DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Nico Hischier Halifax Mooseheads
Foto: David Chan, Halifax Mooseheads

Trotz seiner nicht übermächtigen Körpermasse weiss sich Nico Hischier (r.) zu wehren, wenn es um den Puck geht. bild: david chan, halifax mooseheads

Eismeister Zaugg

Der Prinz, ausersehen ein König zu werden – ein Besuch bei Nico Hischier

Wird Nico Hischier (18) der beste Schweizer Center der Neuzeit? Ein Besuch in Halifax zeigt: Er ist es, natürlich, noch nicht. Aber er hat fast alle Voraussetzungen, um ein NHL-Star zu werden.

klaus zaugg, halifax



Halifax ist Boomtown. Der Sitz der kanadischen Marine. Einer der grossen Atlantikhäfen. Die Stadtplaner wollen in den nächsten 15 Jahren die Einwohnerzahl von aktuell rund 300'000 um 100'000 erhöhen. Konjunkturbäume (Baukräne) zieren das Panorama der Innenstadt. Und Halifax ist Hockeytown.

Der Wetterbericht ist miserabel und tatsächlich wird am Samstagabend ein Schneesturm den Verkehr fast zum Erliegen bringen, der Flugbetrieb wird zwischenzeitlich praktisch eingestellt. Aber das garstige Wetter hält die Menschen nicht vom Matchbesuch ab. Die Mooseheads (Elchköpfe) spielen am Freitag und am Samstag hintereinander gegen den Tabellenletzten (Moncton) und gegen den Leader (Saint John) – und Nico Hischier ist wieder da. Zurück von einer ruhmreichen U20-Expedition in Montréal. Zu beiden Partien werden über 7000 Zuschauer kommen und die Arena fast zu drei Vierteln füllen.

abspielen

Der Werbespot der Halifax Mooseheads mit und für Nico Hischier. Video: YouTube/Halifax Mooseheads

Nico Hischier back in town. Der Hockey-Prinz ist zurück. Oben auf der Videowand werden vor dem Spiel gegen Moncton alle Tore von Nico Hischier bei der U20-WM noch einmal gezeigt. Dann wird, wie es sich gehört, der Teppich auf dem Eis ausgerollt. General Manager Cam Russel überreicht Nico Hischier eine Erinnerungsplakette für seine WM-Teilnahme. TV-Kameras. Blitzlichtgewitter. Applaus.

Zwei Spiele, drei Tore

«Nicooooooo Hischieeeeeee». Der Stadionspeaker zieht den Namen dramatisch-melodisch in die Länge, wenn er ein Tor des Schweizers verkündet. So wie es eher brasilianische Fussballkommentatoren tun. Während eines Spielunterbruchs steigt der Stadionclown mit dem Mikrophon ins Publikum zum Gewinnspiel. Es geht darum, auf eine Behauptung «wahr» oder «nicht wahr» zu antworten. Die Behauptung: «Nico Hischier hat gegen die USA zwei Tore erzielt! True or not True?» Man stelle sich vor: Zwei Tore gegen Kanadas Erzrivalen! Gegen den späteren Weltmeister! Eigentlich unmöglich. Aber das kleine Mädchen hat die richtige Antwort parat und bekommt ein Dress von, natürlich, Nico Hischier überreicht. Applaus brandet durch die Arena.

Wahrscheinlich hat noch nie hat ein Schweizer Hockeyspieler in Nordamerika diese Verehrung genossen. Die Mooseheads sind in Halifax, was der FC Basel in Basel ist: mit grossem Abstand die Nummer eins der Stadt. Und Nico Hischier ist der beliebteste Spieler dieses Teams. Profihockey mit AHL-Teams hat hier nie funktioniert. Erst mit dem Juniorenteam ist Halifax Hockeytown geworden.

Nico Hischier ist am Freitagvormittag erst aus Montréal eingeflogen. Und spielt am Abend, als sei er nie weg gewesen. Zwei Treffer, davon einer in Unterzahl plus zwei Assists steuert er zum 6:2 gegen Moncton bei. Er erzielt das wichtigste Tor. Moncton hat sich aufgefangen, kommt auf 3:2 heran. Das Momentum droht zu kippen. Es wird still in der Arena. Und genau in diesem Augenblick ist die Nummer 13 da und erzielt 45 Sekunden später das 4:2. Die Partie ist entschieden. «Nicooooooo Hischieeeeeee».

Moncton ist das Schlusslicht (18.), der Sieg ist erwartet worden. Halifax dominierte klar (46:26 Torschüsse). Nicht einmal 24 Stunden später, am Samstagnachmittag (16.00 Uhr), folgt die Nagelprobe. Tabellenführer Saint John kommt. Und wieder findet Nico Hischier an physisch überlegenen Gegenspielern vorbei den Weg zum Tor. Zum 2:1 liefert er das Zuspiel, beim 3:1 ist er mit auf dem Eis und das 4:1 erzielt er ins leere Netz. Wieder zelebriert der Speaker «Nicooooooo Hischieeeeeee». Die klare Überlegenheit (45:17 Torschüsse) hat dem Tabellenführer nichts genützt. Die Mooseheads bleiben als 11. in der Tabelle im Playoffrennen.

