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Eismeister Zaugg

Der weichste SCB aller Zeiten – warum die Berner «Meh Dräck» brauchen

Das Problem des Meisters lässt sich in einem berühmten Spruch des Rockmusikers Chris von Rohr auf den Punkt bringen: «Meh Dräck».



Berns Andre Heim, links, und Torschuetze zum 3:1 Luca Hischier, rechts, jubeln, waehrend dem Eishockey National League Spiel zwischen dem SC Bern und dem HC Genf-Servette, am Freitag, 8. Dezember 2017, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

In voller Harmonie: Der SC Bern gewinnt und gewinnt. Aber gestern nicht. Bild: KEYSTONE

Die Hockey-Maschine SC Bern surrt und schnurrt mit selten gesehener Perfektion. Das SCB-Spiel mahnt in seiner Genauigkeit und Perfektion in lichten Momenten an die Arbeit eines Landvermessers. Nicht einmal der Tabellenführer der schwedischen Liga war den Bernern gewachsen.

Wie kann es dann sein, dass der SCB nun in der heimischen Meisterschaft zum vierten Mal in Serie auf die fast genau gleiche Art und Weise verloren hat? Gegen Langnau und Biel führte der Meister 3:0, gegen die ZSC Lions 2:1 und nun gegen Servette 3:1. Und alle vier Partien gingen verloren.

Der Chronist sollte sich hüten, nach einem einzelnen überraschenden Resultat gleich eine tiefenpsychologische Analyse auszubreiten, als wäre er die Hockey-Antwort auf Sigmund Freud. Aber nach vier Niederlagen de suite, alle nach dem gleichen Muster, drei davon erst noch gegen nominell ganz klar schwächere Teams, ist es Chronistenpflicht, der Sache auf den Grund zu gehen.

Die vier SCB-Niederlagen sind nicht Zufälligkeiten geschuldet, die es bei einem Spiel auf rutschiger Unterlage immer wieder gibt. Sie haben System. Und sie haben mit dem Trainer zu tun.

Nein, es folgt keine Polemik gegen Kari Jalonen. Eine alte Regel sagt, man sehe die Qualität der Trainerarbeit beim Powerplay und beim Spiel in Unterzahl. In beiden Bereichen hat der SCB die besten Werte der Liga. Kari Jalonen macht nur einen Fehler: Er arbeitet zu gut. Der SCB ist unter dem finnischen Kulttrainer mit Abstand die spielerisch beste Mannschaft der Liga geworden. Und beinahe ausnahmslos alle spielen unter ihm ihr bestes Hockey. Der SCB ist dazu in der Lage, Partien mit rein spielerischen Mitteln zu dominieren. An einem guten Abend fast wie einst die Sowjets («The Big Red Machine»).

SC Bern Cheftrainer Kari Jalonen bejubelt einen Treffer, beim Eishockey-Qualifikationsspiel der National League A zwischen dem HC Davos und dem SC Bern, am Freitag, 3. November 2017, in der Vaillant Arena in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Kari Jalonen. Bild: KEYSTONE

Diese spielerische Leichtigkeit des Seins kann unerträglich werden und hatte einst ab und an auch den Sowjets zu schaffen gemacht. Sie verführt zu «weichem» Hockey. Zu Passivität. Laufen, Passen, Tanzen statt Rumpeln. Die archaischen Elemente des Hockeys, die seit Anbeginn der Zeiten zum SCB-Spiel gehören, sind verloren gegangen.

Kanadas Dichterfürst Al Purdy hat Eishockey einmal als ein Spiel zwischen Mord und Ballett bezeichnet. Eine krasse und doch treffende Formulierung. Der SCB ist zu sehr Ballett geworden. Ja, wir erleben in diesen Tagen den weichsten SCB aller Zeiten. 6 Strafminuten gegen den ZSC, 4 gegen Langnau, je 2 gegen Biel und Servette.

Spielerisch gute Teams sind in der Regel nicht die «bösesten» der Liga. Dass der SCB diese Saison am zweitwenigsten Strafen kassiert hat, ist an und für sich noch kein Grund zur Beunruhigung. Auch letzte Saison waren die Berner kein raues Team (am drittwenigsten Strafen). Ungewöhnlich ist die Differenz zum Liga-Mittelwert. Letzte Saison lag dieser Mittelwert bei 581 Strafminuten und der SCB verbüsste 517 Minuten. Doch diese Saison ist die Differenz noch grösser: Der Mittelwert steht bei 339 Strafminuten und der SCB kommt gerade mal auf 213 Minuten.

Zur SCB-DNA gehören auch die rauen Elemente des Hockeys. Wucht, Härte, Einschüchterungs-Potenzial («Big, Bad Bears»). Die Berner haben in den letzten Wochen verlernt, so zu spielen wie der wahre SCB. Es ist einfacher, mit «weichem» Hockey gegen ein spielerisch starkes Team zu bestehen – die besten Partien in der jüngsten Zeit spielte der SCB gegen die ZSC Lions und in der Champions Hockey League gegen den Tabellenführer der schwedischen Liga.

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Video: watson/Angelina Graf

Aber nominell schwächere Teams, die Eishockey mehr arbeiten als spielen, die mit Mut, Leidenschaft und Zähigkeit fehlendes Talent kompensieren, muss es ab und zu auch rumpeln.

«Meh Dräck» forderte einst der Rockmusiker Chris von Rohr als Jurymitglied einer Talentshow. Das künstliche Getue der Kandidatinnen und Kandidaten passte ihm nicht. Er forderte mehr Echtheit.

«Meh Dräck» war 2004 gar die Wortkreation des Jahres. «Meh Dräck», würde Chris von Rohr jetzt als SCB-Trainer sagen. Der SCB braucht wieder stärker die archaischen Elemente, wieder mehr «echten SCB» in seinem Spiel.

Der Titelverteidiger wird die Qualifikation gewinnen. Aber sein Spiel trägt den Keim des sensationellen Scheiterns im Viertelfinale in sich.

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