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Ajoies Spieler feiern den NLB Titel 2015/16, nach dem sechsten Playoff-Finalspiel der National League B zwischen dem HC Ajoie und den Rapperswil-Jona Lakers, am Freitag, 1. April 2016, in Pruntrut. (KEYSTONE/Bist/Roger Meier)

Die Meistertruppe des HC Ajoie.
Bild: KEYSTONE/BIST

Eismeister Zaugg

Eine Meisterfeier hinter den sieben Jurabergen – und Abschied von einem «Hockey-Gott»

Und wieder Hockey-Hollywood: Steven Barras (33) beendet seine Karriere in Ajoie nach dem 4:2 gegen die Lakers mit dem NLB-Meistertitel. Biel ist gerettet – aber nicht Kevin Schläpfer.



Die hölzerne Arena in Pruntrut hat einen ganz eigenen Charme. Es ist die Valascia der Romandie. Weniger kalt. Aber hier drin wird es einem mindestens so warm ums Herz wie in Ambri. Die Akustik ist von einer ganz besonderen, einer melodischen Art. Die leidenschaftlichen Fans im ausverkauften Stadion (Fassungsvermögen 4200, aber es sind wohl mehr als 5000 da) toben nicht. Sie singen und so ist die Stimmung nie aggressiv. Vielmehr hat der neutrale Beobachter das Gefühl, auf einem akustischen Teppich getragen zu werden – es ist eine Atmosphäre, die Hühnerhaut provoziert.

40 Jahre nach der Gründung des Kantons Jura (das Schweizer Volk bewilligte den Kanton Jura im September 1976) wird hinter den sieben Jurabergen mit dem NLB-Meistertitel der grosse sportliche Triumph gefeiert. Und es ist zugleich das 760. und letzte Spiel für Kultstürmer Steven Barras. Er hat zum 4:2-Sieg drei Tore und einen Assist beigetragen. Den dritten Treffer, der letztlich den Titel bringt («Game winning goal»), hat er persönlich erzielt. Und als die Fans schon die Zeit herunterzählen, schlenzt er den Puck ins verlassene Gehäuse der Lakers.

Ajoies Steven Barras jubelt ueber sein Tor, im sechsten Playoff-Finalspiel der National League B zwischen dem HC Ajoie und den Rapperswil-Jona Lakers, am Freitag, 1. April 2016, in Pruntrut. (KEYSTONE/Bist/Roger Meier)

Der überragende Matchwinner reisst die Arme in die Luft: Klublegende Steven Barras ist an allen vier Toren beteiligt.
Bild: KEYSTONE/BIST

Das 4:2 leuchtet oben auf der Resultattafel auf. Aber offiziell bleibt es noch zehn Minuten lang beim 3:2. Wer mag sich jetzt, im Freudentaumel, noch darum kümmern, ob es ein 4:2 oder ein 3:2 ist? Die nachträgliche Anerkennung des vierten Treffers beschert Steven Barras schliesslich zum Karriereschluss einen Hattrick.

Rücktrittsgrund? Beförderung bei der Kantonalbank!

Der smarte, schnelle linke Flügel mit den magischen Händen ist wahrscheinlich der beste Schweizer Stürmer aller Zeiten, der freiwillig auf eine grosse NLA-Karriere verzichtet hat, um seiner Heimat treu zu bleiben. Jetzt zieht er sich vom Sport zurück, weil ihn die Kantonalbank befördert hat. Die grosse berufliche Karriere beginnt. 16 Jahre lang hat er für die erste Mannschaft des HC Ajoie gespielt.

Welche Verehrung dieser Spieler im Elsgau (deutsche Bezeichnung für Ajoie), in diesem Quebec der Schweiz geniesst, mag eine kleine Geste zeigen. Charly Corbat ist für das Eishockey hier, was François Lachat für die Politik ist: eine Ikone. Der erfolgreiche Unternehmer aus der Holzbranche hat den HC Ajoie 1973 gegründet und ist bis heute die Integrationsfigur dieses wundervollen Hockeyunternehmens geblieben. Er ist inzwischen über 80 Jahre alt. Das sechste Finalspiel verfolgt er vom Bürosessel im Büroraum des Stadions aus. Und der charismatische, nach wie vor temperamentvolle Gentleman trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift «Steven». Auch er ehrt den «Hockeygott» des Juras.

Der Sieg des HC Ajoie erlöst den EHC Biel. Nun gibt es keine Ligaqualifikation. Keinen Auf- und keinen Absteiger. Ajoie hat den Ruhm von zwei Aufstiegen in die NLA genossen. Aber die Früchte dieses Ruhmes waren bitter. Schulden, Zwist und Abstiege bis hinunter in die 1. Liga. Nun hat Ajoie gelernt, in der Bescheidenheit der NLB glücklich zu sein und verzichtet auf einen Aufstieg.

