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Berns Head Coach Johan Lundskog, rechts, und Assistent Mikael Hakanson: Überlebenswoche.
Berns Head Coach Johan Lundskog, rechts, und Assistent Mikael Hakanson: Überlebenswoche.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Von einem logischen «Weltuntergang» und einer ebenso logischen «Auferstehung»

Der SC Bern gewinnt in Langnau 5:1. Ein logisches Resultat. Aber die einzige Gewissheit nach diesem Derby: Philip Wüthrich (23) kann der nächste Leonardo Genoni werden.
30.10.2021, 08:54

Beginnen wir mit tröstlichen Worten für die Langnauer. Erstens: Sie sind es – und nicht der SCB – die in dieser Saison für das erste ausverkaufte Hockey-Stadion im Bernbiet sorgen. Was bisher weder in Biel noch in Bern gelungen ist, das bewerkstelligen die SCL Tigers. 6000 Fans. Ausverkauft.

Zweitens: noch immer gibt es eine Kennzahl, die in einer so schweren Derbynacht den Emmentalerinnen und Emmentalern Trost spendet. Aber nur noch ein wenig. Bisher haben die ausländischen SCB-Stürmer 50 Skorerpunkte (davon 21 Tore) gebucht. Diejenigen der Langnauer hingegen 83 (36 Tore).

Das ist natürlich bloss billiger Trost nach einem – aus Langnauer Sicht – beinahe trostlosen Spiel. Nie in dieser Saison sind die Emmentaler gleich so zerzaust worden. Wie sehr alles durcheinander geriet, mag eine Szene aus der 16. Minute zeigen: die Schiedsrichter zeigen eine Strafe gegen Langnaus Larry Leeger an. Aber Robert Mayer läuft aus dem Tor, um einem 6. Feldspieler Platz zu machen. Das Powerplay nützt der SCB zum 0:4. Vier Treffer nach 17 Minuten und 7 Sekunden. Schlimmer war es sogar letzte Saison nur ein einziges Mal: beim 4:9 gegen Zug fiel das 0:4 nach 16. Minuten und 50 Sekunden.

«Das darf doch nicht wahr sein! Gegen Biel oder Davos ginge das ja noch. Aber ausgerechnet gegen den SCB!»
Politiker und Langnau-Fan Bernhard Antener
«Das darf doch nicht wahr sein!» Bernhard Antener, hier auf einem Foto von 2013.
«Das darf doch nicht wahr sein!» Bernhard Antener, hier auf einem Foto von 2013.Bild: KEYSTONE

Trostlos, wahrlich, trostlos. Wie trostlos mag eine Episode dokumentieren. Bernhard Antener, ehemaliger SP-Gemeindepräsident, als Grossratspräsident einst auch höchster Berner und der politische Vater des Stadionumbaus ist eigentlich kein Mann der Emotionen. Nun ist er in der ersten Pause beinahe aufgebracht. Nach ein paar urchigen Kraftausdrücken sagt er: «Das darf doch nicht wahr sein! Gegen Biel oder Davos ginge das ja noch. Aber ausgerechnet gegen den SCB! Es war so schön angerichtet für eine grosse Party. Es hätte sein können wie früher.» Als er gefragt wird, ob dieses erste Drittel für ihn schlimmer gewesen sei als eine der vielen struben Krisensitzungen im BLS-Verwaltungsrat, hält er inne und rückt die Dinge wieder ins Lot: «Das kann man dann doch nicht vergleichen.» Zur Erklärung für alle, die mit der Politik im Kanton Bern nicht so vertraut sind: die bernische Staatseisenbahn BLS taumelte zuletzt von einer Krise zur nächsten finanziellen Aufregung.

Die Frage ist nun: wie ist so etwas möglich? Gemeint sind mit der Frage nicht die Turbulenzen bei der BLS. Sondern das Resultat des Berner Derbys.

Der Optimist aus Langnauer Sicht wird sagen: die SCL Tigers sind einfach mit der Favoritenrolle nicht zurechtgekommen. Das liege in der DNA ihrer Hockeykultur. Hat denn nicht der SC Langnau im Frühjahr 1978 den Titel im allerletzten Heimspiel als himmelhoher Favorit durch eine 3:6-Niederlage (mit einem 0:4 im Mitteldrittel) gegen den SCB verspielt? Eben. Nun hat sich die Geschichte halt nach 43 Jahren wiederholt.

