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Algeria's forward Nabil Ghilas (centre L) and Algeria's defender Djamel Mesbah (centre R) celebrate at the end of their Group H football match against Russia at the Baixada Arena in Curitiba during the 2014 FIFA World Cup on June 26, 2014.  AFP PHOTO / KIRILL KUDRYAVTSEV

Die Freude ist zurück: Djamel Mesbah feiert mit Teamkollegen den Einzug in den Achtelfinal.  Bild: AFP

Linksverteidiger mit Schweizer Vergangenheit

Djamel Mesbah – die unglaubliche Karriere jenes Algeriers, der im WM-Achtelfinal Mesut Özil in Schach halten muss

Neun Klubs in elf Profijahren: Djamel Mesbah verkörpert modernes Fussballer-Nomadentum. Er scheitert in Aarau und spielt später im Nou Camp gegen Lionel Messi. Die Geschichte eines beharrlichen Arbeiters, für den das Glück stets flüchtig blieb.

Im Achtelfinal, dem 1:1 gegen Russland sei Dank. Algerien gegen Deutschland. Coach Vahid Halilhodzic sagt: «Das kleine Algerien gegen das grosse Deutschland.» Und er wird mittendrin sein: Djamel Mesbah. 

Algeria's defender Djamel Mesbah takes part a training session on June 28, 2014 in Sorocaba during the 2014 FIFA World Cup football tournament. AFP PHOTO / KIRILL KUDRYAVTSEV

Djamel Mesbah will sich gegen Deutschland für einen Transfer aufdrängen. Bild: AFP

Als Verteidiger einer der Stars in der algerischen Überraschungsmannschaft, wird er sich mutmasslich Deutschlands Mesut Özil annehmen müssen. Mesbah: Ganz kurze Haare, grimmiger Gesichtsausdruck, starker Linksfuss. Ex-Trainer Lucien Favre sagt: «Die Entwicklung ist schon verrückt. Es gibt immer Spieler, die einen anderen, speziellen Weg machen.» In Aarau auf der Bank, jetzt in Brasilien, dazwischen spielt er bei Milan. Eine Karriere wie aus dem Märchenbuch. Auf den ersten Blick.

Von Schällibaum entdeckt

Mesbah, heute 29-jährig, ist ein Dreikäsehoch, als seine Familie von Algerien nach Frankreich übersiedelt. Im lokalen Fussballklub steigt er ein als Junior, in einem Vorort von Annecy ist das, unweit der Schweizer Grenze. Trainiert und spielt vor sich hin, jahrein und jahraus, bis ihn Scouts entdecken. Die kommen von Servette Genf, Mesbah ist 17 Jahre alt und er zögert keine Sekunde. 

Unter Marco Schällibaum schafft er es in die erste Mannschaft. Der damalige Trainer sagt Jahre später im «Blick»: «Ich habe sein Talent früh erkannt. Mesbah hatte einen unglaublichen Willen und einen starken Drang nach vorne.»

Der Wiler Massimo Rizzo, links, im Kampf um den Ballgegen den Genfer Djamel Mesbah, rechts, beim Fussballspiel der Super League zwischen dem  FC Wil  und dem FC Servette, am Samstag, 1. Mai 2004,  im Stadion Bergholz in Wil. (KEYSTONE/Regina Kuehne)

Die Anfänge bei den «Grenats»: Djamel Mesbah im Zweikampf mit dem Wiler Massimo Rizzo, 2004. Bild: KEYSTONE

Mesbahs Qualitäten bleiben nicht unbemerkt. Der Ruf von Liga-Krösus Basel ertönt just dann, als man sich am Genfersee mit Finanzlöchern rumplagt. Der Algerier bleibt aber blass, schafft es beim FCB nie über den Status eines Ergänzungsspielers hinaus. 

«Er war ein ungestümer Jungsporn, unberechenbar auf dem Platz, etwas unorganisiert, ein Charakterkopf»

Christian Gross

An der Seitenlinie steht Christian Gross, der seinen Flügelspieler später einmal wie folgt beschreibt: «Er war ein ungestümer Jungsporn, der die Welt erobern wollte, unberechenbar auf dem Platz, etwas unorganisiert, ein Charakterkopf, aber als Mensch durchaus angenehm.»