Ein schier unfassbar kompletter Spieler

Was macht Nico Hischiers Qualität und Popularität aus? Er ist weder der grösste noch kräftigste Stürmer (183 cm, 79 kg) seines Teams. Zehn Stürmer sind schwerer, sieben grösser. Er wirkt nicht so dominant wie einst Nino Niederreiter und auch nicht so trickreich wie einst Sven Bärtschi im gleichen Alter auf dieser Stufe. Aber er hat in seiner ersten Nordamerika-Saison einen leicht höheren Punkteschnitt pro Partie (1,37) als Niederreiter (1,28) und Bärtschi (0,92). Er strahlt diese Leichtigkeit, Lässigkeit in seinem Wesen und Wirken auf dem Eis aus, die nur ganz grosse Spieler haben.

Calgary Flames' Sven Baertschi, from Switzerland, waits for a face off during first-period NHL hockey game action against the Winnepeg Jets in Calgary, Alberta, Friday, March 9, 2012. (AP Photo/The Canadian Press, Jeff McIntosh)

Trickreicher als Hischer: Sven Bärtschi als NHL-Frischling bei Calgary. Bild: AP The Canadian Press

Hier ist einer, der Hockey zelebriert, scheinbar schwerelos, elegant, smart. Einer, der den Puck nicht übers Eis schleppt oder mühselig erkämpft. Sondern den Puck für sich arbeiten lässt. Einer, der den schwarzen Kobold streichelt, nicht schlägt. Einer, der nicht mit krachenden Checks an vorderster Front für Aufsehen sorgt. Sondern oft wie aus der Tiefe des Raumes kommt, dort auftaucht, wo ihn die Gegenspieler nicht erwarten. Einer, der nicht schneller läuft, aber schneller denkt aus die anderen. Wenn er die Scheibe hat, passiert immer etwas. Einer, der Hockey spielt und nicht mühselig arbeitet und doch seriös seine taktischen Pflichten erfüllt. Einer, der seine Mitspieler besser macht und als Center das Eis mit seiner Präsenz in allen drei Zonen dominiert.

Ein für sein Alter – er ist am 4. Januar erst 18 geworden! – schier unfassbar kompletter Spieler. Zwar nur zweitbester Scorer des Teams. Sein Linienpartner Maxim Fortier ist Topscorer – aber Nico Hischier hat die viel bessere Plus/Minus-Bilanz. Ein Hockey-Prinz, dazu ausersehen, ein König dieses Spiels und der erste Schweizer Center mit NHL-Stammplatz zu werden.

GATINEAU, CANADA - OCTOBER 24: Mickael Beauregard #12 of the Gatineau Olympiques trips as he battles for a loos puck against Maxime Fortier #41 of the Halifax Mooseheads on October 24, 2014 at Robert Guertin Arena in Gatineau, Quebec, Canada.   Francois Laplante/Freestyle Photo/Getty Images/AFP
== FOR NEWSPAPERS, INTERNET, TELCOS & TELEVISION USE ONLY ==

Halifax-Topskorer kämpft im Liegen um die Scheibe. Bild: GETTY IMAGES NORTH AMERICA

Musterprofi aus dem Oberwallis

Das alles haben die Menschen im Hockey Country sehr wohl erkannt. Daher die Popularität und Verehrung. General Manager Cam Russel weiss, warum er mit einem Seufzer sagt: «Wir werden Nico Hischier nicht ersetzen können.»

Nach den Spielen wollen die lokalen Chronistinnen und Chronisten natürlich mit Nico Hischier reden. Ein junger, bescheidener, freundlicher Mann mit offenem Blick und sanftem Selbstvertrauen kommt aus der Kabine. Das Interesse an seiner Person bringt ihn nicht aus der Ruhe. Er sagt die Sätze, die in Nordamerika erwartet werden. Auf die Fragen, die in Nordamerika immer die gleichen sind. Polemik gibt es hier nicht. Heikle Fragen auch nicht. Die gesunde Respektlosigkeit, die unseren Medienbetrieb würzt, fehlt. Interviews ähneln eher der höflichen Nachfrage nach dem Befinden.

Wie weit bringt es Nico Hischier?

Das macht es Nico Hischier einfach, mit dem Medieninteresse umzugehen. Er wirkt souverän, er weiss ganz genau was er sagt. Polemik wäre mit ihm sowieso nicht zu machen. Er sagt, es sei toll, wieder hier zu sein. Die Umstellung sei gar nicht so schwierig gewesen. Und so weiter und so fort. Später wird er eingestehen, dass die Beine doch etwas schwer waren – was seinem Spiel aber nicht anzusehen war. Er bestreit die beiden Heimpartien gegen Moncton und Saint John und nun gibt ihm der Coach eine Pause. Zur Auswärtspartie am Sonntag, zum «Rückspiel» nach Saint John, zur dritten Partie in drei Tagen, muss er nicht mit. Die fünfstündige Busreise durch den Schneesturm bleibt ihm erspart. Aber sie hätte ihm nichts ausgemacht. Der Oberwalliser aus Naters ist geerdet. Privilegien erwartet er nicht. Auch da ist er ganz Musterprofi.

