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Eismeister Zaugg

Heinz Ehlers, der letzte Marxist des Schweizer Eishockeys

Biel rauscht mit begeisterndem Tempohockey gegen die SCL Tigers in eine spektakuläre Niederlage. Hat es schon mal vor, während und nach einem Spiel der Qualifikation so viel zu reden gegeben? Nein, seit Jahren nicht mehr.



ZUM BEGINN DER NATIONAL LEAGUE SAISON 2019/20 AM FREITAG, 13. SEPTEMBER 2019, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDE PORTRAITS VON HEINZ EHLERS, HEADCOACH HC LAUSANNE, ZUR VERFUEGUNG --- Heinz Ehlers, Coach SCL Tigers, portraitiert in der Garderobe der 1. Mannschaft der Tigers am 28. August 2019 in der Illfishalle in Langnau. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Heinz Ehlers greift zu ungewöhnlichen Methoden. Bild: KEYSTONE

Zwei Zahlen sagen uns, dass sich ein Drama abgespielt haben muss: 36:18. Mit diesem Torschussverhältnis hat Biel gegen Langnau 2:5 verloren. Noch verrückter: Im Schlussdrittel dominiert Biel zu Land, zu Wasser und in der Luft mit 17:7 Torschüssen und verliert diesen Abschnitt 0:3.

Aber es rockt auch neben dem Eis. Vor und nach dem grossen Spiel.

Die Partie ist vorbei. Fast alle Zuschauerinnen und Zuschauer haben die Arena verlassen. Die Schiedsrichter und die Spieler sind in den Kabinengängen verschwunden. Wäre eine Zirkusvorstellung gegeben worden, würde jetzt das Orchester noch ein wenig melancholische Zigeunermusik spielen.

Langnaus Leitwolf Chris DiDomenico steht schon umgezogen im Trainingsanzug draussen bei der Spielerbank. Er wird von ein paar Kindern in Begleitung von Erwachsenen von der Tribüne herab freundlich um Autogramme gebeten.

Vom Niveau des Eisfeldes gibt es keinen direkten Zugang hinauf zu den Zuschauerplätzen. Also klettert der Kanadier kurzerhand hinauf, kritzelt Autogramme und posiert geduldig für Selfies und Fotos.

So friedlich und freundlich ist er eben, der spielerische Rock’n’Roller, der eine ganze gegnerische Mannschaft und das Publikum zur Weissglut treiben kann, wenn er nicht mehr in einer Ritter-ähnlichen Ausrüstung steckt. Dann springt er wieder runter und stellt sich dem Chronisten für ein kurzes Interview zur Verfügung.

In diesem Augenblick eilt ein betrunkener Mann die Tribune hinab und beginnt den Kanadier von oben herab wütend, lautstark und aufs Allerübelste in perfekter englischer Sprache zu beschimpfen. Der Wütherich steht kurz vor dem Durchdrehen.

Zum Glück sind ob dem Lärm ein paar Mitspieler aus der Kabine gekommen, um nachzusehen, was los ist. Sie bewahren den vor Zorn bebenden und in seiner Ehre gekränkten Kanadier gerade noch davor, wieder auf die Tribune hinauf zu klettern und die Sache mit den Fäusten zu regeln. Es bleibt bei einem kurzen, lautstarken Rededuell (oder besser: Brüllduell) in englischer Sprache, das durch die leere Arena echot wie Löwengebrüll durch die afrikanische Nacht. Welch ein grossartiges Schauspiel!

Er beruhigt sich übrigens schnell wieder und sagt fast verlegen, alles sei okay. Eishockey sei eben mit Emotionen verbunden. Das kenne er aus seiner kanadischen Heimat.

Ja, wahrlich: es hat gerockt in Biel. Chris DiDomenico war die grosse Figur in einem aufwühlenden Spiel, das Biel eigentlich hätte gewinnen können, sollen und müssen.

Chris DiDomenico war der Dynamo des Langnauer Spiels. Unberechenbar, schlau, bisweilen genial, leidenschaftlich und einfach nicht unterzukriegen. Den Zorn des Publikums zieht er sich zu, als er bei einem hohen Stock von Jan Neuenschwander in der entscheidenden Schlussphase so tut als sei seine Hand durch einen fürchterlichen Stockschlag gebrochen worden, den sterbenden Schwan spielt und auf die Knie sinkt. So holt er eine Strafe heraus. Schliesslich sichern die Langnauer in Überzahl den Sieg mit dem Treffer zum 4:2. Dieses spiel-entscheidende Tor hat ausgerechnet Chris DiDomenico eingefädelt. Ein wenig ist der Zorn des erwähnten aufgebrachten Bieler Anhängers schon verständlich.

Aber eigentlich gibt nicht der Kanadier am meisten zu reden. Auch nicht Julian Schmutz, der zwei Treffer erzielt. Das Thema des Abends ist die Absenz von Langnaus Topskorer Harri Pesonen.

Der pflegeleichte finnische Weltmeister hat seit seinem Wechsel von Lausanne ins Emmental im Sommer 2018 noch nie ein Qualifikationsspiel verpasst. Nicht letzte Saison. Nicht diese Saison. 78 Einsätze in Serie. Vom Rotationsprinzip unter Langnaus Ausländern war er immer ausgenommen.

Aber in Biel spielt er erstmals nicht. Wäre eine Verletzung der Grund der Absenz – ach, wäre da sein Wehklagen. Der beste Einzelspieler, der Topskorer fehlt! Herr sei bei uns! Wir sind verloren!

