Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
SCB-Sportchefin Florence Schelling, links, und SCB CEO Marc Luethi, rechts, schauen das erste Training des neuen Trainers des SC Bern, Mario Kogler, an, am Dienstag, 1. Dezember 2020 in der Postfinance Arena in Bern. Don Nachbaur hat dem SCB mitgeteilt, dass er sein Amt als Headcoach aus persoenlichen Gruenden per sofort niederlegt. Mario Kogler, bisher Cheftrainer des U20 Elite-Teams von SCB Future, uebernimmt ad interim die Position als Headcoach. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Im Gegenwind: SCB-Sportdirektorin Florence Schelling und ihr Chef Marc Lüthi. Bild: keystone

Eismeister Zaugg

Sport gegen Krämer – was für ein Hockey-Kulturkampf im Bernbiet!

Die Langnauer investieren in die Mannschaft und holen einen Weltklassestürmer, beim SC Bern spielt der Sport hingegen keine Rolle mehr. Nie in der Geschichte hat es grössere Unterschiede in der Unternehmenskultur dieser beiden legendären Institutionen der Berner Kultur gegeben.



Es geht nicht anders. Wir müssen wieder einmal Gotthelf bemühen, um diese Geschichte erzählen zu können. Immerhin zählen die Werke des streitbaren Pfarrers zur Weltliteratur. Wer mag da einem ständig um die passenden Worte ringenden Sportchronisten verwehren, sich auf einen Dichterfürsten von Weltrang zu beziehen? Und wir werden auch noch auf ein altes russisches Sprichwort verweisen.

Gotthelfs Lieblingsthema in den Zeiten vor der Gründung der modernen Schweiz war der Kulturkampf zwischen Stadt und Land. Zwischen modernem Zeitgeist und den edlen Bewahrern der ewigen Werte. Er polemisierte gegen die Pfaffen und gottlosen Krämer aus den städtischen Gebieten. Er idealisierte den edlen, frommen Landmann im Emmental hinten, der sich im Lichte der untergehenden Sonne auf dem Läubli vom Tagwerk erholte. Die heile Welt des Annebäbeli, Vreneli, Stüdi und Lisi, des Hansli, Ueli, Joggeli und Sami. Bescheidenheit, Einfachheit und Lauterkeit. Alles wohl geordnet nach dem ewigen Gesetz des Gebens und Nehmens.

Und nun erleben wir im Hockey eine Neuauflage dieses Kulturkampfes. Die SCL Tigers haben mit Marcus Nilsson (29) bis Saisonende den besten Ausländer unter Vertrag genommen, der zurzeit auf dem Hockey-Weltmarkt erhältlich ist. Der SC Bern hingegen legt in der Krise keinerlei Wert mehr auf sportliche Konkurrenzfähigkeit und weigert sich standhaft, wenigstens einen dritten ausländischen Feldspieler zu verpflichten.

Geld ist beim SCB bisher nur ausgegeben worden, um den Operettentrainer Don Nachbaur auszuwechseln. SCB-Manager Marc Lüthi behauptet zwar, dieser Trainerwechsel sei gratis. In Tat und Wahrheit dürfte dieses Theater mehr gekostet haben als die Langnauer nun für das Engagement des letztjährigen Topskorers der schwedischen Liga bis Saisonende ausgeben (weniger als 50'000 Franken).

ARCHIVBILD ZUM RUECKTRITT VON DON NACHBAUR --- Der neue SCB Headcoach Don Nachbaur posiert waehrend ein Medientermin, am Freitag, 26. Juni 2020 in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Stand nur 12 Spiele an der SCB-Bande: Don Nachbaur. Bild: keystone

Kommt dazu, dass Präsident Peter Jakob Langnaus neuen Ausländer privat finanziert. Als der für den Sport zuständige Verwaltungsrat Karl Brügger per SMS von Sportchef Marc Eichmann zwecks Vertragsunterzeichnung ins Tiger-Büro bestellt worden war, dachte er noch, er müsse in Gottes Namen halt für die Kosten aufkommen. Und war bass erstaunt, als ihm Marc Eichmann eröffnete, Peter Jakob zahle. Nun hat Karl Brügger im kleinen Kreis versprochen, er lasse mit sich reden, wenn ein weiterer Ausländer benötigt werde.

