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Trainer Guy Boucher, links, und Assistenztrainer Lars Leuenberger von Bern, rechts, beim Meisterschaftsspiel der National League A zwischen dem HC Davos und dem SC Bern, am Sonntag, 27. September 2015, in der Vaillant Arena in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Gibt vergeblich Anweisungen: Boucher bei Berns Niederlage in Davos.
Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

«Jeder Tag mit Guy Boucher als Trainer ist für den SC Bern ein verlorener Tag»

Vier Niederlagen in Serie – zuletzt 1:2 gegen die ZSC Lions, heute 1:3 in Davos. Wir erleben beim SC Bern eine absurde, moderne Version des Märchens vom Kaiser ohne Kleider.



Die Fabel geht so: Der Kaiser möchte neue festliche Gewänder. Er fällt Betrügern zum Opfer. Sie tun nur so, als würden sie ihn festlich kleiden. Weil sich niemand die Gunst des Kaisers verscherzen will, sagen aber alle, wie wunderbar doch die neuen Gewänder seien. Bis ein kleines Kind ausruft: «Aber der Kaiser ist ja nackt!», und den Spuk beendet.

Marc Lüthi, der Sportchef des SC Bern, wollte einen Trainer, der seinen Klub in frischen, neuen Ruhm kleidet. Er hat im Laufe der Saison 2013/14 Guy Boucher geholt. Er ist wahrscheinlich der sturste und humorloseste Trainer, der je in Bern gearbeitet hat.

16 Niederlagen in 25 NLA-Spielen

Vom ersten Tag an ist diese Verpflichtung ein Missverständnis. Die Bilanz ist verheerend. Zuerst versenkt der Kanadier den SCB (den Titelverteidiger!) im Frühjahr 2014 in der Abstiegsrunde. Nach einem Zwischenhoch in der letzten Saison ist der SCB inzwischen nur noch eine Karikatur seiner selbst.

Seit dem Cupsieg vom 11. Februar 2015 gegen die Kloten Flyers haben die Berner 25 Meisterschaftsspiele (Qualifikation und Play-offs) ausgetragen. Davon haben sie 16 verloren, zuletzt 1:2 zuhause gegen die ZSC Lions und 1:3 in Davos.

Die enttaeuschten Berner Pascal Bergeri, Samuel Kreis, Chuck Kobasew und Flurin Randegger, von links, nach dem verlorenen Meisterschaftsspiel der National League A zwischen dem HC Davos und dem SC Bern, am Sonntag, 27. September 2015, in der Vaillant Arena in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Enttäuschte Berner: Berger, Kreis, Kobasew und Randegger nach dem 1:3 in Davos.
Bild: KEYSTONE

Boucher hat schon eine NHL-Kabine von innen gesehen!

Mit vier ausländischen Stürmern, mit drei WM-Silberhelden (Bodenmann, Plüss, Moser) in der Offensive gelang gerade mal ein Törchen gegen die mit Urban Leimbacher im Tor spielenden, arg geschwächten Zürcher. In den zwei letzten Partien zwei Tore – und eines davon von einem Verteidiger (Justin Krueger). Der SCB ist auf dem direkten Weg in die Abstiegsrunde.

Wäre Guy Boucher ein Schweizer oder auch nur ein europäischer Trainer, er wäre längst gefeuert worden. Aber er ist halt ein ehemaliger NHL-Trainer! Er hat schon eine NHL-Kabine von innen gesehen! Ein Kanadier! Er ist doch immer so schön modisch gekleidet! Marc Lüthi ist wie hypnotisiert. Ihm gefällt dieser Technokrat, der so sehr alles durchstrukturiert, durchorganisiert und bis ins kleinste Detail kontrolliert. So ist doch der SCB auch in seinem Innenleben und gerade deshalb wirtschaftlich erfolgreich wie kein anderes Hockeyunternehmen in Europa.

Marc Luethi, CEO des SC Bern, kontrolliert seine Brillenglaeser an einer Medienkonferenz, am Montag, 31. August 2015, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Blickt er noch durch? SCB-Boss Lüthi.
Bild: KEYSTONE

Aber Eishockey ist ein Spiel. Keine exakte Wirtschaft. Und ein Spiel lässt sich nicht bis auf die letzten Laufmeter mathematisch berechnen. Kürzlich sagte mir ein Coach, dessen Namen mir in diesem Augenblick entfallen ist, er spiele eigentlich am liebsten gegen den SCB. Das sei zwar eine sehr, sehr gute Mannschaft. Aber bei dem Coach wisse man wenigstens immer, was passiert.

Der Berner Massstab sind Siege gegen Titanen

Stur wie Roboter spielen die Berner, und jeder ist darauf bedacht, genau so viel zu tun, um sich nicht dem Zorn des Trainers auszusetzen. Null Mut zum Risiko. Keine Kreativität. Deshalb ist die Chancenauswertung so schlecht. Manchmal gelingt es mit der schieren Wucht einer Mannschaft, die ja bei weitem gut genug wäre, um die Liga zu dominieren, einen Gegner zu zermürben und zu überrennen – wie etwa die SCL Tigers, die mit 7:1 gebodigt worden sind.

