DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Eismeister Zaugg

«Verfall-Datum» einer meisterlichen Dynastie – wo Wille ist, da ist nicht immer ein Weg

Berns meisterliche Veteranen haben nicht mehr die Luft für zwei Spiele hintereinander auf der Überholspur. Das hat sogar Marc Lüthi eingesehen. Die krachende Niederlage in Biel (0:4) ist zwar spektakulär. Aber ohne Dramatik und nicht schlimmer als ein 0:1. Resignation beim Meister? Nein, Weisheit in der Chefetage.



0:4 in Biel! In der «Endzeit» der Qualifikation! Jeder Punkt zählt! Weltuntergang! Heilantonner! Zeit für einen Kabinenauftritt von SCB-Manager Marc Lüthi! So wie damals im Januar 2016, als sein Zorn nach einer Verlängerungspleite in Biel (3:4) den Hockey-Tempel erzittern liess. So wuchtig schmetterte er nach seiner Kabinenpredigt die schwere Türe zur SCB-Kabine zu. Es nützte. Der SCB schaffte doch noch die Playoffs und holte vom 8. Platz aus den Titel.

Portrait vom CEO des SC Bern, Marc Luethi, am Montag, 13. August 2018, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Hart Marc Lüthi die Playoffs bereits abgeschrieben? Bild: KEYSTONE

Marc Lüthi war am Samstag auch in Biel. Er stieg wie damals im Januar 2016 in den Kabinengang hinunter. Aber er ging diesmal still, leise und unauffällig nach Hause. Mit der Bemerkung «es ist, wie es ist». Hat Marc Lüthi aufgegeben? Keineswegs. Sein Satz enthält die ganze Wahrheit rund um taumelnden Meister.

Ein kurzer Blick zurück: Angeführt von Leitwolf Simon Moser ringt der Meister am Freitagabend Tabellenführer und Titelfavorit Zug nieder (2:1). Es ist ein intensives, schnelles Spiel. Hockey auf der Überholspur. Die Entscheidung erzwingen die Veteranen Simon Moser und Andrew Ebbett.

Aber der Meister hat die älteste Mannschaft der Liga (im Schnitt 28,81 Jahre). Was noch schwerer ins Gewicht fällt: die Titanen des Teams sind alle im Herbst ihrer Karriere angelangt: Captain Simon Moser ist 30, Topskorer Mark Arcobello 33, Leitwolf Andrew Ebbett 37, Schillerfalter Jan Mursak 32, Enfant terrible Thomas Rüfenacht 34. Und auch hinten stehen Veteranen im gegnerischen Sturmwind: Eric Blum ist 33, Beat Gerber 37 und Justin Krueger 33.

Berns Topscorer Mark Arcobello dreht sich um beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und dem SC Bern, am Samstag, 15. Februar 2020 in der Tissot Arena in Biel. (PPR/Alessandro della Valle)

Berns Topskorer Mark Arcobello ist bereits 33 Jahre alt – er passt perfekt in die älteste Mannschaft der Liga. Bild: KEYSTONE

Sie bilden die kampferprobte, ruhmbekränzte, taktisch schlaue und beinahe unerschütterliche Kerngruppe einer Mannschaft, die in den letzten vier Jahren dreimal Meister geworden ist. Aber wie sagte doch der grosse Dichter Francesco Petrarca, der Umberto Ecco der Renaissance: Alles besiegt und raubt die geizende Zeit, auch den Ruhm.

Der Spruch könnte in der SCB-Kabine an der Wand hängen. Die Zeit, sie raubt dem SCB den meisterlichen Ruhm. Die alternden Graubärte sind zwar noch immer zu Heldentaten fähig. Wie beim 2:1 am Freitagabend gegen Zug. Aber nicht mehr zu zwei solchen Partien in 24 Stunden. In Biel gehen sie 0:4 unter. Gegen eine im Schnitt um zwei Jahre jüngere Mannschaft, die am Vortag kein Spiel zu absolvieren hatte und an einem guten Abend noch extremer auf der Überholspur zu sausen und zu brausen pflegt als die Zuger.

Auch die Bieler beschäftigen ein paar Veteranen: Torhüter Jonas Hiller ist 37, Verteidigungsminister Beat Forster 37, Captain Mathieu Tschantré 35. Aber geprägt wird das Spiel eben auch durch die Dynamik einer neuen Generation. Die entscheidenden Treffer erzwingen die Flaumbärte: Jason Fuchs (25) zum 1:0 und Valentin Nussbaumer (19) zum 3:0.

Berns meisterliche Titanen haben in Biel alles versucht. Nach dem Motto: wo Wille ist, da ist auch ein Weg. Ein halbes Spiel lang trotzen sie dem gegnerischen Ansturm wie die Arve in felsigen Höhen dem Föhnsturm. Aber mit jeder Sekunde schwinden die Kräfte. Allen ist klar: Nur ein «lucky punch», ein Treffer zum 1:0 wird dem Meister noch einmal die Energie zuführen, die er zum Durchhalten braucht. Gelingt hingegen Biel das 1:0, dann wird das meisterliche Kartenhaus zusammenbrechen. In der 32. Minute fällt dieses 1:0. Vier Minuten später steht es 3:0. Mit 10:6 Abschlussversuchen hatte der Titelverteidiger den Bielern in den ersten 20 Minuten noch tapfer getrotzt. Mit 11:3 Torschüssen überrollen die Bieler nun ihren Gegner in den zweiten 20 Minuten.

