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21.02.2015; Philadelphia; Eishockey NHL - Philadelphia Flyers - Nashville Predators; Mark Streit (Philadelphia) (Chris Szagola/Zuma Sports Wire/freshfocus)

Mark Streit kämpft mit den Philadelphia Flyers um den Einzug in die Playoffs. Bild: Chris Szagola/freshfocus

Comeback der Flyers

Eismeister Zaugg

Sage mir, wie Mark Streit spielt und ich sage dir, wie es um Philadelphia steht

Ein Comeback wie Lazarus und mittendrin ein Schweizer. Mark Streit (37) ist eine der zentralen Figuren bei der Auferstehung der Philadelphia Flyers.



klaus zaugg, philadelphia

Eishockey ist ein unerklärliches, unberechenbares Spiel auf einer rutschigen Unterlage. Die Philadelphia Flyers verlieren gegen die Nummer 30 der Liga (Buffalo, 36 Punkte) und im nächsten Spiel besiegen sie die Nummer 1 (Nashville, 84 Punkte). Am nächsten Tag legen sie gegen das Spitzenteam Washington gleich noch einmal nach (3:2).

In knapp zwei Wochen wird der Rückstand auf die Playoffs von 13 auf 4 Punkte verkürzt – und beim NHL-Modus gibt es für einen Sieg nur 2 und nicht 3 Punkte wie bei uns. Wie angespannt die Situation war und wie gross die Erleichterung über die zwei Siege, zeigt sich etwa daran, dass Teambesitzer Ed Snyder nach dem Spiel gegen Washington in der Kabine vorbeischaute. Der charismatische 82-jährige Milliardär hat die Philadelphia Flyers 1967 gegründet und seiner Familie gehören Team und Stadion.

Tobende Coaches sind nicht mehr gefragt

Wie ist Philadelphias wundersame Wiederauferstehung möglich geworden? Oder besser gefragt: Wie hat Cheftrainer Craig Berube auf die Krise reagiert? Hat er getobt? Oder führt er das Team eher auf die weiche Tour? Mark Streit sagt, die Zeiten des Tobens und des zerstörten Mobiliars in der Kabine seien in der NHL inzwischen vorbei. Coach Craig Berube sei auch in den letzten Tagen nie laut geworden. «Die neue Spielergeneration würde das auch gar nicht mehr verstehen und nicht akzeptieren.» Heute genüge die Autorität des Amtes nicht mehr. Psychologisches Geschick seit wichtig geworden.

Philadelphia Flyers coach Craig Berube talks to his team during a timeout in the third period of an NHL hockey game against the Chicago Blackhawks, Tuesday, March 18, 2014, in Philadelphia. Philadelphia won 3-2 in overtime. (AP Photo/Matt Slocum)

Craig Berube weiss, wie er mit seinen Jungs umgehen muss.  Bild: Matt Slocum/AP/KEYSTONE

Wir können es auch so sagen: Die NHL-Profi verdienen heute im Schnitt rund 2,5 Millionen Dollar. In der Regel mehr als der Chef, einige sogar drei oder viermal mehr. Bis weit in die 1980er Jahre hinein verdienten auch die meisten Stars nicht mehr als die Cheftrainer. Das Durchschnittssalär lag bei 125'000 Dollar. Das grosse Geld verändert seit Mitte der 1990er Jahre nach und nach die Kultur der NHL und weicht die für Nordamerika so typischen autoritären Führungsstrukturen, dieses «oben befehlen, unten gehorchen» auf.

Charismatische «harte Hunde» wie Mike Keenan, John Tortorella, Ron Wilson sind nicht mehr im NHL-Business – obwohl sie Stanley Cups geholt (Keenan, Tortorella) oder das Finale (Wilson) erreicht haben. Auch Marc Crawford gehört eher in diese Kategorie und der Stanley Cup-Sieger von 1996 wartet in der Verbannung Zürich nach wie vor auf seine Rückkehr ins gelobte Land der NHL. Die Sorge der General Manager, dass die Stars Guy Bouchers Führungsstil nicht mögen, ist der zentrale Grund, warum der SCB-Trainer keinen neuen Job in der NHL gefunden hat.

Läuft es Mark Streit, läuft es Philadelphia

Eines ist indes so geblieben wie in der guten alten Zeit der tobenden Bandengeneräle: Wer zu oft verliert, der fliegt. New Jersey, Toronto und Edmonton haben diese Saison ihre Coaches gefeuert.