Hält hingegen ein Widersacher mit Organisation und Disziplin dagegen, sind die Berner mit ihrem blinden Eifer und ihrer taktischen Sturheit meistens am Ende. Sogar gegen die ZSC Lions, die bei weitem nicht ihr bestes Hockey spielen und auf eine ganze Reihe ihrer besten Spieler verzichten müssen. Der SCB versteht sich als Bayern München unseres Hockeys. Der Massstab sind Siege gegen Titanen wie die ZSC Lions oder den HC Davos. Und nicht sieben Treffer in einer sportlichen Gaudi gegen den Aufsteiger Langnau.

Aber solche Gedanken sind tabu. Weil alle wissen, dass Marc Lüthi in seinen Trainer verliebt ist, finden alle den Trainer toll. Nur dann, wenn absolute Verschwiegenheit garantiert ist, wird ausgepackt. Um es in einem Satz zusammenzufassen: Jeder Tag mit Guy Boucher ist für den SCB ein verlorener Tag. Wir warten auf das Kind, das endlich sagt, dass der SCB ja gar keinen richtigen Trainer hat. Oder auf Marc Lüthi, dass er zur Einsicht kommt und diesen groben sportlichen Unfug endlich abstellt.

Muss der SC Bern den Trainer wechseln?

Der Vergleich mit der Situation in Langnau

Wer fliegt nun zuerst: Guy Boucher oder Benoît Laporte? In Langnau liegen die Dinge ein wenig anders. Dort wird schon aus Prinzip am Trainer festgehalten. Bereits erkennen wir erste Tendenzen jener fatalen Schicksalsergebenheit, die es den Emmentalern erlaubt, harte Zeiten (die sie vor allem im vorletzten Jahrhundert hatten) besser durchzustehen. Man sei halt nicht besser, da könne man halt nichts machen – so wird zurzeit argumentiert. Und dazu kommt die gerade in bäuerlich geprägten Kulturen vorherrschende soziale Kontrolle. Diese Furcht davor, was andere über einen denken könnten. Die SCL Tigers sind in ihrer Geschichte gefangen. Sie haben Aufstiegstrainer Bengt-Ake Gustafsson fortgeschickt. Da kann man doch jetzt nicht schon seinen Nachfolger feuern. Was denken da die Leute über einen?

Sportlicher Misserfolg schlägt bei den SCL Tigers nicht gleich auf die Kasse durch. Die Fans sind geduldig, sie sind glücklich, wieder in der NLA zu sein, und halten dem Team auch in schlechten Zeiten die Treue. Vom Kassenhäuschen her gibt es vorerst keinen Druck auf Benoît Laporte.

Langnau Trainer Benoit Laporte beim Eishockey Meisterschaftsspiel der NLA zwischen den SCL Tigers und dem HC Lausanne am Dienstag, 15. September 2015, in der Ilfishalle in Langnau. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Noch fest im Sattel: Langnaus Coach Laporte.
Bild: KEYSTONE

Hans Kossmann steht bereit

In Bern ist die Situation eine andere. Auf nichts reagiert Marc Lüthi so sensibel wie auf Verstimmung seiner Kundschaft. Sobald er zum Schluss kommt, dass die Zuschauer nicht mehr zufrieden sind, wird er handeln. Denn jeder Zuschauer weniger im Stadion reduziert Umsatz und Gewinn. Er hat einst sogar ohne Not Meistertrainer Larry Huras gefeuert – weil er angeblich zu langweiliges Hockey spielen liess. Im Vergleich zu dem, was Guy Boucher den Fans zumutet, war das Hockey in den Zeiten von Larry Huras ein permanentes Abbrennen von spielerischen Feuerwerken. Diese Entlassung von Larry Huras traumatisiert Marc Lüthi noch heute und ist mit ein Grund für das sture Festhalten an Guy Boucher.

Was in Bern und in Langnau zu denken geben sollte: Guy Boucher hat noch nie in seiner Karriere als Proficoach irgendetwas gewonnen – ausser den Cup mit dem SCB. Und Benoît Laporte hat 2008 die Liga-Qualifikation mit Basel gegen Biel glatt 0:4 verloren.

Was den Reiz erhöht: Es gibt keinen Mangel an Trainern. Wenn die Langnauer wirklich das offensive «Wildwest-Hockey» wollen, von dem Sportchef Jörg Reber gesprochen hat, ist Doug Shedden der richtige Mann. Der Kanadier hat zudem reiche Erfahrung im Umgang mit Lottergoalies. Wenn der SCB einen Taktiktrainer mit menschlichem Antlitz und Sinn für Ironie und Humor will, steht Hans Kossmann bereit. Als Assistent von Larry Huras war er schon mit dem SCB Meister.

NLA-Trikotnummern, die nicht mehr vergeben werden

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