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HC Davos Cheftrainer Arno Del Curto greift sich an die Nase waehrend dem Eishockey-Meisterschaftsspiel der National League A zwischen den ZSC Lions und dem HC Davos am Samstag, 27. Februar 2016, im Hallenstadion in Zuerich. (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)

Muss sich ein Stück weit an der eigenen Nase nehmen: Arno Del Curto nach dem Ausscheiden seines HCDs.
Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Zu viel gewollt und alles verloren: Die zentrale Rolle des Arno Del Curto bei Davos' Scheitern

Arno Del Curto ist am besten SC Bern seit 1989 gescheitert. Weil seine Spieler den Bernern nicht mehr davonlaufen konnten. Trotzdem: Für die Entwicklung unseres Hockeys brauchen wir solche Trainer.



Die Entscheidung ist nicht gestern im fünften Spiel in Davos gefallen. Dieses 3:4 war im Grunde nur noch Formsache. Der Meister ist am Donnerstag beim 2:3 n.V. in Bern zerbrochen. Arno Del Curto ist ein grosser Trainer. Keiner hat eine so intensive Beziehung zu seinen Spielern. Er hat es nicht gesagt. Aber er hat es gespürt, geahnt, ja gewusst, dass es nach der Niederlage in Bern vorbei war. So leise, ja resigniert hatte ich ihn in den letzten Jahren nie erlebt. Sein HCD hatte alles gegeben, eine grandiose Partie gespielt – aber der SCB war stärker. Am Samstag hat der SCB in Davos nur noch vollendet, was bereits am Donnerstag entschieden worden war.

Die Berner um 0-2 Torschuetzen Tristan Scherwey, zweiter von links, bejubeln dessen Tor, beim fuenften Playoff-Halbfinalspiel der National League A zwischen dem HC Davos und dem SC Bern, am Samstag, 26. Maerz 2016, in der Vaillant Arena in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Die Berner Bären blühen in den Playoffs so richtig auf.
Bild: KEYSTONE

Das Scheitern der ZSC Lions im Viertelfinale (0:4) löste eine heftige Polemik gegen Cheftrainer Marc Crawford aus und beendete dessen Amtszeit nach vier Jahren. Dem NHL-General ist nicht zu Unrecht vorgeworfen worden, seinen «Kinderstar» Auston Matthews (18) und weitere wichtige Spieler viel zu stark forciert zu haben. Der «Tages-Anzeiger» hatte vor dem entscheidenden vierten Spiel sogar die Absetzung des Kanadiers gefordert.

Del Curto hat keinen Fehler gemacht

Das Scheitern des HC Davos ist so sensationell wie der Untergang der ZSC Lions. Wieder spielt der Trainer eine zentrale Rolle. Aber eine Polemik um Arno Del Curto gibt es nicht. Denn er hat, anders als Marc Crawford, keinen Fehler gemacht. Der einzige Vorwurf: er wollte in dieser Saison zu viel. Und ist deshalb abgestürzt. Wie ein «Ikarus des Hockeys».

L'entraineur grisons Arno Del Curto donne des conseils a ses joueurs lors du match du championnat suisse de hockey sur glace de National League A, entre le Geneve Servette HC et le HC Davos ce mardi 16 fevrier 2016 a la patinoire des Vernets a Geneve. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Wollte zu hoch hinaus: Arno Del Curto.
Bild: KEYSTONE

Zur Erklärung: Ikarus ist eine Sagengestalt der Antike. Dädalus erfand Flügel für sich und seinen Sohn Ikarus. Dazu befestigte er Federn mit Wachs an einem Gestänge. Vor dem Start schärfte er Ikarus ein, nicht zu hoch zu fliegen, da sonst die Hitze der Sonne das Wachs schmelzen und zum Absturz führen würde. Aber Ikarus wurde übermütig und stieg so hoch hinauf, dass die Sonne das Wachs seiner Flügel schmolz, woraufhin sich die Federn lösten und er ins Meer stürzte.

Arno Del Curto ist auf der ewigen Suche nach dem besseren Hockey. Diese Ruhelosigkeit ist ein wichtiges Erfolgsgeheimnis seiner biblischen Amtszeit von nunmehr 20 Saisons. Aber nun ist es ihm ergangen wie Ikarus: er wollte zu hoch hinaus und ist abgestürzt.

Ich war mir sicher: So holt Davos den Titel

Arno Del Curto wollte diese Saison nicht nur den Titel verteidigen. Er wollte auch Europa erobern und die Champions Hockey League gewinnen. Dafür hat er diese Saison zwölf (!) intensive, anstrengende Spiele gegen die besten europäischen Mannschaften in Kauf genommen. Er scheiterte erst im Halbfinale am schwedischen Spitzenteam Frölunda. Beim Halbfinalrückspiel am 19. Januar in Göteborg spielte der HCD mit ziemlicher Sicherheit die beste Partie dieser Saison. Ich war mir sicher: eine Mannschaft, die mit dieser Intensität und diesem Tempo spielt, wird auch den Titel holen.

