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Bern 2014 wie Toronto 1968

Eismeister Zaugg

Als Meister nicht in den Playoffs? Warum dem SCB das gleiche Schicksal droht wie einst den Maple Leafs

In seinem zweiten Spiel ist Guy Boucher mit dem SCB am absoluten Tiefpunkt angelangt: Das 2:3 in Fribourg war das schwächste Spiel der Saison. Der SCB steht am Wendepunkt seiner Geschichte.



Gegen dieses Gottéron war eine Niederlage eigentlich nicht möglich. Im Tor der «Drachen» stand der 20-jährige Kevin Huber, der am Vortag beim ersten NLA-Einsatz in Zug sechs Tore kassiert hatte (Fangquote 82,35 Prozent). Es fehlte ein ganzes Rudel Leitwölfe (Sprunger, Dubé, Bykow, Miettinen, Jeannin) und auch noch der härteste Verteidiger (Schilt).

Darüber hinaus gab es Unruhe wegen des Blitz-Transfers von Nationalverteidiger Romain Loeffel zu Genf. Und da Gottéron längst für die Playoffs qualifiziert ist und der SCB noch nicht, schien alles klar: Drei Punkte für den unter neuer Leitung rumpelnden SCB.

Entwarnung bei Jobin

Berns Verteidiger David Jobin (32) musste nach einem Zusammenstoss (kein Foul) mit Fribourgs Adrien Lauper (38. Minute) mit der Bahre vom Eis getragen werden. Das zweite Drittel wurde vorzeitig abgebrochen. Er wurde zur Kontrolle ins Spital überführt und nach einer ersten Untersuchung kam Entwarnung: Jobin zeigte keine Lähmungserscheinungen. Er hat nach einer ersten Diagnose aber eine schwere Gehirnerschütterung erlitten. (kza)

Aber der SCB war chancenlos und verlor 2:3. Der absolute Tiefpunkt. Der Offenbarungseid. Was ist passiert? In einem einzigen Spiel zeigten sich alle SCB-Probleme in der schlimmsten Form. Deshalb war es auch erhellend.

Schwache Routiniers, lustlose Ausländer

Sämtliche Leitwölfe des Meisterteams versagten: Byron Ritchie war nicht dabei (verletzt). Marco Bührers Spiel brach in der Schlussphase zusammen wie eine schlechte Natelverbindung. Ivo Rüthemann taugte nur noch für ein paar Kurzeinsätze. Martin Plüss und Ryan Gardner blieben mit leeren Energietanks stehen. Das Meisterteam existierte nicht mehr.

Und wahrscheinlich haben beim SCB noch nie ausländische Spieler so lustlos gearbeitet wie Mikko Lehtonen und Rostislav Olesz. An der Basis jeder Niederlage in dieser Saison steht letztlich entweder das Versagen des Torhüters, der Routiniers oder der Ausländer. Tiefer kann der SCB nicht mehr sinken.

Der SCB war in Fribourg schlicht chancenlos. Bild: Keystone

Der Anfang einer Wende?

Im ersten Spiel unter Guy Boucher hatten die Berner am Vortag gegen Ambri die Flucht nach vorne angetreten. Sie waren bissig und zeitweise wenigstens die Parodie eines NHL-Teams. Aber immer noch mindestens 35 Prozent vom wahren SCB entfernt. Aber immerhin: Sie gewannen 4:2.

Aber jetzt erstarrten die Berner nur 24 Stunden später in defensiver Winterstarre. Passiv gaben sie die neutrale Zone preis. Die meisten Zweikämpfe gingen verloren und vorwärts waren sie so zögerlich, dass sie ab der 10. Minute nur noch ganz wenige Chancen hatten. 

Der SC am Ende – na und? Solche Situationen können nämlich auch der Anfang einer Wende sein. Guy Boucher versuchte es hinterher erst mit den in Nordamerika gängigen Ausreden. Wollte nicht über das reden, was nicht gut war. Er habe nun gesehen, was er von einzelnen Spielern bekomme und was nicht. Rühmte die ersten zehn Minuten («da hätten wir zwei Treffer erzielen müssen»), bedauerte den Ausgleich (1:1) zwei Sekunden vor Drittelsende.

Dann wies er noch darauf hin, dass das Ausscheiden von David Jobin (39. Minute) die Mannschaft beschäftigt habe. Verwarf aber diese billige Ausrede, als der Einwand kam, dass sein Team ja schon vorher chancenlos war. 

