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Zuerich, 09.09.2015, Eishockey NLA - ZSC Lions - SC Bern, Trainer Guy Boucher (SCB). (Marc Schumacher/EQ Images)

Guy Boucher hat den SC Bern in 99 Spielen nicht weitergebracht.
Bild: Marc Schumacher

Eismeister Zaugg

Der nackte Kaiser von Bern

Wie lange darf ein Trainer eigentlich üben? Nach wie vielen Partien sollte seine Arbeit Früchte tragen? Seien wir grosszügig und gewähren wir 100 Spiele Gnadenfrist. Diese Frist läuft für SCB-Trainer Guy Boucher ab.



Die «Weltwoche» hat in einem launigen Porträt SCB-Manager Marc Lüthi einmal als «König von Bern» bezeichnet. Inzwischen stimmt diese Bezeichnung nicht mehr ganz. Es gibt nun auch einen «Kaiser von Bern.» SCB-Trainer Guy Boucher. Der Kaiser steht über dem König.

Am 31. Januar 2014 hat der ehemalige NHL-Bandengeneral den SC Bern zum ersten Mal gecoacht. Nach dem 4:2 über Ambri steht der SCB damals auf dem 8. Platz.

Wenn ein Präsident sein Amt antritt, werden ihm 100 Tage Frist bis zur ersten Beurteilung gewährt. Doch 100 Tage sind zu wenig, um die Arbeit eines Hockeytrainers würdigen zu können. Wir wollen grosszügig sein und diese Frist auf 100 Spiele verlängern. Nach 100 Spielen darf sich ein Chronist anmassen, die Arbeit eines Hockeytrainers kritisch zu betrachten.

Marc Luethi, CEO des SC Bern, kontrolliert seine Brillenglaeser an einer Medienkonferenz, am Montag, 31. August 2015, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Marc Lüthi hat mit Guy Boucher überdurchschnittlich viel Geduld.
Bild: KEYSTONE

Guy Boucher wird nach der Nationalmannschaftspause am 13. November gegen Lausanne zum 100. Mal in einem Meisterschafts- oder Cupspiel an der Bande stehen. Die missglückten Auftritte in der Champions League haben wir nicht mitgezählt.

Der SCB ist ein Hockey-Konzern mit etwas mehr als 50 Millionen Franken Jahresumsatz. Im Selbstverständnis das Bayern München des Schweizer Eishockeys. In diesem Jahrhundert haben die Berner immer schwarze Zahlen geschrieben. Bei der Kundenbetreuung und der Vermarktung gelten höchste Qualitätsanspräche. Für Marc Lüthi ist nur das Beste gut genug.

Früher galten diese höchsten Ansprüche auch für die Sportabteilung. Unvergessen bleibt, wie Meistertrainer Larry Huras im Herbst 2012 gefeuert wurde. Weil das Eishockey, das er spielen liess, gemäss Marc Lüthi zu langweilig war. Auch sein Nachfolger Antti Törmänen musste als Meistertrainer gehen, weil sein Hockey den hohen Ansprüchen nicht mehr genügte. Er ist erst durch Assistent Lars Leuenberger und dann im Januar 2014 durch Guy Boucher ersetzt worden.

Grosse Namen, wenig Ertrag

Nun gelten die hohen Qualitätsansprüche nicht mehr. Marc Lüthi hat zwar erkannt, dass die Sportabteilung wichtig ist. Der SCB hat seit dem Frühjahr 2014, also in der «Ära Boucher» mehr in die erste Mannschaft investiert als je zuvor in Lüthis Amtszeit. Unter anderem sind die WM-Silberhelden Simon Moser, Eric Blum und Simon Bodenmann verpflichtet worden. Auch bei den Ausländern wird in grosse Namen investiert. Oder zumindest in die Namen, die Guy Boucher vorgeschlagen hat.

Bern Stuermer Cory Conacher verfolgt von der Bande aus einen Spielzug im Eishockey-Meisterschaftsspiel der National League A zwischen dem SC Bern und den Kloten Flyers am Samstag, 3. Oktober 2015 in der PostFinance-Arena in Bern. (PHOTOPRESS/Alessandro della Valle)

Von den neuen SCB-Ausländern hat nur Cory Conacher eingeschlagen.
Bild: PHOTOPRESS

Wir finden die sechs ausländischen Stürmer des SC Bern in der aktuellen Liga-Skorerliste auf den Positionen 3, 75, 88, 142, 143 und 146.  Zum Vergleich: Langnaus vier Ausländer (zwei davon sind Verteidiger) stehen auf den Positionen 4, 56, 57 und 58. Wo wäre der SCB, wenn die Ausländer so gut wären wie jene in Langnau, die nicht einmal halb so viel kosten?

