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Biels Mathieu Tschantre, rechts, trifft gegen Langnaus Torhueter Damiano Ciaccio mittels Penalty zum 3:2 im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und den SCL Tigers, am Dienstag, 13. November 2018, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Mathieu Tschantré versenkt den entscheidenden Penalty gegen Langnau. Bild: KEYSTONE

Wenn das Undenkbare Wirklichkeit und Biels «Zwerg» zum Titanen wird

Das Berner Derby gibt es nicht mehr. Die Berner Derbys heissen jetzt Spitzenkämpfe. Biels Mathieu Tschantré (34) hat beim Sieg über Langnau (3:2 n. P.) eine ganz besondere Geschichte geschrieben.



Er ist in diesem Wettstreit der grossen, kräftigen und oft bösen Männer ein Zwerg (173 cm). Aber die Bezeichnung «Zwerg» wäre eine Beleidigung. Denn Mathieu Tschantré (34) ist in Tat und Wahrheit ein Titan. Und nun hat er in seiner 19. Nationalliga-Saison für sein Biel zum ersten Mal einen Spitzenkampf in der höchsten Liga entschieden.

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Die Highlights des Spiels. Video: YouTube/MySports

Biel gegen Langnau ein Spitzenkampf. Das hat es zuletzt Ende der 1970er Jahre gegeben. Seither gab es zwischen diesen beiden Teams Berner Derbys als grauen Alltag oder Aufstiegskämpfe in der NLB, später als Abstiegskämpfe und oft genug mühselige Pflicht in der höchsten Spielklasse. Manchmal garniert mit ein wenig Drama. Aber sicher nie Champagner-Hockey.

Und nun war es erstmals seit gut 40 Jahren ein echter Spitzenkampf. In jeder Beziehung. Prickelndes Champagner-Hockey. Intensiv. Schnell. Dramatisch. Auf dem höchstmöglichen nationalen Niveau.

Zwei Teams, die immer auf den Zehenspitzen stehen, die in jeder Situation die konstruktive Lösung suchen. Kein taktisches Schachspiel. Kein Abwarten. Kein «Jalonen-Schablonen-Hockey». Beide abgesichert von grossen Torhütern (Damiano Ciaccio, Jonas Hiller). Die Bieler überlegen (38:23 Torschüsse). Aber Langnau immer zum schnellen Gegenangriff in der Lage. Und zur grossen, finalen Kraftanstrengung, die acht Sekunden vor Schluss den Ausgleich (2:2) einbringt.

Biels Goalie Jonas Hiller, links, im Duell mit Langnaus Harri Pesonen im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und den SCL Tigers, am Dienstag, 13. November 2018, in der Tissot Arena in Biel. (PPR/Peter Schneider)

Jonas Hiller überzeugt gegen die Tigers. Bild: PPR

Die Entscheidung fällt im Penalty-Schiessen. Nur einer trifft. Mathieu Tschantré. Der Letzte aus Biels Aufstiegsteam von 2008, der noch immer dabei ist. Seit dem Wiederaufstieg im Frühjahr 2008 Captain. Der Titan. Er hat gegen Langnau sein 813. Spiel für Biel bestritten (361 Punkte).

Nur zu einem Nationalmannschafts-Aufgebot hat er es nie gebracht, nicht einmal zu einem «Operetten-Länderspiel». Zu klein? Zu wenig produktiv? Wahrscheinlich schon. Seine Bestmarke in 50 Qualifikationspartien liegt bei 24 Punkten (14 Tore) in der Saison 2012/13. Aktuell steht er bei 8 Punkten (4 Tore) aus 16 Partien. Macht er so weiter, liegt gar ein neuer persönlicher Rekord drin.

«Ich habe im Laufe der Jahre viele Spieler gesehen, die den Zeitpunkt für den Rücktritt verpasst haben.»

Mathieu Tschantré

Es ist seine 19. Saison mit Biel. Aber eigentlich spiele er ja schon 30 Jahre hier. «Als Bub hat mich noch die Mutter zur Eisbahn gefahren.» Mathieu Tschantrés Loyalität zu «seinem» Klub ist bemerkenswert, heute eigentlich fast nicht mehr denkbar. Er hat nie für ein anderes Hockey-Unternehmen gespielt. Nicht als Junior. Nicht als Profi.