Geschlagene Favoriten: Der SC Langnau nach dem Spiel.
Geschlagene Favoriten: Der SC Langnau nach dem Spiel.Bild: keystone

Die Erklärung ist eigentlich ganz einfach: bei den SCL Tigers passte gar nichts und beim SCB alles. Und damit sind wir bei der Erklärung, warum dieses 1:5 logisch ist: In Langnau sind alle mit dem bisherigen Saisonverlauf überglücklich. In Bern hingegen sind die Partien gegen Servette (3:2 n.V), soeben in Langnau und am Dienstag in Ajoie zur «Überlebenswoche» erklärt worden.

Bei Langnau ging es um einen Derby-Sieg. Beim SCB um den Job von Trainer Johan Lundskog. Also sind alle parat: Philip Wüthrich verhindert gleich zu Beginn mit einer Glanzparade das 1:0. Robert Mayer wird hingegen bei erstbester Gelegenheit zum 0:1 überlistet. Ausgerechnet von Dominik Kahun, dem deutschen Nationalstürmer. Damit ist vorgegeben: Philip Wüthrich wird eine grosse Partie liefern (94,12 Prozent Fangquote), Robert Mayer hingegen ganz und gar kein Glück haben (83,87 Prozent der Pucks abgewehrt) und auch ein SCB-Ausländer kann die Differenz machen (2 Tore durch Dominik Kahun).

Die Langnauer gewinnen Spiele nur, wenn sie von der ersten Sekunde an auf den Zehenspitzen stehen und bissig sind. Sie sind spielerisch zu wenig gut, um einen Fehlstart zu korrigieren. Aber gestern waren sie viel zu selbstsicher und haben es nur mit spielerischen Mitteln versucht. Das reicht gegen einen SCB nicht, dessen spielerische Substanz noch immer im Quadrat grösser ist. Der «Weltuntergang» (aus Langnauer Sicht) und die «Aufersteung» (aus SCB-Sicht) sind also logisch.

Stehen die Langnauer vor einer Krise und der SCB vor einem Sturmlauf zurück zur Spitze? Bei den Langnauern wissen wir es nicht. Sie stehen allein durch ihre limitierte spielerische Substanz auf dünnem Eis. Beim SCB ist eine Beruhigung dann möglich, wenn eine uralte sportliche Weisheit endlich kapiert wird. Sie stammt vom legendären Enzo Ferrari. Er sagte, es sei wichtig, zu wissen, warum man ein Rennen verloren habe. Aber noch unendlich viel wichtiger sei es, zu wissen, warum man ein Rennen gewonnen habe.

Das Problem beim SCB: die Bürogeneräle wussten, trunken vom meisterlichen Ruhme, nach drei Titeln in vier Jahren nicht mehr, warum sie gewonnen hatten. Sie schätzten zentrale Erfolgsfaktoren (ein grosser Trainer, Investitionen in gute Ausländer) gering. Deshalb darben die Berner schon im dritten Jahr im Tabellenkeller.

In Langnau hat der SCB nicht gewonnen, weil er wieder meisterlich ist. Sondern in allererster Linie, weil er von einem Gegner unterschätzt worden ist, der seine eigenen Möglichkeiten in naiver Art und Weise überschätzt hat. Und die Stadtberner haben gewonnen, weil Torhüter Philip Wüthrich ein grosser Torhüter war. Er hat seine beste Partie mit dem SCB gespielt.

Goalie Wüthrich gegen Langnau: Vom guten zum grossen Torhüter.
Goalie Wüthrich gegen Langnau: Vom guten zum grossen Torhüter.Bild: keystone

Der SCB hat nach wie vor viele Baustellen. Aber das Torhüterproblem ist gelöst. Die Partie in Langnau hat Philip Wüthrich vom guten zum grossen Torhüter gemacht: er ist unter maximaler Belastung der beste Spieler seines Teams im bisher wichtigsten Match der Saison.

Das ist es, was grosse Torhüter ausmacht. Philip Wüthrich kann der nächste Leonardo Genoni werden. Aber wir wissen nach wie vor nicht, ob der Zauberlehrling Johan Lundskog ein grosser Trainer und der nächste Kari Jalonen wird.

Die «Auferstehung» dauert für den SCB immerhin definitiv bis am Dienstag. Bis zum Spiel in Pruntrut gegen Ajoie. Und für Langnau kann der «Weltuntergang» schon am Sonntagnachmittag im Hallenstadion mit dem Spiel gegen die ZSC Lions enden.

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