31.01.2014; Bern; Eishockey NLA - SC Bern - HC Ambri-Piotta; 
Trainer Guy Boucher (Bern)
(Urs Lindt/freshfocus)

Guy Boucher muss es richten. Bild: Freshfocus

Mehr Macht als je ein SCB-Trainer zuvor

Aber Guy Boucher war nicht ratlos und nicht wütend. Er war viel eher auf eine positive Art und Weise ernüchtert und blieb souverän. Er hat alle Illusionen über den Zustand der Mannschaft verloren. Er weiss jetzt, was auf ihn wartet. Er muss keine Rücksichten mehr auf Privilegien, Verdienste und Hierarchien nehmen. Mit Vertrag bis Ende der Saison 2016 ist seine Position zementiert. Eine Entlassung würde mehr als eine Million kosten. Nun werden wir Guy Boucher unplugged erleben. Er hat mehr Macht als je ein SCB-Trainer im Playoff-Zeitalter (seit 1986).

Die Spieler haben eine Woche Pause. Am Montag, dem 10. Februar, wird das Training wieder aufgenommen. Wird der 10. Februar der Beginn eines neuen Zeitalters? Warum nicht? Die Rechnung ist einfach: Der SCB kann die Playoffs aus eigener Kraft schaffen, dann die ganze Saison retten.

Immerhin hat diese Mannschaft diese Saison achtmal in Serie gewonnen und mit acht Siegen nach der Olympiapause steht der SCB im Playoff-Halbfinal. Aber auch der Sturz in die Abstiegsrunde - die grössten Pleite seit dem Wiederaufstieg von 1986 (am grünen Tisch) - kann nicht ausgeschlossen werden.

Boucher: «Kenne ein paar Leute»

Solche «Alles-oder-Nichts-Situationen» sind oft der Ausgangspunkt einer Wende. Guy Boucher kann jetzt Sportchef Sven Leuenberger beim Engagement eines neuen ausländischen Stürmers helfen («Ich habe ein Telefon und kenne ein paar Leute…»). Ein Kandidat ist Niklas Hagman (34).

Der Davoser Niklas Hagman bejubelt seinen Treffer zum 3:0 Endresultat fuer Davos, im Eishockey Nationalliga A Spiel zwischen Davos und Lausanne, am Dienstag, 26. Oktober 2004, in Davos. (KEYSTONE/PHOTOPRESS/Arno Balzarini)

Kommt Niklas Hagman zum SCB? Bild: Photopress

Der finnische Flügel mit der Erfahrung aus mehr als 750 NHL-Spielen, Meister mit Davos in der Lockout-Saison 2004/05, ist jetzt erhältlich, weil sein finnisches Team die Playoffs nicht mehr erreichen kann. Er hat in Finnland diese Saison in 34 Spielen 20 Tore erzielt und wird von Spieleragent Mika Rautakallio, dem Buben von Ex-SCB-Trainer Pekka Rautakallio, in ganz Europa angeboten.

Wird der SCB die neue «Over-the-Hill-Gang»?

Aber SCB-Schicksal hängt nicht von neuem ausländischem Personal ab, sondern von einer Revitalisierung der SCB-Leitwölfe, einer Wiederherstellung von Disziplin und taktischer Ordnung und einer Aufforstung des Selbstvertrauens. Der SCB mahnt in beängstigender Weise an die Toronto Maple Leafs von 1968. Toronto holte 1967 mit ergrauten Leitwölfen so sensationell den Stanley Cup wie der SCB im letzten Jahr die Meisterschaft.

Im besten Klubteam der Welt standen damals drei Spieler, die ihren 40. Geburtstag hinter sich hatten und zwei weitere waren älter als 30. Mit einer Mischung aus Zynismus und Bewunderung wurde dieses Toronto als «The Over-the-Hill-Gang» oder als «Over-the-Hillers» bezeichnet. Weil eigentlich alle den Karriere-Höhepunkt schon überschritten hatten.

Der Stanley-Cup-Final 1967. Video: Youtube/barkingclam

Es droht das gleiche Schicksal wie den Maple Leafs

Das SCB-Meisterteam von 2013 war, wie kein anderes seit Einführung der Playoffs (1986), von «Over-the-Hillers» geprägt: Marco Bührer, Martin Plüss, Byron Ritchie, Ryan Gardner, Ivo Rüthemann und Travis Roche. Alle mindestens 34 Jahre alt. Sie müssen das Team auch jetzt aus der Krise führen.

Toronto verpasste 1968 als Titelverteidiger sensationell die Playoffs. Das kann dem SCB 2014 auch passieren. Das wäre das Ende der modernen SCB-Geschichte – und würde letztlich doch nur den Wiederaufbau auf nächste Saison verschieben. Das ist der Trost, der den Bernern auf jeden Fall bleibt: «There‘s always next season.»

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