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Eismeister Zaugg

Kloten, eine Prügelei, «Mickey-Mouse-Ausländer» und die Entfesselung des Hockeys

Ach, endlich wieder einmal richtiges Hockey. Die Klotener unterliegen Langenthal 0:3 und ihre treusten Anhänger sind völlig zu Unrecht enttäuscht. Wo gibt es denn bessere Unterhaltung?
25.02.2019, 04:09

Jeffrey Füglister (29) ist ein Ur-Klotener und in dieser Akademie des eleganten Lauf- und Tempohockeys grossgezogen geworden. Nicht gut genug für die grosse Karriere ganz oben. Weshalb er die letzten fünf Jahre in Langenthal in der Zweitklassigkeit verbracht hat. Im Sommer ist er heimgekehrt nach Kloten und führt nun als Leitwolf die Mannschaft. Im gelben Ehrengewand des Topskorers. Beim Sieg in Langenthal (3:2 n.V) war er an zwei Toren beteiligt.

Nun steht er nach dem verlorenen Spektakel im zweiten Spiel in den Schluefweg-Katakomben. Keck hat er die Dächlikappe aufgesetzt. Solche Kopfbedeckungen mit dem Sponsorenlogo tragen heute alle Profis. So wie früher die aufmüpfigen Büetzer die «Lenin-Mütze» als Kennzeichen des echten Proletariers.

Jeffrey Füglister
Jeffrey FüglisterBild: KEYSTONE

Und hier, wo früher über spielerische Feinheiten geredet wurde wie an einer Hockey-Universität – Kloten war in den 1990er Jahren eines der taktisch besten Teams ausserhalb der NHL und gewann vier Titel in Serie – interessieren sich die Chronisten für eine Prügelei. So etwas wäre früher ein Frevel ausserhalb jeder Vorstellungskraft gewesen.

In der 52. Minute wird Jeffrey Füglister nach einer vaterländischen Prügelei mit Toms Andersons (der lettische Nationalstürmer mit Schweizer Lizenz wird nächste Saison sein Glück in Langnau suchen) mit zwei plus fünf Minuten bestraft und unter die Dusche geschickt.

Als schliesslich alle in die Prügelei involvierten Kerle abgeurteilt sind, ist das Resultat aller Additionen und Subtraktionen ein Powerplay für Langenthal in der Länge von zwei Minuten. Damit ist die Entscheidung gefallen. Es steht 0:2 und die Klotener haben ihren Topskorer für den Rest der Partie verloren.

Jeffrey Füglister schildert die wilde Szene so: er sei von mindestens drei Langenthalern am Trikot zurückgerissen worden, als er an einen Abpraller ranwollte. Er habe sich umgedreht und gerade noch gesehen wie sich Andersons hinter dem Rücken des Schiedsrichters verstecken wollte. Er habe er ihn wieder hervorgeholt und gepackt. Der Restausschluss sei eigentlich ungerecht. Obwohl er die Handschuhe habe fallen lassen. «Steht nicht irgendwo im Reglement, dass es im Falle von Selbstverteidigung nur zwei Minuten gibt?» Nun, der Begriff «Selbstverteidigung» ist in diesem Falle schon etwas gesucht. Es wäre höchstens eine heftig provozierte Selbstverteidigung.

Philippe Rytz (stehend)
Philippe Rytz (stehend)Bild: KEYSTONE

Schade, dass der böseste der Bösen nicht eingreifen konnte. Philippe Rytz (34), einst in der höchsten Liga für mehr als 100 Strafminuten pro Saison gut, sass auf der Tribune eine Sperre ab, die er sich in der ersten Partie am Freitag eingehandelt hatte. Es dürfte ihn ordentlich in den Fäusten gejuckt haben.

Wenn also in Kloten eine Prügelei mehr interessiert als alle taktischen und sonstigen Finessen, dann ist etwas passiert. Fast ein Kulturschock. Und das war es in der Tat.

Ach, endlich wieder richtiges, uriges, wildes Hockey, befreit aus taktischen Fesseln und dem Korsett einengender Disziplin. «Pausenplatz-Hockey» im besten Sinne des Wortes. Wobei das Spiel der Langenthaler schon eine gewisse Struktur hatte. Vor allem im Powerplay.

Oberhalb der Tribüne haben die langjährigen Anhänger des EHC Klotens während des Spiels und vor allem während den Pausen gelästert. Nicht nur zwei wie Statler und Waldorf in der Muppet-Show. Sozusagen eine Galerie voller Statlers und Waldorfs. Das sei doch kein Hockey und kein Niveau hiess es. Dieses wirre Spiel zeige, dass der Trainer gewechselt werden sollte. Ganz schlimm seien die zwei «Mickey-Mouse-Ausländer.» Und überhaupt: das sei «Nati-Bee-Hockey».

Ach, die Herren wissen den Wert guter Unterhaltung nicht zu schätzen. Wer sich diese Saison zu oft das wohlgeordnete, sterile taktische SCB-Designerhockey zugemutet, wer zu viel Heinz-Ehlers «Maschinen-Hockey» gesehen hat, reibt sich erfreut die Augen. Endlich wieder richtiges, uriges Hockey.

