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Severin Blindenbacher stösst mit dem Schiedsrichter zusammen. screenshot:  rsi

Eismeister Zaugg

«Fall Blindenbacher»: Braucht es am Ende einen Schiedsrichter-Streik?

Was ist wichtiger im Hockey: Die Sicherheit der Schiedsrichter oder das Wohl der ZSC Lions? Der «Fall Blindenbacher» wird zum heikelsten Fall unserer Hockey-Justiz.



Der Gerechtigkeitsbrunnen zu Bern zeigt uns, wie die Justiz sein sollte. Die Justitia wird dort mit verbundenen Augen dargestellt. In der einen Hand hält sie eine Waage, in der anderen das Richtschwert. Die Justitia ist in der römischen Mythologie die Personifizierung der Gerechtigkeit. Die verbundenen Augen symbolisieren, dass sie ohne Ansehen der Person Recht spricht.

Die beiden Hockey-Einzelrichter Oliver Krüger und Victor Stancescu haben die Symbolik der verbundenen Augen soeben falsch interpretiert. Mit dem «Fall Vukovic» haben sie die Verbandsjustiz in die Schlagzeilen gebracht. Sie bestraften die wüsten Stockschläge von Servettes Daniel Vukovic gegen Zugs Sven Senteler mit lediglich einer Sperre.

Zug's forward Sven Senteler, center, vies for the puck with Geneve-Servette's defender Daniel Vukovic, left, and Geneve-Servette's goaltender Robert Mayer, right, during the second leg of the Playoffs quarterfinals game of National League A (NLA) Swiss Championship between Geneve-Servette HC and EV Zug, at the ice stadium Les Vernets, in Geneva, Switzerland, Tuesday, March 7, 2017. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Der «Fall Vukovic» brachte die Verbandsjustiz in die Schlagzeilen. Bild: KEYSTONE

Sie waren bei diesem Urteil sozusagen blind. Die Rekursinstanz hat das Urteil kassiert und den famosen Einzelrichtern die Hosen heruntergelassen. Es lohnt sich, die offizielle Begründung für die Erhöhung der Sperre auf drei Spiele zu zitieren.

«Die Erhöhung des Strafmasses wird damit begründet, dass nach in einem Tarifverfahren nach Eingang des Reports (und Sichtung des beschränkten Beweismaterials) der Entscheid relativ rasch erfolgen muss und deshalb nur eine summarische Beurteilung möglich ist. Es wurde aufgrund des Reports angenommen, dass die Einordnung im unteren Strafrahmen vertretbar sei. Nach nun vollständiger Beweisabnahme und Würdigung des vollen Video-Materials und der Stellungnahmen pflichten sie den Einsprechern insofern bei, als dass nicht mehr von einem Stockschlag, welcher fahrlässig oder mit eher geringer Wucht begangen worden ist, gesprochen werden kann. Der angeklagte Stockschlag ist mit grosser Rücksichtslosigkeit und mit sehr hoher Wucht ausgeführt worden.»

Man muss das zweimal, dreimal lesen, um es fassen zu können: Hier wird nicht ein Rechtsirrtum gerügt. Sondern eine schludrige Arbeitsweise. Das fatale an diesem Versagen der Hockey-Justiz: den Zorn des Hockey-Volkes trifft die Schiedsrichter «an der Front».

Schiedsrichter sind Freiwild

Doch dieser Fall ist im Vergleich zur «Causa Blindenbacher» bloss ein juristischer Kindergeburtstag. Das höchste Gut, das eine Hockeyjustiz zu verteidigen hat, ist die Sicherheit, die Integrität und im Grunde auch die Ehre der Schiedsrichter.

Längst haben wir uns daran gewöhnen müssen, dass die Schiedsrichter in unserem Hockey Freiwild geworden sind. Spieler, Trainer, Präsident und einschlägig bekannte Medienvertreter massen sich an, die Unparteiischen zu schmähen. In einer Profiliga mit funktionierender Justiz ist so etwas eigentlich undenkbar. Bei uns ist es leider ein Teil der Hockeykultur geworden. In dieser Beziehung sind wir eine Operetten-Liga.

Soll Blindenbacher gesperrt werden?

Die beiden Schiedsrichterchefs Brent Reiber und Beat Kaufmann kuschen vor der Macht der Klubs und als schlaue Opportunisten wagen sie es schon lange nicht mehr, sich vor ihre Schiedsrichter zu stellen und für die Sache ihrer Schiedsrichter zu kämpfen. Deshalb ist die Stimmung unter den Unparteiischen nicht gut.

Um es frivol zu sagen: So wie der Haushund mit Flöhen, so müssen bei uns die Schiedsrichter mit diesen unhaltbaren Zuständen leben. Es sei hier der guten Ordnung halber noch einmal wiederholt: unsere Unparteiischen gehören zu den Besten der Welt.

Eine ganz andere Dimension als Schmähungen der Schiedsrichter oder eine schludrige Arbeitsweise wie im «Fall Vukovic» ist die Beurteilung eines Angriffes eines Spielers auf die Integrität der Schiedsrichter auf dem Eis.

Deshalb gilt in jeder funktionierenden Profiliga das «Unberührbarkeits-Prinzip»: die Schieds- und Linienrichter dürfen nicht berührt werden. Sie sind «Luft». Hier ist eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf. Nur wenn die Linienrichter eine Schlägerei zu verhindern bzw. zu beenden versuchen kann es zu Körperkontakt kommen.

Blindenbacher berührt den Linienrichter

ZSC-Verteidiger Severin Blindenbacher hat einen Linienrichter berührt. Seine Hand ging zum Linienrichter. Die TV-Bilder sind eindeutig. Sind Sicherheit, Integrität und Ehre der Schiedsrichter für unsere Hockey-Justiz das höchste Gut (wie es sein müsste) – dann wird der wichtigste ZSC-Verteidiger für 8 bis 10 Partien aus dem Verkehr gezogen.

Aber ein Ausfall des wichtigsten Verteidigers kann für die ZSC Lions fatale Folgen haben. Die ZSC Lions sind politisch und wirtschaftlich eines der mächtigsten Hockeyunternehmen. Sie geniessen darüber hinaus den Support der Zürcher Medienindustrie, die Milde und sogar einen Freispruch (!) für Severin Blindenbacher fordert.

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Die strittige Szene mit Severin Blindenbacher. Video: streamable

Wenigstens ist es nicht zur Absurdität eines Freispruches gekommen. Severin Blindenbacher wird vorerst wenigstens für ein Spiel gesperrt und gleichzeitig läuft nun ein Verfahren. Eine schludrige Arbeitsweise wie im «Fall Vukovic» ist damit ausgeschlossen. In einem ordentlichen Verfahren bekommen alle Seiten rechtliches Gehör. Es bleibt genug Zeit für ein sorgfältig ausgearbeitetes Urteil – und für die ZSC Lions, auf allen Ebenen Druck zu machen. Es ist der heikelste Fall seit Einführung der heutigen Form der Hockey-Justiz.

Schiedsrichter-Streik?

Wenn der beunruhigende Sittenzerfall von der Hockey-Justiz nicht gestoppt wird, dann sollten sich die Schiedsrichter ernsthaft eine Selbsthilfe-Aktion überlegen. Und mit einem Streik auf die unhaltbaren Zustände aufmerksam machen. Indem sie beispielsweise alle Partien erst mit einer halbstündigen Verspätung anpfeifen.

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