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Lugano strauchelt gegen den ZSC.
Lugano strauchelt gegen den ZSC.
Bild: KEYSTONE
Eismeister Zaugg

Luganos Don Quichotte und seine Hockey-Diebe unter Palmen

Lugano verliert in Zürich eine Schicksalspartie, weil es Operetten-Hockey spielte. Trainer Greg Ireland (53) unterliegt einem fundamentalen Irrtum, der ihn den Job kosten kann.
09.01.2019, 09:14

Der meisterliche Titan taumelt auf den Abgrund einer schweren Krise und eines Trainer-Amtsenthebungsverfahrens zu. Lugano führt nach knapp neun Minuten im Hallenstadion 2:0. Aber das Startfurioso ist schnell verklungen und mündet in Operetten-Hockey. Am Ende siegen die ZSC Lions 7:4 (1:2, 3:1, 3:1).

Operetten-Hockey? Eine andere Bezeichnung wird diesem disziplinlosen Freistilhockey nicht gerecht. Haben je so bewährte Grossmeister der Defensive wie Alessandro Chiesa in einem so wichtigen Spiel so nachlässig verteidigt? Haben je so begabte Stürmer wie Grégory Hofmann oder Linus Klasen ihre defensiven Pflichten so vergessen? Wahrscheinlich nicht.

Der Vorjahresfinalist hat nun in den letzten drei Partien 17 Tore kassiert und ist auf dem besten Weg, die Playoffs zu verpassen.

Aber wenn sie so klug spielen würden wie sie reden, dann wären sie Titelanwärter. Der kanadische Stürmer Maxim Lapierre redet, als sei die Eishockey-Antwort auf Rocky. Niemals gebe man auf und man werde um die Playoffs kämpfen bis zur letzten Sekunde. Das kann ja heiter werden.

Den ganz grossen Auftritt aber hat sein Trainer Greg Ireland. Das muss man ihm lassen: Der Mann hat Klasse. Während sein Sportdirektor Roland Habisreutinger, dieser «Master of Disaster» davonschleicht, stellt sich der Kanadier den Chronisten. Ich habe in den letzten 30 Jahren nie eine bessere und unterhaltsamere Performance eines Verlierers gesehen.

Luganos Trainer sucht nicht nach Ausreden. Er wettert nicht gegen die Schiedsrichter. Obwohl er dazu Grund gehabt hätte. Keine Paranoia. Keine Verschwörungstheorien. Nein, er analysiert Luganos Hockeykultur so schonungslos und schmerzhaft wie es noch nicht einmal ein boshafter Chronist vermöchte.

Er spricht gar von Diebstahl. Ja, mehrmals fällt das Wort. Es sei Diebstahl, mit solchen Leistungen den Lohn einzukassieren. Luganos Hockey-Diebe unter Palmen! Welch wunderbares Bild! Grande Greg.

Fragen nach dem Defensivsystem wischt er weg. Die Grundlage sei Disziplin und harte Arbeit und auf dieser Basis funktioniere jedes System. Aber diese Grundlage fehle.

Immer wieder betont er das «wir». Er nimmt sich selbst nicht aus der Verantwortung und sagt in entgegenkommende Höflichkeit, er sei nicht Scotty Bowman. Er prangert die Rockstar-Mentalität an. So muss Luther einst den Ablasshandel der Katholischen Kirche gebrandmarkt haben. Ja, das Wort Rockstar fällt mehrmals. Welch herrliche Ironie! Der Vater des schwedischen Schillerfalters Linus Klasen, der wie kein anderer dieses Rockstargehabe personifiziert, ist tatsächlich in Schweden ein berühmter Rockstar.

Greg Ireland appelliert an Werte wie Ehrlichkeit, Leidenschaft, Ehre und Stolz. Er legt dar, wie er versuche, eine «Blue-Collar-Mentalität» ins Team zu bringen. Ein Schuss zu blockieren sei so ehrenhaft wie einen Gegenspieler auszutanzen. Und mehrmals macht er sich in einer Pantomime lustig über die Art und Weise, wie sich seine Jungs jeweils auf dem Eis nach Siegen von den Fans verabschieden. Ach, welch grossartige Unterhaltung!

Mit jedem Wort hat Greg Ireland recht. Der kluge, belesene Mann mit einem abgeschlossenen Wirtschaftsstudium und Absolvent von Psychologie-Fernkursen an der Prestige-Universität von Cornell hat wie niemand vor ihm die Ursachen der sportlichen Tragik Luganos erkannt und in Worte gefasst. Und immer bleibt er artig, korrekt, beinahe gelassen. Ja, mit seiner leisen Melancholie mahnt er mich ein wenig an einen Victor Giacobbo ohne Brille.

Kein Wutausbruch wie bei Bayern-Trainer Giovanni Trapattonis Wutausbruch vor 21 Jahren («Ich habe fertig!»). Leider. Selbst als er einen vorwitzigen Chronisten in die Schuhe stellt («Sie haben Lugano ja erst einmal ausserhalb von Langnau gesehen») bleibt er taktvoll.

Die legendäre Wutrede von Giovanni Trapattoni.

Der neutrale Zuhörer denkt: Wenn einer so klar erkennt, woran es fehlt – warum kann er dann das Problem nicht lösen? Und damit sind wir bei der Tragik des Eishockeytrainers Greg Ireland angelangt.