Operation, zweimonatiges Intermezzo, wieder Operation

Zu allem Unglück verletzt sich Mesbah an der Leiste. Nach der fälligen Operation will er bei einem zweimonatigen Gastspiel bei Lorient wieder auf Touren kommen. Kommt er aber nicht, und muss sich stattdessen in Basel einem zweiten Eingriff unterziehen. In der Folge gerät er zwischen Stuhl und Bank. Mesbah sagt: «Ich war vom Klub und vom Umfeld beeindruckt, aber sportlich bin ich in Basel irgendwie vergessen gegangen.»

Djamel Mesbah, rechts, und Vanessa beim Feiern des Meistertitels 2005, in der Nacht vom Mittwoch auf den Donnerstag, 12. Mai 2005, im Basler In-Club Mad Max.  (KEYSTONE/Patrick Straub)

Trotz persönlicher Misère gab's die Meisterfeier mit dem FCB: Mit der Angetrauten posiert Djamel Mesbah 2005 für die Fotografen. Bild: KEYSTONE

Zeit für einen Neustart, Zeit für den Wechsel zum FC Aarau unter dem Trainergespann Richard Komornicki/Jeff Saibene. Dort träumt man von einem grossen Coup, dort mausert Mesbah sich zum Stammspieler, dort rettet er seine Teamkollegen mit drei Toren in der Barrage vor dem Abstieg. 

Kein neuer Vertrag im Brügglifeld

«Man hat gesehen, dass er Potential hat. Aber er konnte es nicht abrufen.»

Jeff Saibene

Aber dort landet er schliesslich auch wieder auf dem Abstellgleis, kriegt kein neues Vertragsangebot und macht den Abgang durch die Hintertür. Jeff Saibene, damaliger Assistenztrainer bei Aarau, im «Sonntagsblick»: «Man hat gesehen, dass er Potential hat. Aber er konnte es nicht abrufen. Als Typ war er impulsiv, er brachte viel Power mit. Seine Stärke waren die Flanken mit viel Drall. Wir waren uns aber nie sicher wegen der Position.» 

«Seine Schwäche war sein rechter Fuss. Den brauchte er eigentlich nur, um ins Auto zu steigen.»

Gürkan Sermeter

Mesbahs ehemaliger Mitspieler Gürkan Sermeter charakterisiert ihn so: «Er war ein Kämpfer, temperamentvoll und schnell. Seine grosse Schwäche war sein rechter Fuss. Den brauchte er eigentlich nur, um ins Auto zu steigen.» Mesbah geht es wie Gökhan Inler: Seine Qualitäten werden in Aarau angezweifelt – in Italien startet er später durch.

Djamel Mesbah , gauche et Sven Christ, droite du FC Aarau et Daniel Joao Paulo, centre du FC Neuchatel Xamax lors de la rencontre de Super League, entre le FC Neuchatel Xamax et le FC Aarau, ce dimanche 9 mars 2008 au Stade de la Maladiere de Neuchatel. (KEYSTONE/Dominic Favre)

Mit Aarau gegen Xamax: Djamel Mesbah beobachtet einen Zweikampf, 2008. Bild: KEYSTONE

Sein Bedauern

Mesbah lässt sich nicht unterkriegen. Ein Charakterzug, der seine Fussballerlaufbahn prägen wird. Nächste Station: Luzern. Eine Saison, sechs Spiele. Man weiss um sein Talent, aber Trainer Ciriaco Sforza setzt nicht auf ihn: «Er hatte einen starken linken Fuss. Aber der Junge brauchte Zeit.» Mesbah ist zunehmend frustriert und bedauert gegenüber einem Reporter, «dass ich Servette damals nicht in Richtung Frankreich verlassen habe.»

«Ich bedauere, dass ich Servette damals nicht in Richtung Frankreich verlassen habe.»

Djamel Mesbah

Wieder kann der Algerier sein Talent nicht ausspielen, nach dem neuerlichen Rückschlag steht er am Scheideweg. Nicht einmal der Entscheid, nach Avellino in die Serie C zu gehen, liegt in seiner Hand. Aber diese Fremdplatzierung auf Leihbasis wird zu Mesbahs Rettung.

Sie ist der Anfang eines wundersamen Aufstiegs. Der Flügelspieler wird zum Aussenverteidiger umfunktioniert, für Avellino macht er 27 Spiele. Es folgt der Transfer zu Lecce, 82 Spiele, der Aufstieg in die Serie A. Und dann klopft Milan an.

