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Der Langnauer Trainer Benoit Laporte, Mitte, beim Eishockey Meisterschaftsspiel der NLA zwischen den SCL Tigers und dem SC Bern am Freitag, 16. Oktober 2015, in der Ilfishalle in Langnau. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Wer schimpft wie ein Rohrspatz, hat's schwer an der Ilfis: Trainer Laporte.
Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Warum die Tage von Benoit Laporte als Langnau-Trainer bereits gezählt sind

Beste Unterhaltung und schon achtmal ausverkauftes Stadion. Trotzdem ist Langnaus Trainer Benoit Laporte umstritten. Es könnte ihm ergehen wie einst Dave «Mikado» Smith.



Dave Smith? Nun, der Kanadier hat die Langnauer in der Saison 1981/82 gecoacht und ist in seiner zweiten Saison im November 1982 ohne sportliche Not gefeuert worden. Unter ihm rockten und rollten die Langnauer ganz ordentlich. Wie jetzt unter Benoit Laporte. In seiner ersten Saison erreichte Dave Smith den 4. Schlussrang.

Legendär wurde der Kanadier, als er in Biel in einem Wutanfall nach einer Serie von Strafen gegen seine Jungs die neben der Spielerbank gelagerten Ersatzstöcke bündelweise aufs Eis warf. «Mikado» war fortan der Name des Ausgerasteten.

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Die Methode «Smith» machte Schule: Heute wird sie gerne auch in Nordamerika benutzt, um Verärgerung zu äussern.
YouTube/G4MarchMadnessHD

Richtig populär war Dave Smith trotzdem nie. Er hatte seine Erfolge, ähnlich wie Benoit Laporte, vor allem bei «kleinen» Teams im Ausland gefeiert, war unter anderem Coach des Jahres in Österreich. Und er hatte das Glück, mit Peter Sullivan Langnaus besten Ausländer aller Zeiten im Team zu haben. Der teuflisch schnelle Stürmer war ein charismatischer Leitwolf wie heute Chris DiDomenico.

Smiths Entlassung im November 1982 kam einigermassen überraschend. Denn die Emmentaler standen zum Zeitpunkt des Kommandowechsels auf Rang 5. In einer NLA mit 8 Teams. Der neue Coach Steve Latinovich, einst Stürmer in Biel, führte die Mannschaft schliesslich auf den 5. Schlussrang.

Smith stolperte über sein ewiges Gefluche

Die Trainerentlassung führte also nicht zu einer sportlichen Verbesserung. Aber zu besserer Stimmung in der Kabine. Im Februar 1985 wurde auch der freundliche Rechtsanwalt aus Ottawa gefeuert und durch Simon Schenk ersetzt. Anschliessend stiegen die Langnauer im Frühjahr 1985 zum ersten Mal in der Klubgeschichte ab.

Die Spieler hatten im November 1982 die Entlassung von Dave Smith durchgesetzt. Weil er in der Kabine beim Toben immer mehr unter die Gürtellinie ging. So jedenfalls ging die Rede im Dorf.

Jeremias Gotthelf

In der Heimat des Dichterfürsten Jeremias Gotthelf drückt man sich bitteschön etwas gewählter aus.
Bild: wikipedia

Die Geschichte ist beglaubigt: Keiner der Langnauer kannte sich damals mit der englischen Sprache gut aus. Und so wussten sie lange Zeit nicht so genau, wie schlimm sie vom Trainer beleidigt wurden. Die beiden kanadischen Ausländer Peter Sullivan und Neil Nicholson hüteten sich wohlweislich, die Kraftausdrücke des Chefs zu übersetzen.

Aber mehrere Spieler hatten Frauen und Freundinnen, die der englischen Sprache mächtig waren. Nach und nach verstanden die stolzen Emmentaler, was Dave Smith bei seinen Zornausbrüchen tatsächlich sagte. Ein vulgäres Wort, das er oft brauchte, soll ihn letztlich den Job gekostet haben: «C…sucker». Wie die wörtliche Übersetzung der Spielerfrauen und -Freundinnen lautete, ist nicht mehr bekannt.

Auch Laporte schimpft wie ein Rohrspatz

Nun gibt es beängstigende Parallelen zwischen Dave Smith und Benoit Laporte. Natürlich ist Langnaus aktueller Trainer an der Bande bei weitem nicht so temperamentvoll wie einst Dave Smith. Aber auch er neige, so wird unter Wahrung absoluter Anonymität erzählt, zu heftigstem Toben in der Kabine. Gewürzt mit Kraftwörtern. Dieser raue Umgangston habe beispielsweise Anton Gustafsson zur Überzeugung gebracht, auf nächste Saison zu Fribourg-Gottéron zu wechseln.

