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Der neue SC Bern Trainer Guy Boucher gibt seinen Spielern Anweisungen waehrend dem ersten Training unter seiner Leitung, am Dienstag, 28. Januar 2014 in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Der neue Bern-Coach Guy Boucher erklärt seinen Spielern, wo es lang gehen soll. Bild: Keystone

Die Liga der Generäle

Eismeister Zaugg

Warum es in der Schweiz so viele gute Eishockey-Coaches gibt

Immer mehr Spiele verlangen neue Charaktere an der Bande. Auch in der NLA ist ein Trainer nicht mehr nur Trainer, sondern Coach. Was der Unterschied ist und wieso die Schweizer Clubs auf dem richtigen Weg sind.



Seit der SC Bern das antiautoritäre Experiment mit Antti Törmänen beendet hat, ist die NLA mehrheitlich zu vermeintlich altmodisch-autoritären Führungsstrukturen zurückgekehrt. Inzwischen zeigt sich, dass dies die einzige Art ist, die Sportabteilung eines Hockeyunternehmens zu führen. Törmänen war nur dank ausserordentlichen Umständen erfolgreich: Ohne den NHL-Lockout (Roman Josi, Mark Streit und John Tavares kamen nach Bern) wäre Törmänen schon im November 2012 gefeuert worden.

Trainer ist inzwischen auch in der NLA das falsche Wort. Wie in der NHL. Trainer haben in der NHL eine ganz andere Bedeutung als im europäischen Hockey. Unter einem Trainer verstehen die Nordamerikaner einen Physiotherapeuten. Wer also mit Kanadiern oder Amerikanern über den Trainer im europäischen Sinne spricht, sollte das Wort Coach verwenden.

Ein guter Coach ist ein General

Bei uns ist der Coach bei einigen Clubs (wie Davos, Fribourg, Ambri, Biel und Servette) noch immer so etwas wie ein Mädchen für alles. Er ist nicht nur für die Taktik im Spiel verantwortlich – vielfach wird von ihm auch verlangt, dass er Spieler aus- oder weiterbildet, Trainingslager managt und Transfers orchestriert. Und er hat natürlich auch die Trainings zu gestalten und zu leiten.

In der NHL ist der Coach weniger vielseitig, dafür mächtiger und charismatischer. Er ist ein General. Er braucht seine Machtposition, wenn er sich gegen seine Spieler durchsetzen will, die im Schnitt doppelt oder noch viel mehr verdienen.

Sowenig sich ein General selber noch um die Ausbildung der Soldaten kümmert, sowenig beschäftigt sich ein NHL-Coach mit der Förderung seiner Spieler. Seine Aufgabe ist es vielmehr, aus dem zur Verfügung stehenden sportlichen Personal ein Maximum herauszuholen. Notfalls herauszupressen.

Davos Trainer Arno Del Curto beim Time Out hinter der Bande beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League A zwischen dem HC Davos und dem HC Lugano am Samstag, 14. Dezember 2013, in der Vaillant-Arena in Davos. (KEYSTONE/Juergen Staiger)

Arno Del Curto ist beim HC Davos ein Prototyp des modernen Eishockey-Coaches. Bild: Keystone

Die NLA ist kein Ponyhof mehr

Auch die NLA steht immer mehr im Zeichen der Generäle. Die autoritären Führungsmethoden sind moderner denn je. Das hat seinen Grund. Fast 100 Jahre lang war das Leben in der NLA im Vergleich zur NHL ein Aufenthalt auf einem Ponyhof. Nicht einmal halb so viele Spiele, jeden Abend im eigenen Bett, jede Menge Zeit und Energie für Training, Ausbildung, Freizeitvergnügen, Familie oder berufliche Weiterbildung. Ein Studienabschluss parallel zur Hockeykarriere ist keine Seltenheit.

Aber nun sind Spieler und Trainer an die Belastungsgrenze gelangt. Die Anzahl der Qualifikationsspiele ist von 36 auf 50 angestiegen, das Playoffformat von Best of three auf Best of seven ausgebaut worden. Wenn einer auch noch in der Nationalmannschaft spielt und sein Klub in internationalen Wettbewerben engagiert ist, so kommt ein Spitzenspieler auch in der Schweiz auf 100 Partien im Jahr.

Noch bis in die 1990er Jahre hinein dominierten die Spitzenteams die Liga locker und konnten in vielen Partien bloss auf Standgas fahren. Inzwischen ist die NLA ähnlich ausgeglichen wie die NHL. Abend für Abend muss Vollgas geschrubbt werden und mehr und mehr muss ein Coach auch bei uns Abend für Abend ein Maximum aus seinen Jungs herauspressen. Der Energieaufwand für einen Spieler ist heute mehr als doppelt so hoch wie zur Zeit der Einführung der Playoffs (1986/86).

