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Die Spieler von Spartak Moskau jubeln beim Turnier um den Spengler Cup in Davos mit den Pokalen bei der Siegerehrung, aufgenommen am 31. Dezember 1990. (KEYSTONE/Michael Kupferschmidt)

Spengler-Cup-Sieger Spartak Moskau 1990. Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Die Rückkehr des Sozialismus und die Sehnsucht nach einem Skandal am Spengler Cup

Alles ist in diesen Tagen in Davos so wohl geordnet. Sogar die bald ausgestandene Krise hat eine Struktur. Ach, wäre es doch noch so wie in den wilden 1980er und 1990er Jahren. Gut, haben wir wenigstens eine Renaissance des Sozialismus.



Gleich nach der Autobahn-Ausfahrt Landquart, dort wo die Fahrt hinauf in die Berge erst richtig beginnt, da stand er wie seit Anbeginn der Zeiten. Mindestens 20 Jahre lang. «Socka Hitsch» hatte am Strassenrand seinen Verkaufsstand für Socken und Hosenträger. In den letzten zwei Jahren habe ich vergeblich nach «Socka Hitsch» Ausschau gehalten. Er ist nicht mehr da. Ein Stück Romantik ist verloren gegangen.

ARCHIVBILD ZUM RUECKTRITT VON DAVOS-TRAINER ARNO DEL CURTO --- Davos players cheer their Head Coach Arno Del Curto, center, after his team won the Spengler Cup final against Canada Selects, Sunday, December 31, 2000, in Davos, Switzerland. It's the first time since 1958 that the Swiss club won this Ice Hockey tournament. (KEYSTONE/EDI ENGELER)     === ELECTRONIC IMAGE ===

Das waren noch Zeiten: Arno del Curto nach dem Spengler-Cup-Sieg 2000. Bild: KEYSTONE

Und nun steht auch Arno Del Curto nicht mehr auf der grossen Spengler Cup-Bühne. Zum ersten Mal in diesem Jahrhundert. Spätestens nach dem Eröffnungsspiel Magnitogorsk gegen Trinec wird dem Chronisten bewusst: die wahre Spengler Cup-Romantik gibt es nicht mehr.

Zum Auftakt gab es also Magnitogorsk gegen Trinec. Russen gegen Tschechen. Einst war diese Auseinandersetzung in Davos ein Gipfeltreffen des Welteishockeys.

Die Spieler, Trainer und Funktionäre aus der Sowjetunion (heute Russland) und der Tschechoslowakei (heute Tschechien) hatten in den 1980er Jahren nicht nur eine sportliche Magie. Eine noch viel grössere umwehte sie neben dem Eis. Denn sie waren… sprachlos.

Die beiden sowjetischen Spieler Wjatscheslaw Bykow, rechts, und Andrej Chomutow, links, posieren im Mai 1990 im Eisstadion Allmend in  Bern bei einem Spiel der Eishockey-Weltmeisterschaft. (KEYSTONE/Str)

Chomutow und Bykow im Dress der Sowjetunion. Bild: KEYSTONE

Es gab während den Jahren des «Kalten Krieges», des Sozialismus, keine Erklärungen von Trainern, Manager oder Spielern aus dem Ostblock. Keine Kommunikation mit dem kapitalistischen Klassenfeind.

Der Versuch, an die Hockeygötter zu heranzukommen

Zwei Drittel der Spengler Cup-Einsatzzeit verbrachte der Chronist mit dem Versuch, ein Interview mit einem der Hockeygötter aus dem Osten zu bekommen. Mit einem Trainer, Spieler oder doch wenigstens einem Funktionär. Ab und zu klappte es. Die Aussagen waren jeweils völlig harmlos und doch magisch. Denn es waren Worte aus dem Osten. Hockey-Gospel sozusagen.

Und heute, nach dem Untergang des Kommunismus? Auf einmal wird mir klar: Es ist inzwischen ja fast wieder so wie damals mit den Hockey-Göttern aus dem Osten, die nicht mit uns Erdlingen sprachen.

Ja natürlich, alle Trainer und Spieler und Funktionäre – auch jene der Mannschaften aus dem Osten – stehen heute nach jeder Partie brav Red und Antwort. Aber die Aussagen sind völlig harmlos. So wie damals die nach tagelangen Bemühungen ergatterten Erklärungen der Vertreter aus dem Ostblock.

Alle Olympiasieger im Eishockey seit 1948

Es ist nicht die Zensur, die heute alle Erklärungen «entkernt». Es ist die Schulung, die alle Jungs durchlaufen. Sie lernen reden, ohne etwas zu sagen. Sie sind alle porentief professionell, politisch korrekt und freundlich. Sie lassen sich, leider, leider, nur noch in Ausnahmefällen zu polemischen Aussagen provozieren. Medientechnisch haben wir sozusagen eine Renaissance des Sozialismus. Und nur so ganz unter uns: Eigentlich sind Spieler- und Trainerbefragungen nach einer Partie langweilig. Aber das darf man nicht sagen. Es wäre boshaft.

Der Beinahe-Tod des jungen Finnen

Mit Wehmut vermisse ich die wilde Romantik des letzten Jahrhunderts. Im Besonderen das Spengler Cup-Reizklima zwischen Weihnachten und Neujahr. Zwischen Kommerz und Kultur, zwischen Bett und Bar blühte einst eine ganz besondere Skandalkultur.

