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Ambris «La Montanara» – die Geschichte der besten Sporthymne der Welt

Ambri`s team with fans after the game between Switzerland's HC Ambri-Piotta and Finland's IFK Helsinki, at the 94th Spengler Cup ice hockey tournament in Davos, Switzerland, Wednesday, December 28, 20 ...
Ambri und seine Fans begeistern in Davos.Bild: keystone
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Ambris «La Montanara» – die Geschichte der besten Sporthymne der Welt

Beim Traum-Halbfinal zwischen Ambri und Davos geht es nicht nur um den Finaleinzug. Wer nicht HCD-Fan ist, hofft auf ein weltweit einmaliges Hockeykulturerlebnis: «La Montanara», gesungen in der Davoser Hockeykathedrale.
30.12.2022, 08:1430.12.2022, 15:57
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Eine Hymne ist ursprünglich ein feierlicher Preis- und Lobgesang, der sich an die Götter richtet – also auch an die Hockeygötter. In der Hockey-, ja, in der Sportkultur gibt es nur einen Gesang in diesem reinen, ursprünglichen Sinn des Wortes. Ambris «La Montanara». Das Lied der Berge. Im Original:

«La su per le montagne, la su per le montagne,
fra boschi e valli d'or,
tra l'aspre rupi echeggia
un cantico d'amor.
La su per le montagne
fra boschi e validor,
Tra l'aspre rupi echeggia
un cantico d'amor.

‹La montanara, ohè!›
si sente cantare,
cantiam la montanara
e chi non la sa?
La montanara ohe
si sente cantare.
Cantiam la montanara
e chinon lasa.

‹La montanara, ohè!›
si sente cantare,
cantiam la montanara
e chi non la sa?
La montanara ohe
si sente cantare.
Cantiam la montanara
e chinon lasa.

Là su frai monti
dai rivi d'argento
una capanna cosparsa di fior.
Era la piccola
dolce dimora
di Soreghina,
la figlia del Sol,
la figlia del Sol.»
«Hörst du La Montanara
Die Berge, sie grüssen dich
Hörst du mein Echo schallen
Und leise verhallen
Dort, wo in blauer Ferne
Die Welten entschwinden
Möcht' ich dich wieder finden
Mein unvergessenes Glück

Blau strahlt das Firmament
Von Ferne rauscht ein Wasserfall
Und durch die grünen Tannen
Bricht silbern das Licht
Doch meine Sehnsucht brennt
Im Klang alter Lieder
Laut hallt mein Echo wieder
Nur du hörst es nicht

Blau strahlt das Firmament
Von Ferne rauscht ein Wasserfall
Und durch die grünen Tannen
Bricht silbern das Licht
Doch meine Sehnsucht brennt
Im Klang alter Lieder
Laut hallt mein Echo wieder
Nur du hörst es nicht

Weit sind die Schwalben
Nach Süden geflogen
Über die ewigen Berge und Täler
Und eine Wolke
Kam einsam gezogen
Doch wart' ich immer
Vergeblich auf dich.»

Was «La Montanara» von allen anderen Fangesängen unterscheidet: Sie wird nicht intoniert, um die eigene Mannschaft anzufeuern. Sie ertönt nur – und wirklich nur –, wenn Ambri gewonnen hat. Und zwar exakt in dem Augenblick, in dem der Sieg feststeht. So gesehen ist es der Preis- und Lobgesang an die Hockeygötter, die Ambri einen weiteren Sieg beschert haben. Eine echte Hymne.

«La Montanara» ist also kein Triumphmarsch, wie wir ihn etwa aus der Oper «Aida» von Giuseppe Verdi kennen. «La Montanara» eignet sich nicht für Fanfarenklänge, Blasinstrumente, Kesselpauken. «La Montanara» ist eine melancholische Siegeshymne. Sie geht unter die Haut. Sie berührt alle Sinne. Nicht nur das Gehör. «La Montanara» lässt uns die Leiden erahnen, die hinter jedem siegreichen Spiel stehen. Und mahnt zugleich daran, wie viel Mühsal wartet, bis der nächste Sieg errungen ist. «La Montanara» bedeutet Stolz und Demut zugleich.

Die Nordamerikaner sagen im Sport: «It ain't over until the fat lady sings.» Der Spruch bezieht sich auf ein Opernklischee: Eine Aufführung ist erst nach dem Auftritt einer korpulenten Sängerin (Fat Lady) beendet. Auf den Sport bezogen: Das Spiel ist erst vorbei, wenn der Schiedsrichter abpfeift. Wenn die Schlusssirene ertönt. Bis dahin kann alles passieren.

Das ist höchst unromantisch. Bei Ambri ist das Spiel bereits vorbei, der Gegner besiegt, definitiv, wenn «La Montanara» ertönt. Nicht erst, wenn die Schiedsrichter das Spektakel beenden. Das kann ein paar Sekunden, in eher seltenen Fällen sogar ein oder zwei Minuten vor der Schlusssirene sein. Bis heute ist «La Montanara», soweit erinnerlich, noch nie zu früh gesungen worden.

