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Ein gewohntes Bild: SCB-Spieler um Gerber bejubeln den Sieg gegen Fribourg-Gotteron. 
Ein gewohntes Bild: SCB-Spieler um Gerber bejubeln den Sieg gegen Fribourg-Gotteron. 
Bild: KEYSTONE
Eismeister Zaugg

Die Früchte des «Systems SCB» – das selbstsicherste Berner Team der Neuzeit

Ein starkes Gottéron verliert in Bern 1:6. Der SCB ist die letzte grosse Schweizer Mannschaft unserer Tage.
10.09.2017, 05:0910.09.2017, 14:20

Mal angenommen, der SC Bern und Gottéron hätten nicht gegeneinander gespielt. Sondern einen Talentwettbewerb ausgetragen («Skills Competition»). Jeder Spieler wäre einzeln auf Beweglichkeit, Kraft, Stocktechnik et cetera getestet worden. Dieser Vergleich wäre wohl unentschieden oder nur sehr knapp für Bern ausgegangen.

Die Differenz bei dieser Machtdemonstration des Titelverteidigers machte nicht in erster Linie die Gesamtsumme des Talentes – was sich ja auch in einem Torschussverhältnis (29:30) zu Gunsten des Verlierers zeigt.

Die Highlights der Partie.

Dieser Sieg war ein Produkt des «Systems SC Bern». Die Differenz machten das Selbstvertrauen und die Art und Weise wie die Berner ihr Talent einsetzten. Der SCB war beim Saisonauftakt im besten Wortsinne eine grosse Mannschaft. Also eine Mannschaft aus Siegern. Aus Spielern, die sich ihrer Sache sicher sind. Die wissen, dass sie alles für den Erfolg getan haben und dass sie siegen werden.

Härter, effizienter, präziser

Im krassen Gegensatz dazu auf mentaler Ebene Gottéron. Eine Mannschaft, die durch schwere Krisen gegangen ist, die die letzte Qualifikation auf dem vorletzten Platz beendet hat und die seit dem Finale von 2013 nie mehr zur Ruhe gekommen ist. Eine Mannschaft, der das Urvertrauen in die eigene Stärke fehlt und die nie daran glaubte, dieses Spiel gewinnen zu können. Eine Mannschaft, die viel besser ist, als sie glaubt – aber noch einige Zeit braucht, um wieder eine Siegermentalität zu entwickeln. Eine Siegermentalität, die beispielsweise Lugano seit 2006 vermisst. Eine Siegermentalität, die auch den ZSC Lions und dem EV Zug in dieser ausgeprägten Form fehlt. Eine Siegermentalität, die YB braucht, um Meister zu werden.

Und schon zappelt der Puck wieder im Netz.
Und schon zappelt der Puck wieder im Netz.
Bild: KEYSTONE

Der SCB hatte mehr Energie. Der SCB spielte schneller, härter, entschlossener, effizienter, direkter, präziser. Der SCB lähmte Gottéron mit seinem selbstsicheren Auftreten so sehr, dass gar nie echte Emotionen («heiliger Zorn») aufkamen. Ohne Emotionen ist Gottéron wie ein Formel 1-Bolide ohne Sprit. Torhüter-Titan Barry Brust mahnte an einen traurigen, müden Elefanten. Nur ein einziges Mal blitzte das echte, das wahre, das wilde, das emotionale Gottéron auf. Als Leitwolf Julien Sprunger mit einem Direktschuss den starken Leonardo Genoni zum 4:1 bezwang.

In den letzten Jahren ist nie mehr eine Mannschaft so selbstsicher in eine Saison gestartet wie der SC Bern. Ja, wir haben den selbstsichersten SCB der Neuzeit gesehen. Eine Zuversicht, die auch das Fehlen von wichtigen Spielern vergessen liess. Es sind die Früchte des Systems, das Erfolgstrainer Kari Jalonen in Bern «implantiert» hat. Der SCB bekennt sich erstmals seit Jahren dazu, ein Spitzenteam zu sein und steht offiziell zur Zielsetzung Titelverteidigung. Der so typische eidgenössische Kleinmut mit «Höseler-Zielsetzungen» («erst die Playoffs erreichen») ist einem gesunden Selbstvertrauen gewichen, das sehr gute zum SCB und zu den Bernern passt. Schliesslich war Bern einmal einer der mächtigsten Stadtstaaten Europas.

Die letzte grosse Schweizer Mannschaft

Diese neue SCB-Qualität des «unbestürzbaren» Selbstvertrauens hat sich gegen Gottéron in der Körpersprache der Spieler gezeigt. Beispielsweise in den entschlossenen Abschlussversuchen in die alle verfügbare Energie und Kraft investiert wurden. Calle Andersson, einst ein Schillerfalter in Lugano, hat so in Unterzahl auf zwingende Art und Weise das 5:1 erzielt. Er ist kräftig und selbstsicher wie nie zuvor in seiner Karriere. Sein Trainer Kari Jalonen sagt, Andersson habe das beste Sommertraining der Karriere hinter sich. Es ist der Wille zur Verbesserung, der in Leistungs-Reizklima in Bern geweckt wird.

Auch Gaëtan Haas wird in diesem Klima stimuliert. Er hat sich in die Mannschaft eingefügt und spielt, als sei er nicht erst seit diesem Sommer, sondern seit Jahren in Bern. Er hat bereits eine grössere spielerische Wirkung als Martin Plüss (aber noch nicht den gleichen Einfluss in der Kabine). Wenn es je gelungen ist, Eishockey berechenbar zu machen und den Erfolg zu programmieren – dann dem SCB in diesem Startspiel gegen Gottéron. Sechs verschiedene Torschützen, zwei Treffer in Unterzahl (im Boxplay zeigte sich die selbstsichere Entschlossenheit der Berner am eindrücklichsten) und eines im Powerplay.

Die Grenze zwischen Selbstvertrauen und Arroganz ist im Sport allerdings fliessend und im Eishockey erst recht. Kari Jalonen ist ein Erfolgstrainer, der diese Grenze kennt und dafür sorgen wird, dass sie nicht zu oft überschritten wird und sich die Anzahl ärgerlicher Niederlagen (etwa gegen Langnau) in engen Grenzen halten wird. Eine alte Weisheit bestätigt sich: Grosse Klubs, grosse Mannschaften brauchen grosse Trainer. So wie der SCB jetzt auftritt, so hat der FC Basel jahrelang die helvetische Fussball-Operettenmeisterschaft dominiert.

Der FC Basel ist nicht mehr eine grosse Mannschaft und wird nicht mehr von einem grossen Trainer trainiert. Der SCB ist im Herbst 2017 die letzte grosse Mannschaft im helvetischen Mannschaftssport. Entschieden wird die Meisterschaft allerdings erst im Frühjahr 2018.

Der SC Bern ist Schweizer Meister 2017

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