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Zugs Erik Thorell reagiert waehrend dem Meisterschaftsspiel der National League zwischen den SCL Tigers und dem EV Zug, am Samstag, 3. April 2021, im Ilfisstadion in Langnau. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Zugs Erik Thorell ist nicht happy. Bild: keystone

Eismeister Zaugg

«Da hätte die beste Kabinenrede des Jahrhunderts nicht geholfen»

Das absurdeste Qualifikations-Spiel seit Einführung der Playoffs endet mit einer Sensation und der wohl peinlichsten aller Niederlagen für Zug. Langnau gewinnt gegen den Tabellenführer 5:3.



Es ist eines dieser Spiele, an die man sich noch nach Jahren erinnern wird. Und wer Augenzeuge war, wird sagen: «Ja, ich war dabei. Und wo warst du …?»

Viele Augenzeugen hat es nicht gegeben. Was der Legendenbildung förderlich ist. Das Publikum ist ja von allen Darbietungen ausgeschlossen. Auch die meisten Chronistinnen und Chronisten, die hätten im Stadion sein dürfen, blieben daheim.

Nicht einmal das Zürcher Medienimperium «TX Group AG »mit der «Berner Zeitung» im Sortiment entsandte wie sonst üblich einen der grossen Chronisten. Keiner der kundigen, vertrauten Hockey-Korrespondenten wird den Leserinnen und Lesern des Leibblattes der Langnauer je aus erster Hand von diesem Hockey-Wunder an der Ilfis berichten können.

Ja, nach dem Spiel wird sich die tüchtige TV-Produktions-Crew wundern, dass erstmals seit Menschengedenken kein TV-Interview gemacht werden muss. Die Helden des Abends dürfen nicht vor die TV-Kamera treten. Den Zugern wird's recht gewesen sein. Die Einschaltquoten des Bezahlsenders «MySports», die sich ohnehin im überschaubaren Rahmen halten, dürften bei diesem Spiel sowieso auf die Verwandten und Bekannten der Spieler, der Schiedsrichter und des Kommentators geschrumpft sein.

Niemand erwartete also etwas von diesem Spiel. Es hat sozusagen im medialen Windschatten, fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden.

Verständlich: Es ist das absurdeste Qualifikations-Spiel seit Einführung der Playoffs (1986). Nie zuvor haben zwei Mannschaften gegeneinander gespielt, die durch so viele Punkte in der Tabelle voneinander getrennt sind.

Vor der Partie haben die SCL Tigers auf Tabellenführer Zug sage und schreibe 85 Punkte Rückstand. 19 der letzten 20 Partien sind verloren worden. Das vorangegangene in Lugano nach einer 3:1 Führung im Schlussdrittel durch einen geradezu historischen Zusammenbruch mit sechs Gegentreffern in einer guten Viertelstunde.

Noch schlimmer: Die SCL Tigers treten ohne einen einzigen Ausländer an. Die Zuger setzen immerhin drei ein. Und noch einmal schlimmer: Die SCL Tigers stellen mit Damian Stettler ihren Goalie Nummer drei ins Tor.

Kommt dazu: Es geht um rein gar nichts mehr. Zug steht bereits als Qualifikationssieger mit neuem Punkterekord fest. Und für Langnau wird die Saison nach der Qualifikation zu Ende sein: Es gibt keinen Absteiger. Ein Sieg der Langnauer ist nach menschlichem Ermessen eigentlich völlig unmöglich.

Noch zum Vergleich: Den bisherigen Absurditäts-Rekord hat Basel gehalten. Die Basler verlieren am 2. Februar 2008 gegen den SCB 1:5. Sie hatten vor dem Spiel auf den Tabellenführer 83 Punkte Rückstand. Aber sie setzten mit Justin Papineau, Radek Duda, Stanislav Dudec und Maxim Spiridow immerhin vier Ausländer ein und spielten mit ihrer Nummer 1 (Reto Schürch) im Tor. Und waren trotzdem ohne den Hauch einer Chance. Obwohl es darum ging, sich im Hinblick auf die anstehenden Playouts in Form zu bringen. Der Tabellenletzte Basler ist dann sang und klanglos abgestiegen und durch Biel ersetzt worden.

