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Alessio Bertaggia kämpft mit Ronalds Kenins vom HC Lausanne um den Puck.
Alessio Bertaggia kämpft mit Ronalds Kenins vom HC Lausanne um den Puck.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

«Fall Bertaggia» – ist Luganos schmerzhaftester Verlust die Folge eines Irrtums?

Spieler kommen und gehen, Lugano aber bleibt bestehen. Doch der Verlust von Alessio Bertaggia ist der schmerzhafteste der Neuzeit. Weil er mit ziemlicher Sicherheit hätte verhindert werden können.
02.12.2021, 02:2602.12.2021, 13:42

Passt einer besser zu Lugano? Nein. Alessio Bertaggia trägt einen berühmten Namen. Sein Vater Sandro Bertaggia ist DIE Lugano-Legende. Mitbegründer des «Grande Lugano». 2003 hat er seine Karriere mit dem 6. Titel (nach 1986, 1987, 1988, 1991, 1999) beendet.

Nun ist sein Sohn Alessio eine Identifikationsfigur. Nicht so charismatisch wie sein Vater. Auch nicht ganz so gut. Sandro hat als Verteidiger 9 WM-Turniere und 152 Länderspiele für die Schweiz bestritten. Alessio kam noch nie in die Nähe eines WM-Aufgebotes und durfte bloss bei 18 Operetten-Länderspielen dabei sein.

Und doch ist Alessio Bertaggia für Lugano ein ganz besonderer Spieler. Seine Saisonbestmarke steht immerhin bei 17 Treffern (2019/20). Sein Name steht für Leidenschaft, Siegeswillen – und Klubtreue. In der helvetischen Fremde ist er nicht glücklich geworden. Im Herbst 2014 kehrte er in seiner zweiten Saison in Zug schon nach 18 Partien wieder heim nach Lugano. Ein Bertaggia gehört zu Lugano. Punkt. Und nun wechselt Alessio Bertaggia im nächsten Frühjahr für fünf Jahre zu Servette.

Andere grosse Spieler haben Lugano auch verlassen und lösten doch kein politisches Beben aus.

Grégory Hofmann stürmte zwar vier Jahre lang für Lugano und war einer der besten Stürmer der Liga, als er nach Zug wechselte. Aber er ist ein Bieler, der in Ambri gross geworden ist.

Dario Simion begann als Junior in Ambri und als er Lugano 2014 verliess, hatte er pro Saison gerade mal 5 Punkte gebucht.

Alessandro Chiesa hatte gerade eine Saison ohne Torerfolg hinter sich, als er 2010 für vier Jahre nach Zug ging. 2014 ist er heimgekehrt und eine Lugano-Legende geworden.

Alessio Bertaggias Wegzug hat andere Dimensionen. Und nun, da sich der Pulverdampf etwas gelichtet hat und verschiedene Aussagen eingeordnet werden können, zeigt sich immer mehr: Dieser Transfer hatte mit ziemlicher Sicherheit verhindert werden können. Zumal Sandro Bertaggia als Spieleragent in den Transfer seines Sohnes involviert ist.

Was ist passiert? Luganos Sportdirektor Hnat Domenichelli ist offensichtlich seit den ersten Gesprächen im Sommer davon ausgegangen, dass Alessio Bertaggia den «Jackpot» sucht. Der Stürmer wird im Juli 29. Er ist im besten Alter. Sein Vertrag läuft im Frühjahr aus. Er wird mit ziemlicher Sicherheit nie mehr eine bessere Ausgangslage haben, um eben den «Jackpot» zu knacken. Ein Maximum herauszuholen.

Luganos Sportdirektor Hnat Domenichelli.
Luganos Sportdirektor Hnat Domenichelli.Bild: KEYSTONE/Ti-Press

Aber wollte er das tatsächlich? Mit ziemlicher Sicherheit hat Hnat Domenichelli die Situation falsch eingeschätzt. Wenn die Berater von Alessio Bertaggia sagen, Lugano habe sich gar nie intensiv um eine Vertragsverlängerung bemüht und um Geld sei es gar nie gegangen – dann dürfte in dieser etwas kühnen, ja romantischen Argumentation doch ein kleines Körnchen Wahrheit stecken.

Alessio Bertaggia geht es neben Geld eben auch um etwas anderes: Wenn er noch einmal eine neue sportliche Herausforderung suchen will, dann muss er es jetzt tun. Wenn er noch besser werden will, dann ist jetzt die Zeit, unter einem neuen Trainer, in einer neuen Stadt, in einem neuen Team, in einer neuen Rolle den nächsten Schritt zu tun.

Luganos Sportchef unterschätzte diese sportlichen Aspekte, konzentrierte sich aufs Business und wollte gar nicht erst eine Preistreiberei beginnen. Er hat auf seine Art ein Zeichen gesetzt. Wie sich jetzt zeigt: ein Irrtum. Hätte Luganos tüchtiger Sportdirektor die Lage von allem Anfang an richtig eingeschätzt, hätte er den Transfer wahrscheinlich verhindern können.

Und daher dürfen wir fragen: Ist Luganos schmerzhaftester Verlust der Neuzeit die Folge eines Irrtums?

Hier eine kurze Polemik. Hat Alessio Bertaggia unter Trainer Chris McSorley keine Möglichkeit zur sportlichen Weiterentwicklung gesehen? Ende der Polemik.

Womit wir noch bei einem anderen Transfer im Tessin sind, der nicht zu verhindern ist. Wenn Ambris Verteidigungsminister Michael Fora gehen will, dann ist Sportdirektor Paolo Duca machtlos.

Erstens gibt es in Ambri – anders als in Lugano – keine sportlichen Perspektiven. Nur Ausbildung, Schweiss und Mühsal, versüsst mit etwas Romantik. Das ist das Schicksal eines Ausbildungsclubs in einem kargen Bergtal.

Zweitens sind die finanziellen Möglichkeiten in Ambri so stark eingeschränkt wie bei keinem anderen Hockey-Unternehmen.

Ambri hat als einziger Club der höchsten Liga beim Bund die Erstattung von zwei Dritteln der durch die Virus-Krise entgangenen Matcheinnahmen beantragt. Im Gegenzug müssen die Löhne über die nächsten fünf Jahre nach einem komplizierten Schlüssel eingefroren werden. Alle anderen Klubs haben nur 50 Prozent beantragt und müssen keinerlei Einschränkungen bei den Löhnen hinnehmen.

Michael Foras Verlust befeuert Ambris Charisma als Klub der Aussenseiter, der Romantiker, für die Leidenschaft wichtiger ist als Geld. Ambri kann diesen Verlust durchaus verschmerzen und sogar imagefördernd erklären und «vermarkten».

Alessio Bertaggias Verlust ist hingegen für Lugano der schmerzhafteste der Neuzeit. Ja, die Folgen können fatal sein. Noch einmal etwas Polemik: Nach aussen mag die Ausrede fürs erste die Gemüter beruhigen, Alessio Bertaggia ziehe des Geldes wegen für fünf Jahre nach Genf und diese Offerte habe man gar nicht kontern wollen.

Aber intern darf sich Hnat Domenichelli nicht in die eigene Tasche lügen. Wenn er tatsächlich glaubt, im «Fall Bertaggia» sei es nur ums Geld gegangen, dann darf er sich nicht wundern, wenn Kritiker bald einmal murren, unter seinem Vorgänger Roland Habisreutinger sei alles besser gewesen. Ende der Polemik.

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