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Der «Aufstand der Miserablen» im Herbst

Ben Meyers of the United States, right, passes Switzerland's keeper Leonardo Genoni after he scored the third goal during the Hockey World Championship quarterfinal match between Switzerland and USA i ...
Ach, was wäre unser Hockey, wenn jeder seinen Genoni hätte?Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Der «Aufstand der Miserablen» im Herbst der grossen Banden-Generäle und Goalies

23.10.2022, 11:4323.10.2022, 13:26
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Ein goldener Herbst für unser Hockey: Die Geschichte der Kellermeisterschaft muss neu geschrieben werden, die Leistungsdifferenz zwischen dem ersten und letzten Platz ist so gering wie nie. Die neue Ausländerregelung spielt beim «Aufstand der Miserablen», der «Genonisierung der Liga» und der Aufwertung der Banden-Generäle eine zentrale Rolle. Ein bisschen Nostalgie. Die erste Playoff-Saison der Historie beschert unserem Hockey im Frühjahr 1986 bereits so etwas wie eine erste Kellermeisterschaft. In einer 10er-Liga qualifizieren sich Lugano, Davos, Kloten und Sierre für die Playoffs. Der ZSC steigt als 10. und Letzter direkt ab, für die Plätze 5 bis 9 ist die Meisterschaft nach 36 Runden zu Ende. Die Oltner, die sich auf Rang 9 retten, haben also vor dem ZSC die Kellermeisterschaft gewonnen.

Der Meistertrainer in Lugano heisst John Slettvoll, der Kellermeister-Trainer in Olten Rick Alexander. Erlaubt sind zwei Ausländer und Dramen gibt es reichlich: Arosa steigt aus finanziellen Gründen freiwillig in die 1. Liga ab. Der ZSC darf trotzdem nicht oben bleiben. Neben dem regulären Aufsteiger Chur rutscht der SCB am grünen Tisch für die Zürcher in die höchste Liga nach. Und unter Nationaltrainer Simon Schenk steigt die Schweiz in die A-Gruppe auf.

Das Hosentelefon ist noch nicht erfunden. Im TV-Strassenfeger «Der Kommissar» pflegt Erich Ode jeweils irgendwo in einer Wohnung, einem Büro, in einem Wirtshaus oder manchmal auch am Empfang in einem Freudenhaus in unnachahmlich trockener Art zu fragen: «Darf ich ihr Telefon benutzen?» Er meint einen Festnetzapparat mit Wählscheibe. Prognosen für die Meisterschaft sind ohne Risiko: Bekommt die Tabelle im November Profil, sind die Saisonprognosen im Altpapier entsorgt und das Internet, das nicht vergisst, gibt es nicht.

Jahrelang mussten wir dann auf die Kellermeisterschaft verzichten: Wer sich rettete, spielte die Playoffs, wer unter dem Strich war, die Auf-/Abstiegsrunde und später die Playouts. Vorzeitige Ferien schon nach der Qualifikation gab es vorerst nicht mehr.

Inzwischen dürfen wir uns in einer 14er-Liga wieder an einer dramatischen Kellermeisterschaft erfreuen und zwei Teams werden nach der Qualifikation mit vorzeitigen Ferien belohnt: Wer Rang 12 erreicht, ist Kellermeister, nach 52 Partien gerettet und darf in die Ferien. Erst ab Rang 10 wird um die Playoffs gespielt. Erlaubt sind sechs Ausländer. Das ist, wie wir sehen werden, wichtig.

Eigentlich ist vor der Saison klar, wer die Kellermeisterschaft bestreiten wird: die SCL Tigers, die Miserablen der beiden vorangegangenen Jahre, Ajoie, die Miserablen der letzten Saison, und Aufsteiger Kloten. In nahezu allen Saisonprognosen landen Langnau, Ajoie und Kloten auf den Plätzen 14, 13 und 12, die Emmentaler meistens auf dem 14. und letzten Platz. Gespielt wird in der Kellermeisterschaft nur um die vorzeitige Rettung. Der letzte Platz der Ehre (Rang 10 für die Pre-Playoffs) scheint für Langnau, Ajoie und Kloten völlig unrealistisch.

Vielleicht endet die Meisterschaft im Frühjahr ja tatsächlich mit Langnau, Ajoie und Kloten auf den hintersten drei Positionen. Aber ohne Dramen geht es bis dahin nicht. Die Kellermeisterschaft muss von drei auf fünf Teilnehmer erweitert werden: Kloten hat auf dem letzten Platz 14 Punkte. Nur 3 weniger als Langnau auf Rang 10.

In der neuen Kellermeisterschaft wird also nicht bloss um den rettenden 12. Platz gespielt. Sondern auch um Rang 10. Die Lücke in der Tabelle tut sich nicht, wie erwartet, zwischen Rang 12 und dem Rest der Liga auf. Sondern erst ab Platz 10. Lugano, das den Trainer schon gefeuert und Lausanne, das den Trainer noch nicht gefeuert hat, gesellen sich zu Langnau, Kloten und Ajoie zur erweiterten Kellermeisterschaft. Die Kleinen sind die Helden des Herbsts und im Quadrat besser als erwartet: Die Langnauer, die vermeintlichen Miserablen, haben unter anderem die ZSC Lions, Gottéron und Meister Zug gebodigt, Ajoie hat über den SCB triumphiert und Kloten die ZSC Lions gedemütigt.

