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Spieler Ryan Spooner an der Vorsaison-Medienkonferenz des HC Lugano auf dem Schiff

Ciao Lugano! Ryan Spooner kam erst diesen Sommer ins Tessin und ist schon wieder weg. Bild: KEYSTONE/Ti-Press

Eismeister Zaugg

Lugano, die Suche nach der Rolex auf dem Transferwühltisch und eine Verschwörungstheorie

Der kanadische Stürmer Ryan Spooner ist der grösste Ausländer-Flop der Neuzeit. Ist also der neue Sportchef Hnat Domenichelli ein Versager? Oder ist Ryan Spooner gar das Opfer einer «skandinavischen Verschwörung»?



Nicht viele neue ausländische Spieler sind mit so viel Vorschuss-Lorbeeren in die Liga gekommen wie Luganos Ryan Spooner (27).

«Ein offensiver Lauf-, Tempo-, Tanz-, Kunst- und Spektakelstürmer in den besten Jahren und fähig, auf der Fläche eines Badetuches einen Gegenspieler leerlaufen zu lassen. Der smarte Spielmacher hat nach einer Saison zwischen NHL und Farmteams eingesehen, dass die National League für ihn die bessere Bühne ist.»

So lautet ein Scouting-Report. Vor der Saison verfasst.

Immerhin hatte der Kanadier in der NHL – der besten Liga der Welt also – in 329 Partien 48 Tore und 121 Assists produziert. Und im NHL-Draft von 2010 ist er von Boston in der zweiten Runde (Nr. 45) gezogen worden. Die Scouts hatten ihm also auch NHL-Tauglichkeit attestiert.

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Highlights aus Spooners vorletzter Saison. Video: YouTube/HOCKEY UNLEASHED

Nun ist der Vertrag mit dem vermeintlichen Wunderstürmer in Lugano vorzeitig aufgelöst worden. Er kann gehen, wohin er will. Cheftrainer Sami Kapanen hatte ihn bloss zweimal eingesetzt (1 Assist). Eine solche «Nullnummer» hat es selbst in Luganos wechselvoller, von einigen Flops geprägter Geschichte der ausländischen Arbeitnehmer noch nicht gegeben.

Ryan Spooner war die erste grosse Amtshandlung des neuen Sportchefs Hnat Domenichelli. Sozusagen seine «Eintritts-Prüfung.» Wer ein Freund seines notorisch erfolglosen Vorgängers Roland Habisreutinger ist, darf jetzt sagen: «Also unser Roli hat sich keinen solchen Flop geleistet.»

«Heute würden Spieler wie Rexi Ruotsalainen, Alan Haworth oder Bykow und Chomutow in der NHL gegen zehn Millionen verdienen.»

Sven Leuenberger, Sportchef ZSC Lions

Nun ist Hnat Domenichelli (43) kein Anfänger in diesem Geschäft. Der eingebürgerte Kanadier arbeitete seit seinem Rücktritt (2014) als Spieleragent und pflegt sehr gute Beziehungen zum nordamerikanischen Spielermarkt. Wenn einer die NL-Tauglichkeit eines nordamerikanischen Spielers beurteilen kann, dann er.

Hnat Domenichelli, GM-Head Of Sports & Competitions, links, und Spieler Atte Ohtamaa an der Vorsaison-Medienkonferenz des HC Lugano auf dem Schiff

Hnat Domenichelli bei der Vorstellung von Atte Ohtamaa, einem weiteren Neuzugang Luganos. Bild: KEYSTONE/Ti-Press

Was ist da passiert? Wenn wir nun Hnat Domenichelli vor dem Hockeygericht der Unfähigkeit anklagen, dann können wir einen prominenten Mann zu seiner Verteidigung aufrufen. Sven Leuenberger (50).

Der ZSC-Sportchef ist nicht erst seit ein paar Monaten im Amt. Er ist 2006 Sportchef in Bern geworden und der amtsälteste Sportchef der Liga. Servettes Chris McSorley ist zwar länger dabei, war aber die meiste Zeit auch noch Trainer und konnte weniger Zeit im Sportchefbüro verbringen.

Darüber hinaus ist Sven Leuenberger ein interessanter Zeitzeuge der Entwicklung unseres Hockeys: Als der Nationalverteidiger 1989 in die NLA kam, gab es 22 NHL-Teams. Inzwischen sind es 31. Sven Leuenberger sagt: «Heute würden Spieler wie Rexi Ruotsalainen, Alan Haworth oder Bykow und Chomutow in der NHL gegen zehn Millionen verdienen. Es ist inzwischen wegen der grossen Nachfrage aus der NHL beinahe ausgeschlossen, solche Spieler zu verpflichten.»