Das bringt uns zur Frage: Wer bestimmt eigentlich den Zeitpunkt, an dem «La Montanara» angestimmt wird? Ist es vielleicht Sportdirektor Paolo Duca (41), der von seinem Platz auf der Tribüne aus ein geheimes Zeichen an die Stehrampe sendet? Er muss ja wissen, wann der Sieg sicher ist. «Nein, sind Sie eigentlich verrückt? So ist es ganz sicher nicht.» Aber wie ist es dann? «Die Fans spüren einfach, wann der Zeitpunkt gekommen ist.» Auch das gehört zum Mythos Ambri: Die Fans, die spüren, wissen, wann der Gegner besiegt ist.

Paolo Duca, Sportchef Ambri-Piotta, spricht bei der Praesentation des neuen Teams fuer die Saison 2017/18 aufgenommen in Cademario im Tessin am Dienstag, 29. August 2017. (KEYSTONE/TI-PRESS/Benedetto  ...
Nicht der Montanara-Dirigent: Ambri-Sportchef Paolo Duca.Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Bleibt noch die Frage nach dem Ursprung dieser Hymne. Ein gesichertes Datum gibt es nicht. Paolo Duca liefert eine Erklärung: «Ursprünglich haben die Fans des HC Lugano dieses Lied gesungen, um uns als Bergler zu verspotten.»

Es war also ein Schmähgesang der Fans aus dem urbanen Zentrum Lugano, um die Tapferen aus dem kargen Bergtal der Leventina zu verhöhnen. Ähnlich, wie früher die SCB-Fans manchmal während des Derbys gegen Langnau ein altes Volkslied angestimmt haben, um die Emmentaler auf dem Weg in die Niederlage zu verspotten.

«Es Burebüebli mahn i nit,
das gseht me mir wohl a, juchhe!
Es Burebüebli mahn i nit,
das gseht me mir wohl a, juche!»

Paolo Duca sagt, erst im Frühjahr 1982 – also vor gut 40 Jahren – beim Wiederaufstieg in die höchste Liga sei «La Montanara» von den Fans in Ambri übernommen worden. Das bedeutet, dass «La Montanara» ziemlich genau gleich alt ist wie der 41-jährige ehemalige Captain und heutige Sportdirektor.

Wenn das keine wahre Hockeyromantik ist! Die Fans übernehmen ein Lied, mit dem sie von ihrem bitteren Erzrivalen verhöhnt worden sind und verwandeln es in die Hymne ihres Klubs.

«La Montanara» tönte wunderbar in der alten Valascia. «La Montanara» hat die Magie in der neuen Valascia nicht verloren. Aber «La Montanara» tönt in keiner anderen Arena so wunderschön wie in der Hockeykathedrale zu Davos. Die Holzkonstruktion sorgt für eine ganz besondere Akustik, die wahrscheinlich nur noch vom Tabernakel zu Salt Lake City übertroffen wird.

Der Salt-Lake-Tempel mit dem Salt-Lake-Tabernakel (rechts).
Der Salt-Lake-Tempel mit dem Salt-Lake-Tabernakel (rechts). Bild: Shutterstock

Der Salt-Lake-Tabernakel ist ein Gebäude der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage am Tempelplatz in Salt Lake City. Der Raum bietet Platz für rund 5000 Menschen (etwas kleiner als das Hockeystadion in Davos), ist 1867 noch vor der ersten Austragung des Spengler Cups (1923) und Gründung des HC Davos (1921) fertiggestellt worden. Dieser Raum ist akustisch so konzipiert, dass ein Redner von allen Anwesenden verstanden wird, ohne dass Lautsprecher oder Verstärker verwendet werden (die es ja damals noch nicht gab).

Wer neutral ist (nicht für oder gegen den HCD) und einfach nur Hockeykultur in der reinsten Form erleben möchte, hofft inständig, dass beim Spengler Cup noch einmal «La Montanara» erklingt.

Das ist dann der Fall, wenn Ambri heute im Halbfinal den HC Davos besiegt (20:15 Uhr, live bei SRF) und in den Final einzieht. Dann gibt es sogar die Chance, dass «La Montanara» auch im Rahmen des Finals am Samstag ein weiteres Mal erklingt.

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21 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Der Siebner
30.12.2022 09:43registriert Februar 2014
Halte man von Klaus was man will. Aber das ist wunderschön geschrieben. Während dem Lesen dieses Artikels, so scheint es, kann man leise, im Hintergrund La Montanara hören…
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Nala8
30.12.2022 09:29registriert März 2022
Da hat sich LugaNO ins eigene Fleisch geschnitten😅
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marak
30.12.2022 09:55registriert April 2014
Immer wieder erfolgreich angewendet, die Beleidigung zu Vereinnahmen und in etwas Positives umzuwandeln. Glücklicherweise funktioniert das oft.
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