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Bern's Head Coach Don Nachbaur,  during the friendly match of National League A (NLA) Swiss Championship 2020/21 between HC Ambri Piotta and HC Bern at the BiascArena in Biasca, Switzerland, Saturday, September 12, 2020. (KEYSTONE/Ti-Press/Alessandro Crinari)

SCB-Trainer Don Nachbaur mahnt ein wenig an Rocky, den tapferen Hollywood-Underdog. Bild: keystone

Eismeister Zaugg

«Rocky» Nachbaur und die Tapferen von Hollywood

Der SC Bern verliert gegen das Chaosteam aus Lausanne 3:4. Aber viel wichtiger: Die Verwandlung des Titanen in einen tapferen Aussenseiter ist gelungen. Die Unterhaltung wird diese Saison in Bern grandios sein.



Was wäre ein Hockeyabend ohne ein paar Randgeschichten. In der ersten Pause unterhalten sich zwei in Ehren ergraute Szenenkenner über den Match. Sie sind sich einig: «Wenn das so weitergeht, ist Craig MacTavish der erste Coach, der diese Saison fliegt.» Und es folgen ein paar Anekdoten aus dem Chaosclub Lausanne. Die beste: Karel Svoboda ist als Assistent und sogenannter «Skill Coach» tätig. Der einzige Grund, warum er den Job hat: Er ist der Bruder von Petr Svoboda, dem grossen Zampano des HC Lausanne. Ein «Skill Coach» verbessert die technischen Fähigkeiten der Spieler. Karel Svoboda sei so unbegabt, dass er inzwischen die Übungen ohne Scheibe vormache. Ob wahr oder nicht – es ist eine gute Anekdote.

In dieser ersten Pause steht es 1:0 für den SC Bern. Eigentlich unfassbar. Noch selten ist von einem Coach aus so viel Talent so wenig herausgeholt worden wie von Craig MacTavish in diesem ersten Drittel. Die heftige Reaktion nach der Pause ist logisch. Der SCB verliert den zweiten Spielabschnitt 1:4. Und die zwei alten Szenenkenner scherzen in der zweiten Pause: «Wir haben uns getäuscht. Wenn es so weitergeht, fliegt Don Nachbaur als erster.»

Am Ende verliert der SCB 3:4. Aber die Berner gewinnen die Herzen der Zuschauerinnen und Zuschauer. Und Don Nachbaur wird nicht so schnell gefeuert werden. Richtig ist: Noch vor einem Jahr hätte das Publikum einen SCB in der aktuellen spielerischen und taktischen Verfassung nicht goutiert. Aber da waren die Berner noch Titanen der Liga. Nun sind sie ein Jahr später sympathische Aussenseiter. Nicht wie Ambri oder Langnau. Das geht bei der ruhmreichen Vergangenheit mit drei Titeln in den letzten fünf Jahren, diesem Tempel und so viel Glamour und Hollywood (als erster Proficlub der Welt mit Florence Schelling eine Frau als Sportchefin) natürlich nicht. Die Berner sind vielmehr die Tapferen von Hollywood. Und Trainer Don Nachbaur, der «Nobody», der «Operetten-Coach», dem niemand zutraut, sich auf Profiniveau durchsetzen zu können, mahnt ein wenig an Rocky, den tapferen Hollywood-Underdog. Ja, seine Geschichte hat eine gewisse Ähnlichkeit mit jener des Filmhelden Rocky (Sylvester Stallone).

Nicht mut-, aber dafür ratlos

So wie Rocky als krasser Aussenseiter völlig überraschend zu einem Box-Titelkampf kommt, so ist Don Nachbaur gänzlich unerwartet SCB-Trainer geworden. Und so wie Rocky alle überrascht und den Titelverteidiger sogar in Bedrängnis bringt und schliesslich als Verlierer doch ein Held wird, so hat Don Nachbaur alle Chancen, mit dem SCB als tapferer Verlierer gefeiert zu werden.

Der 61-jährige Kanadier ist nach dem Spiel nicht mutlos oder frustriert. Nur ein bisschen ratlos über die Aussetzer im zweiten Drittel mit den vier Gegentreffern, die den SCB das Spiel kosten. «Wir sind stehen geblieben. Ich habe dafür keine Erklärung». Es gibt schon eine Erklärung. Diese Aussetzer sind typisch für eine Mannschaft, die sich in der Transformations-Phase eines Systemwechsels vom meisterlichen, oft passiven Schablonenspiel zum tapferen, aggressiven Freistilhockey befindet. Vom heftig reagierenden Lausanne unter Druck geraten, bleiben die Berner einen Moment lang ratlos zwischen den noch unter Kari Jalonen eingeübten defensiven Schablonen und Don Nachbaurs Philosophie des aggressiven Vorwärtsspiels stehen.

