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Der HC La Chaux-de-Fonds behauptet in der heimischen Patinoire des Mélèzes seine Vormachtstellung in der NLB. (Archivbild)

Der Glanz früherer Tage ist in der Patinoire des Mélèzes längst verblasst.  Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Eishockey in La Chaux-de-Fonds – eine Zeitreise zu den Ruinen des Ruhmes

Längst ist der einstige Serienmeister HC La Chaux-de-Fonds von der grossen Bühne verschwunden. Aber die letzte ganz grosse Dynastie unseres Hockeys vermag auch in der zweithöchsten Liga zu faszinieren.



Michel Turler! Vor dem Einlaufen pflegte er den Helm sorgsam auf der Spielerbank zu deponieren. Sein fein frisiertes Haar wehte beim Aufwärmen im Fahrtwind. Einer der elegantesten Schweizer Spieler aller Zeiten. Das ist eine meiner frühesten Hockey-Erinnerungen.

Bild

Michel Turler (r.) mit seinem wehenden Haar. bild: rjb.ch

Der grosse HC La Chaux-de-Fonds ist bis heute unerreicht geblieben. Sechs Titel in Serie. Man muss die Zahlen nacheinander schreiben, um die ewige Grösse dieses Hockeyunternehmens zu erfassen: Meister 1968, 1969, 1970, 1971, 1972 und 1973. Im Hockey (nicht im Fussball!) von heute unvorstellbar.

Gruppenbild des Eishockey Schweizermeisters HC La Chaux-de-Fonds mit Pokal, vom 19. Januar 1972. Zum fuenften aufeinanderfolgenden Mal konnte der HC La Chaux-de- Fonds am Dienstag den Pokal des Schweizer Meisters entgegennehmen. Dies nach einer Saison, in der die Bergler von ihren Rivalen nie gefaehrdet wurden und erst eine Niederlage einstecken mussten. (KEYSTONE/Str) ===  ===

Der HC La Chaux-de-Fonds war um 1970 das Mass aller Dinge im Schweizer Hockey. Bild: KEYSTONE

Das wunderbare Dress war eine Kopie des Emblems und der Farben der Montreal Canadiens. Spielertrainer Gaston Pelletier hatte die Idee. Der HC La Chaux-de-Fonds, die eidgenössische Antwort auf die Montréal Canadiens. Michel Turler die Antwort auf Guy Lafleur, Gérald Rigolet der Ken Dryden aus dem Jura und Gaston Furrer eine Westentaschen-Version von Serge Savard.

Nur ein Zufall der Geschichte, dass auch die Montréal Canadiens ihre letzte Dynastie in den 1970er Jahren mit den Stanley Cups von 1976, 1977, 1978 und 1979 hatten? Leider, leider darf La Chaux-de-Fonds die Farben der Canadiens nicht mehr tragen. Die Kanadier haben interveniert.

Reise in die Vergangenheit

Was ist geblieben vom ewigen Ruhm? Eine Reise hinauf nach La Chaux-de-Fonds ist eine Zeitreise. In die Ruinen des Ruhmes. Die Fahrt ist jetzt nicht mehr so beschwerlich wie damals in den 1970er-Jahren. Von Neuenburg führt eine Autobahn hinauf. Oben ist es bitter kalt. Schnee liegt in der Stadt. Eiskalter Wind. Tiefer Winter. Minus 6 Grad. Mindestens.

Patinoire Les Mélèzes La Chaux-de-Fonds

Patinoire des Mélèzes ist mehr Provisorium als moderne Eishalle. Bild: Google Maps

Die Zeit ist stehen geblieben. Noch immer werden die Autos in den Quartierstrassen parkiert. Auch wenn gegen NLB-Meister Langenthal 1853 Fans kommen – wer erst eine Stunde vor Spielbeginn hier ist und sich nicht auskennt, braucht mindestens eine Viertelstunde, um irgendwo einen Platz für seine Benzinkutsche zu finden. So war es schon in den 1970er Jahren.

Der Trainer heisst wieder Pelletier. Serge Pelletier. Er kommt wie der legendäre Gaston Pelletier aus Montréal, und auch er hat inzwischen den Schweizer Pass bekommen. Verwandt sind die beiden nicht. Gegen Langenthal steht Serge Pelletier (ex Fribourg, Zug und Ambri) erstmals an der Bande.

