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Pekka Tirkkonen, neuer Trainer des EHC Kloten, links, stellt sich neben Sportchef Pascal Mueller, rechts, an einem Round Table den Medien vor am Donnerstag, 30. Juni 2016, in Kloten. (KEYSTONE/Siggi Bucher)

Sportchef Pascal Müller (r.) setzt die Klotener Strategie hervorragend um. Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Billiger ist besser – Kloten könnte der schwierigste Schritt im Sport gelingen

Der Abstieg ins Tal der Bescheidenheit ist schwieriger und gefährlicher als der Aufstieg zu meisterlichen Gipfeln. Klotens Sportchef Pascal Müller kann das Kunststück gelingen.



Billig ist besser. Das Wort billig ist in diesem Zusammenhang allerdings nicht ganz passend. Weil billig immer ein bisschen den Schwefelgeruch von minderwertiger Qualität in sich trägt. Seit sich die Glatttaler Hockeykultur nicht mehr neumodisch Kloten Flyers sondern wieder bodenständig EHC Kloten nennt, ist sie billiger geworden. Massiv billiger. Sportchef Pascal Müller (37) sagt: «Wir haben die Kosten für die erste Mannschaft um ein Drittel gesenkt.»

Billig ist in diesem Fall aber sportlich gut: Nach elf Runden hält der EHC Kloten trotz viel Verletzungspech (Tim Ramholt, Matthias Bieber, Patrick von Gunten) einen Playoffplatz (7.).

Le joueur de Kloten Tim Ramholt lors du match de hockey sur glace, LNA, ligue nationale A Saison 2016/17 entre Lausanne HC et EHC Kloten ce mardi 13 septembre 2016 a la patinoire de Malley a Lausanne. (KEYSTONE/Christian Brun)

Obwohl Spieler wie Tim Ramholt verletzt ausfallen, steht Kloten noch über dem Strich. Bild: KEYSTONE

Pascal Müller arbeitet im vierten Jahr für das Unternehmen. Er war unter den Sportchefs André Rötheli und Sean Simpson für organisatorische Aufgaben im Nachwuchsbereich und rund um die erste Mannschaft zuständig. Im letzten Frühjahr hatte er per Ende März gekündigt, dann seinen Vertrag per Handschlag für April und Mai jeweils um einen Monat verlängert («weil niemand mehr da war, der sich um den Sport kümmern konnte …»). Seit dem 1. Juni ist er nun als Sportchef fest angestellt.

Meistunterschätzter Sportchef der Liga

Der weitgereiste Emmentaler (kanadisches Universitätshockey, Langnau, Zug, Davos, ZSC, Ambri) dürfte inzwischen der meistunterschätzte Sportchef der Liga sein. Er tritt freundlich, bestimmt, kompetent und ohne Allüren auf. Er hat den richtigen Trainer und die richtigen Ausländer verpflichtet, bei sämtlichen Spielern mit weiterlaufenden Verträgen ein Lohnopfer durchgebracht, bei Transfers die Kosten im Griff behalten und die Budgetvorgaben eingehalten.

Kloten Flyers Stuermer James Sheppard waehrend dem vierten Eishockey-Playoff-Viertelfinalspiel der National League A zwischen den Kloten Flyers und dem HC Davos am Donnerstag, 10. Maerz 2016, in der SWISS Arena in Kloten. (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)

James Sheppard: Er spielt für deutlich weniger als noch in der letzten Saison. Bild: KEYSTONE

Inzwischen sind nach der Rückkehr von James Sheppard (28) auch alle vier Ausländerpositionen besetzt. Pascal Müller sagt: «Wir konnten uns den vierten Ausländer erst aufgrund der positiven Entwicklung auf der Einnahmeseite leisten.» Der Kanadier sei für klar weniger Lohn als letzte Saison zurückgekehrt. «Wir hätten uns diesen Spieler zum letztjährigen Lohn nicht leisten können.»