Bei diesem «Aufstand der Miserablen» spielt die Erhöhung von vier auf sechs Ausländer eine zentrale Rolle. Sechs gute Ausländer ermöglichen es einem guten Trainer, drei konkurrenzfähige Blöcke zu bilden. Mit den tapfersten Schweizern kann eine vierte Linie formiert werden, die mit Disziplin, Glück und taktischer Schlauheit die beste gegnerische Formation mehr oder weniger neutralisiert. Natürlich muss so auf ausbildungstechnische Schneckentänze weitgehend verzichtet werden. Nur noch die hochkarätigsten Talente haben eine Chance auf Eiszeit. Aber das ist wiederum ein anderes Thema.

Die Befürchtung war, dass bei einer Erhöhung von vier auf sechs Ausländer der Unterschied zwischen den Grossen und Kleinen noch grösser wird. Weil sich die mit den vollen Geldspeichern die besseren Ausländer leisten können. Somit würde sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnen.

Aber so ist es nicht gekommen. Die weltpolitische Lage (Krieg in der Ukraine) hat dazu geführt, dass so viele gute Finnen, Schweden, Tschechen oder Nordamerikaner zu haben sind wie noch nie. Weltklasse-Spieler – Weltmeister, Olympiasieger, NHL-Saurier – sind verhältnismässig wohlfeil zu haben. Langnau kann sich mit Cody Eakin einen Ersatzausländer mit Meriten aus mehr als 700 NHL-Spielen leisten, um Alexandre Grenier – letzte Saison 10. der Liga-Skorerliste! – auszumustern. Cody Eakin kommt am Dienstag in Ajoie beim Kellermeisterschafts-Spitzenkampf erstmals zum Zuge. Wie gut die Geldspeicher noch gefüllt sind, wenn im Frühjahr die meisten alle zehn Ausländerlizenzen eingelöst haben, wissen wir nicht. Wir wollen nicht grübeln. Wir müssen ja nicht zahlen.

Ein Trainer, der es versteht, seine Ausländer richtig einzusetzen, die tapferen Schweizer zu motivieren und an der Bande alle zusammen zu dirigieren, kann im Herbst 2022 Wunder vollbringen. Aber dann darf er an der Bande nicht einfach hilfloser Zuschauer sein. Gut gecoacht wäre der SCB nach der miserabelsten Saison seiner Geschichte nun bereits wieder Leader. Coaching hat eine viel grössere Bedeutung als in den letzten Jahren. Es ist ein goldener Herbst für die «Bench Bosses», für die Banden-Generäle.

Dass Klotens Jeff Tomlinson ein grosser Bandengeneral ist, wissen wir: Cupsieger und Aufsteiger mit den Lakers, Aufsteiger mit Kloten. Dass Ajoies Filip Pesan etwas von einem Banden-Kommando versteht, durfte erwartet werden: Er war zwar zuletzt glückloser Nationaltrainer in Tschechien. Aber die Prager Hockeykultur ist eine der taktisch besten der Welt. Wer in Tschechien nationaler Trainer wird, ist mehr Bandengeneral als Soldat Schwejk.

Dass Thierry Paterlini in Langnau kurz davor ist, beim ersten Job in der höchsten Liga die Schweizer Antwort auf Heinz Ehlers zu werden, ist hingegen eine schöne, erfreuliche Überraschung. Das «Ambri-Experiment» kann im Emmental gelingen: Ein Sportchef (Pascal Müller) und ein Trainer (Thierry Paterlini), die mit gleicher Zunge reden, die wie Pech und Schwefel zusammenhalten und vom Verwaltungsrat durch alle Böden hindurch gestützt werden – so wie in Ambri Paolo Duca und Luca Cereda.

So ist es eben auch logisch, dass Lausanne und Lugano zumindest im Herbst in die Kellermeisterschaft verbannt worden sind. In Lugano ist der grosse Bandengeneral Chris McSorley das Opfer einer Spielerrevolte geworden. Sein Nachfolger Luca Gianinazzi ist nun daran, die Mannschaft wieder zu ordnen. Kritiker monieren, in Lausanne führe nicht der schlaue Opportunist John Fust das Bandenkommando. Sondern General Manager Petr Svoboda, der auch mal während der Pause Anweisungen in die Kabine übermittle. Unter diesen Umständen sei John Fust halt mehr Meldeläufer als Bandengeneral.

Was ist noch wichtiger als Ausländer und Trainer? Richtig: die Torhüter. Die letzten Männer waren, sind und bleiben die wichtigsten. Die Erhöhung von vier auf sechs Ausländer hat zu einer «Genonisierung» der Liga geführt: Zum ersten Mal in der Geschichte haben fast alle Teams einen Torhüter mit der Kragenweite von Leonardo Genoni.

Klotens Juha Metsola hat soeben gegen die ZSC Lions 96,3 Prozent der Schüsse abgewehrt und Janne Juvonen hext Ambri in Bern zu einem Punktgewinn. Da sechs Ausländer erlaubt sind, können immer noch fünf ausländische Feldspieler eingesetzt werden. Weil Luca Boltshauser in Langnau das beste Hockey seiner Karriere spielt, Tim Wolf und Damiano Ciaccio sich in Ajoie die Arbeit teilen können, Robert Mayer in Servette wieder der wahre Robert Mayer geworden ist und Sandro Aeschlimann in Davos seine WM-Nomination von 2022 bestätigt, ist die Liga auf der Goalieposition so ausgeglichen wie noch nie in der Geschichte: jedem sein Genoni.

Und was, wenn wieder alles ganz anders kommt? Der Chronist hat immer eine Ausrede. Dann können wir sagen: Wenn die ausländischen Schillerfalter in der Kälte nicht mehr flattern, brauchen auch Bandengeneräle keinen Wintermantel – und fragen: Ach, was wäre unser Hockey, wenn jeder seinen Genoni hätte?

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