Wir sehen also: Den Langnauern ist die wohl grösste Qualifikations-Sensation seit Einführung der Playoffs gelungen. Wie ist das möglich?

Es gibt zwei Betrachtungsweisen. Die Erste ist die absolut neutrale, sachliche, objektive, nüchterne, unparteiische, poesielose, kühle, fantasielose. So wie es für den Chronisten üblich und Pflicht ist.

Nehmen wir also an, ein weither gereister Besucher ist da. Vielleicht der Sportminister der Mongolischen Volksrepublik, der sich auf Einladung des Bundesamtes für Sport (BASPO) ein Bild von unserem Hockey zu machen versucht.

Der Minister hat keine weiteren Informationen. Er weiss nicht, wie gut die Zuger und wie miserabel die Langnauer in den letzten Monaten waren.

Der hohe Beamte wird an seine Regierung ungefähr so rapportieren:

«Das Niveau des Schweizer Eishockeys ist sehr hoch. Die Mannschaft, die ohne ausländische Verstärkungen antritt, siegt verdient gegen das Team mit drei ausländischen Spielern, die zusammen wahrscheinlich so viel kosten wie die drei ersten Linien der Langnauer und mehr verdienen als der mongolische Hockeyverband (MOHO) während einer Saison ausgeben darf.»

Die helvetische Torhüterausbildung ist so hoch entwickelt und formidabel, dass selbst der dritte Goalie der Langnauer, erst 19 Jahre alt und fast noch ein Bub (aber nur fast), bei weitem gut genug ist, um den mit Abstand stärksten Sturm der Liga mit dem Liga-Topskorer aufzuhalten. Auch an Luca Hollenstein habe es nicht gelegen. Man habe ihm berichtet, der sei sowieso besser als der berühmte Leonardo Genoni. Er habe aber nicht nachgeprüft, ob das wahr sei.

Die Mannschaft mit den drei Ausländern (also Zug) habe schon mehr vom Spiel gehabt (42:28 Torschüsse). Aber die Langnauer hätten mindestens gleich viele sehr gute Abschlussmöglichkeiten herauskombiniert. Er habe ein schnelles, unterhaltsames Spiel mit einem verdienten Sieger gesehen.

Er gehe auch davon aus, dass beide Bandengeneräle in hohem Ansehen stehen. Er stufe die Meldungen, der Trainer der Langnauer (Rikard Franzén – die Red.) müsse Ende Saison gehen angesichts der grandiosen Verfassung der Mannschaft, als bösartiges Geschwätz und unerhörte Respektlosigkeit ein.

Alles in allem sei wohl Langnau als Spitzenteam zu betrachten. Ein typisches Siegerteam: denn nach dem ersten Gegentreffer (dem 0:1 von Sven Senteler nach 16:33 Min.) sei sofort eine Reaktion erfolgt (durch das 1:1 von Yanik Blaser nach 17:38) und dann erst recht im Schlussdrittel: lediglich 40 Sekunden nach der Resultatverbesserung von 4:1 auf 4:2 habe Langnau nur 40 Sekunden später mit dem 5:2 gekontert. Das sei typisch für ein Team, das nach zahlreichen Siegen viel Selbstvertrauen habe und sicherlich um den Meistertitel mitspielen werde. Ein typisches Siegerteam eben.

Versuchen wir nun, die Niederlage aus der Sicht der Verlierer zu erklären. Diese Sicht ist interessanter als jene der Sieger. Was wollen denn die Langnauer anderes sagen, als dass sie nie aufgegeben haben, dass die Stimmung im Team auch unter den vielen Niederlagen nicht gelitten habe, dass sie nach wie vor jeden Tag freudig zum Training oder zum Spiel kommen. Und genau das werden sie nach dem Spiel auch erzählen.

Wie aber erklärt sich Dan Tangnes die zumindest aus statistischer Sicht wahrscheinlich peinlichste Niederlage der Zuger seit der Meisterfeier von 1998?