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Juventus Turin liegt ihm: Im Frühjahr 2011 tunnelt er den Hintermann, damals noch in Diensten Lecces. Video: Youtube/Naditinho Nado

Djamel Mesbah, das ist auf einen Schlag nicht mehr das ewige grosse Talent mit der weidlich verpfuschten Laufbahn. Ehemalige Weggefährten, Spieler wie Trainer, auch Fans, kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mesbah, temperamentvoll wie eh und je, aber nicht mehr so launig, unterschreibt einen Vierjahresvertrag beim Spitzenverein in der norditalienischen Metropole. Ein Schnäppchen für den kapitalkräftigen Klub. Weil Mesbah selbst jetzt einen Marktwert von einer Million Euro nicht überschreitet. 

Mesbah wird in ungeahnte Höhen katapultiert und weiss nicht mehr, wie ihm geschieht. Wie könnte er auch. Er, der die Schattenseiten des Geschäfts kennt wie kaum ein Zweiter. Sein Gegenspieler heisst plötzlich Lionel Messi, der Ort der traumgewordenen Realität ist das Camp Nou in Barcelona, der Anlass die Champions League. Im Halbfinal der Coppa d'Italia schiesst Mesbah gegen Juventus Turin sein einziges Tor für die Rossoneri. 

Barcelona forward Lionel Messi, of Argentina, center challenges for the ball with AC Milan midfielder Djamel Mesbah, of Algeria, left, and AC Milan defender Daniele Bonera during a Champions League first leg quarterfinals soccer match, between AC Milan and Barcelona, at the San Siro stadium, in Milan, Italy, Wednesday, March, 28, 2012. (AP Photo/Luca Bruno)

Auf dem Höhepunkt: Duell mit Lionel Messi im heimischen San Siro, 2012.  Bild: AP

2012 war ein gutes Jahr für Mesbah, das beste seiner Karriere. Zur «Aargauer Zeitung» sagt er: «Ich fühle mich in Italien, sowohl als Fussballer wie Familienmensch, sehr wohl.»

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Cup-Halbfinale gegen Juventus Turin: Mesbahs Flugkopfball blieb sein einziges Tor für Milan. Video: Youtube/JonnY K

Ein paar Monate nur währt das Glück. Mesbah strauchelt, mal wieder, und wird vom Berlusconi-Verein in einem Tauschgeschäft nach Parma abgeschoben. Seinen Platz bei Milan übernimmt Christian Zaccardo, 2006 Weltmeister mit der Squadra Azzura. In der Schinkenstadt wird Djamel Mesbah nicht glücklich, kann sich in elf Einsätzen aber immerhin ein Tor gutschreiben lassen. 

Seine Zukunft ist – ungewiss

Livorno erbarmt sich seiner, nicht wirklich aber sein Schicksal. Zwar spielt Mesbah, steigt mit dem Traditionsverein aus der Hafenstadt aber Ende Saison als Tabellenletzter sang- und klanglos ab. Der Abstieg des Teams als nur allzu bekanntes Sinnbild für eine Karriere im neuerlichen Sinkflug. Das war im Mai. Lange vor der Weltmeisterschaft.

Dass für Djamel Mesbah und seine Wüstenfüchse die WM-Endrunde im Achtelfinal zu Ende ist, davon ist auszugehen. Daran, dass Deutschland haushoher Favorit ist, gibt es nichts zu deuteln. Aber Djamel Mesbah wird alles dafür tun, eine gute Figur abzugeben. Sich auf der grossen Bühne noch einmal zu präsentieren. Seine Zukunft ist ungewiss.

South Korea's Lee Chung-yong (top) fights for the ball with Algeria's Djamel Mesbah during their 2014 World Cup Group H soccer match at the Beira Rio stadium in Porto Alegre June 22, 2014.           REUTERS/Murad Sezer (BRAZIL  - Tags: SOCCER SPORT WORLD CUP)

Wie man ihn auch gegen Deutschland sehen wird: Djamel Mesbah attackiert kompromisslos und mit vollem Körpereinsatz. Bild: MURAD SEZER/REUTERS

Beide bisherigen Aufeinandertreffen haben die Nordafrikaner gewonnen. Zuletzt 1982, in der WM-Vorrunde, 2:1. Allein die Statistik spricht für Algerien. Djamel Mesbah aber weiss: Erstens kommt es anders. Und zweitens als man denkt.

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