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Vor dem Cupfinal: Jörg Stiel über St.Gallen und die Schweizer Nati

Gane Ionel, Nr.10, traegt Torhueter Joerg Stiel nach dem 2:0 Sieg im UEFA-Cup Spiel gegen Chelsea in Zuerich am Donnerstag, 28. September 2000, vom Platz. (KEYSTONE/Walter Bieri) ===ELECTRONIC IMAGE = ...
Mit St.Gallen wurde Jörg Stiel vor 26 Jahren Schweizer Meister.Bild: KEYSTONE

St.Gallen-Legende Jörg Stiel blickt zurück: «Ich bin um mein Leben gerannt»

Jörg Stiel steht wie kaum ein anderer für die erfolgreichen Zeiten des FC St. Gallen rund um die Jahrtausendwende. Mittlerweile 58-jährig, ist der einstige Goalie auf Weltreise. Ein Gespräch über verpasste Titel, erfüllte Träume und fehlende Zentimeter.
24.05.2026, 09:0924.05.2026, 09:09

Jörg Stiel, vertreten Sie die Meinung, dass es keine kleinen und grossen Goalies gibt, sondern nur gute und schlechte?
Jörg Stiel: Da fragen Sie den richtigen (lacht). Der Markt hat sich in den letzten 20 Jahren verändert, gesucht werden grosse Goalies. Die 178 cm, die ich hatte, die kannst du heute vergessen, egal, welche Fähigkeiten du hast. Deshalb rate ich Goalies, sich nicht kleiner zu machen, als sie sind: Wenn du 'nur' 188 cm gross bist, schreib einfach 190 cm in deinen Pass, dann sagen alle: Der ist gross genug.

Haben Sie Ihren Wikipedia-Artikel selbst verfasst? Dort steht nämlich, dass sie 181 cm messen.
(lacht) Nein. Aber es gibt betreffend meiner Grösse eine lustige Geschichte. Als ich zu Mönchengladbach gewechselt bin, hatte ich ein Gespräch mit Präsident Rolf Königs, Sportdirektor Christian Hochstätter und Trainer Hans Meyer. Königs fragt, wie alt ich denn sei. Ich sage 33. Da schaut er den Sportdirektor an und sagt: «Ich dachte, der sei jünger.» Hochstätter entgegnet, je älter ein Goalie sei, desto mehr Erfahrung habe er. Dann fragt der Präsident, wie gross ich sei. Auf mein «180 cm» schaut er wieder zu Hochstätter und sagt: «Ich dachte, der sei grösser.» Darauf der Sportdirektor: «Nein, aber er springt hoch.» Ich hatte zum Glück schon unterschrieben. Und in Deutschland sollten sie ja noch ihre Freude an mir haben. Doch zurück zur Frage: Ich habe stets angegeben, 180 cm gross und 80 kg schwer zu sein. Effektiv war ich 178 cm. Mittlerweile bin ich wohl noch etwas geschrumpft.

Petar Alexandrov vom FC Aarau, Mitte, bringt am 21. Juli 1999 auf dem Aarauer Bruegglifeld den Ball an St. Gallens Torhueter Joerg Stiel vorbei ins Netz; das vermeintliche Tor wurde allerdings vom Sch ...
Stiel war ein kleingewachsener Hüter.Bild: KEYSTONE

In manchen Situationen wären Sie sicher froh gewesen um den einen oder anderen Zentimeter mehr.
Ich musste es einfach anders lösen. Ich war durchschnittlich reaktionsschnell, also habe ich versucht, vorausschauend zu spielen. Das ergab einen Spielstil, welcher der Zeit ein wenig voraus war. So stand ich jeweils sehr hoch, was zu meiner Aktivzeit noch unüblich war. Auch dazu habe ich eine Anekdote aus Gladbach.

«Ich glaube, ich war nicht einfach der klassische Fussballprofi, sondern habe als Mensch etwas verkörpert, war stets authentisch und habe mein Herz auf der Zunge spazieren geführt.»

Wir sind gespannt.
Max Eberl war mein rechter Aussenverteidiger. Mein Vorgänger Uwe Kamps war einer, der auf der Linie geklebt hat. Im ersten Spiel bin ich dann plötzlich auf der Höhe von Max gestanden. Er schaut mich an und fragt: «Was machst du denn hier?» Darauf ich: «Ja, was machst du denn hier?» Aber klar, zwei Zentimeter mehr hätten schon geholfen, um an den einen oder anderen Ball heranzukommen.