ARCHIV --- HC Ambri-Piotta Cheftrainer Serge Pelletier waehrend dem Eishockey-Meisterschaftsspiel der National League A zwischen den Kloten Flyers und dem HC Ambri-Piotta am Dienstag, 13. Oktober 2015, in der SWISS Arena in Kloten. Der Tabellenletzte Ambri-Piotta nimmt einen Trainerwechsel vor. Die Leventiner entliessen am 25. Oktober 2015 Serge Pelletier und gaben die Verpflichtung von Hans Kossmann als neuen Coach bekannt. Der ehemalige Trainer von Fribourg-Gottéron unterschrieb mit Ambri einen bis zum Ende der Saison 2016/17 gueltigen Vertrag.  (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)

Serge Pelletier ist der neue Bandengeneral des HCC. Bild: KEYSTONE

Der Groove der guten alten Zeit

Der Hockeytempel hat inzwischen den freundlichen Charme eines ewigen Provisoriums. An allen Ecken und Enden ist ein bisschen an- und umgebaut worden. Logen aus billigem Holz über den Sitzplätzen auf der Längsseite. Werden die Türen zugeknallt, fällt wohl alles auseinander. Hier oben wird sogar in einer Art Feldküche Fondue gekocht. Brandschutzvorschriften sind etwas für Warmduscher.

Die Patinoire des Mélèzes ist eine der letzten Arenen mit wahrem Charakter und dem Groove aus der Zeit, als die Erde noch eine Scheibe, das Fernsehen schwarz-weiss und Eishockey eine reine Leidenschaft war. Ein Hybridstadion zwischen Funktionalität und Museum. Eine Ruine des Ruhmes.

Bild

Moderne Tribünen sehen wahrlich anders aus. bild: screenshot youtube

Hier wird Eishockey noch gelebt. Auch durch das Maskottchen. Eine freundliche, fleissige Biene. Es nimmt zwischendurch den Bienenkopf ab, setzt sich mit gefalteten Flügeln auf eine Bank und spielt mit dem Handy.

Patinoire Les Mélèzes La Chaux-de-Fonds

Der Fan-Shop des HCC. Bild: Google Maps

Wer gut hinschaut, zwischen den Streben, Werbetafeln und Werbebannern hindurch, entdeckt die Leibchen mit den zurückgezogenen Nummern. Ach, es sind noch die wunderbaren in den Farben der Montreal Canadiens: Die Nummer 10 von Michel Turler, die Nummer 17 von Gaston Pelletier, die Nummer 2 von René Huguenin, die Nummer 14 von Guy Dubois. Ja, hier hängt die Arbeitskleidung wahrer Helden unter dem Dach.

Der Captain des Eishockey Schweizermeisters HC La Chaux-de-Fonds Rene Huguenin stemmt im Januar 1971 den Pokal in die Hoehe. Zum vierten aufeinanderfolgenden Mal konnte der HC La Chaux-de-Fonds den Pokal des Schweizer Meisters entgegennehmen. (KEYSTONE/Str) ===  ===

René Huguenin präsentiert 1971 den Meisterpokal. Bild: KEYSTONE

All das passt zum HC La Chaux-de-Fonds. Seit der Klub im Jahre 2001 die höchste Liga nach 1980 und 1998 zum dritten Mal verlassen hat, ist das ruhmreiche Hockeyunternehmen sportlich eine ewige Baustelle.

Eine Rückkehr in die höchste Liga ist im Zeitalter des Hockey-Kapitalismus keine Option mehr. Ein Budget von über 5 Millionen ist nicht mehr realistisch. Das höchste Glück wäre ein NLB-Titel im Frühjahr 2019 zum 100-Jahre-Jubiläum. Aber das wird schwer. Letztmals erreichten die Neuenburger 2009 das Finale und jetzt geht es nach dem Trainerwechsel erst einmal um die Rückkehr zur sportlichen Stabilität und eine sichere Qualifikation für die Playoffs.