Zugs Cheftrainer ist nach der Partie weder aufgebracht noch ratlos oder grantig. Er hat Stil. Fast scheint es, als habe er geahnt, was seiner Mannschaft im Tal der heulenden Winde widerfahren wird. Die Zuger hatten schon am 26. März bloss 5:4 gewonnen und der grosse Leonardo Genoni musste im letzten Drittel viermal den Puck aus dem Netz holen. Nach diesem Spiel hatte Dan Tangnes gesagt: «Ich habe als Trainer in Langnau noch nie einen ruhigen Abend erlebt ...»

Natürlich rühmt nun Zugs Trainer erst einmal die Langnauer. Das gehört sich so. Ein Trainer, der die Leistung des Gegners nicht respektiert, handelt höchst ehrlos.

Aber die Chronisten (die einzige Chronistin war noch mit Schreibarbeiten beschäftigt und hatte keine Zeit für Interviews) geben sich natürlich nicht mit einem Lob des Gegners zufrieden. Sie wollen schon wissen, was mit dem himmelhohen Favoriten los war.

Dan Tangnes erklärt, nach dem Erreichen des Punkterekordes sei man in ein mentales Niemandsland geraten: das letzte Ziel der Qualifikation sei erreicht worden und in Gedanken sei man bereits bei der nächsten Aufgabe. Bei den Playoffs. Ähnlich wie ein Schriftsteller, der nach Vollendung eines Werkes erst einmal, in eine Depression verfällt. Tatsächlich soll selbst der grosse Gotthelf nach Abschluss eines Meisterwerkes angeblich erst einmal eine Kunstpause eingelegt und für die nächsten paar Gottesdienste die Manuskripte der Predigten vom Vorjahr hervorgeholt haben. Und mit dem Qualifikations-Punkterekord haben ja auch die Zuger ein Hockey-Meisterwerk vollbracht.

Die Frage ist natürlich auch: Wie reagiert ein Bandengeneral, wenn er den Untergang seiner Jungs nahen sieht? Tobt er oder spricht er ihnen ruhig und bestimmt Mut zu? Dan Tangnes sagt, er habe nicht getobt. «Da hätte die beste Kabinenrede des Jahrhunderts nicht geholfen.»

Er habe in den Pausen und auf der Spielerbank an die guten Gewohnheiten gemahnt. Konzentration und Disziplin. Entscheidend sei letztlich gewesen, dass die Langnauer weniger Fehler gemacht hätten. Und sieht es letztlich als lehrreiche Niederlage zum richtigen Zeitpunkt vor den Playoffs. «Uns ist vor Augen geführt worden, wie schmal der Grat zwischen Sieg und Niederlage ist.»

Er wird künftig, wenn er Unheil kommen sieht, einfach sagen können: «Remember the night in Langnau! »Vielleicht werden die Zuger einmal sogar sagen, der Sturmlauf zum Meistertitel habe in dieser Nacht in Langnau begonnen.

Die Fehler der Zuger waren in der Tat bemerkenswert. Den spektakulärsten leistete sich Verteidigungsminister Raphael Diaz mit einem blinden Rückpass in der eigenen Zone auf den Stock von Toms Anderssons (37. Min.). Der Lette mit Schweizer Lizenz und hölzernen Händen trifft sogleich zum 3:1. Sein zweiter Saisontreffer. In diesem Augenblick wird klar, warum Zug den Vertrag mit Raphael Diaz (35.) nicht mehr verlängert hat.

Aber später macht er seinen Fehler gut und bringt mit einer fabelhaften Einzelleistung zum 3:5 die Hoffnung zurück (47.). In diesem Augenblick wird klar, warum der Verzicht auf eine Vertragsverlängerung mit Raphael Diaz (er wird nächste Saison für Gottéron verteidigen) in Zug so viel zu reden gegeben hat.

Man kann eben alles von zwei Seiten sehen. Auch beim absurdesten Qualifikationsspiel seit Einführung der Playoffs.

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