Max Eberl (hinten) kümmert sich um den verletzten Torwart Jörg Stiel (beide Gladbach) Fußball 1. BL Herren Saison 2002 2003, München - Borussia Mönchengladbach 3:0 Gruppe München Kameradschaft
Max Eberl kümmert sich um einen verletzten Jörg Stiel.Bild: IMAGO / WEREK

Im Cupfinal 1998 etwa hätten Sie mit mehr Körperlänge womöglich nicht nur den Ausgleich verhindert, sondern auch den ersten und vierten Versuch der Lausanner im Penaltyschiessen gehalten – stets fehlte wenig. Man könnte auch sagen: Zentimeter. Welche Erinnerungen haben Sie an den Final, den Sie mit St. Gallen nach 2:0-Führung noch verloren haben?
Ich bin erst kurz vor dem Cupfinal von einem Syndesmoseriss zurückgekehrt und war entsprechend nicht topfit. Tatsächlich glaube ich, dass, wenn Ed Vurens den Penalty zum 3:0 macht, das Ding gegessen ist.

Edwin Vurens, der zuvor beide Tore geschossen hatte, vergab beim Stand von 2:0 vom Punkt, 42 Sekunden später fiel der Anschlusstreffer, der die «Mutter aller St. Galler Niederlagen» einläutete.
Das 1:2 hat einen Bruch gegeben im Spiel. Bei Lausanne kam der Glaube zurück, wir haben nicht mehr mit dem Selbstvertrauen gespielt wie vor dem Gegentreffer. Das ist die Dynamik eines Fussballspiels.

Zwei Jahre später holten Sie mit St. Gallen die Meisterschaft. Es sollte Ihr einziger Titel bleiben.
Ich erinnere mich an ein 4:4 in jener Saison gegen die Grasshoppers. Wir lagen schnell 0:3 hinten, haben dann bis zur Pause auf 3:3 gestellt, um in der Nachspielzeit wieder in Rückstand zu geraten. Mit der letzten Aktion des Spiels gelang uns tatsächlich noch das 4:4. Energetisch war das ein unglaubliches Spiel.

Sie haben knapp 300 Spiele für St. Gallen absolviert. Welches war Ihr bestes?
Es gibt keine perfekten Spiele, aber eines meiner besten war das Rückspiel in der 2. Runde des UEFA-Cups in der Saison 2000/01 gegen Brügge. Bitter war, dass wir in der 92. Minute den Ausgleich erhielten und rausgeflogen sind. Wären wir weitergekommen, hätten wir gegen Barcelona gespielt.

In St. Gallen, Mönchengladbach und im Nationalteam geniessen Sie Legendenstatus. Wieso sind Sie überall so beliebt?
Das müssten Sie andere fragen. Ich glaube, ich war nicht einfach der klassische Fussballprofi, sondern habe als Mensch etwas verkörpert, war stets authentisch und habe mein Herz auf der Zunge spazieren geführt. Ich bin grundsätzlich ein netter Kerl, tausche mich gerne mit anderen aus – egal, wer es ist.

«Dabei war die Aktion natürlich nicht geplant. Aber sie passte zu mir. Bei aller Ernsthaftigkeit hat der Humor nie gefehlt.»

Sicher haben auch Aktionen zu Ihrem Status beigetragen wie jene an der EM 2004, als Sie gegen Kroatien einen Ball unterliefen, diesem hinterherrennen mussten und ihn auf der Linie mit dem Kopf stoppten.
Ich bin um mein Leben gerannt – schliesslich rollte der Ball auf das leere Tor zu. Wissen Sie, warum ich den Ball überhaupt erwischt habe?

JAHRESRUECKBLICK 2004 - SPORT EURO - JOERG STIEL'S FLIRT IM SPIEL GEGEN KROATIEN: Switzerland's goalkeeper Joerg Stiel playfully stops the ball with his head after nearly getting caught out  ...
Jörg Stiels berühmtester Moment an der EM 2004.Bild: AP

Erzählen Sie.
Heute haben Fussballschuhe zahlreiche Stollen, kombiniert mit Nocken. Früher hatten wir lediglich sechs Stollen an den Schuhen. Ich habe extra vor dem Spiel beim Mittelfuss zwei neue Stollen reingeschraubt, weil ich das Gefühl hatte, es könnte rutschig werden. Das hat mir in dieser Situation das Leben gerettet. Köbi (Kuhn, Nationaltrainer) kam nach dem Spiel zu mir und sagte: «Mach das nie mehr.» Dabei war die Aktion natürlich nicht geplant. Aber sie passte zu mir. Bei aller Ernsthaftigkeit hat der Humor nie gefehlt.

