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Cockpit WM-Blindflug

Die Schweiz fliegt im Mai nach Moskau zur WM. Noch ist aber unklar, wer dabei im Cockpit sitzt.

Eismeister Zaugg

Wer sitzt im Cockpit? Bitte anschnallen zum WM-Blindflug nach Moskau

Nie war die Führungslosigkeit rund um die Nationalmannschaft beim Saisonauftakt in den letzten 30 Jahren so schlimm wie vor dem Deutschland Cup 2015.



Die Spieler stehen dem Nationalcoach nicht mehr während der ganzen Saison zur Verfügung. Zu gross ist die Belastung mit 50 Qualifikationspartien, Playoffs, Spengler- und sonstige Cups und Champions League. Es ist nicht mehr möglich, jedes Länderspiel in Bestbesetzung zu bestreiten. Deshalb ist ein klares Konzept wichtiger denn je.

Der Nationaltrainer muss schon im Herbst genau wissen, mit welcher Taktik, welchem System und welchen Spielertypen er bei der WM spielen wird. So kann er im Laufe der Saison bei den Vorbereitungsturnieren – wie jetzt beim Deutschland Cup – verschiedene Kandidaten testen. Hinter jedem Aufgebot muss eine Idee, ein Konzept, eine Strategie stehen. Jedes Aufgebot muss Sinn machen. So war es bei Simon Schenk, bei Ralph Krueger und bei Sean Simpson.

Swiss President Ueli Maurer, left, gives the silver medal to Switzerland's player Reto Suri, 2nd left, and Rene Fasel, 2nd right, President of the International Ice Hockey Federation (IIHF), to Switzerland's player Eric Blum, right, after Swiss team losing against Sweden during the the Gold Medal game between Switzerland and Sweden at the IIHF 2013 Ice Hockey World Championships at the Globe Arena in Stockholm, Sweden, on Sunday, 19 May 2013. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Im Rahmen der «Future Week» wurden Reto Suri und Co. 2010 für den Deutschland-Cup aufgeboten, 2013 wurden sie zu WM-Silberhelden.
Bild: KEYSTONE

Ralph Krueger brachte uns mit einer klugen Strategie zurück in die Weltklasse. Mit einem klaren Konzept bescherte uns Sean Simpson das Silber-Wunder von 2013. Im Herbst 2010 bot er beispielsweise 15 Neulinge für den Deutschland Cup auf. Um herauszufinden, wer für die besondere Belastung eines Turniers geeignet ist. «Future Week» nannte er dieses Projekt. Dazu gehörten unter anderem Reto Suri, Robin Grossmann, Reto Suri und Simon Moser. Sie wurden 2013 zu WM-Silberhelden.

Das Prinzip «Krethi & Plethi» als Konzept

Von einem solch planvollem Vorgehen, von solch einem Masterplan ist unsere Nationalmannschaftsführung weiter entfernt als unsere Luftwaffe von einer Landung auf dem Mars. Ja, das Chaos ist so gross wie nie mehr seit der Rückkehr zur Anstellung eines Vollamtlichen Nationaltrainers im Jahre 1983. Im Aufgebot zum Deutschland Cup mit vier Neulingen ist kein Konzept mehr zu erkennen – es sei denn, wir nennen das Prinzip «Krethi & Plethi» ein Konzept. Erste Ansätze zu dieser Planlosigkeit waren schon letzte Saison unter Glen Hanlon mit mehr als 60 aufgebotenen Spielern zu erkennen.

Prag, 10.5.2015, Eishockey WM 2015 - Schweiz - Kanada, Trainer Glen Hanlon (sui) (Melanie Duchene/EQ Images)

«Jekami» bei Glen Hanlon:Ex-Nati-Coach Glen Hanlon bot letzte Saison über 60 Spieler für die Nationalmannschaft auf.
Bild: Melanie Duchene

Zu Beginn der 1980er Jahre war das Gaudi rund um die Nationalmannschaft gross. Der nebenamtliche Nationaltrainer Lasse Lillja (Arosa) liess 1981 den ungeliebten Assistenten Arne Strömberg auf der Fahrt zur WM ins italienische Ortisei nach einem Kaffeehalt absichtlich auf der Autobahnraststätte zurück. 1982 gelang der Klassenerhalt in der B-WM nur dank einem abgesprochenen Remis im letzten Spiel gegen Rumänien.

1983 ging diese wilde Zeit mit dem vollamtlichen Nationaltrainer Bengt Ohlson aus Schweden zu Ende. Zustände wie in den frühen 1980er Jahren schienen für immer Geschichte und nicht mehr möglich. Doch nun geht es im Herbst 2015 rund ums Nationalteam zu und her wie in den prä-professionellen Zeiten. Das silberne Erbe von 2013 verbleicht mehr und mehr im Chaos.