Heinz Ehlers, der Ungewöhnliche

Frage: Ist es vorstellbar, dass Kari Jalonen in Bern Mark Arcobello für eine kapitale Partie auf die Tribune schickt? Dass Rikard Grönborg ZSC-Topskorer Garrett Roe vor einem sehr, sehr wichtigen Spiel aus dem Team nimmt? Dass Antti Törmänen in einer Partie, die er unbedingt gewinnen muss, freiwillig auf Toni Rajala verzichtet?

Nein, natürlich nicht. Das ist völlig ausgeschlossen. Kein Trainer der Welt geht ein solches Risiko ein. Verliert er das Spiel, ist er der Depp.

Aber Heinz Ehlers wagt das Undenkbare. Harri Pesonen ist nicht verletzt. Sportchef Marco Bayer korrigiert vor dem Spiel das Blatt mit den Teamaufstellungen, auf dem der Finne als «verletzt» aufgeführt ist, energisch: «Er ist überzählig, nicht verletzt.» Auf die erstaunten Nachfragen mag er nicht eingehen und beendet alle Diskussionen mit dem Statement: «Er ist überzählig. Punkt. Fertig.» Er ahnt, ja er weiss; wenn er jetzt noch etwas sagt, löst er eine Polemik aus. Es ist ihm anzusehen, dass ihm bei der Sache äusserst unwohl ist.

Was ist los? Nun, Heinz Ehlers ist der ungewöhnlichste und deshalb beste Trainer der Liga.

Alle Trainer reden gerne und ausführlich davon, wie wichtig die Mannschaft sei. Dass das Team stets vor den Einzelinteressen komme. Dass alle gleich behandelt werden. Und so weiter und sofort.

Tigers Head Coach Heinz Ehlers, links, gibt Anweisungen, waehrend dem Meisterschaftsspiel der National League zwischen den SCL Tigers und dem HC Lugano, am Freitag, 6. Dezember 2019, im Ilfisstadion in Langnau. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Bild: KEYSTONE

Aber wenn es um die Stars geht, sind sie alle nur Maulhelden. Sie wagen es höchstens mal im Rahmen eines unwichtigen Spiels einen Star medienwirksam zu disziplinieren und in den Senkel zu stellen.

Nur Heinz Ehlers traut sich, das Prinzip der klassenlosen Gesellschaft in der Kabine und auf dem Eis in die Tat umzusetzen. Ohne Ansehen der Person und der Verdienste. Sozusagen als letzter Marxist.

«Okay, er ist fit.»

Also steigt der Chronist nach der Partie in den Bauch des Stadions hinab und eilt zur Kabine der Langnauer. Um sich bei Heinz Ehlers zu erkundigen.

Warum haben Sie Harri Pesonen nicht eingesetzt?
Einer unserer Ausländer musste zuschauen.

Ja klar, aber Sie hätten auch Robbie Earl oder sogar Chris DiDomenico auf die Tribune setzen können.
Ja, das wäre möglich gewesen.

Warum also Harri Pesonen?
Das sage ich jetzt nicht.

War es wegen der Strafe, die er im letzten Drittel im Spiel gegen Bern gestern kassiert hat?
Nein. Der Grund könnte ja auch eine Verletzung sein.

Was? Harri Pesonen ist verletzt?
Na ja, er ist in der Schlussphase des Spiels gegen den SCB in einen Check gelaufen. Es gab das Risiko einer Gehirnerschütterung.

Das kann nicht sein. Das glaube ich nicht.
Okay, er ist fit.

Wann haben Sie sich entschieden, ihn in Biel nicht einzusetzen?
Noch am Abend kurz nach dem Spiel gegen den SCB.

Wann haben Sie es ihm gesagt?
Heute Vormittag.

Wie hat er reagiert?
Er war enttäuscht.

Wie haben Sie ihm die Nichtnomination begründet?
Gar nicht.

Wie, gar nicht?
Ja, gar nicht.

Sie gehen so mit Ihrem Topskorer um?
Bei uns ist nichts heilig.

Sie haben gestern nach der Partie gegen Bern noch ein Tabu gebrochen?
Ja?

Ich habe noch nie gehört, dass ein Trainer seinen Torhüter öffentlich kritisiert. Aber Sie haben gerade heraus gesagt, Ivars Punnenovs hätte den Siegestreffer halten müssen.
Ja, das habe ich.

Das ist sehr, sehr ungewöhnlich.
Manchmal gibt es Dinge, die einfach gesagt werden müssen. Ivars hat an sich selbst sehr hohe Erwartungen.

Tigers Trainer Heinz Ehlers im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel-Bienne und den SCL Tigers, am Freitag, 22. November 2019, in der Tissot Arena in Bern. (KEYSTONE/Daniel Teuscher)

Bild: KEYSTONE

Den Torhüter kritisiert, den Topskorer auf die Tribüne geschickt – und das Resultat ist ein grandioser Sieg und eine der besten Partien von Ivars Punnenovs.

Heinz Ehlers ist der einzige Trainer, der den Mut hat, das Unerwartete, das Undenkbare zu tun. Und hat so eigentlich Undenkbares erreicht: Der Däne hat nun mit den SCL Tigers einen Punkt mehr geholt als Kari Jalonen mit dem SCB.

Das ist ungefähr so, wie wenn Trainer Marc Schneider mit dem FC Thun mit einem Punkt Vorsprung auf YB in die Winterpause gegangen wäre. Heinz Ehlers hat den Langnauern eine Siegermentalität beigebracht. Deshalb stehen sie nach einer Niederlage immer wieder auf.

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