Peter Jakob weiss, dass diese Investition in die Mannschaft politisch nicht unumstritten ist. Im Januar bekommen die Klubs Steuergelder um die Einnahmeausfälle (kein Publikum, «Geisterspiele») zu kompensieren. Darf man in solchen Zeiten Geld für Transfers ausgeben? Peter Jakob sagt: «Es ist ein Abwägen. Wir spüren eine riesige Solidarität unserer Fans und unserer Sponsoren. Wir sehen es als unsere Pflicht, dafür eine Gegenleistung zu bieten. Die sportliche Konkurrenzfähigkeit ist ein wichtiger Punkt für uns, auch gegenüber unseren Fans, Sponsoren und den TV-Partnern.»

Er folgt mit dieser Argumentation dem ewigen Gesetz des Berner Landmannes, wonach es im Leben darauf ankommt, ein Gleichgewicht zwischen «Geben» und «Nehmen» zu bewahren. In diesem Fall: Wir nehmen in diesen schwierigen Zeiten Geld von unseren Fans, von unseren Sponsoren, von unseren TV-Partnern. Also ist es unsere Pflicht, ihnen dafür auch etwas zu geben. Dafür zu sorgen, dass die Mannschaft, soweit es möglich ist, konkurrenzfähig bleibt, dass es immer noch Spass macht, unsere Spiele zu sehen – auch wenn das halt im Moment nur am Fernseh-Apparat möglich ist.

Zudem weist Peter Jakob darauf hin, dass sorgfältig mit dem Geld umgegangen werde: «Wir haben wegen der Krise im Frühjahr auf jegliche Transfers verzichtet und mit Harri Pesonen und Chris DiDomenico zwei der besten Ausländer der Liga verloren und nicht ersetzt. Deshalb erachten wir die Verpflichtung von Marcus Nilsson als sinnvolle Investition.»

Peter Jakob, Verwaltungsratspraesident der SCL Tigers, waehrend der Vorsaison-Pressekonferenz, am Sonntag, 6. September 2015, in der Ilfishalle in Langnau. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Peter Jakob, Verwaltungsratspräsident SCL Tigers Bild: KEYSTONE

Es ist auch eine Investition in die Zukunft: Durchaus denkbar, dass der schwedische Weltklassespieler, der die KHL verlassen hat und anderorts eine Spielgelegenheit bis Ende Saison suchte, seinen Vertrag verlängern wird. Wer jetzt klug investiert, wird nach der Krise besser dastehen. Transferiere in der Not, dann hast Du in der Zeit.

Gerade in einer Krise, wenn es darum geht, eigene Spieler zu entwickeln, sind in einem Sportunternehmen die Positionen des Sportchefs und des Trainers die wichtigsten.

Aus Kostengründen ist beim SC Bern mit Don Nachbaur der billigste Trainer engagiert worden und bei der Anstellung von Florence Schelling als Sportchefin spielten wohl nicht nur fachliche, sondern auch werbetechnisch-politische Gründe eine Rolle. Das Resultat ist verheerend: Der SCB ist mit der viertteuersten Mannschaft der Liga nach Verlustpunkten bereits auf den zweitletzten Platz noch hinter Langnau (!) abgerutscht, wird inzwischen vom österreichischen Juniorentrainer Mario Kogler geführt und taumelt durch die grösste sportliche Krise seit dem Wiederaufstieg von 1986. Gut, dass diese Saison der Abstieg ausgesetzt worden ist.

SCB-Manager Marc Lüthi gibt in sportlichen Dingen den Hockey-Krämer und schliesst das Engagement eines zusätzlichen ausländischen Stürmers kategorisch aus, und die Kritik an der Führung der sportlichen Abteilung hat er kürzlich mit der Bemerkung abgetan, man solle nicht so ein Theater um den Sportchef machen. Er habe vor Jahren einmal zwischenzeitlich als Manager nebenbei auch noch den Sportchef gemacht. Das war allerdings vor bald 20 Jahren. Inzwischen hat sich das Hockey zu einem recht komplexen Geschäft entwickelt.

Es ist schon etwas verwunderlich, dass der Manager der grössten Hockey-Firma Europas mit zwei Hockey-Millionären als Mitbesitzer (Mark Streit, Roman Josi) keine ausserbetriebliche Finanzierung einer ausländischen Arbeitskraft organisieren kann. Aber vielleicht verzichtet er ja wohlweislich. Weil er nach dem Trainer-Debakel ahnt, was herauskommen könnte, wenn man dieser Sportabteilung auch noch die Rekrutierung von zusätzlichem ausländischen Personal überlässt.

