knie. Nun kommt Entwarnung aus der medizinischen Abteilung. Der Kanadier hat sich «nur» eine Knieprellung zugezogen. «Es ist nichts Schlimmes», beruhigt SCB-Sportchef Sven Leuenberger. Byron Ritchie wird heute in Fribourg geschont und nicht eingesetzt. Nach der Olympiapause (erstes Spiel für den SCB am 25. Februar gegen die Lakers) wird der produktivste SCB-Ausländer (drittbester Skorer hinter Martin Plüss und Ryan Gardner) wieder fit sein. (kza)

Und immer mal wieder im «Standby-Modus» 

Der neue SCB-Cheftrainer wollte allerdings das Wort «Goon-Hockey» nicht hören und sagte gegenüber watson zur Aktion von Scherwey: «Das war nur Selbstverteidigung nach einem gegnerischen Angriff.» Und er mochte keine Kritik anbringen, sah alles positiv, redete viel und sagte nichts. So wie es eben bei Nordamerikanern Brauch ist – und wie es bei uns schon Ralph Krueger vorgelebt hat. 

Zu dieser Bissigkeit gehörte auch das intensive Forechecking. Allerdings vermochte der SCB diesen Druck nur in der Anfangsphase aufrechtzuerhalten. Im Laufe des Spiels fielen die Berner zwischendurch immer mal wieder in einen «Standby-Modus» und sie haben auf Spielsituationen (etwa bei einem Scheibengewinn in der neutralen Zone) viel zu wenig schnell reagiert. Phasenweise haben wir die wahren «Big Bad Bears» gesehen. Aber eben: In zu vielen Spielabschnitten auch nicht. Von jener taktischen Stilsicherheit, dem Merkmal jeder grossen SCB-Mannschaft, ist die Mannschaft noch weit entfernt. 

31.01.2014; Bern; Eishockey NLA - SC Bern - HC Ambri-Piotta; Torhueter Nolan Schaefer, Daniele Grassi (Ambri), Rostislav Olesz (Bern), Byron Ritchie (Bern) (Beatrice Flueckiger/freshfocus)

Byron Ritchie: Wie lange fällt er aus? Bild: Beatrice Flueckiger

Es fehlt noch Härte, Stilsicherheit und Tempo

Wenn wir alles zusammengerechnet, berücksichtigt und analysiert haben, so kommen wir zum Schluss, dass trotz eines Hauchs von NHL bis zum wahren, grossen, meisterlichen SCB immer noch mindestens 35 Prozent fehlen: 10 Prozent Härte, 10 Prozent Torhüter, 10 Prozent Stilsicherheit und 5 Prozent Tempo und Talent. Auch ein neuer Trainer kann die vielen schlechten taktischen Gewohnheiten nicht von einem Tag auf den anderen abstellen. Die Olympia-Pause kann nun die Meisterschaft entscheiden: Wenn Guy Boucher diese Zeit nützen kann, um das Fundament für eine neue Dynastie der «Big Bad Bears» zu legen. 

Aber am Ende des Tages steht die Wahrheit oben auf der Resultattafel. Der SCB gewann 4:2 und steht wieder über dem Strich. Vorerst war dieses erste Spiel unter Guy Boucher eher eine NHL-Parodie als eine meisterliche Darbietung. Eine Parodie ist eine übertriebene oder verspottende Nachahmung des Originals. 

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