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Eismeister Zaugg

Gottéron oder der «Fluch des Drachen im eisigen Palast der dunklen Treppen»

Kultcharakter haben bei Gottéron vorerst nur der halbfertige Tempel und das Trainerduo an der Bande. Auf dem Eis ist dringend mehr Hollywood gefragt.



Nach diesem Spiel gibt es keinen Anlass für eine Polemik. Wir dürfen für einmal tiefschürfende spielerische und taktische Analysen vernachlässigen. Gottéron verliert gegen Lugano 1:3. Die Niederlage hat keine Folgen. Der Trainer wird nicht schon wieder des Amtes enthoben. In Lugano sowieso nicht.

Grosse Hockeyunternehmen wie Gottéron bieten ohnehin mehr als nur ein Schauspiel auf rutschiger Unterlage. Der SCB hat beispielsweise vor zehn Jahren die Werbe-Ikonen Denis Jeitziner und Fritz Kobi zu einem Kriminalroman («Sudden Death») inspiriert. Lesenswert!

Luganos Torhueter Sandro Zurkirchen und Taylor Chorney, Mitte, wehren einen Angriff von Fribourgs Andrei Bykov, vorne, und Fribourgs Topscorer Viktor Stalberg, hinten, ab, im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem HC Fribourg Gotteron und dem HC Lugano, am Dienstag, 3. Dezember 2019, in der BCF Arena in Fribourg. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Gottéron konnte sich gegen Lugano nicht durchsetzen. Bild: KEYSTONE

Aber Gottéron bietet im Dezember viel, viel mehr als bloss eine Krimivorlage. Die halbfertige Arena wird ab und an als Baustelle bezeichnet. Eine Respektlosigkeit sondergleichen. Nicht einmal Steven Spielberg könnte eine solche Film-Kulisse entwerfen. Sie taugt mindestens für einen «Tatort». Eher aber für ein grosses Hollywood-Drama.

Um alle Missverständnisse auszuräumen: Alles geht bei Gottéron mit rechten Dingen zu. Es ist die die halbfertige Arena - also die Kulisse - die die Phantasie eines Besuchers mit einem Faible für Historie, Verschwörungstheorien, Literatur, Hockey und Okkultes befeuert.

Könnte allein schon die Umgebung besser sein? Nein. Die Zufahrt von der Autobahn zur Arena führt über eine Einfallstrasse, die mit Tankstellen, Fastfood-Krippen und Ladengeschäften an eine seelenlose Kleinstadt im mittleren Westen Amerikas mahnt. Aber gleich hinter der Arena sehen wir die alten Mauern des Friedhofes und nach einem zügigen viertelstündigen Fussmarsch befinden wir uns im Kern der historischen, vor mehr als 800 Jahren erbauten Stadt. Hier trifft Mittelalter auf Moderne.

Die Arena, die den Namen der Staatsbank trägt, wird erst im nächsten Herbst fertig sein. Diese Saison ist sie ein Provisorium mit dem eigenartigen, irritierenden und ein wenig unheimlichen Charme einer Raumstation kurz vor der Räumung.

Das Kernstück sind je zwei verschlungene Wendeltreppen an allen vier Ecken des Gebäudes. Das gibt es so architektonisch in keinem anderen Hockeystadion der Welt.

Diese Wendeltreppen führen paarweise bis ganz nach unten. Aber nach oben nicht beide in alle Etagen. Ein babylonisches Gewirr, das den unkundigen Besucher in die Irre führt.

Diese steinernen Treppen sind in einem düsteren schwarz und grau gehalten, das durch die schlechte Baustellenbeleuchtung noch beklemmender wirkt. Und nimmt der Besucher den Lift und drückt den falschen Knopf, landet er auf unbenutzten Stockwerken, die mit Plastikbändern abgesperrt sind, wie wir sie aus den Tatort-Krimis kennen.

Aber auch dort, wo er Zutritt hat, blickt er seitlich immer wieder in dunkle, leere Nischen und Abstellräume (wahrscheinlich vorgesehen für Verpflegungsstände). Hin und wieder trifft er in den nach aussen hin noch offenen Etagen auf Raucher, die an Zugvögel mahnen, die den Abflug nach Süden verpasst haben.

Kabel hängen von den Decken und recken wie vom Frost erstarrte Fangarme aus den Mauern. Schubkarren, Baumaterialen und Werkzeuge stehen und liegen herum. Die Baustellenlampen liefern eine Beleuchtung wie in den unterirdischen Geheimgängen eines Films von Indiana Jones.