Langnaus Kabinen-Laufbursche Peter Eggimann sagte, als er kürzlich von einem Chronisten gefragt wurde, ob das Toben des Trainers wirklich so schlimm sei: «Sie sollten wissen, dass ich auf einem Ohr fast taub bin. Ich kann Ihre Frage daher nicht beantworten…»

Sportchef Jörg Reber kennt die Problematik sehr wohl. Auch die zuständigen Herren im Verwaltungsrat sind über die heikle Lage informiert. Aber Reber hütet sich, darüber in der Öffentlichkeit etwas zu sagen. Wohl wissend, dass eine einzige Andeutung eine Polemik oder gar eine Krise auslösen kann.

Joerg Reber Sportchef SCL Tigers, vor dem vierten Spiel im Playoff Final der NLB, zwischen dem EHC Olten und den SCL Tigers, am Dienstag, 24. Maerz 2015, im Stadion Kleinholz in Olten. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Schweigen ist Gold: Sportchef Reber.
Bild: KEYSTONE

Eishockey ist keine Sonntagsschule

Die Situation ist äussert heikel. Es gibt viele Fragen, aber keine Antworten. Ist der raue Umgangston den Emmentalern tatsächlich nicht mehr zuzumuten? Ist Benoit Laporte wirklich ein verbaler «Uflaat»? Oder sind seine Jungs nach dem sanften «Spielerversteher» Bengt-Ake Gustafsson halt etwas verweichlicht?

Ist denn nicht Damiano Ciaccio unter Benoit Laporte die Goalie-Entdeckung der Saison geworden? Eben. Eine Hockeykabine ist nun mal kein Sonntagschul-Lokal. Konnte denn viel mehr erwartet werden als der aktuelle zweitletzte Platz? Und es könnte ja wirtschaftlich nicht besser laufen! Schon acht Mal ausverkauft! Das Publikum wird vortrefflich unterhalten.

Wie beim Gänseblümchen: Sölli? Sölli nöd? Sölli? Sölli nöd?

Die Langnauer haben in den letzten vier Partien gepunktet und zuletzt Gottéron zwei Mal hintereinander in der Verlängerung gebodigt. Benoit Laporte ist zwar nicht richtig populär. Aber das Publikum würde seine Entlassung zum jetzigen Zeitpunkt noch weniger verstehen als den Verzicht auf die Dienste von Aufstiegstrainer Bengt-Ake Gustafsson im letzten Frühling. Ja, am Ende versündigt man sich bei den Hockey-Göttern, in dieser Lage den Trainer in Frage zu stellen!

Aber wenn es eben doch ein Problem gibt? Sollte in diesem Falle der Trainer bald gefeuert werden? Ist es besser, den Trainer früh zu wechseln, damit spielerische und taktische Verbesserungen bis zum Showdown der Playouts möglich sind? Oder ist es vielleicht klüger, den Trainer erst unmittelbar vor den Schicksalspartien in den Playouts zu feuern um vom «Trainer-Entlassungseffekt» profitieren zu können?

Die Uhr tickt im Emmental

Lugano und Ambri sind seit dem frühzeitigen Trainerwechsel wie verwandelt und stehen als eindrückliche Beispiele dafür, dass es sich sehr wohl lohnen kann, den Trainer zu feuern. Was ist also besser: Jetzt handeln oder warten?

Die Frage geht an Biels Kevin Schläpfer, den wohl erfahrensten Trainer-Entlasser in Krisensituationen. Er hat als Sportchef 2009 Heinz Ehlers während der Liga-Qualifikation entlassen und die Mannschaft übernommen und gerettet. Ein Jahr später enthob der Kent Ruhnke bereits vor der Liga-Qualifikation des Amtes und war erneut als Feuerwehrtrainer erfolgreich. Schläpfer sagt: «Es ist besser, zuzuwarten. Eine taktische Verbesserung ist kaum mehr möglich. Die Wirkung ist emotional und die geht verloren, wenn der Trainerwechsel zu früh erfolgt.» Dann hält er inne, und sagt: «Warum fragen Sie mich das eigentlich?» «Um die Situation in Langnau beurteilen zu können», antworte ich Schläpfer. «Goots eigetlech noo? Das tönt ja so, wie wenn ich mir in unserer Situation anmassen würde, Langnau Ratschläge zu erteilen. Das geht nicht.» Sorry, Kevin. Aber deine Aussagen sind halt schon interessant.

Scheitert Benoit Laporte in Langnau aus den gleichen Gründen wie einst Dave Smith? Weil er zu sehr tobt? Durchaus möglich. Seinem Wunsch nach einer Vertragsverlängerung wird jedenfalls nicht entsprochen. Seine Tage in Langnau sind gezählt. Die Uhr tickt.

17.11.2015; Langnau; Eishockey NLA - SCL Tigers - EHC Biel; Trainer Benoit Laporte (Tigers)  (Christian Pfander/freshfocus)

Würde er an sein linkes Handgelenk schielen, Laporte wüsste es: Die Uhr tickt.
Bild: Christian Pfander/freshfocus

Jubel im Emmental: Die SCL Tigers steigen im Frühling 2015 wieder in die NLA auf

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