Verteidiger laufen mit der Scheibe übers halbe Feld, statt sofort abzuspielen und riskieren auch mal ein Dribbling. Es gibt freie Räume für Soli, reichlich Zeit, um mit der Scheibe Kunststücke aufzuführen. Torchancen im Halbminutentakt. Da wird auch mal nach Fehlpässen oder um ein Zuspiel «abzubeissen» nach der Scheibe gehechtet wie einst Boris Becker nach den Tennisbällen. Einmal mehr zeigt sich: Stellungs- und sonstige Fehler führen mehr zu den spektakuläreren Gegenstössen, als monatelang eingeübte Spielzüge.

Über den wilden, hin- und herwogenden und tobenden Elementen stehen wie Leuchttürme die zwei exzellenten Torhüter. Joren van Pottelberghe, der flinke, tanzende Riese (191 cm) bei Kloten und Philipp Wüthrich, der coole Blocker bei Langenthal.

Joren van Pottelberghe im Nati-Dress
Joren van Pottelberghe im Nati-DressBild: AP/The Canadian Press

Der neutrale Beobachter denkt: warum gibt eigentlich der SCB seinem ehemaligen, erst 21-jährigen Elitejunioren-Goalie keine Chance? Wie um alles in der Welt konnte Arno Del Curto Joren van Pottelberghe die Tauglichkeit für die höchste Liga absprechen?

Beste, allerbeste Unterhaltung wird geboten. Langenthal hat die erste Partie daheim in der Verlängerung 2:3 verloren. Nun gewinnen die Oberaargauer in Kloten 3:0 und am Mittwoch beginnt es beim Stande von 1:1 in Langenthal wieder von vorn.

Nach der Partie fragt natürlich keiner der Chronisten André Rötheli, ob er die Jungs eigentlich im Griff habe. Solche Frivolitäten verbietet schon der Respekt vor dieser grossen Hockey-Persönlichkeit. Er hätte sich allerdings ab solchen Frechheiten nicht aus der Ruhe bringen lassen. Cool wie es seine Art ist, sagt er, anders als im ersten Spiel sei man anfänglich nicht bereit gewesen und die geschlossene Mannschaftsleistung habe gefehlt. «Aber wenn uns das erste Tor gelungen wäre, dann hätten wir eine andere Partie gesehen.»

Doch das Thema Ausländer brennt halt schon unter den Fingernägeln. Einer der altgedienten, in der Diplomatie geübten Chronisten spricht das Thema schüchtern an. So wie man ganz, ganz vorsichtig einen Löwen am Schwanz zieht und stellt fragend fest: «Aber die Ausländer haben in diesen Playoffs noch keinen Skorerpunkt gebucht…»

Was wahr ist, ist halt wahr. Lauri Tukonen (32) ist ein hüftsteifer Haudegen, der auf den Banden entlang seinen Gegenspielern nicht mehr zu enteilen vermag. Auf der anderen Aussenbahn ist der Amerikaner Jack Combs (31) nie besser als das einheimische Personal. Präsident Hans-Ueli Lehmann wäre es um seine SVP-Seele ganz warm geworden, wenn er seine eigenen Leute über die Untauglichkeit der ausländischen Arbeitskräfte hätte spotten hören.

André Rötheli
André RötheliBild: KEYSTONE

Doch der kluge André Rötheli tappt nicht in die Falle. Er sagt lediglich: «Es ist ein Mannschaftssport». Die Ausländer zu kritisieren kommt für ihn gar nicht in Frage. Denn das wäre gegen Sportchef Felix Hollenstein gerichtet. «Fige» ist sein langjähriger Freund, dem er den Job in Kloten verdankt.

Die spielerischen Nonvaleurs aus Finnland und Amerika, von den treuen Kloten-Anhänger als «Mickey-Mouse-Ausländer» abqualifiziert, eröffnen eigentlich Trainer André Rötheli ungewöhnliche taktische Varianten: er könnte die beiden als Provokateure einsetzen und Ausschlüsse und Sperren in Kauf nehmen ohne dadurch die Schlagkraft seiner Mannschaft zu schwächen.

Item, die Langenthaler haben die besseren Ausländer. Der alte Brent Kelly (37) ist noch immer ein schlauer Fuchs und der tapfere Pascal Pelletier, einst Captain von Langnaus Playoffteam von 2011, ist ein exzellentes, komplettes «Workhorse» für alle Situationen. Die beiden Kanadier hatten bei vier der fünf Tore ihres Teams in dieser Viertelfinalserie die Stöcke im Spiel.

Der «Strichkampf» in der höchsten Liga dominiert natürlich die Schlagzeilen. Aber die beste Unterhaltung bietet die Viertelfinalserie zwischen dem SC Langenthal und dem EHC Kloten. Auch deshalb, weil die Langenthaler nur zu gut wissen, wie sie Jeffrey Füglister provozieren können.

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