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Der Berner Head Coach Guy Boucher macht Zeichensprache hinter der Bande, links, daneben sein Assitant Coach Lars Leuenberger,  beim Eishockey Halbfinal Meisterschaftsspiel der National League A zwischen dem HC Davos und dem SC Bern am Dienstag, 24. Maerz 2015, in der Vaillant Arena, in Davos. (KEYSTONE/Juergen Staiger)

Nein, nicht ein Spiel hat der SC Bern in den Playoffs gegen Davos gewonnen. Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Guido Bucher oder Guy Boucher – das ist die Kernfrage beim SC Bern

Zuletzt hat der SC Bern so gespielt, als ob Marc Lüthi Trainer wäre. Nach einem schmählichen Saisonende muss der SCB seinen Trainer in Frage stellen.



Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras sollte SCB-Cheftrainer Guy Boucher als Informationsminister beschäftigen. Der Kanadier würde Griechenlands Schuldenkrise als langanhaltende Börsenhausse schönreden.

Der tüchtige SCB-Bandengeneral ist bis zur Karikatur ein NHL-Produkt. In der NHL ist das Schönreden besorgniserregender sportlicher Zustände ein Geschäftsmodell. Gemacht für die Aussenwahrnehmung. Nach innen werden die Dinge hingegen nüchtern betrachtet. Die SCB-Verantwortlichen aber nehmen Guy Bouchers Schönfärberei als Realität. Das ist die ganz grosse Gefahr.

10.03.2015; Bern; Eishockey NLA Playoff - SC Bern - Lausanne HC; 
Trainer Guy Boucher (Bern)
(Urs Lindt/freshfocus)

Trotz dem Playoff-Out kann Guy Boucher noch lächeln. Bild: Urs Lindt/freshfocus

Guy Boucher hat den Larifaribetrieb seines Vorgängers Antti Törmänen abgestellt, die Ordnung wieder hergestellt und eine Leistungskultur aufgebaut. Der SCB ist in die Playoffs zurückgekehrt, hat die Qualifikation auf Rang 2 beendet und die Playoff-Halbfinals erreicht.

Der SCB hat also eine erfolgreiche Saison hinter sich. Der Trainer hat gut gearbeitet. SCB-General Marc Lüthi betont denn auch, man habe einen riesigen Schritt nach vorne gemacht. Jetzt gehe es darum, einen weiteren Schritt zu tun.

Alles gut dank dem NHL-Coach?

Nach dem kläglichen Scheitern gegen Davos ist nach dem vierten Match im Kabinengang der Davoser Hockey-Kathedrale am späten Dienstagabend von den SCB-Verantwortlichen fast so viel gerühmt und gelobt worden wie nach einem Meistertitel. Der Einsatz der Spieler sei grossartig gewesen, man könne stolz sein, es habe doch nur soooo wenig gefehlt. Denn an der Bande steht ja ein echter NHL-Trainer!

Wenn dieses Rühmen, so wie in der NHL, nur für die Aussenwahrnehmung gedacht wäre – kein Problem. Aber die SCB-Generäle glauben, was sie sagen. Dieses Schönreden mahnt geradezu an YB, das andere grosse Berner Sportunternehmen. Bei YB ist die Verlierermentalität längst Kult. Der SCB wie YB? Ein Albtraum.

epa04639370 The Young Boys players and staff sit on the pitch in front of their supporters after losing the UEFA Europa League round of 32 soccer match between Everton and Young Boys Bern at the Goodison Park in Liverpool, Britain, 26 February 2015.  EPA/PETER POWELL

Die Young Boys: Das Schweizer Sinnbild für Verlierermentalität. Gehts dem SCB bald ähnlich? Bild: PETER POWELL/EPA/KEYSTONE

Enttäuschung? Wenn schon, dann eine gut strukturierte und disziplinierte. Eher war es Selbstmitleid. Ach, so wenig fehlte, ach, wie nahe waren wir doch dran, ach, wie gut waren wir doch in der Qualifikation. Ach, wir haben ja auch den Cup gewonnen. Marc Lüthi musste schon sagen, er sei jetzt enttäuscht und es sei schwierig für ihn zu reden.