Die Davoser verabschieden sich von ihren Fans nach dem verlorenen fuenften Playoff-Halbfinalspiel der National League A zwischen dem HC Davos und dem SC Bern, am Samstag, 26. Maerz 2016, in der Vaillant Arena in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Verabschieden sich nach einer lange Saison von ihren Fans: Die HCD-Akteure.
Bild: KEYSTONE

Aber die Davoser haben dieses Niveau seither nicht mehr erreicht. Sie sind gegen den SC Bern gescheitert, weil sie mit der Intensität der Berner nicht zurechtgekommen sind. Ihrem Tempospiel fehlte die entscheidende Prise Schnelligkeit, um diesen SCB zu überwinden. Es ist den Davosern nicht mehr gelungen, den Bernern davonzulaufen. Wer langsamer ist als die Berner, hat in keinem Sport eine Chance.

Es ist dem SCB gelungen, die Räume zu schliessen und die Laufduelle durch Zweikämpfe zu ersetzen, die sehr oft entlang der Bande ausgetragen worden sind. Der SCB hat die europäischen Überflieger zur Landung gezwungen.

Del Curto wie damals John Slettvoll

Können wir einem Trainer einen Vorwurf machen, der scheitert, weil er auf der Suche nach noch besseren Hockey war? Weil er zu viel wollte? Nein, das können wir nicht. Denn wir brauchen zur Entwicklung unseres Hockeys solche Trainer. Das Scheitern Arno Del Curtos ähnelt durchaus dem Scheitern eines anderen Trainers, der so viel zur Entwicklung unseres Hockeys beigetragen hat: dem Scheitern von Luganos John Slettvoll. Der Schwede wollte auch immer besseres Hockey – aber mehr aus Grössenwahn denn aus Leidenschaft. Anders als Arno Del Curto suchte er nicht das ultimative Tempohockey. Sondern die totale defensive Kontrolle – und stürzte heftig ab. Der Anfang vom Ende war sein sensationelles Scheitern im Viertelfinale von 1992 gegen den ZSC. An der Bande der Zürcher stand ein damals unbekannter, leicht verrückter Coach: Arno Del Curto.

Der ueberglueckliche HC Lugano-Trainer John Slettvoll haelt nach dem 5 zu 7 Sieg gegen den HC Davos den Eishockey-Meisterbecher in die Hoehe, aufgenommen am 2. Maerz 1986 in Davos. Diese Saison wird der Schweizermeister erstmals im Playoff-Modus ermittelt. Der HC Lugano gewinnt die Play-off-Serie gegen Davos und erringt seinen ersten Meistertitel.  (KEYSTONE/Walter Bieri)

Luganos legendärer Coach John Slettvoll.
Bild: KEYSTONE

Das Scheitern des HC Davos zeigt uns noch etwas: die NLA ist eine der besten und ausgeglichensten Ligen ausserhalb Nordamerikas. Seit den ZSC Lions im Frühjahr 2001 ist es nie mehr einer Mannschaft gelungen, den Titel zu verteidigen. Wer Meister werden will, darf sich nicht ablenken lassen. Wer sich nach Neujahr nicht hundertprozentig auf die Meisterschaft konzentriert, stürzt ab.

2009 gewannen die ZSC Lions die Champions Hockey League. In den Playoffs scheiterten sie zwei Monate später im Viertelfinale gegen Gottéron kläglich (0:4). Der SC Bern bezahlte seinen Cupsieg von 2015 mit kläglichem Scheitern im Halbfinale gegen Davos (0:4) und die ZSC Lions holten 2016 den Cup und haben das Viertelfinale gegen den SC Bern sang- und klanglos verloren (0:4). Die beiden Cupfinalisten (2015 Kloten Flyers, 2016 Lausanne) verpassten gar die Playoffs.

Wird der HC Davos nächste Saison wieder ein Titelkandidat sein? Arno Del Curto wagt ein hochriskantes Experiment. Er verliert Meistergoalie Leonardo Genoni ausgerechnet an den SC Bern und geht mit Gilles Senn (20) und Joren van Pottelberghe (19) in die neue Saison. Senn hat bisher 10 Partien in der NLA bestritten, Van Pottelberghe keine. Hat der HC Davos ab heute ein Goalie-Problem? Nach allem, was diese Saison schon passiert ist, wäre eine Prognose das Resultat unverzeihlicher Arroganz. Aber die HCD-Goalies werden uns nächste Saison viel Stoff für gute, dramatische Storys liefern. Und Arno Del Curto natürlich auch.

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