Biels Head Coach Kevin Schlaepfer gibt seinen Spielern Anweisungen, waehrend dem Meisterschaftsspiel in der NLA zwischen dem EHC Biel und den SCL Tigers, am Samstag, 6. Februar 2016, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Dank Ajoie: Kevin Schläpfer und seine Bieler können in die verdienten Ferien.
Bild: KEYSTONE

Bieler müssen am Samstag trotzdem leiden

Darüber freut sich Biels Sportchef und Trainerassistent Martin Steinegger. Er verfolgt das Spiel auf der Tribüne. Ausschlafen kann er nach der Rückkehr ins Unterland nicht. «Wir haben am Samstagvormittag obligatorisches Training und das fällt nun nicht aus. Wir werden die Jungs noch einmal gehörig schlauchen …». Es wird sein letzter Einsatz auf dem Eis sein. Das Amt eines Assistenten gibt er ab und zieht sich wieder auf den Posten des Sportchefs zurück.

Die Frage ist ja schon interessant: Was wäre gewesen, wenn die Lakers doch noch NLB-Meister geworden wären? Sie hatten durchaus eine Chance, dieses sechste Finalspiel zu gewinnen. Im ersten Drittel, nochmals nach dem Anschlusstreffer zum 2:1 und in einer aufwühlenden Schlussphase, als sie auf 3:2 verkürzt hatten. Aber ihre Leidenschaft, ihr Glaube an das Wunder (eine Wende in dieser Finalserie wäre ja ein Wunder gewesen) waren zu wenig stark. Eine Wende wie am Dienstag (vom 1:3 zum 4:3 n. V.) schafften sie nicht mehr. Und vor allem spielte Ajoie die taktisch beste Partie dieser Finalserie. Die Mannschaft von Gary Sheehan, diesem Arno Del Curto der Welschen, liess sich nie zu einem leichtsinnigen Sturmlauf provozieren. Der eingebürgerte Kanadier fand die Balance zwischen Offensive und Defensive. Seine Jungs behielten kühlen Kopf.

HC Ajoie Cheftrainer Gary Sheehan waehrend dem fuenften Eishockey-Playoff-Finalspiel der National League B zwischen den Rapperswil-Jona Lakers und dem HC Ajoie, am Dienstag, 29. Maerz 2016, in der Diners Club Arena in Rapperswil-Jona. (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)

Hat Ajoie zum Titel gecoacht: Gary Sheehan.
Bild: KEYSTONE

Oder hätte Ajoie Biel gefährlich werden können? Mit ziemlicher Sicherheit wäre Biel in Schwierigkeiten geraten. Denn diese Auseinandersetzung zwischen einem Klub, der viele Fans aus dem Berner Jura hat und dem HC Ajoie, dem Klub des echten Kantons Jura, wäre sehr emotional geworden.

Die Lakers beenden als NLA-Absteiger ihre erste Saison in der NLB mit dem 2. Platz – wie die SCL Tigers. Immerhin ein gutes Omen. Die Langnauer haben ja dann in der zweiten NLB-Saison nach dem Abstieg den Wiederaufstieg geschafft.

Nun ist Biel gerettet. Aber Martin Steinegger sagt, die Saison sei noch nicht vorüber. «Es ist bei uns so viel schiefgelaufen. Wir werden in den nächsten Tagen manche Sitzung haben und viele Gespräche führen.»

Eines der zentralen Themen wird sein: Gibt es eine Zukunft mit Kevin Schläpfer?

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26 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Tikkanen
02.04.2016 08:26registriert November 2014
Gute Story aus Pruntrut. Mag denen den Titel gönnen👍 Schade, dass sie nicht aufsteigen wollen😭 Das waren noch Zeiten: Aquarium Dominic im Goal, Bourquin an der blauen Linie, an der Buvette die ganze Pause anstehen und am nächsten Morgen neue Aussenspiegel und Wischerblätter in der Garage holen🤔 Lustige Leute da im Elsgau, hinter dem🌲🌲.....
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Patrick59
02.04.2016 00:00registriert January 2015
... was ich als SCB Anhänger nicht verstehe: lange Zeit galt Schläpfer als toller Trainer, der aus einem mittelmässigen Club viel herausgeholt hat.. die Fans liebten ihn und er hat für den Verein alles gegeben.. und jetzt wo es nicht so gut läuft, fallen sie über ihn her.. klar, viele fans sind so. Aber ob Biel wieder einen solchen Trainer findet der bereit ist, ein mittelmässiges Team zu übernehmen, ich weiss nicht.. keine besonders tolle Adresse für einen Trainer mit Ambitionen...
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Eismeister Zaugg

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