Alle Schweizer, die in die NHL gedraftet wurden

1 / 79
Alle Schweizer, die in die NHL gedraftet wurden
quelle: keystone / cyril zingaro
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Unvergessene Eishockey-Geschichten

04.01.1987: Als nach der grössten Prügelei aller Zeiten die Lichter ausgingen und ein Spiel die Eishockey-Welt veränderte

Link zum Artikel

30.12.1981: Wayne Gretzky schafft den verrücktesten seiner Rekorde: 50 Tore in 39 NHL-Spielen

Link zum Artikel

10.10.1979: Ein gewisser Wayne Gretzky bestreitet sein erstes Spiel in der NHL – er wird sämtliche Rekorde pulverisieren

Link zum Artikel

11.03.1979: NHL-Haudegen Randy Holt prügelt sich zu einem bis heute gültigen Rekord – 67 Strafminuten in einem einzigen Spiel

Link zum Artikel

Amerikas College-Boys erlegen den russischen Bären

Link zum Artikel

26.12.1993: Dank Chomutow und Bykow träumt Aufsteiger Davos vom ersten Spengler-Cup-Titel seit 35 Jahren

Link zum Artikel

28.01.2009: Die Zürcher Löwen krönen sich zu Europas Eishockey-Königen

Link zum Artikel

08.04.1980: Sie wissen nicht, was sie tun, als sich zwei Schweden als erste Hockeyspieler einen Playoff-Bart wachsen lassen

Link zum Artikel

22.09.2012: Rick Nash meldet sich mit einem Blitz-Hattrick in der Schweiz zurück

Link zum Artikel

Deutschland verpasst die grosse Sensation, weil der Puck auf der Linie kleben bleibt

Link zum Artikel

19.10.1996: Del Curto klärt seine Spieler auf: «Zum Schiri nüma ‹Fuck you› sägä, äs git zwei Minuta, hä!»

Link zum Artikel

Bobby Orr entscheidet mit dem «Flying Goal» den Stanley-Cup-Final

Link zum Artikel

28.12.1999: «La Montanara» erklingt in Berlin – Ambri krönt sich zum europäischen Champion

Link zum Artikel

NHL-Star Darryl Sittler stellt einen Rekord für die Ewigkeit auf

Link zum Artikel

Nie haben wir uns mehr über ein Tor gegen die Schweiz gefreut als bei Omarks Penalty-Trick

Link zum Artikel

24.03.1936: Im längsten Hockey-Spiel aller Zeiten fällt das goldene Tor erst im 9. Drittel – um 2.35 Uhr nachts

Link zum Artikel

Ralph Krueger schreibt das wichtigste SMS der Schweizer Hockey-Geschichte

Link zum Artikel

14.05.2008: Philippe Furrer schiesst das kurioseste Eigentor der Schweizer Hockey-Geschichte

Link zum Artikel

18.02.2006: Die «Eisgenossen» spielen kanadischer als die Kanadier und rächen sich für eine uralte Schmach

Link zum Artikel

16.01.1905: Nach 23 Tagen Anreise werden die Dawson City Nuggets im Stanley-Cup-Final mit 2:23 vermöbelt

Link zum Artikel

24.02.2006: Neunmal das F-Wort in einer Minute – Greg Holst macht sich mit legendärem Ausraster-Interview unsterblich

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Eismeister Zaugg

«Abstürzende Adler» – die besten Schweizer seit 1998 sind gescheitert

Ist es Leichtsinn? Ist es gar Hybris? Nein, es ist eine Laune der Hockeygötter. Die Schweizer verlieren einen WM-Viertelfinal gegen Deutschland nach Penaltys (2:3), den sie nie hätten verlieren dürfen. Weltmeister werden wir wieder nicht. Aber wir sind die Dramakönige der Hockeygeschichte.

Ach, es wäre so schön gewesen. Nur 43 Sekunden fehlten für den Halbfinal. Um zu zeigen, wie schmal der Grat zwischen Triumph und sportlicher Tragödie sein kann und wie gut die Schweizer bei dieser WM und in diesem Viertelfinal-Drama waren, machen wir hier kurz ein Gedankenspiel. Nach dem Motto: Was wäre wenn?

Also; hätten wir gewonnen, so wäre hier nun zu lesen:

«Unser Eishockey, unser Sieg, unser Halbfinal: Die Schweiz besiegt in einer der besten WM-Partien der Neuzeit Deutschland. Die Deutschen …

Artikel lesen
Link zum Artikel