Wenn «Plan A» scheitert und «Plan B» fehlt

Zum ersten Mal seit dem 2. Weltkrieg wissen wir im Herbst noch nicht, wer für die Schweiz bei der WM an der Bande stehen und wer die Spieler aufbieten wird. Der vollamtliche Nationaltrainer Glen Hanlon ist erst Anfang Oktober ohne durchdachten und realistischen «Plan B» gefeuert worden. Es gibt keinen Nachfolger.

L'entraineur ad-interim de l'equipe Suisse de hockey John Fust observe depuis les tribunes le match de hockey sur glace 1/8eme de final de Coupe Suisse, Swiss Ice Hockey Cup, entre Lausanne HC, LHC, et HC Fribourg-Gotteron ce mercredi 28 octobre 2015 a la patinoire de Malley a Lausanne. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

John Fust wird die Nationalmannschaft an den Deutschland Cup begleiten.
Bild: KEYSTONE

John Fust führt unsere Nationalmannschaft nur beim Deutschland Cup. Felix Hollenstein beim Heimturnier im Dezember. Die weitere Zukunft kennt niemand. Wir wissen nicht, ob ein Schwede, ein Russe, ein Finne, ein Kanadier, ein Amerikaner, ein Tscheche, ein Schweizer oder ein Doppelbürger unsere WM-Expedition führen wird.

Der tüchtige, umtriebige Nationalmannschafts-Direktor Raeto Raffeiner weiss nicht, ob der neue Nationaltrainer defensiv oder offensiv spielen wird. Er weiss nicht, ob der neue Nationaltrainer mehr auf Tempo oder mehr auf Kraft und Wasserverdrängung setzen wird. Er weiss nicht, ob er laut oder leise sein wird. Weil er keine Ahnung hat, wer der neue Nationaltrainer sein wird. Wir haben von allen grossen Hockeynationen das kleinste Spielerreservoir. Wenn wir bei einer WM erfolgreich sein wollen, müssen wir grössere Anstrengungen unternehmen als die Grossen. Und wir können uns vermeidbare Fehler, Konzept- und Ahnungslosigkeit nicht leisten.

Wie einst Christoph Kolumbus

Die WM 2016, die für uns am 7. Mai 2016 in Moskau mit dem Spiel gegen Kasachstan beginnt, ist für uns so unbekanntes Land wie einst Amerika für Christoph Kolumbus. Und der Venezianer meinte noch, er fahre zur See nach Indien. Wenigstens wissen wir, dass wir im Mai 2016 nach Moskau und nicht nach Indien reisen müssen.

Ich respektiere John Fust als fähigen Trainer und verneige mich. Immerhin hat er Langnau einst in die Playoffs geführt und bei der letzten U20-WM wenigstens den Klassenerhalt geschafft. Aber er ist definitiv der falsche Mann für den Deutschland Cup. Er ist nämlich vollamtlicher U20-Nationaltrainer. Er müsste jetzt die U20-Nationalmannschaft für die WM Ende Dezember einfuchsen.

06.05.2015; Prague; Eishockey WM 2015 - IIHF ICE HOCKEY WORLD CHAMPIONSHIP;
Switzerland - Latvia;
Assistenztrainer John Fust (SUI) Trainer Glen Hanlon (SUI) Assistenztrainer Thierry Paterlini (SUI) 
(Andy Mueller/freshfocus)

Glen Hanlon umgeben von John Fust (links) und Thierry Paterlini.
Bild: freshfocus

Auch sein Assistent beim Deutschland Cup ist der falsche Mann. Thierry Paterlini, ebenfalls ein Trainer ohne Fehl und Tadel, müsste in diesen Tagen an einem anderen Ort sein und das U18-Nationalteam führen. Bei den Zusammenzügen der beiden wichtigsten Junioren-Nationalteams fehlen ausgerechnet die Cheftrainer. Weil sie die führungslos gewordene richtige Nationalmannschaft beim Deutschland Cup betreuen müssen. Da mag Raeto Raffeiner noch so sehr betonen, das sei doch kein Problem – es ist ein Problem.

Nach dem Ende seiner Spielerkarriere begann John Fust eine Ausbildung zum Geheimagenten beim Canadien Security Intelligence Service, der kanadischen Antwort auf die amerikanische CIA. Aber nicht einmal mehr mit einem Geheimagenten an der Bande ist ein klarer Blick in die Zukunft unseres Nationalmannschaftsprogrammes möglich. Bitte anschnallen zum WM-Blindflug nach Moskau.

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