Serge Pelletier, Trainer von Ambri, beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League A zwischen den ZSC Lions und dem HC Ambri-Piotta am Dienstag, 10. Dezember 2013, im Hallenstadion in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Bandengeneral in der Leventina: Serge Pelletier hat aus der Verlierertruppe Ambri ein Spitzenteam geformt. Bild: Keystone

Das bedeutet, dass es nicht mehr möglich ist, taktisch freihändig zu spielen. Jedes Team braucht eine hohe taktische Disziplin und defensive Stabilität als Basis für ein kreatives Spiel. Diese Stabilität ist nur mit autoritären Methoden zu erreichen: Defensivspiel ist zu einem hohen Grade das Resultat von guten Gewohnheiten und diese Gewohnheiten müssen im Drill eingeübt werden. Und das Coaching wird in einer ausgeglichenen Liga immer wichtiger. Nur noch ein Cheftrainer, der alles über seine eigenen und die gegnerischen Spieler weiss, kann auf Dauer erfolgreich sein.

Detailkenntnisse immer entscheidender

Scotty Bowman, der erfolgreichste aller NHL-Generäle, war dafür berühmt, dass er über jeden Spieler der Liga alles im Kopf hatte – und das war eines seiner grössten Erfolgsgeheimnisse. Denn es ist entscheidend zu wissen, wen man in kritischen Situationen gegen wen aufs Eis schicken darf und auch, wer wie viel Energie hat.

Ich habe seine Detailkenntnisse einmal selber erlebt. Ich war im Herbst 2005 in Tampa, als Timo Helbling sein einziges NHL-Assist buchte. Es schien, als habe er nun doch in der NHL Fuss gefasst. Scotty Bowman war damals Berater der Detroit Red Wings und sah sich das Spiel von der Medientribune aus an. Ich frage ihn, was er von Timo Helbling halte und erwartete eine Allerweltsantwort. Doch Bowman sagte, Helbling habe keine Chance auf eine NHL-Karriere. «Er hat eine gute Postur und er ist kräftig.» Er könne das Spiel wohl recht gut lesen. Aber er sei viel zu wenig beweglich. In der NLA kommen Chris McSorley, Serge Pelletier und Hans Kossmann in diesem Bereich Bowman am nächsten.

Kloten Flyers Cheftrainer Felix (Fige) Hollenstein waehrend dem Eishockey-Meisterschaftsspiel der National League A zwischen den Kloten Flyers und dem HC Ambri-Piotta am Samstag, 30. November 2013, in der Kolping Arena in Kloten. (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)

Klotens Felix Hollenstein: Autoritär und gleichzeitig charismatisch. Bild: Keystone

Jeder General ist irgendwann am Ende seines Lateins

Coaching ist also anspruchsvoller geworden. Auch deshalb sind straffe Führungsstrukturen notwendig. Aber autoritäres Gehabe reicht - anders als im Militär zu Friedenszeiten - längst nicht mehr. Auf Dauer hat ein autoritärer Coach nur Erfolg, wenn er auch Charisma hat und letztlich seine Spieler dazu bringt, für ihn zu arbeiten. Denn am Ende des Tages fällt die Entscheidung über eine Coaching-Karriere immer in der Kabine.

Wir haben in der NLA gute Beispiele für autoritäre und charismatische Coaches: Chris McSorley, Hans Kossmann, Felix Hollenstein, Arno Del Curto, Marc Crawford, Doug Shedden, Heinz Ehlers, Patrick Fischer, Serge Pelletier, Kevin Schläpfer und neu Guy Boucher. Und es ist kein Zufall, dass mit Arno Del Curto (seit 1996) und Chris McSorley (seit 2001) zwei hockeytechnisch aussergewöhnlich harte und konsequente «harte Hunde» die längste Amtszeit haben. Aber auch die Autorität der Generäle unterliegt – wie sich bei Doug Shedden in Zug zeigt – einer gewissen Halbwertszeit.

Wahrscheinlich hatten wir in der ganzen Geschichte der NLA noch nie so viele fähige Coaches – auch das ist ein Grund für den Erfolg unseres Hockeys.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Eselsohr 31.01.2014 21:27
    Highlight Highlight Ich finde diesen, wie einige Berichte von Klaus Zaugg, eine interessante Story. Jedoch bin ich bezüglich der autoritären Führung mit Herrn Zaugg nicht einig. Ich bin überzeugt, dass moderne Coaches längerfristig mit dem Einbezug der Selbstverantwortung jedes Spielers durchaus Erfolg haben können, ja sogar haben werden.

    In der Wirtschaft ist diese moderne Führung bereits angekommen und erfolgreich implementiert worden. Ich bin überzeugt, dass dies eine reine Frage der Zeit ist. Wenn weiterhin Generationen mit einer solchen Erziehung arbeiten, haben die Modelle der Autorität ausgedient.

    Törmänen und Leuenberger sind einfach der Zeit zu weit voraus. Wenn Sie in der Führung von Menschen tätig sind, hat sich diese Führungsart schon recht weit durchgesetzt, wenn auch Autoritäten immer noch gefragt sind. Vergleichen Sie nur die militärische Führung aus den 70er/80er Jahren mit jener von heute.

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