Der Chronist stellt sich vor, welches Beben die Hockeyfirma Lugano heimsuchen würde, wenn einer wie Kari Jalonen, Bob Hartley, Marc Crawford oder der Arno Del Curto der besten Jahre so reden würde. Atemlos würden alle an ihren Lippen hängen, die Spieler in sich gehen, ihre ganze Berufseinstellung überdenken und geläutert zum ersten Titel seit 2006 stürmen.

Aber Greg Ireland hat kein Charisma. Er ist ein freundlicher, kluger, unscheinbarer kleiner Mann. Eher Soldat Schweijk als Napoléon. Er hat bloss eine intellektuelle Autorität. Aber die hilft ihm in diesem archaischen Sport der rauen Kerle je länger je weniger. Einer wie er kann wahrscheinlich nicht dauerhaft Männer führen, die fürstlich honoriert werden, um zu spielen. Nicht um zu arbeiten.

Am 17. Januar 2017 hat Greg Ireland die Mannschaft von Doug Shedden übernommen. Er erlöste die Spieler vom ungeliebten, parteiischen kanadischen Poltergeist. Und es schien lange Zeit, als könnte es ihm gelingen, den «Hockey-Dieben unter Palmen» Bescheidenheit zu lehren. Im letzten Frühjahr führte er Lugano ins Finale.

Aber jetzt, im Rückblick erkennen wir, dass da bereits die Götterdämmerung seiner Autorität begonnen hatte: Lugano verliert das 7. Finalspiel auf eigenem Eis gegen die ZSC Lions 0:2. Den schwefligen Mief dieser dramatischen Niederlage hat der Coach nicht mehr aus den Kleidern gebracht. Wer im Finale einen 1:3-Rückstand aufholt und dann die 7. Partie auf eigenem Eis «zu null» verliert, ist ein Versager.

Greg Ireland: Hilflos nach der Niederlage im Hallenstadion.
Greg Ireland: Hilflos nach der Niederlage im Hallenstadion.
Bild: KEYSTONE

So klug Greg Irelands Analyse, so treffend seine Worte auch sein mögen – er unterliegt einem fundamentalen Irrtum, der ihn den Job kosten kann. Der HC Lugano ist «grande». Eine «Blue Collar-Mentalität» in die Kultur dieser grossen Hockeyfirma zu bringen ist ein so hoffnungsloses Unterfangen wie eine Investment-Bank in eine Spar- & Leihkasse zu verwandeln.

Der HC Lugano muss «grande» sein. Glamour, grosse Namen, Rockstar-Mentalität, Champagner und Exzellenz gehören nunmal so zu Lugano wie «La Montanara» zu Ambri. Und je mehr sich Lugano in der Hockeyseele von Ambri oder Langnau unterscheidet, desto besser.

Greg Ireland wird beim Versuch, Luganos glamouröse, schillernde Kultur zu verändern zum Don Quichotte der Hockeytrainer. Der spanische Landedelmann aus dem weltberühmten Roman von Miguel de Cervantes hielt sich für einen edlen Ritter, kämpfte aber bloss gegen Windmühlen und attackierte Hammelherden, die er für Ritterheere hielt.

Will Lugano wieder «grande» werden, muss es sich zu seiner Hollywood-Kultur bekennen und wieder die besten Spieler und die teuersten Ausländer verpflichten. Das Gerede von Bescheidenheit muss aufhören. Was sollen eigentlich Transfers wie Sandro Zangger und Dominic Lammer? Eben.

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Vor allem aber braucht eine grosse Hockeyfirma wie Lugano endlich wieder einen grosse, charismatischen Bandengeneral vom Format eines Kari Jalonen, Bob Hartley, Marc Crawford oder Arno Del Curto der besten Jahre.

Der letzte grosse Bandengeneral unter Palmen war Larry Huras im Abendrot seiner Karriere während der Saison 2005/06. Aber er musste im Playoff-Viertelfinale gefeuert und durch Harold Kreis ersetzt werden, um Lugano den bisher letzten Titel zu bescheren. Den Trainer alle zwei Jahre oder noch öfter feuern? Egal. Geld ist ja kein Problem. Rocken muss es in der Resega.

Wer Greg Irelands grossen Auftritt im Hallenstadion erlebt hat, kann verstehen, warum Präsidentin Vicky Mantegazza den Herzenswunsch hat, diesen zuvorkommenden Trainer bis zum Vertragsablauf Ende Saison im Amt zu halten. Und wer weiss, vielleicht gelingt es ihm ja, seine Jungs wenigstens dazu zu bringen, am nächsten Freitag auf eigenem Eis die ZSC Lions zu demütigen.

Aber ein paar Siege genügen nicht, um eine dauerhafte Wende in dieser «Hockey-Lindenstrasse» herbeizuführen. Diese nunmehr 12 Jahre andauernde Serie mit immer neuen Folgen dramatischen Scheiterns, pathetischer Neuanfänge und gutgemeinter, aber naiver Richtungswechsel kann nur mit einem grossen Trainer beendet werden. Und einer hartherzigen Präsidentin.

So lange die Spieler hinter dem Rücken des Trainers Vicky Mantegazzas Ohr haben, so lange ist jeder Trainer in Lugano verloren. Sei er nun Don Quichotte wie Greg Ireland oder Gustav Mannerheim wie Kari Jalonen oder verrückt wie der Arno Del Curto der besten Jahre.

Wie lange steht Greg Ireland noch in Lugano an der Bande?

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