Die ausländischen Spieler seien damals so gut gewesen, dass sie die Skorerliste dominierten. Was sich statistisch belegen lässt: 1990/91 taucht ein Schweizer (Peter Jaks) in den Top Ten auf. Aktuell finden wir in der NL-Torschützenliste sechs Schweizer unter den besten zehn. Die vier ersten Plätze belegen Grégory Hofmann, Pius Suter, Simon Bodenmann und Luca Fazzini.

Die Schweizer sind also viel besser geworden. Was wir auch daran sehen, dass die Schweizer inzwischen die NHL erobert haben. Als Sven Leuenberger 1989 seine Karriere in der höchsten Liga begann, spielte kein einziger Schweizer in Nordamerika.

Auch die Veränderung des Hockeys durch die strengere Regelauslegung («Nulltoleranz») spielt eine wichtige Rolle. Sven Leuenberger erklärt es so: «Lange profitierten wir davon, dass kleine, aber schnelle Spieler in der NHL keine Chance bekamen. Sie waren perfekt für uns. Inzwischen sucht die NHL den gleichen Spielertyp.»

Der ZSC-Sportchef sagt, auch das «Nachrüsten» während der Saison sei schwieriger geworden. Wenn in Skandinavien aus finanziellen Gründen hin und wieder ein guter Spieler freigeben werde, sei die KHL nicht nur finanziell eine starke Konkurrenz. «Es gibt auch KHL-Städte, in denen es sich gut leben lässt.»

«Früher bekamen wir lange Listen von Spielern und wir konnten den passenden aussuchen. So funktioniert es nicht mehr.»

Sven Leuenberger, Sportchef ZSC Lions

Trotz der Konkurrenz aus der KHL und den schwierigen Marktbedingungen geht Sven Leuenberger nicht davon aus, dass die ausländischen Spieler immer teurer werden. «Die besten Schweizer Spieler werden wegen der Beschränkung der Ausländerlizenzen immer teurer. Sie treiben die Löhne. Es ist eher so, dass wir für die ausländischen Spieler weiterhin ungefähr gleich viel ausgeben, aber für unser Geld weniger Qualität bekommen werden.»

Die Arbeit der Sportchefs ist also ganz klar schwieriger geworden. Sven Leuenberger sagt es so: «Früher bekamen wir lange Listen von Spielern und wir konnten den passenden aussuchen. So funktioniert es nicht mehr. Der Markt kommt nicht mehr zu uns, wir müssen auf den Markt gehen und versuchen, Spieler zu finden, die uns nicht angeboten werden. Das Scouting wird immer wichtiger.»

Heute werden die Teams nicht mehr um ausländische Superstars herum gebaut. Weil diese Superstars gar nicht mehr erhältlich sind. Die Sportchefs versuchen, mit ausländischen Spielern die Lücken zu füllen, für die sie keine Schweizer finden. Ausländer sind also oft hochkarätige Ergänzungsspieler. Aber auch die sind nicht einfach zu finden.

Es geht inzwischen darum, die Rolex auf dem Transferwühltisch zu finden. Im Idealfall einen Spieler, der durch verschiedene Umstände nicht den üblichen Karriereweg gegangen, dessen Potenzial unterschätzt worden oder der unter allen Radarschirmen der Talentsucher durchgeflogen ist.

Wie Garrett Roe, der nie in die NHL kam und dessen erste Destination in Europa Salzburg war. Oder wie Chris DiDomenico. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr die Verpflichtung eines ausländischen Spielers auch ein Glücksspiel sein kann.

Die SCL Tigers sind nach dem Abstieg von 2013 in eine äusserst schwierige Lage geraten. Der Verwaltungsrat ist zwar an Bord geblieben und garantiert die wirtschaftliche Stabilität. Aber das Büro des Sportchefs und des Geschäftsführers sind verwaist, Trainer Tomas Tamfal ist gefeuert und durch Bengt-Ake Gustafsson ersetzt worden und keiner der engagierten ausländischen Spieler (Juraj Kolnik, Tomas Kurka, Josef Straka) erweist sich als brauchbar. Was nun?

Tigers, Chris DiDomenico, und Fans, feiern den Einzug  fuer die Playoffs 2018/19, nach dem Meisterschaftsspiel der National League, zwischen den SCL Tigers und dem SC Bern, am Samstag 2. Maerz 2019 im Ilfisstadion in Langnau. (KEYSTONE /Marcel Bieri)

Chris DiDomenico kam aus Italien nach Langnau. Bild: KEYSTONE

Wenn im Emmental in alten Zeiten, bevor es Versicherungen gab, ein Bauer seinen Hof und all sein Hab und Gut durch ein Brandunglück verlor, halfen ihm alle im Dorf und in der Umgebung. Das Holz für den Wiederaufbau wurde gespendet, einer gab ein Kalb, ein anderer ein Rind, wiederum einer eine Kuh, ein Pferd oder einen Esel, Werkzeuge, Kleider, Möbel – von überall her kamen Dinge des Alltags und der Unglückliche bekam eine neue Existenzgrundlage.

