DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Auston Matthews: Wird er vom Jungstar zur tragischen Figur?<br data-editable="remove">
Auston Matthews: Wird er vom Jungstar zur tragischen Figur?
Bild: KEYSTONE
Eismeister Zaugg

Zu viel Aufmerksamkeit für den Bub, zu wenig für die Männer – was nun, grosser Marc Crawford?

Bern braucht noch einen Sieg fürs Halbfinale. Entweder werden Auston Matthews (18) und Marc Crawford (55) jetzt zu Helden – oder zu den Sündenböcken für ein Scheitern mit historischen Dimensionen.
09.03.2016, 10:13

Den ZSC Lions droht als Qualifikationssieger das «Aus» in vier Partien. Das hat es seit Einführung der Playoffs (1986) noch nicht gegeben.

Was ist passiert? Die Erklärung liegt nicht im taktischen, spielerischen oder konditionellen Bereich. Sondern im Innenleben der Mannschaft. Im Zentrum aller Analysen für das, was in den drei ersten Partien passiert ist, stehen Trainer Marc Crawford und «Kinderstar» Auston Matthews.

Die ZSC Lions haben einem der ganz grossen Talente des Welthockeys die Gelegenheit zu einem «Lehrjahr» gegeben. Statt eine weitere Saison bei den Junioren verbringen zu müssen (was ihm nur noch wenig gebracht hätte) darf Auston Matthews diese Saison in einem richtigen Männerteam spielen. Sein Talent ist so gross, dass er als «Messi on Ice» verehrt gefeiert wird. Im Sommer wird er gedrafted (ein NHL-Team wird die Rechte an ihm erwerben). Er wird nächste Saison in der NHL spielen und dort zu einem Superstar reifen.

Kinderstar Matthews darf mit den Männern spielen, statt in der Juniorenliga unterfordert zu sein.<br data-editable="remove">
Kinderstar Matthews darf mit den Männern spielen, statt in der Juniorenliga unterfordert zu sein.
Bild: KEYSTONE

Das alles spielt auch für Marc Crawford eine Rolle. Gewinnt er mit Auston Matthews in einer zentralen Rolle die Meisterschaft, dann hat er erhebliche Chancen, dass er Trainer jenes NHL-Klubs wird, der Auston Matthews verpflichtet. Auston Matthews sozusagen als das Pferd, auf dem der ZSC-Trainer in die NHL zurückreitet.

So gesehen ist es nur logisch, dass Auston Matthews von seinem Trainer in der Teamhierarchie ganz oben platziert worden ist. Es wäre übertrieben zu behaupten, bei den ZSC Lions drehe sich alles um den US-Wunderknaben. Aber wir sehen jetzt: Wahrscheinlich gibt Marc Crawford Auston Matthews zu viel Bedeutung, zu viel Eiszeit und zu viel Verantwortung. Wenn ein Bub ins Zentrum rückt, dann bleibt weniger Bedeutung, Verantwortung und Eiszeit für die Männer und die Hierarchie gerät durcheinander.

Marc Crawford: Er will in die NHL zurück. Und Matthews soll ihn dahin führen.<br data-editable="remove">
Marc Crawford: Er will in die NHL zurück. Und Matthews soll ihn dahin führen.
Bild: KEYSTONE

Wir können davon ausgehen, dass diese Ausgangslage nicht allen verdienten ZSC-Stars Freude bereitet. Während der Qualifikation spielte das keine Rolle. Die ZSC Lions sind so gut, dass auch durchschnittliche bis solide Leistungen der bestandenen Spieler ausreichten. In den Playoffs reicht das aber nicht mehr.

Marc Crawford hat in allen drei Partien gegen den SCB Auston Matthews und Topskorer Robert Nilsson stark forciert und den «Grinder» (wörtlich übersetzt: «Schleifern») zu wenig Eiszeit überlassen. Gerade im dritten Spiel haben diese «Grinder» die SCB-Abwehr geschleift und die ZSC Lions 2:0 in Führung gebracht (Fabrice Herzog). Auston Matthews und Robert Nilsson haben «nur» zu Severin Blindenbachers 3:3 assistiert.