Eine Niederlage als «taktischer Betriebsunfall». Kann passieren. Der SCB mag unter neuer Leitung die taktische Orientierung hin und wieder ein wenig verlieren. Aber die DNA dieser Mannschaft, der Stolz, die Arbeitseinstellung sind geblieben. Entscheidend ist die Art und Weise, wie die Tapferen von Hollywood wieder aufstehen. Die Art und Weise, wie sie Lausanne in der Schlussphase – Tomi Karhunen ist durch einen sechsten Feldspieler ersetzt worden – einschnüren und nicht mehr aus der Defensivzone entkommen lassen, ist grosses Hockeykino. 14:1 Torschüsse notieren die Statistiker im Schlussdrittel. Dramatik pur. Ein furioses Finale. Nur nicht vom Erfolg gekrönt. Hätten die Berner neben dem Kanadier Dustin Jeffrey und dem schwedischen Stehgeiger Ted Brithén einen dritten ausländischen Feldspieler, dann hätten sie mindestens die Verlängerung erreicht. Noch letzte Saison wäre ein taktisch so unordentliches Team wie Lausanne vom SCB zerzaust worden.

Vom Titan zum Aussenseiter

Nun spricht alles für grandiose Unterhaltung. Noch einmal ist Marc Lüthi – diesmal in modischen weissen Turnschuhen – vor dem Spiel aufs Eis geschritten um auch die zweite Gruppe der Zuschauer zu begrüssen (die erste Gruppe durfte dem ersten Heimspiel gegen Ambri beiwohnen). Wieder dankt er fürs Erscheinen, wieder mahnt er, die Vorschriften einzuhalten, wieder erwähnt er, dass nur in der Schweiz Hockey vor so viel Publikum möglich ist. Und dann macht er, mit viel Sinn für Pathos, ein «heiliges» Versprechen: Wenn einmal alles vorbei sei, dann werde die Stehplatzrampe wiedereröffnet. Die grösste Stehplatzrampe der Welt im Hockeytempel ist in Bern so «heilig» wie der Bärenpark (vormals Bärengraben). Marc Lüthis Versprechen ist so, wie wenn es in Bern wegen einer Krise keine Bären mehr geben würde und der Stadtpräsident hoch und heilig verspricht, dass die Bären zurückkehren, sobald es die Lage erlaubt.

Noch nie hat es ein Titan – der SCB ist nach wie vor Titelverteidiger! – geschafft, sich so schnell in einen sympathischen Aussenseiter zu verwandeln. Die äusseren Umstände haben diese Rückkehr zur Bescheidenheit erzwungen: Wegen der Viruskrise ist die Stadionkapazität von 17'031 auf 6750 reduziert worden. Es ist so, wie wenn sich Bayern München in einem Jahr in St. Pauli verwandeln müsste. Und selbst wenn der SCB auf den letzten oder zweitletzten Platz abrutschen sollte, wäre die Entlassung des Trainers ein Stilbruch. Weil der SCB mit Don Nachbaur den perfekten Trainer für seine neue Rolle als Underdog im grossen Hockey-Theater gefunden hat.

Don Nachbaur spielt als «Rocky von Bern» die Rolle seines Lebens. Was für eine Dramatik: Heute reisen die Berner, die Titanen, die den EVZ in den letzten vier Jahren zweimal im Finale gebodigt haben, als tapfere Aussenseiter nach Zug und werden auch im Falle einer Niederlage als Helden heimkehren. Auch die Hockey-Welt ist aus den Fugen geraten.

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31 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
JtotheP
10.10.2020 09:39registriert February 2018
Der SCB als „sympathischen Aussenseiter“? Niemals!
Die DNA vom SCB kann man nicht einfach so schnell wechseln, wenns mal nicht läuft.
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Ambri per sempre
10.10.2020 09:15registriert October 2020
Das ist ja mehr ein Shakespeare Roman als ein Eishockey Beitrag.
Wäre es möglich, dass Bürgler mehr schreiben könnte? Ich möchte hier ja über Eishockey lesen und nicht Shakespeare.
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Fanbrille
10.10.2020 12:57registriert October 2020
Unterhaltsames Spiel.
Lausanne kam etwas zu einfach zu den Toren im Mitteldrittel. Schade nahm Don vor dem 2:4 kein Timeout. Das Tor fiel nach einem Icing ein bisschen mit Ansage.
Schön zu sehen, dass Henauer viel Eiszeit bekam und sich zeigen konnte.
Die richtigen Lehren aus der Niederlage ziehen und weiter gehts...
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31

Kommentar

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