Hätte er es nicht gesagt, niemand hätte es gemerkt. Der wahre, der besorgniserregende Zustand des grössten Hockeyunternehmens der Schweiz war nach diesem vierten Spiel nicht an dem zu erkennen, was gesagt wurde. Sondern an dem, wie etwas gesagt wurde – und an dem, was niemand zu sagen wagte.

Die Kloten Flyers als Warnsignal

Alles darf beim SCB hinterfragt werden – nur der Trainer nicht. Es ist, weil beim Trainer NHL drauf steht, wie bei des Kaisers neuen Kleidern. Niemand wagt zu sagen, was Sache ist. Dabei ist der Trainer der Kern des SCB-Problems. So wie Guy Boucher den SCB wieder geordnet hat, so wird nun sein schon fast paranoider Systemwahn zum grossen Problem.

Aus der Platzierungsrunde in einem Jahr in die Halbfinals ist tatsächlich ein grosser Schritt. Aber eine Basis für künftige Erfolge ist das noch lange nicht. Die Kloten Flyers verpassten 2013 die Playoffs, schafften 2014 das Finale, verloren es kläglich 0:4 – und haben diese Saison die Playoffs erneut verpasst. Dieses Beispiel als Warnung für den SCB.

Von Guy Boucher zu Guido Bucher

Wir treten nun einen Schritt zurück und beurteilen die SCB-Leistungen und Entwicklungsmöglichkeiten ganz nüchtern. Am besten stellen wir uns vor, der SCB-Trainer heisse Guido Bucher, sei Schweizer, vielleicht ein Sportlehrer ETH mit Psychologie-Studium und kein NHL-Bandengeneral. Dann würde beim SCB nüchtern wie folgt analysiert:

Falsche Taktik

Der Trainer ist taktisch überfordert. Im Viertelfinale führte die absurde Defensivtaktik zu einer kräfteraubenden Serie über sieben Spiele, die nur mit viel Glück gewonnen wurde.

Preussisches Infanterie-Hockey

Im Halbfinale gegen Davos war Guido Bucher völlig hilflos und hat viermal hintereinander genau gleich verloren, nicht reagiert, alles einfach hingenommen. Aus Eishockey wurde Arbeit und je länger das Halbfinale dauerte, desto einfacheres Spiel hatte Davos mit dem sturen, unflexiblen und berechenbaren preussischen Infanterie-Hockey der Berner. 

Dino Wieser von Davos, Mitte, jubelt nach dem Treffer durch Simon Kindschi (nicht im Bild), gegen Marc-Andre Gragnani, Pascal Berger und Torhueter Marco Buehrer von Bern, von links, beim zweiten Playoff-Halbfinalspiel der National League A zwischen dem HC Davos und dem SC Bern, am Donnerstag, 19. Maerz 2015, in der Vaillant Arena in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Davos jubelt, beim SCB gibt es hängende Köpfe. Bild: KEYSTONE

Fehlende Kreativität und Risikobereitschaft

Die Spieler halten sich strikte und freudlos an die taktischen Anweisungen. Nullkommanull Kreativität, null Risikobereitschaft, kaum Leidenschaft, keine Emotionen. Das System ersetzt die Eigenverantwortung. Deshalb erleben wir den offensiv schwächsten SCB der Playoff-Geschichte. 

Ohne Chance gegen den HC Davos

Das vierte und letzte Spiel in Davos ist das schlimmste. Selbst ein Glückstreffer zur 1:0-Führung hilft dem SCB nicht. Der HCD zelebriert Hockey des 21. Jahrhunderts. Der SCB hat sich taktisch weit ins letzte Jahrhundert zurückgezogen und ist am Ende mit leeren Energietanks sang und klanglos ausgeschieden. 