Doch zurück nach Philadelphia. Sofort nach der schmählichen Niederlage gegen Buffalo wurde Mark Streit ins Trainerbüro zitiert. Er musste sogar seine Interviews vorzeitig abbrechen. Was wollte der Chef von ihm? «Er hatte ein paar Fragen. Das war alles. Er fragt ab und zu einen von den Spielern und wartet mit seiner Analyse bis zum nächsten Tag.»

Philadelphia Flyers' Claude Giroux (28) and Mark Streit (32), of Switzerland, celebrate after Giroux's game-winning goal during overtime of an NHL hockey game against the Pittsburgh Penguins, Tuesday, Jan. 20, 2015, in Philadelphia. Philadelphia won 3-2 in overtime. (AP Photo/Matt Slocum)

Mark Streit ist nicht nur auf, sondern auch neben dem Eis eine Leaderfigur. Bild: Matt Slocum/AP/KEYSTONE

Der Cheftrainer sage nach einem Spiel sowieso nie viel. Am nächsten Tag versuche er aufzumuntern und verzichte darauf, einzelne zusammenzustauchen. «So im Sinne: Hey Jungs, wir wissen alle, dass wir es besser können. Das funktioniert bei einem Team mit so vielen starken Spielerpersönlichkeiten wie bei uns gut.» Was Mark Streit selber nicht sagt: Er ist einer dieser starken Spielerpersönlichkeiten und er gehört zusammen mit Wayne Simmonds, Claude Giroux und Jakub Voracek zum vierköpfigen Spielerrat der Flyers.

Zerbrechliche Flyers-Defensive

Gegen Washington dirigierte der ehemalige SCB-Junior das Powerplay wie Alan Gilbert die New Yorker Philharmoniker. Weil die Flyers ihr Überzahlspiel endlich wieder ganz auf Mark Streit ausgerichtet haben. Er gehört zu den besten Weitschützen und als der Torhüter sein Geschoss nicht blockierten kann, fällt der zweite Treffer (2:0) und Mark Streit kann sich den zweiten Assist in diesem Spiel gutschreiben lassen.

Die Flyers sind ein defensiv verhältnismässig zerbrechliches Spektakelteam, das ein Spiel nicht verwalten kann und zur Flucht nach vorne verurteilt ist. Die kläglichen Heimpleiten gegen die Hinterbänkler aus Columbus und Buffalo provozierten die Flucht nach vorne: Die Flyers sind der Krise davongelaufen. Deshalb lässt sich an Mark Streit der Formstand des Teams recht gut ablesen.

21.02.2015; Philadelphia; Eishockey NHL - Philadelphia Flyers - Nashville Predators; Mark Streit (Philadelphia) (Chris Szagola/Zuma Sports Wire/freshfocus)

Mark Streit dirigiert das Spiel von Philadelphia. Bild: Chris Szagola/freshfocus

Wenn er die meiste Zeit damit beschäftigt ist, die Defensive zu ordnen und Struktur ins Spiel zu bringen (wie gegen Columbus und Buffalo), dann ist in Philadelphia Krise. Wenn er oft ausserhalb der eigenen Zone und an der gegnerischen Linie auftaucht und die Energie ins Offensivspiel investieren kann, dann fliegen die Flyers (wie gegen Nashville und Washington). Sage mir, wie Mark Streit spielt und ich sage dir, wie es um Philadelphia steht.

Ausgeglichene Liga

Ein bisschen Hockey-Voodoo gehörte natürlich auch zu einer Wende. Cheftrainer Craig Berube hat das Team komplett zerlegt und wieder neu zusammengesetzt. Nur das Verteidigerpaar Mark Streit/Nick Schultz ist gleich geblieben. Torhüter Ray Emery ist unter der Wolldecke verschwunden und sein Ersatz Rob Zepp feierte gegen Nashville und Washington zwei Siege hintereinander. 

Dass die Wahrheit von heute bereits der Irrtum des nächsten Tages sein kann, hat auch mit der Ausgeglichenheit der NHL zu tun. Es gibt längst keine leichten Gegner und keine «Gratispunkte» mehr. Je ausgeglichener eine Liga, desto besser – und diese Ausgeglichenheit wird in allererster Linie über die Finanzen erreicht. Die Salärbegrenzung («Salary Cap») ist der Schlüssel.

Reicht es Philadelphia doch noch für die Playoffs? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Mark Streit sagt: «Rückschläge sind in einer so ausgeglichenen Liga fast nicht zu vermeiden. Aber ich hoffe schon, dass wir jetzt die Form gefunden haben.»

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