Der Bieler wird seine Karriere in Biel beenden. Wer ihn in diesem Spitzenkampf gesehen hat, seine Präsenz (15:50 Min. Eiszeit), seine Wirkung (Assist zum 1:1, den entscheidenden Penalty versenkt), der denkt: Dieser Mann hat noch drei, vier gute Jahre vor sich. Kleine und leichte Spieler altern weniger schnell als grosse und schwere. Seine Konstanz ist erstaunlich: Er hat seit dem Aufstieg nie weniger als 10 Punkte (5 Tore). Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass Ende Saison Schluss ist.

Das Spiel ist längst vorbei. Die Emotionen sind abgeklungen und auf eine Frage nach seiner Zukunft wird er nachdenklich. «Ich habe im Laufe der Jahre viele Spieler gesehen, die den Zeitpunkt für den Rücktritt verpasst haben.»

Er fühle sich gut. Aber er sei sich bewusst, dass sich das in seinem Alter sehr schnell ändern kann. Und so lässt er offen, ob er im Frühjahr seinen Vertrag verlängern wird. Das bestätigt auch sein Sportchef Martin Steinegger: «Er kann entscheiden, ob er weiterspielen will.»

Mathieu Tschantré sagt, er befinde sich in einer komfortablen Situation und dafür sei er dankbar. Seit einiger Zeit habe er sich Gedanken über seine Zukunft nach dem Eishockey gemacht. «Wenn du 35 bist, wartet in der Berufswelt niemand auf dich.» Und er hat eine Familie mit zwei Kindern zu ernähren.

«Angebote von anderen Klubs hat es gegeben und immer wieder habe ich da und dort gehört, es wäre gut für mich, mal zu wechseln.»

Mathieu Tschantré

Nun hat er im Sommer die perfekte Lösung gefunden. Er habe sich bei einem kleinen Finanz-Dienstleistungsunternehmen (Buchhaltungen, Vermögensverwaltungen, das ganze Programm) in Biel eingekauft. Jetzt kommt ihm zugute, dass er den Bachelor in Betriebsökonomie gemacht hat. «Ich kann dort mit der Arbeit anfangen, wann ich will. Nach dieser Saison oder erst in vier oder fünf Jahren.»

Diese Lösung ist sozusagen die Dividende für seine Klubtreue. Er sagt, die lange Zeit in Biel bringe es mit sich, dass er gut vernetzt sei, und deshalb sei es möglich geworden, diese perfekte Lösung für die Zeit nach dem Hockey zu finden.

Hatte er eigentlich nie Angebote von anderen Klubs? «Doch, die hat es gegeben und immer wieder habe ich da und dort gehört, es wäre gut für mich, mal zu wechseln. Beinahe hätte ich es geglaubt. Ich bin froh, dass ich geblieben bin und ich hatte ja eigentlich nie einen Grund wegzugehen. Seit ich in Biel Profi bin, wird der Zahltag pünktlich am 25. überwiesen und ich hatte ja nie Angebote von einem Spitzenklub. Da hätte ein Wechsel sportlich nichts gebracht.»

«Ein Titelgewinn mit Biel wäre wie Hollywood.»

Mathieu Tschantré

Er hat nun fast alles erlebt: den Aufstieg in die NLA, die Dramen in der Liga-Qualifikation, die Entwicklung zum Playoff-Team – und nun hat er sogar einen Spitzenkampf in der höchsten Liga entschieden.

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Apropos Biel und Hollywood. Video: YouTube/Needhamfharry6

Die Krönung wäre natürlich ein Titelgewinn. «Das wäre wie Hollywood». Er gibt aber zu bedenken: «Die Erwartungen werden immer grösser und das gefällt mir nicht. Es ist so schwierig, in den Playoffs während mehreren Wochen alles drum herum auszublenden. Daran sind wir im letzten Frühjahr im Halbfinal nach einer 2:0-Führung nach Siegen und einem 3:0-Zwischenstand im dritten Spiel gegen Lugano gescheitert. Vielleicht hilft uns ja diese Erfahrung.»