Der Charme des Unvollkommenen und Provisorischen ist selbst in der VIP-Loge zu spüren in die der Besucher von einem alten Kumpel geführt wird. Die Kälte wird nur ein wenig von einem kleinen Elektro-Öfeli gemildert. Aber der Kaffee ist gut.

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Die Highlights der Partie. Video: YouTube/MySports Home of Sports - FR

Ganz unten, im Bauch der Arena führt der Weg zu den Kabinen um so viele Baustellen-Abschrankungen herum und durch so viele Türen wie im Overlook-Hotel aus dem Film «Shining».

Ein sensibler Besucher kommt auf den Gedanken, dass in diesem Gebäude ein Mensch für immer verschwinden könnte.

So ist es also im halbfertigen Tempel Gottérons. In Verbindung mit der Geschichte des Klubs und der Stadt liefert diese Arena die perfekte Drehbuchvorlage für eine grandiose Story. Hier hat das Eishockey Wirtschaft und Politik, ja die ganze Gesellschaft fast so tief durchdrungen wie die Katholische Kirche.

Berühmte Männer Gottérons wie René Fasel, ein Duzfreund von Wladimir Putin und NHL General Gary Bettman, haben Beziehungen in alle vier Ecken der Welt. Im Verwaltungsrat sitzt mit Slawa Bykow einer der grössten russischen Hockeyspieler aller Zeiten mit Verbindungen von Moskau bis Wladiwostok. Und der Bischof hat sicherlich gute Drähte in den Vatikan.

epa05315970 A file photograph showing Swiss, Rene Fasel, President of the International Ice Hockey Federation, IIHF, who speak to the media during a press conference at the IIHF 2016 World Championship, in Moscow, Russia, 06 May 2016. Reports on 19 May 2016 state that Rene Fasel has been re-elected as the president of the International Ice Hockey Federation for another period of four years.  EPA/SALVATORE DI NOLFI

René Fasel ist weltweit bestens vernetzt. Bild: EPA/KEYSTONE FILE

In der ganzen Finanzstruktur Gottérons und des 90 Millionen Franken teuren Umbaus des Hockey-Tempels spielt die Staatsbank eine Schlüsselrolle. Und da ist ja auch noch diese uralte, beängstigende Sage des Drachen aus dem Tal der Galtern (französisch: Gottéron), die dem Klub Namen und Wappentier liefert. Solche Vorlagen lassen sich wunderbar auch zu einem internationalen Polit-, Finanz- oder Tempelritter-Thriller verarbeiten.

Jeder nur erdenkliche Titel kommt einem im kalten, dunklen Dezember 2019 bei einem Gang durch die halbfertige «BCF Arena» in den Sinn: «Tod im Schloss der dunklen Treppen», «Die Rückkehr der Tempelritter», «Die Bankiers des Vatikans», «Harry Potter und die Kobolde des Eises» oder «Der Fluch des Drachen im Palast der dunklen Treppen».

Fribourgs Cheftrainer und Sportchef Christian Dube beobachtet neben Coach Sean Simpson das Spielgeschehen, im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem HC Fribourg Gotteron und dem HC Lugano, am Dienstag, 3. Dezember 2019, in der BCF Arena in Fribourg. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Christian Dubé bringt seine Mannschaft derzeit nicht auf Hochtouren. Bild: KEYSTONE

Es gibt nur ein Problem: Ausgerechnet in dieser inspirierenden Kulisse spielt Gottéron gewöhnliches Hockey wie seit Menschengedenken nicht mehr.

Ein bisschen mehr Hollywood auf dem Eis könnte Gottéron wahrlich nicht schaden. Zumal Cheftrainer Christian Dubé und sein Assistent Sean Simpson noch nicht die Hockey-Antwort auf Sherlock Holmes und Dr. Watson sind.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Bruno Wüthrich 04.12.2019 11:09
    Highlight Highlight An die Zaugg-Motzer unter den Kommentarschreibern:
    Ich glaube, der Eine oder Andere hat keine Ahnung, um was es eigentlich geht. Eishockey ist Teil der Unterhaltungsindustrie. Auch Watson ist Teil der Unterhaltungsindustrie. Und auch Klaus Zaugg ist Teil davon.
    Jetzt gibt es halt Eishockeyinteressierte, die fühlen sich eher durch die Analysen von Adrian Bürgler unterhalten. Andere haben es eher mit den Geschichten von KZ. Wie die Analysen von Bürgler sind auch die Geschichten von Zaugg nicht immer relevant. Aber beide finden ihre Leserschaft, die damit unterhalten wird. Und das ist gut so.
  • ubu 04.12.2019 08:26
    Highlight Highlight Es gibt die Gottéron-Krimis von Pierre Paillasse. Und die sind gut!
  • Errikson 04.12.2019 08:02
    Highlight Highlight Interessanter wäre eine Analyse darüber gewesen, warum Gottéron "gewöhnliches Hockey wie seit Menschengedenken nicht mehr" spielt, anstelle eines Baustellenbesichtigungsbericht.
  • super_silv 04.12.2019 07:59
    Highlight Highlight So von wegen gibts in keinem Stadion der Welt😂