Haben Sie das Maximum aus Ihrer Karriere herausgeholt?
Das ist eine gute Frage, die ich mir auch schon gestellt habe. Mit den körperlichen Voraussetzungen habe ich wohl das Maximum erreicht. Ich habe in der Bundesliga und in Mexiko gespielt, war Captain der Nati und habe mir all diese Träume erfüllt – viel mehr war nicht möglich.

Seit dem Ende Ihrer aktiven Laufbahn waren Sie an mehreren Stationen Torwarttrainer, zuletzt von 2021 bis 2025 bei den Grasshoppers. Seit Ihrem Abgang beim Rekordmeister ist es ruhig geworden um Sie. Was machen Sie aktuell?
Ich bin seit August auf Weltreise und mittlerweile in El Salvador gelandet. Bald schon geht es weiter nach Mexiko.

Kehren Sie danach in das Fussballgeschäft zurück?
Ich glaube schon. Die vier Jahre bei GC waren extrem spannend, ich habe sehr viel gelernt, über andere Menschen, aber auch über mich. Es gefällt mir, etwas zu entwickeln. In der Schweiz ist der Markt jedoch überschaubar und für mich wohl nichts mehr dabei. Vielleicht zieht es mich nach Mexiko oder Asien.

Wie nahe sind Sie noch am FC St. Gallen dran?
Ich kenne einige Leute auf persönlicher Basis, die ich schätze. Ansonsten habe ich aber keine Verbindung mehr zum Verein. Ich bin Teil der Klubgeschichte und St. Gallen bleibt immer ein Teil meines Lebens. Aber zu sehr in Nostalgie schwelgen müssen wir auch nicht, sonst wird es kitschig.

«In einem Final spielt auch die Tagesform eine Rolle.»

Dann bleiben wir in der Aktualität: Was zeichnet die jetzige Mannschaft von St. Gallen aus?
Sie hat eine klare Spielanlage und eine gute Achse aus erfahrenen Spielern. Enrico Maassen hat ihr das nötige Mass an defensiver Ordnung gegeben. Matthias Hüppi führt den Verein und ist nicht einfach ein Präsident. Andere können sich an ihm orientieren. Mit Roger Stilz haben sie einen Sportchef geholt, der völlig unter dem Radar lief, der aber einen guten Job macht, ohne grosses Theater. St. Gallen hatte über die Jahre schon eine gute Basis. Nun haben die drei erwähnten Akteure Stabilität hereingebracht.

St. Gallen stand bisher sieben Mal im Cupfinal, konnte aber nur einmal gewinnen – 1969 gegen Bellinzona. Wieso kriegt es der FCSG am Tag X nicht auf die Reihe?
Bei den letzten beiden verlorenen Finals 2021 gegen Luzern und 2022 gegen Lugano hatte es auch viel mit dem Gegner zu tun, der einfach gut war. In einem Final spielt auch die Tagesform eine Rolle.

Die St. Galler nach dem Schweizer Fussball Cup Final zwischen dem FC Lugano und dem FC St. Gallen, am Sonntag, 15. Mai 2022, im Stadion Wankdorf in Bern. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
2022: Enttäuschte St.Galler nach der Niederlage im Cupfinal.Bild: keystone

Am Sonntag ist St. Gallen der grosse Favorit. Kann gegen Stade Lausanne-Ouchy aus der Challenge League denn überhaupt noch etwas schief gehen?
Passieren kann alles. Ich gehe aber davon aus, dass St. Gallen gewinnt und nach 26 Jahren endlich wieder einen Titel holt.

Das Glück haben die Ostschweizer schon aufgebraucht. In der 2. Runde und im Achtelfinal musste man gegen die Unterklassigen Wil und Rapperswil-Jona ins Penaltyschiessen. Lukas Watkowiak hielt jeweils zwei Versuche für St. Gallen. Der Mann misst 197 Zentimeter.
Man könnte auch sagen, dass St. Gallen nun auch die Erfahrung hat, sollte es ins Penaltyschiessen gehen. Es kommt immer auf die Sichtweise an. Ausser natürlich bei der Grösse. Die ist gegeben. (abu/sda)

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