Nur ausgeben, was eingenommen wurde

James Sheppard hat nur einen Einjahresvertrag. «Wir müssen unsere Ausgaben unseren Einnahmen anpassen und deshalb flexibel bleiben. Wir können uns bei Neuverpflichtungen keine langfristigen Verbindlichkeiten leisten.»

Pascal Müller Kloten

Pascal Müller: «Wir sind näher zusammengerückt.» bild: ehckloten.ch

Der neue Besitzer Hans-Ulrich Lehmann setzt seinen Kurs der Vernunft (nicht mehr ausgeben als eingenommen wird) durch. Bei der Umsetzung nimmt der Sportchef eine Schlüsselposition ein. Pascal Müller sagt, der individuell ausgehandelte Lohnverzicht habe sich positiv ausgewirkt. Es sei letztlich ein Bekenntnis zum EHC Kloten. «Wir sind näher zusammengerückt. Die Stimmung ist sehr gut.»

Kloten könnte schwierigsten Schritt schaffen

Der EHC Kloten ist drauf und dran, erfolgreich den schwierigsten Schritt des gesamten Sportgeschäftes zu machen: die Rückkehr zur Bescheidenheit. Dieses Unternehmen hat acht Jahre über seine Verhältnisse gelebt. Am exzessivsten zuletzt unter Präsident Philippe Gaydoul und seinen hockeygrössenwahnsinnigen nordamerikanischen Nachfolgern.

Das biblische Wort, dass es für ein Kamel einfacher sei durch ein Nadelöhr zu schlüpfen als für einen Reichen in den Himmel zu kommen, gilt auch fürs Sportgeschäft: Eher kriecht das Kamel durchs Nadelöhr, als dass im Sportbusiness die Kosten gesenkt werden. Die Geschichte lehrt uns, dass eine Abkehr vom Grössenwahn zwar möglich ist. Aber nicht, bevor ein wirtschaftlicher und sportlicher Kollaps die Wende erzwingen.

Kloten geht auch hier neue Wege, was nicht überall gut ankommt:

Auf dem Weg zur Vernunft mussten zuletzt die SCL Tigers mit einem Darlehen in der Höhe von 800'000 Franken von der Gemeinde Langnau gerettet werden und sie wurden auf einen sportlichen Umweg über die NLB geschickt.

Zuschauerzahlen noch schlecht

Offensichtlich hat in Kloten die Seele des ältesten NLA-Klubs (seit 1962 in der höchsten Liga, Meister 1967, 1993, 1994, 1995 und 1996) durch die Jahre des Grössenwahnes keinen Schaden genommen. Der Umweg über die NLB dürfte den Klotenern erspart bleiben. Im Kern ist dieses Unternehmen gesund geblieben und es ist kein Zufall, dass die vier Titel als EHC und nicht als Flyers gewonnen wurden.

03.03.2015; Kloten; Eishockey NLA Platzierungsspiel - Kloten Flyers - HC Fribourg Gotteron;    
Transparent von den EHC Kloten Flyers Fans
(Nick Soland/freshfocus)

Noch fehlt die grosse Unterstützung der Fans bei Kloten. Bild: Nick Soland/freshfocus

Pascal Müller sagt, dass die Rückkehr zur Bescheidenheit vom Umfeld getragen werde. «Wir haben keine Sponsoren verloren. Im Gegenteil, es ist uns gelungen, in diesem Bereich zuzulegen. Aber bei den Zuschauerzahlen sind wir noch nicht dort, wo wir sein wollen.»

Der überraschend gute Saisonstart ändert nichts an der strategischen Ausrichtung. Pascal Müller sagt: «Wenn wir Spieler auf dem Transfermarkt verlieren sollten, dann werden wir sie, um das Budget einhalten zu können, durch eigene Junioren ersetzen.» Der Wechsel vom grössenwahnsinnigen Hollywood – das doch im 21. Jahrhundert ohne Titel aber nicht ohne Schmach verpasster Playoffs geblieben ist – auf die kleine Bühne des ehrlichen Dorftheaters kann gelingen.

Der 1000er-Klub des Schweizer Eishockeys

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Der 1000er-Klub des Schweizer Eishockeys
quelle: ti-press / samuel golay
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