Der SC Bern müsste heute gemessen an den investierten Mitteln und der Qualität seiner Spieler auch mit den aktuellen Ausländern ganz klar ein Spitzenteam sein und sportlich rocken und rollen. Aber der SCB ist nach 99 Spielen unter Guy Boucher ziemlich genau gleich weit wie am Tag der Ankunft des Kanadiers. Nach seinem ersten Spiel stand Guy Boucher mit dem SCB auf dem 8. Platz, dann versenkte er den SCB in die Abstiegsrunde – der Meister verfehlte die Playoffs. Jetzt sind die Berner zwar im 5. Rang klassiert, 4 Punkte vor Platz 8. Aber nach Verlustpunkten ist es bloss ein 7. Platz.

Bern's Head coach Guy Boucher speaks to his players, during a National League A regular season game of the Swiss Championship between Lausanne HC and the SC Bern, at the Malley stadium in Lausanne, Friday, October 2, 2015. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Guy Boucher schwört seine Mannen ein, aber ob diese ihren Chef auch verstehen?
Bild: KEYSTONE

Der teuerste SCB aller Zeiten, gut genug, um die Liga zu dominieren, ist heute der langweiligste SCB aller Zeiten. Ein Gegner, der nicht bereit ist oder die Sache nicht ernst nimmt (wie im Cup), wird überrannt. Aber gegen ein intaktes Spitzenteam ist der SCB nach wie vor chancenlos. Die vier Niederlagen in Folge im letzten Playoff-Halbfinal gegen Davos sind uns noch in frischer Erinnerung. Und nun hat der SCB soeben gegen Davos erneut kläglich 2:5 verloren. Ich will mich nun nicht dem Verdacht aussetzen, die Polemik zu suchen. Deshalb verzichte ich hier darauf auch noch über Spiel, Taktik, Unterhaltungswert und Coaching zu räsonieren.

Betrachten wir noch die für den SCB sehr wichtigen Zuschauerzahlen. Sie sind seit dem Amtsantritt von Guy Boucher rückläufig. 16'347 kamen pro Spiel während der Saison seines Amtsantritts (ohne Derby gegen die SCL Tigers). Noch 16'168 waren es letzte Saison (auch ohne Derby gegen die SCL Tigers). Nun sind es bloss noch 15'894 (trotz einem ausverkauften Derby gegen die SCL Tigers).

Hat Boucher Lüthi ein Redeverbot erteilt?

Wenn wir uns jeder Polemik enthalten und einfach nur die Fakten sprechen lassen, dann bleibt die sachliche Feststellung: Guy Boucher hat die Erwartungen bei weitem nicht erfüllt. Er hat die Mannschaft in 99 Partien nicht weiterentwickelt. Er hat keine jungen Spieler zur NLA-Reife geführt und die Zuschauerzahlen sind rückläufig. Es ist also nicht einfach ein Kind, das da ausruft: «Aber der Kaiser ist ja nackt!» Auch das Volk hat erkannt, dass der Hockey-Kaiser aus Kanada gar keine Kleider trägt.

Der neutrale Beobachter denkt nun: Wenn Marc Lüthi ohne jede sportliche Not einst Meistertrainer Larry Huras gefeuert hat und auch bei Meistermacher Antti Törmänen nicht lange fackelte, dann müsste er doch bei Guy Boucher längst die Konsequenzen ziehen.

Aber Marc Lüthi handelt nicht. Ja, er verweigert sogar jede Diskussion um die sportliche Abteilung seines Konzerns. Das ist erstaunlich. Ich vermute, Guy Boucher hat ihm Redeverbot erteilt.

10.10.2015; Genf; Eishockey National League A - Genf-Servette - SC Bern; Trainer Guy Boucher (Bern) (Alain Grosclaude/freshfocus)

Wie viel Einfluss hat Guy Boucher auf Marc Lüthi und Sven Leuenberger?
Bild: Alain Grosclaude/freshfocus

Die vielleicht faszinierendste Geschichte dieser Saison ist jene über die Suggestivkraft von Guy Boucher. Oder andersherum gesagt: die blinde NHL-Gläubigkeit von Marc Lüthi beim Trainer und bei den ausländischen Spielern. Ich vermute, dass er und sein Sportchef Sven Leuenberger im Büro strammstehen und die Hand an der Hosennaht pressen, wenn der grosse NHL-General zu ihnen spricht.

Die Stadt Bern hat mit Guy Boucher einen neuen Kaiser. Marc Lüthi ist nur noch König. Beide können das, was sie den Zuschauern während der Qualifikation zumuten, nur durch eine Meisterfeier wieder gut machen. Die Mannschaft ist so talentiert und so teuer, dass selbst unter Guy Boucher Meister werden kann. Eigentlich werden müsste.

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