Brotloses Champagner-Hockey

Aber der HC La Chaux-de-Fonds lebt. Die Leidenschaft brennt. Gerade weil die Playoffs Jahr für Jahr ewiges Scheitern bringen, gilt: hier sehen wir das letzte wahre welsche Team, das noch die längst untergegangene Tradition des brotlosen Champagner-Hockeys pflegt. Es ist wie das Parfum des alten Ruhmes und passend dazu der General Manager. Der freundliche, charmante und weit gereiste Selbstdarsteller Gérard Scheidegger (52), ehemals Bürogeneral in Biel, Davos, Langnau und Lausanne. Einer der verkannten, grossen Macher unseres Hockeys. Immer wenn er einen Klub verlassen hat, ging es dort aufwärts. Vielleicht ja auch einmal in La Chaux-de-Fonds.

Terry Yake, gauche, le nouvel etranger du LHC regarde avec Gerard Scheidegger, directeur general du LHC,  depuis les tribune le match de National League B, LNB, du championnat suisse de hockey sur glace, entre le Lausanne HC, LHC, et le HC Turgovie,  ce mardi 21 octobre 2008 a la patinoire de Malley a Lausanne. (KEYSTONE/Dominic Favre)

Gérard Scheidegger (r.) 2008 im Gespräch mit Terry Yake. Bild: KEYSTONE

Das Team führt auf dem Eis ein Sohn aus der Stadt. Loic Burkhalter (35). Nach einer Tour des Suisse (Ambri, Lakers, Langnau, Davos, Biel) spielt er jetzt wahrscheinlich sein bestes Hockey. Er ist noch etwas langsamer geworden. Mehr Stehgeier als Durchreisser. Aber er dominiert alle drei Zonen in lichten Momenten als Center wie es nur grosse Spieler vermögen, und er wird im Penaltyschiessen gegen NLB-Meister Langenthal souverän treffen. La Chaux-de-Fonds gewann mit 4:3 nach Penaltys.

Vorläufig amtiert noch Christian Weber (53) als Sportdirektor. So etwas wie ein Roland Habisreutinger des armen Mannes, aber mit viel Hockey-Verstand. Einer der grossen Stürmer der 1980er- und 1990er-Jahre. Meister mit Davos, als Trainer mit den ZSC Lions im Finale. Aber seit «sein» Trainer Alex Reinhard gescheitert und gefeuert ist, schwillt die Polemik an. Zumal der Zürcher der welschen Sprache nicht mächtig ist und mit den Chronisten, die nicht Deutsch verstehen, in Englisch parliert. Schon der Turmbau zu Babel ist am Sprachproblem gescheitert.

Der Thurgauer Cheftrainer Christian Weber, waehrend der ersten Runde des Swiss Ice Hockey Cup zwischen Hockey Thurgau und dem HC Davos am Mittwoch, 1. Oktober 2014, im Stadion Guettingersreuti in Weinfelden. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Christian «Chrigel» Weber wurde mit en ZSC Lions 2000 und 2001 Schweizer Meister. Bild: KEYSTONE

Inzwischen sind zehn Spieler im Team Deutschschweizer. Durchwegs solche, die nicht mehr gut genug sind für die höchste Liga. Aber bei weitem gut genug, um die zweithöchste Liga zu prägen. Wie Torhüter Tim Wolf. Und wie der Spieler, der die Partie mit dem zweiten, verwerteten Penalty entscheidet und alleine mit seinem Namen noch einmal die Erinnerungen an die 1970er-Jahre aufleben lässt. Simon Sterchi (23). Sein Vater Christoph Sterchi ist Sportchef beim staatstragenden Radio und sein Grossvater Max Sterchi war als TK-Chef der Architekt jenes grossen SCB, der im Jahre 1974 mit einer Wucht, Kraft, Taktik und spielerischer Klasse die Dynastie des grossen HC La Chaux-de-Fonds zerstört hat.

Ausgerechnet ein SCB-Sterchi im Jahre des Herrn 2017 als Held des HC La Chaux-de-Fonds. Das hätten sich damals Michel Turler und Co. wahrlich nicht vorstellen können.