Das alles würde Marc Lüthi sofort erkennen und sehen, wenn sein Trainer Guido Bucher und nicht Guy Boucher hiesse, wenn sein Trainer aus Worb und nicht aus Amerika käme.

Erstklassige Center als Schlüssel

Was nun? Der SCB behält seinen Cheftrainer und kann nur noch auf den Ausländerpositionen wirkungsvoll reagieren. Wenn es nicht gelingt, zwei erstklassige ausländische Center in Lohn und Brot zu nehmen, dann steht der SCB im Januar 2016 der Klassierungsrunde näher als der Spitzengruppe der Liga. Zwei solche Mittelstürmer kosten den SCB eine Million. Marc Lüthi muss seinem tüchtigen Sportchef Sven Leuenberger die Transfer-Kriegskasse äufnen.

05.05.2014; Bern; Eishockey NLA - SC Bern; Sportchef Sven Leuenberger (Pius Koller/freshfocus)

SCB-Sportchef Sven Leuenberger. Bild: Pius Koller/freshfocus

Diese SCB-Mannschaft, deren Kern die Titel von 2010 und 2013 möglich gemacht hat, hätte noch einmal alles gehabt, um eine Meisterschaft zu gewinnen. Zum letzten Mal. Diese letzte Chance ist vertan. Diese Mannschaft ist nun am Ende ihrer Entwicklung angelangt. Die Erneuerung, die dem HCD in dieser Saison nach vier Jahren endlich gelungen ist, hat beim SCB mit dem Schlusspfiff der vierten und letzten Halbfinalpartie erst begonnen.

Die Suche nach dem besten Trainer

Hiesse der Trainer Guido Bucher, so würde Marc Lüthi erkennen: Es braucht für diese Erneuerung einen anderen Trainer. Dabei geht es nicht um die Intelligenz oder die Fachkompetenz des Trainers. Es geht um die Methoden, die er anwendet. Um seine Philosophie. Guy Boucher hat mit seinem Systemwahn sogar die NHL verstört. Der SCB braucht in der Phase des Umbruches den besten Trainer, den es gibt. Denn diese Umbruchphase ist schwieriger zu managen als der Gewinn einer Meisterschaft. 

CEO Marc Luethi waehrend der Saison-Medienkonferenz des SC Bern am Montag, 1. September 2014, in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

SCB-CEO Marc Lüthi. Bild: KEYSTONE

Der SCB braucht einen charismatischen Trainer, der aus taktischen Hockey-Soldaten, aus fleissigen, willigen Hockey-Arbeitern wieder Spieler macht. Eishockey ist nicht nur Arbeit und Disziplin und System. Eishockey ist auch lustvolles Spiel. Spielen ist eine Tätigkeit, die zum Vergnügen, zur Entspannung, allein aus Freude an ihrer Ausübung, aber auch als Beruf (beispielsweise als Eishockeyprofi) ausgeführt werden kann.

Guido Bucher wäre längst entlassen

Der SCB braucht einen Trainer, der Freude, Spass, Leidenschaft und kompromissloses Engagement vorlebt. Einen Trainer, typähnlich wie Arno Del Curto oder Kevin Schläpfer. Diese Trainertypen gibt es sehr wohl. Aber Diskussionen um Namen erübrigen sich. Denn der SCB-Trainer heisst ja nicht Guido Bucher. Sondern Guy Boucher und darf nicht hinterfragt werden.

Warum sieht beim SCB keiner, dass der Kaiser an der Bande keine Kleider trägt? Der SCB ist vielleicht das beststrukturierte, bestorganisierte und kommerziell erfolgreichste Sportunternehmen im Land. Alles hat seine Ordnung. Alles ist unter Kontrolle. Das liefert uns möglicherweise die Antwort. Nie war das SCB-Spiel strukturierter als unter Guy Boucher. So würde der SCB auch spielen, wenn Marc Lüthi selber Trainer wäre.

NLA-Playoffs 2015

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