So ist es auch bei den SCL Tigers gelaufen. Christoph Bärtschi, noch heute die gute Seele im Büro des Klubs, setzte sich an den Computer und durchforstete das Internet. Szenenkenner, die ein Herz für die Tiger haben wie die alten Emmentaler für die ins Unglück geratenen Bauern, helfen.

Die Idee: Einen Spieler finden, der in einer europäischen Operettenliga mindestens zwei Punkte pro Spiel macht. Und siehe da: In Asiago hat ein gewisser Chris DiDomenico in 31 Partien der laufenden Saison schon 72 Punkte gebucht. Einer der Verwaltungsräte setzt sich ins Auto, brettert mit dem Auto – ein Couvert in der Jackentasche – nach Italien hinunter und kauft den Kanadier frei. Chris DiDomenico wird die SCL Tigers, wie wir heute wissen, in die höchste Liga zurückführen und spielt immer noch (oder wieder) im Emmental.

Der zweite neue Ausländer kommt auch aus Italien. Doktor Dieter Knoll, der umtriebige Besitzer des HC Bozen, muss den Vertrag mit seinem französischen Nationalverteidiger Kevin Hecquefeuille gleich wieder auflösen: Er hat entschieden, seinen Ausländern die Haltung von Hunden nicht mehr zu gestatten. Weil die Wohnungen im Frühjahr nach der Heimreise wegen der Hundehaltung jeweils renoviert werden mussten.

Nun hat er seinen zwei kanadischen Ausländern verboten, die Hunde mitzunehmen. Kevin Hecquefeuille aber besteht darauf, sein Haustier mitzubringen. Ohne Hund komme er nicht. Aber Doktor Knoll kann und will keine Ausnahme machen, um den Kabinenfrieden nicht zu gefährden. Er ruft einen Bekannten in der Schweiz an, ob es denn nicht einen Klub gebe, der noch Bedarf an einem ausländischen Verteidiger habe.

So kommt Kevin Hecquefeuille zu den SCL Tigers. Weil die Langnauer schlau genug sind, bei Bozen den Lohn des Franzosen zu erfragen, zahlen sie ihm in der ersten Saison das gleiche Gehalt, das er dort kassiert hätte: 80'000 Euro brutto. Langnaus mit Abstand günstigster Ausländer der Neuzeit.

So sind die Emmentaler ohne Sportchef zu den zwei ausländischen Spielern gekommen, die sie in die höchste Liga zurückgeführt haben. Dieses Beispiel mag zeigen, wie unberechenbar, wie schwierig die Suche nach ausländischem Personal sein kann, wie verschlungen manchmal die Wege sind.

Luganos Sportchef Hnat Domenichelli hat allerbeste Beziehungen, besitzt allerhöchstes Fachwissen und er ist bei der Suche nach bestem Wissen und Gewissen und höchst professionell vorgegangen. Dabei hat er die «Nullnummer» Ryan Spooner gefunden.

ZUM BEGINN DER NATIONAL LEAGUE SAISON 2019/20 AM FREITAG, 13. SEPTEMBER 2019, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDE PORTRAITS VON SAMI KAPANEN, HEADCOACH HC LUGANO, ZUR VERFUEGUNG --- Sami Kapanen, Coach HC Lugano, portraitiert in der Garderobe der 1. Mannschaft von Lugano am 3. September 2019 in der Resega in Lugano. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Sami Kapanen gab Spooner kaum eine Chance. Bild: KEYSTONE

Die Langnauer sind – nach den Vorgaben moderner «Mänätschmänt-Strukturen» beurteilt – höchst unkonventionell, ja unprofessionell vorgegangen. Und haben zwei Volltreffer gelandet.

Jeder kann mal Pech haben wie Hnat Domenichelli. Beunruhigend wird es erst, wenn ein Sportchef mehrere Flops hintereinander verpflichtet.

Eine kleine Bösartigkeit sei mir doch noch gestattet: Liegt der Fehler vielleicht nicht nur bei Hnat Domenichelli und Ryan Spooner? Hat Cheftrainer Sami Kapanen seinem Kanadier – er ist nur in zwei Partien eingesetzt worden – ganz einfach keine Chance gegeben?

Der finnische Cheftrainer hat in seiner Mannschaft auf den Ausländerpositionen die beiden Finnen Jani Lajunen und Atte Ohtamaa sowie den Schweden Linus Klasen.

Ist Ryan Spooner am Ende gar das Opfer einer «skandinavischen Verschwörung»?

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