Auch Simon Moser kann es nicht mehr richten. Er geht mit der Mannschaft unter wie einst Captain Edward John Smith mit der Titanic. Nun haben wir auf die Frage: was der SCB ohne Simon Moser wäre eine Antwort erhalten.

Der SCB hatte die Erfahrung, das Talent und den Willen, um dieses Spiel zu gewinnen. Aber nicht mehr die Kadertiefe, die Kraft und die Energie. Der Meister hat diese Saison nicht weniger als acht Spieler pro Partie länger als 19 Minuten forciert. Biels Trainer Antti Törmänen hat bisher nur einem einzigen mehr als 19 Minuten Eiszeit zugemutet. Die extreme Belastung der Besten – Simon Moser musste diese Saison im Schnitt in jeder Partie länger als 20 Minuten «an die Säcke» – wirkt sich im Alltag einer mühseligen, monatelangen Qualifikation ganz anders aus als in den Playoffs, wenn das Adrenalin und die Aussicht auf meisterlichen Ruhm die Müdigkeit aus den Muskeln schwemmt.

Wie Marc Lüthi gesagt hat: Es ist, wie es ist. Es geht inzwischen in der «Endzeit» der Qualifikation nicht mehr, wenn in 24 Stunden zweimal auf der Überholspur gepowert wird. Wo Wille ist, da ist halt nicht immer ein Weg. Die Worte von Marc Lüthi stehen nicht für Resignation. Sie stehen für Weisheit in der Chefetage.

Deshalb gibt es am Samstagabend nach dem Spiel keine dramatischen Auftritte im Kabinengang. Türen werden nicht zugeknallt. Die SCB-Garderobe bleibt auch nicht länger geschlossen als üblich. Trainer Hans Kossmann ist ruhig, ja er wirkt beinahe gelassen und fasst in Worte, was alle gesehen haben: Der Wille sei da gewesen. Aber die Kraft habe gefehlt. Es ist, wie es ist.

SCB Cheftrainer Hans Kossmann weist seine Spieler an beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und dem SC Bern, am Samstag, 15. Februar 2020 in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Hans Kossmann gönnt seiner Mannschaft einen Ruhetag – den brauchen die Berner dringend. Bild: KEYSTONE

Hans Kossmann gewährt seinen Männern nun einen freien Sonntag. Dann beginnt ab Montag der behutsame «Wiederaufbau» mit viel Lauftraining. Ein Schongang wie in den Wochen der Playoffs. Der Spielplan meint es gut mit den Bernern. Erst am Freitag folgt der nächste Auftritt. Auf eigenem Eis gegen den Tabellenletzten aus Rapperswil-Jona. Da ist nicht schon wieder Eishockey auf der Überholspur zu erwarten. Der Kräfteverschliess sollte sich im Rahmen halten und es möglich machen, 24 Stunden später am Samstag in Lugano zu rocken. Noch einmal müsste es doch gelingen das «Verfall-Datum» einer meisterlichen Dynastie hinauszuschieben.

Und doch zieht ein Drama auf: Nach wie vor hat der SCB die Erfahrung, um in den Playoffs weit zu kommen. Wenn das Adrenalin die Veteranen auf wundersame Weise verjüngt. Aber was, wenn der Meister in die Abstiegsrunde muss? Wo statt Ruhm und Preis nur Frust und Schweiss und Aussenseiter mit jahrelanger Erfahrung im Existenzkampf warten?

watson Eishockey auf Instagram

Selfies an den schönsten Stränden von Lombok bis Honolulu, Fotos von Quinoa-Avocado-Salaten und vegane Randen-Lauch-Smoothies – das alles findest du bei uns garantiert nicht. Dafür haben wir die besten Videos, spannendsten News und witzigsten Sprüche rund ums Eishockey.

Folge uns hier auf Instagram.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

NLA-Trikotnummern, die nicht mehr vergeben werden

1 / 71
NLA-Trikotnummern, die nicht mehr vergeben werden
quelle: keystone / fabrice coffrini
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Eismeister Zaugg

«Allein gegen die Mafia» – Ajoie ist die Mannschaft des Jahres

Ajoie besiegt Kloten nach Verlängerung 5:4 und kehrt nach 28 Jahren in die höchste Liga zurück. Ein hochverdienter Aufstieg gegen alle Widerstände für das «Gallische Dorf» unseres Hockeys.

Mathias Joggi, dem rauen Powerstürmer und ehemaligen Nationalspieler, gelingt das historische Tor zum 5:4 nach 11 Minuten und 17 Sekunden in der Verlängerung. Das Tor, das Ajoie in die höchste Liga bringt.

Was für eine späte Krönung der Karriere des 35-jährigen Bielers, der nach einem Umweg über Davos und Langnau 2018 bei Ajoie am Ort seiner Bestimmung angekommen ist.

Nach dem Meistertitel von 2016 und dem Cupsieg von 2020 ein weiterer Triumph für Gary Sheehan, seit Jahren der meistunterschätzte …

Artikel lesen
Link zum Artikel