Ein Tag und eine Nacht sind mir ganz besonders im Gedächtnis haften geblieben. Weil das, was damals passiert ist, nicht geschrieben und nur erzählt werden durfte. Ein finnischer Star entging nur knapp dem weissen Tod und ein Kollege bewahrte einen tüchtigen finnischen Spieler davor, Gold in Alkohol zu verwandeln.

Kein anderer Zwischenfall der Spengler Cup-Geschichte ist so sorgfältig geheim gehalten worden wie der Skiunfall von Jokerit-Star Juha «The Bird» Lind am Silvestertag 1996.

26 May 1998:   Juha Lind #11 of the Dallas Stars in action during the NHL Western Conference Final game against the Detroit Red Wings at the Reunion Arena in Dallas, Texas. The Stars defeated the Red Wings 3-1. Mandatory Credit: Elsa Hasch  /Allsport

Juha Lind im Dress der Dallas Stars 1998. Bild: Getty Images North America

Der damals 22-jährige finnische Center schwemmte am 30. Dezember in einer zünftigen Fete mit seinen Teamkollegen die verpasste Finalqualifikation weg. Zu später Stunde führte er mit Trockenübungen im Hotel «Europe» an der Pianobar zum Gaudi der Kollegen die Kunststücke vor, die er am nächsten Tag auf den Davoser Skipisten probieren wollte.

Er wäre, zumal alkoholisiert, innert kurzer Zeit erfroren.

Er ging von der «Pianobar» am Silvestermorgen direkt in ein Sportgeschäft und mietete eine Skiausrüstung. Beim «Brämabüel» am Jakobshorn kam er von den markierten Pisten ab und konnte sich nicht mehr allein aus dem tiefen Schnee befreien. Er wäre, zumal alkoholisiert, innert kurzer Zeit erfroren.

An gleicher Stelle, abseits der markierten Pisten, war ein Jahr zuvor eine Deltaseglerin tödlich verunglückt und ihr Lebenspartner, ein geübter Skifahrer, suchte an diesem Silvester die Unfallstelle auf und fand den finnischen Nationalspieler. Lind entkam dem weissen Tod um ein paar Minuten, musste mit dem Helikopter ins Spital geflogen werden, wo die Ärzte eine Unterkühlung feststellten.

Der vertuschte Skandal

Als die Mannschaft am Silvesterabend nach Finnland heimreiste, hatte Lind immer noch nicht Betriebstemperatur. Auf eigene Verantwortung holte Präsident Harry Harkimo den coolen Lind um die Mittagszeit aus dem Spital, damit er mit seinen Teamkollegen um 17.00 Uhr heimfliegen konnte. Nur so konnte der Zwischenfall auch in der Heimat geheim gehalten werden. Da Juhas Vater Arvi Lind in Finnland ein bekannter TV-Moderator ist, hätte ein Bekanntwerden der ganzen Sache die Dimension einer Staatsaffäre bekommen.

Der «Alptraum» kam Lind noch einmal hoch, als ihm ein paar Monate später, während der A-WM 1997 in Finnland, ein vorwitziger Schweizer Reporter nach dem Training zurief: «Hallo, sind sie nicht der berühmte finnische Skifahrer?»

Gold für Bier

Aus der gleichen Nacht gibt es noch eine Episode,die wir immer wieder gerne erzählen. Juha Linds Teamkollege Waltteri Immonen – er war, wenn ich mich richtig erinnere, damals bei Jokerit Captain – hatte im letzten Spiel «Gold for the Best» gewonnen. Die Auszeichnung zum besten Spieler der Partie. Das war damals eine grosse Sache. Ein grosses helvetisches Geldinstitut spendierte dafür jeweils 20 Gramm echtes Gold.

Er war gerade im Begriff, seine Lokalrunde mit diesem Gold zu bezahlen.

Wie wir wissen, ging es in der «Pianobar» hoch zu und her. Und irgendwann war es an Waltteri Immonen, eine Lokalrunde zu spendieren. Aber er hatte kein Geld mehr bei sich. Nur noch die 20 Gramm Gold, damals mehr als 2000 Franken wert.

Er war gerade im Begriff, seine Lokalrunde mit diesem Gold zu bezahlen. Mein Kollege, noch heute ein grosser Freund der Finnen, löste das Problem, zahlte die Zeche und bewahrte den heutigen Trainer-Assistenten des EHC Kloten davor, teures Gold in billigen Alkohol zu verwandeln.

General view during the game between HC Davos and Team Canada, at the 92th Spengler Cup ice hockey tournament in Davos, Switzerland, Wednesday, December 26, 2018. (KEYSTONE/Melanie Duchene).

Wenigstens die Kathedrale ist noch wie früher: Stadion in Davos. Bild: SPENGLER CUP

Tja, das waren noch Zeiten. Sie kehren nie wieder. Es bleiben nur noch die alten Geschichten, die wir gerne erzählen. Kein anderer Sport hat eine so hochentwickelte Kultur des «Storytelling» wie das Eishockey und kein anderer Sportanlass liefert uns seit 1923 so viele Geschichten wie der SpenglerCup. Geschichten, die über die Jahre immer schöner werden.

Übrigens: den «Socka Hitsch» gibt es offenbar immer noch. So jedenfalls habe ich in diesen Tagen erfahren. Er habe seinen Stand bloss wegen der umfangreichen Sanierung der Bahnlinie verlegen müssen. Ich habe also zu wenig intensiv nach ihm gesucht.

Vielleicht gibt es ja auch die Skandale noch. Der Chronist sollte nur intensiver danach suchen und wieder später zu Bett gehen. So wie es sich für den Spengler Cup gehört.

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