    Die Wendeltreppen im San Siro sind wohl etwas imposanter
    Benutzer Bild
    • Darkside 04.12.2019 10:29
      Highlight Highlight "in keinem anderen Hockeystadion der Welt"
      Wusste gar nicht dass sie in der Bruchbude zu Mailand jetzt auch Hockey spielen.
  • goldmandli 04.12.2019 07:27
    Highlight Highlight "Wir dürfen für einmal tiefschürfende spielerische und taktische Analysen vernachlässigen."

    Im Gegensatz zu all deinen anderen Artikeln, gell Zaugg.
  • maylander 04.12.2019 07:24
    Highlight Highlight Der EHC Biel zeigte erspielt in Göteborg einen grossartigen 3:2 Sieg und am Tag danach erscheint ein Baustellenbericht aus Freiburg.

    • Hallo22 04.12.2019 07:52
      Highlight Highlight Was sicherlich eine gute Leistung war, aber nicht viel zu bedeuten hat. Frölunda hat im Achtelfinal das Hinspiel gegen Färjestad sogar 6:3 verloren und danach das Rückspiel 8:2 gewonnen. 1 Tor Vorsprung ist nicht viel...
    • SirG 04.12.2019 07:56
      Highlight Highlight Lies den Blick, falls du Spielberichte lesen möchtest.
    • CuJo 04.12.2019 08:52
      Highlight Highlight Diese Tatsache zeigt doch auf herrliche Art und Weise auf, dass ein Gottéron unter dem Strich die Leute bedeutend mehr interessiert als der auf dem 2. Platz liegende EHC Biel.
    Weitere Antworten anzeigen
  • miguelito71 04.12.2019 07:17
    Highlight Highlight Und was sagt uns Klaus damit? Es war sein erster Besuch in Freiburg seit Saisonbeginn :-)
  • Coffey 04.12.2019 07:05
    Highlight Highlight Klingt ein bisschen wie der Normalzustand in der alten Augustinerhalle in Fribourg. Einfach Lifte gabs da keine.
    • Gigi,Gigi 04.12.2019 21:06
      Highlight Highlight Ach was waren das noch für schöne Zeiten! On a Gagnon, on va gagner! Und noch Lussier dazu ...
  • Glenn Quagmire 04.12.2019 06:54
    Highlight Highlight nicht mal ein Filmtitel ist den chronisch titellosen vergönnt
  • Hoscheho 2049 04.12.2019 06:40
    Highlight Highlight Herr Zaugg, ich liebe Ihre Reiseberichte. Mehr davon!😄
  • Tikkanen 04.12.2019 06:38
    Highlight Highlight ...Chlöisu, dieser Beitrag ist ganz grosses Kino. Hättest du einst im glitzernden Big Apple statt im verwunschenen Tal der heulenden Winde das Licht der Welt erblickt, müsstest du daheim
    vermutlich den Pulitzer abstauben👏🏻
    U überhoupt, wenn die Sanierung der Staatsbank Arena so lottrig verläuft wie die Spielzeiten derTitellosen, wird die Halle nie fertig. Und ja, die noch dunklen Nischen mögen vielen Zwecken zugedacht sein, sicher ist nur, dass sie auf keinen Fall das nicht benötigte Pokalregal aufnehmen werden😂

    Item, Schweizermeister🐻
    • zeusli 04.12.2019 13:45
      Highlight Highlight Tikkiboy wer bezahlt schon wieder die Leuchtreklame an deinem Lieblingsstadion?
  • Couleur 04.12.2019 06:34
    Highlight Highlight Ist das ein Baustellenrapport oder sollte es eine Spielberichterstattung sein? Auf zweiteres habe ich mich eigentlich gefreut...War der Eismeister überhaupt am Spiel oder nur an einer Baustellenführung?
  • BaDWolF 04.12.2019 06:03
    Highlight Highlight Pierre Paillasse

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