Der Schweizer Eishockey-Meisterpokal im Wandel der Zeit

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    Alle Leser-Kommentare
  • samy4me 16.11.2017 23:08
    Highlight Highlight Wunderbar geschrieben. Dafür lieb(t)e ich die NLB...
  • urs eberhardt 16.11.2017 23:08
    Highlight Highlight Tja und dann singen die Lausanner in der Melèzes so böse Sachen:
    Play Icon

  • c_meier 16.11.2017 22:31
    Highlight Highlight Haha der Chronist at his best:
    "Einer der verkannten, grossen Macher unseres Hockeys." Da denkt man schon wieso sitzt der Mann in Chaux-de-Fonds und nicht irgendwo in der NLA?
    Die Antwort folgt sogleich:
    " Immer wenn er einen Klub verlassen hat, ging es dort aufwärts." 🙈 :))
  • Sportsmen 16.11.2017 22:09
    Highlight Highlight Erneut hat der Schreiberling einen Hockeyphilosophischen Artikel verfasst, dessen Unterhaltungswert die Qualität des Schweizer Staatsmediums bei weitem übertrifft und die Digitale Natives etwas aus der welschen Sportgeschichte was lernen können! Nach Annahme der NoBillag Initiative bin ich bereit Geld für dieses Medium zu bezahlen!!
    • DäPublizischt 17.11.2017 00:52
      Highlight Highlight Die SRG hat als Sendeauftrag auch nicht Polemik und ein wenig Hockeyromantik. Aber wenn du dafür lieber Geld ausgibst als für das, was die SRG alles bietet, dann wird dir tatsächlich der Sonntagsblick reichen. ;)
  • Argon 16.11.2017 22:08
    Highlight Highlight La Chaux de Fonds ist auf jeden Fall eine Hockeyreise wert. Kann ich jedem empfehlen.
  • Pana 16.11.2017 21:26
    Highlight Highlight "Die Patinoire des Mélèzes ist eine der letzten Arenen mit wahrem Charakter"

    Seh ich auch so. Die neuen Tempel in der NLA mögen ja topmodern und geheizt sein, aber ich mag die verruchten Bruchbuden in der NLB. Charakter und Hockey pur.
  • Bruno Wüthrich 16.11.2017 21:19
    Highlight Highlight Das ist doch mal ein Satz: «Einer der verkannten, grossen Macher unseres Hockeys. Immer wenn er einen Klub verlassen hat, ging es dort aufwärts.»

    Bei den SCL Tigers stimmt dieser Satz jedoch nicht ganz. Als Gérard Scheidegger Langnau verliess, beerbte ihn Martin Bruderer, und es ging noch weiter bergab. Aber dies ist nur eine Randnotiz.
  • Tikkanen 16.11.2017 20:32
    Highlight Highlight ...wunderbarer Artikel, Chlöisu👏🏻Wahre Chronistenkunst, herrlich👍🏻
    Dass gestern Plouderi Fischi🖕🏻nicht mit dir am Hockeyweek-Desk sitzen wollte und dein Platz am left Wing vom Langweiligen Fachidiot Hoss besetzt wurde, das mein lieber solltest du dir nicht bieten lassen🤔Schreib bitte paar interessante Artikel mehr und lass den Egli künftig links liegen, der soll mit Ober- Oberchef Scout Roost🤮 und dem Statistik-Veganer Resu😴plaudern...😎🍻
  • mukeleven 16.11.2017 20:06
    Highlight Highlight danke fuer diesen stimuli - eine schoene zeitreise zurueck in die vergangenheit bis heute mit dem HCC.

72-Millionen-Vertrag! Roman Josi ist definitiv zum Roger Federer des Eishockeys geworden

Roman Josi (29) wird der bestbezahlte Schweizer Eishockeyspieler der Geschichte und einer der bestbezahlten Verteidiger der Welt.

72 Millionen Dollar in acht Jahren (bis 2028). Durchschnittlich 9.059 Millionen im Jahr. Mehr als doppelt so viel wie bisher. Eine Klausel, die einen Transfer (Trade, Expansion Draft etc.) ohne seine Zustimmung ausschliesst. Captain. Mehr ist nicht möglich. Roman Josi (29) ist der drittteuerste Verteidiger der NHL und der bestbezahlte Schweizer der Geschichte. Mehr geht nicht.

Roman Josi ist in Nashville bereits das, was Nico Hischier (20) in New Jersey werden soll: das Gesicht eines …

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