Aber auch wenn es nicht zum Titel oder Finale reichen sollte: Ich habe Mathieu Tschantré noch in der NLB im alten Stadion gesehen. Die Vorstellung, er könnte einmal für Biel einen Spitzenkampf in der höchsten Liga in einer neuen Arena entscheiden, gab es nicht. Weil es ganz einfach unvorstellbar war.

Und nun ist das Unvorstellbare doch wahr geworden. Das ist eigentlich auch schon ein bisschen wie Hollywood.

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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Hansruedi @Lyss 15.11.2018 23:49
    Highlight Highlight Chapeau an Matthieu Tschantré, im Profisport leider kaum mehr anzutreffen und aller Ehren wert!

    Als Davoser (der zwischenzeitlich im Berner Seeland wohnt😂), muss ich aber neidlos anerkennen, dass man in Biel zur Zeit alles richtig macht.
    Brunner sah ich als Risiko: wir sehen den besten Brunner seit Jahren. NHL Rückkehrer Hiller spielt stark und Törmänen‘s Antworten auf die Fragen zur Vertragsverlängerung sagen alles: da passt’s, wird gut gearbeitet und die Chemie im ganzen Verein stimmt! Respekt!

    PS: Bitte Samstag piano, komme kucken und wir brauchen Punkte in der Tissot 🏟!😜😂
  • Fanito 14.11.2018 14:35
    Highlight Highlight Ich weiss noch, dass ich damals beim Aufstieg dachte, schade, für ihn dürfte es schwierig werden in der NLA... oh wie lag ich da daneben und wie froh bin ich drüber. Ich verneige mich vor Mathieu und dem Weg, den er gegangen ist. Kein Spieler hat je einen Klub so symbolisiert wie Tschantré den EHCB... für uns ist und war er deshalb schon immer ein Titan
    PS. und grösser als Anken ist er allemal :-)
    • BillieJoe 14.11.2018 18:55
      Highlight Highlight NIEMAND ist grösser als Anken ;-)
  • BillieJoe 14.11.2018 14:34
    Highlight Highlight Er ist der perfekte Franchise-Player! Zweisprachig, treu, freundlich, aufopferungsvoll und schiesst auch immer wieder wichtige Tore! Seine Nummer gehört unters Hallendach, sobald die Karriere durch ist! Ich weiss, dafür braucht es noch einen Meistertitel, aber das kann ja noch kommen!
    • baBIELon 14.11.2018 21:34
      Highlight Highlight Bullshit! Dafür braucht keinen Meistertitel!
      MATHIEU IST UNSER TOTTI!!!
  • Knety 14.11.2018 12:44
    Highlight Highlight Schön das es 2018 noch solche Stories gibt!
    👍
  • TEE-Zug 14.11.2018 10:35
    Highlight Highlight Tschantre bildet den EHCB in einer Person ab:
    Biel (Tschantre) gibt nie auf, kein ganz "Grosser" aber mit einem riesengrossen Herzen bei der Sache, mit einer gesunden Portion Demut und macht das Beste mit den vorhandenen Mitteln. Schön dass es noch Sportler mit dieser Einstellung gibt, Chapeau.
    Fiere d'etre Biennois!
  • Andre Bachmann 14.11.2018 09:45
    Highlight Highlight capitano ❤💛
  • Bieler95 14.11.2018 08:59
    Highlight Highlight El Capitano ❤️💛
  • Ironiker 14.11.2018 08:41
    Highlight Highlight Wie jeder Spieler hat Tschantré gute und schlechte Phasen. Aber was er in meinen Augen immer ist: Einer der besten Spieler der Liga was das Spiel an der Bande betrifft. Da gewinnt er sehr viele Zweikämpfe und ist kaum vom Puck zu trennen.
    • Nerthu 14.11.2018 09:26
      Highlight Highlight Ich finde nebst seinen zweikampf stärken sind seine signale noch viel wichtiger. er kämpft immer bis zum letzten und wirft sich in alles rein. ich habe noch selten so einen aufopferungsvollen spieler gesehen.
    • Simon Probst 14.11.2018 10:05
      Highlight Highlight @Nerthu - Philipp Wetzel
    • Nerthu 14.11.2018 11:49
      Highlight Highlight der gehört natürlich auch in diese sparte. deshalb habe ich auch ''noch selten'' geschrieben und nicht nie. es geht ja hier um tschantré. ;)

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