Severin Blindenbacher traf zum 3:3, aber altgediente Spieler wie er erhalten zu wenig Wertschätzung.<br data-editable="remove">
Severin Blindenbacher traf zum 3:3, aber altgediente Spieler wie er erhalten zu wenig Wertschätzung.
Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Aber Auston Matthews hat in allen drei Partien einen Assist gebucht. Er hatte in keinem dieser drei Spiele eine Minus-Bilanz. Er hat das gebracht, was von einem 18-jährigen «Buben» erwartet werden darf. Gescheitert sind die ZSC Lions also nicht, weil er zu wenig gut war. Sondern weil seine Mitspieler nicht gut genug waren.

Die ZSC Lions haben am Dienstag zum dritten Mal ein Spiel verloren, das für sie gelaufen ist. Zweimal haben sie 1:0 geführt, in dieser dritten Partie sogar 2:0. Und das Momentum kehrte durch den schnellen Ausgleich zum 3:3, nur 131 Sekunden nach dem 3:2 der Berner ein zweites Mal zurück. Sie verloren trotzdem erneut. Warum?

Eine Besonderheit dieser ZSC Lions vor allem ab dem zweiten Spiel: Unruhe und zweitweise Hektik auf und neben dem Eis. Auch dann, wenn dazu kein Anlass ist – wie im dritten Spiel nach der beruhigenden 2:0-Führung. Aber wie kann eine Mannschaft, wie können Spieler ruhig bleiben, wenn der Trainer vor Nervosität vibriert? Das Problem für die ZSC Lions ist nicht die Annullierung des 2:2 in Bern im zweiten Spiel. Das Problem ist die Unruhe, die rund um diesen umstrittenen Schiedsrichter-Entscheid aufgekommen ist – geschürt auch von Trainer Marc Crawford mit einem verunglückten TV-Interview.

Schreit zu viel, tigert zu nervös herum: Marc Crawford.<br data-editable="remove">
Schreit zu viel, tigert zu nervös herum: Marc Crawford.
Bild: freshfocus

Es sind zwei Szenen im dritten Spiel, die so typisch sind für diese Unruhe. Die Verlängerung läuft, die ZSC Lions sind drauf und dran, die Entscheidung zu erzwingen. Da ereifert sich ZSC-Coach Marc Crawford, tigert der Bande entlang und will den Schiedsrichtern (die diese Partie hervorragend geleitet haben) irgendetwas mitteilen. Der grosse NHL-General verkörpert geradezu Nervosität. In der nächsten Szene bleibt Robert Nilsson in der SCB-Abwehr hängen und im Gegenangriff gelingt Andrew Ebbett der Siegestreffer zum 4:3.

Wie weiter mit dem ZSC?

Diese drei Niederlagen führen nun dazu, dass sich die Kritiker intensiv mit dem Coaching von Marc Crawford auseinandersetzen werden. Zu viel Eiszeit für die Künstler, zu wenig für die «Grinder». Diese Mischung aus verschiedenen Spielertypen, Künstlern und Handwerkern macht grosse Mannschaften aus. Die ZSC haben die verschiedenen Spielertypen, die es für den Gewinn einer Mannschaft braucht. Aber der Coach hat diese Qualität bisher nicht genutzt.

Auf der Gegenseite hat SCB-Trainer Lars Leuenberger alles richtig gemacht. Ja, er hat bisher Marc Crawford ausgecoacht. In der dritten Partie am deutlichsten. Lars Leuenberger nimmt nach dem 2:0 sein Timeout – im richtigen Augenblick. 22 Sekunden später verkürzt der SCB bereits auf 2:1.

Lars Leuenberger: Trickst der SCB-Trainerlehrling den Stanley-Cup-Sieger aus?<br data-editable="remove">
Lars Leuenberger: Trickst der SCB-Trainerlehrling den Stanley-Cup-Sieger aus?
Bild: KEYSTONE

Die Berner haben ihr Spiel vereinfacht, die Nerven noch nie verloren und weil zwei der besten Spieler (Blum, Plüss) nach wie vor fehlen, sind sie noch gar nie in Versuchung gekommen, zu grosse Risiken einzugehen. Es gibt in der Neuzeit unseres Hockeys kein anderes Beispiel einer Mannschaft, die in den Playoffs drei Partien hintereinander mit dem genau gleichen einfachen Rezept einen spielerisch so klar besseren Gegner im Schach gehalten und besiegt hat. Oder, um es andersherum zu formulieren: es gibt in der Neuzeit kein anderes Beispiel für einen Coach, der dreimal hintereinander kein Rezept gefunden hat, einen spielerisch limitierten Gegner zu knacken.