Ganz so wohl ist es dem SCB bei dieser Gesamtlage wohl doch nicht. Marc Lüthi inszenierte das billige Trainerwechsel-Theater (Don Nachbaur wurde dazu «motiviert», sein Amt niederzulegen, was er dann wohl nicht gratis getan hat) erst am 2. Dezember. Am 30. November ist die Frist für die Rückforderung des Saisonabi-Geldes abgelaufen. Es ist nicht ganz sicher, dass die Verzichtrate (mehr als zwei Drittel) auch angesichts der Trainer-Operette so hoch gewesen wäre. Das Prinzip «Geben» und «Nehmen» wird beim SCB verhöhnt.

Schelling und Lüthi im Interview:

Video: watson/SCB

Ein altes russisches Sprichwort sagt: «Nur reiche Leute können sich billige Schuhe leisten.» Will heissen: Investitionen in wichtige Dinge lohnen sich. Lässt man sich zu Billiglösungen verführen, kommt es einem teuer zu stehen. Wer wüsste das besser als die Russinnen und Russen, deren Schuhwerk bitterkalten Wintern trotzen muss. Aufs Hockey übertragen: Nur reiche Klubs können sich billige Trainer leisten. Weil die Folgekosten und der Imageschaden einer billigen Trainerlösung (keine Weiterentwicklung des Teams, Verpflichtung eines Nachfolgers) immens sind. Und tatsächlich lassen sich die Folgekosten für die Billiglösung Don Nachbaur für das Image und die sportliche Entwicklung beim SCB noch gar nicht abschätzen.

Nun können wir einwenden, der Chronist wolle bloss ein wenig polemisieren. Tut er nicht. Soeben hat mit Daniel Germann ein enger Vertrauter von Marc Lüthi und hoch angesehener, langjähriger zeichnender Redaktor der jeder Polemik abholden NZZ in der Sonntagsausgabe des Blattes den Zweihänder hervorgeholt. Wir zitieren:

«Nach acht Monaten als Sportchefin des SC Bern steht Florence Schelling bereits in der Kritik. Der Rücktritt des Coachs Don Nachbaur wirft die Frage auf, ob sie der Aufgabe gewachsen sei.»

Und weiter:

«Die Suche nach einem neuen Trainer war im Sommer ihre erste öffentlich wahrgenommene Aufgabe in ihrer Funktion beim SC Bern gewesen. Lüthi lobte damals den Evaluationsprozess als den besten, den er in über 20 Jahren an der Spitze des Berner Klubs erlebt hatte. Neben Anerkennung für Schelling schwang in dieser Beurteilung auch ein beträchtlicher Teil an Selbstlob mit: Schelling zu verpflichten, war seine Idee gewesen.»

Und schliesslich:

«Insider des Klubs behaupten, Schelling sei in Bern bereits mit grossen Vorbehalten empfangen worden. Mittlerweile sei Lüthi ihr einzig verbliebener Fürsprecher im SCB. Die Evaluation des Trainers war keinesfalls derart professionell vonstattengegangen, wie das Lüthi danach verkaufte. Ein einziger Anruf beim letzten Arbeitgeber im slowakischen Zvolen hätte gereicht, um auf seine zwischenmenschlichen Defizite aufmerksam zu werden, die nun zur schnellen Trennung mit ihm geführt haben.»

Wahrlich starker Tobak. Von einem, der Marc Lüthi und dem SCB nahesteht und die Situation viel besser beurteilen kann als ein aussenstehender Chronist, der es nie wagen würden, den SCB so beissend zu tadeln.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

HCD, SCB, ZSC und? Diese Klubs wurden schon Schweizer Hockey-Meister

SCB-Lüthi legt sich im «Club» mit Berner Regierungsrat an

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Eismeister Zaugg

«Fall Raffainer»: Marc Lüthis schlechter Stil kostet den SCB noch mehr Geld

HCD-Präsident Gaudenz Domenig ist stocksauer. Der vorzeitige Wechsel von Raëto Raffainer dürfte den SCB eine sechsstellige Summe kosten.

Wenn ein Klub mit einem Spieler, Manager oder Trainer verhandeln will, der bei der Konkurrenz noch einen weiterlaufenden Vertrag hat, so gibt es eine Anstandsregel: Vor dem ersten Gespräch wird beim Präsidenten angefragt, ob man verhandeln dürfe.

Was nicht geht und gegen alle Hockey-Sitten, Regeln und geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze verstösst: Verhandlungen hinter dem Rücken der Verantwortlichen. Das hat SCB-Manager Marc Lüthi getan und Davos Sportchef Raëto Raffainer in einer …

Artikel lesen
Link zum Artikel