Stanley-Cup-Sieger Marc Crawford ist ein grosser Coach. Er zählt in der NHL zu den 50 besten aller Zeiten. Nun steht er vor dem spektakulärsten Scheitern seiner Karriere – oder, wenn er es doch noch schafft, auch bei uns vor dem Einzug in den Himmel der Legenden. Es wäre fatal, die ZSC Lions schon abzuschreiben und das Licht im Hallenstadion bereits zu löschen. Diese Mannschaft hat genug Substanz, hat alles, um die Wende nach wie vor zu schaffen.

Aber bisher noch nicht das Coaching.

Übrigens: Als der EHC Arosa 1982 letztmals Meister wurde, stiegen der ZSC und SCB ab

1 / 12
Der EHC Arosa wird 1982 zum neunten und letzten Mal Schweizer Meister
quelle: keystone / str
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Unvergessene Eishockey-Geschichten

Alle Storys anzeigen

Hol dir jetzt die beste News-App der Schweiz!

  • watson: 4,5 von 5 Sternchen im App-Store ☺
  • Tages-Anzeiger: 3,5 von 5 Sternchen
  • Blick: 3 von 5 Sternchen
  • 20 Minuten: 3 von 5 Sternchen

Du willst nur das Beste? Voilà:

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

22 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
zhgr1989
09.03.2016 10:34registriert April 2015
Der HCD dominiert die Flyers nach belieben, Lugano steht vor dem ersten Sieg einer Playoff-Runde seit zehn Jahren und Genf ist zu einem ernstzunehmenden Titelanwärter gereift...

Klaus Zaugg schreibt seit einer Woche über: ZSC, SCB, der kleine Lars, der grosse NHL General, spielerisch limitiert, optisch überlegen, Schiedrichterentscheid, Messi on Ice, Buben, Lehrjahr, etc...

Immerhin heute kein historischer Vergleich oder irgendwas über Gotthelf...

Kennsch di andere Teams Zaugg???

Und damit meine ich nicht nur Langnau...
9421
Melden
Zum Kommentar
avatar
seismo_graf
09.03.2016 12:09registriert Februar 2014
Es gibt noch einen anderen Faktor. Flüeler ist nicht fit genug! Vielleicht nicht mehr verletzt, aber ihm fehlt eindeutig die Spielpraxis. Auch hier hat Krähenbühl einen Fehler gemacht.
Und wenn Krähenbühl, tatsächlich meint auf dem Buckel eines 18-jährigen zurück in die NHL zu reiten. Dann ist das purer Egoismus und hat eine 0:4 Brause mehr als verdient!
553
Melden
Zum Kommentar
avatar
marak
09.03.2016 10:36registriert April 2014
Ich habe Verständnis für MC Karriereplanung aus seiner Sicht. Ich habe aber erwartet, dass er nach Spiel 1 einschwenkt und versucht den Vorteil von vier doch recht guten Linien auszupielen. Jede Linie ist für Tore gut genug. Und das Zerfallen einer guten Mannschaft in einen Hühnerhaufen ist wohl ein wiederkehrendes Phänomen, welches sich nie ganz schlüssig ergründen lassen wird.
471
Melden
Zum Kommentar
22
Der «Thrilla in Manila» zwischen Ali und Frazier wird zum Höhepunkt der Box-Geschichte
1. Oktober 1975: Sie hassen sich und sie verprügeln sich. Muhammad Ali und Joe Frazier haben sich beide je einmal besiegt, nun kommt es zum dritten und ultimativen Fight: Dem «Thrilla in Manila». Ali gewinnt, aber er erreicht danach nie mehr sein höchstes Niveau.

«Smokin' Joe» Frazier ist Schwergewichts-Weltmeister, als er 1971 im New Yorker Madison Square Garden auf seinen bislang härtesten Gegner trifft: Muhammad Ali. Beide sind in ihrer Karriere noch ungeschlagen, nicht nur die Box-Welt fiebert dem «Fight of the Century» entgegen.

Zur Story