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epa06890137 Supporters of Croatia gather in the center of Zagreb before the public viewing of the FIFA World Cup 2018 final soccer match between Croatia and France, in Zagreb, Croatia, 15 July 2018.  EPA/ANTONIO BAT

Trotz Niederlage im WM-Final überwiegt bei den kroatischen Fans der Stolz. Bild: EPA/EPA

Trotzdem phantastic! Der WM-Erfolg tut auch dem Land Kroatien gut

Kroatien ist Vizeweltmeister geworden. Das ist mehr, als die Bevölkerung des kleinen Balkanstaates je für möglich gehalten hat. Ob nun erster oder zweiter Sieger – der Erfolg tut dem Land gut.

16.07.18, 08:43 16.07.18, 09:21

Janko Tietz, Split / Spiegel online



Ein Artikel von

Am Ende wird Matjia politisch. Sein Held, sagt er, könnte jetzt Deutscher sein. Dann hätte er womöglich Deutschland gegen England ins Finale geschossen und nicht Kroatien. Und am Sonntag im grossen Endspiel auch das zweite Tor gegen Frankreich, nach dem alle hofften, es könnte doch noch den Ausgleich zum 4:4 geben.

Matjia ist Psychologiestudent in Zagreb, er kommt eigentlich aus Split, der zweitgrössten Stadt Kroatiens, wo er an diesem Abend zusammen mit vielleicht 3000, vielleicht 5000 anderen Fans das Finale seiner Mannschaft auf der Riva schaut, der prächtigen Promenade direkt am Hafen. Noch ist er voller Hoffnung, dass es zum Weltmeister reicht, «sie müssen es nur in die Nachspielzeit schaffen».

Croatia's Mario Mandzukic reacts during the final match between France and Croatia at the 2018 soccer World Cup in the Luzhniki Stadium in Moscow, Russia, Sunday, July 15, 2018. (AP Photo/Matthias Schrader)

Matijas Held war gestern die tragische Figur: Mit einem Eigentor leitete Mario Mandzukic die Finalniederlage ein. Bild: AP/AP

Matjias Held ist Mario Mandzukic. Der Stürmer war sechs Jahre alt, als er 1992 als Flüchtlingskind während des serbisch-kroatischen Krieges aus Slavonski Brod nach Ditzingen bei Stuttgart kam, wo er beim Verein TSF seine ersten Bälle kickte. «Hätte Deutschland ein vernünftiges Einwanderungsgesetz», so Matjia, «würde Mandzukic vielleicht heute für Deutschland spielen.»

So aber freut sich Matjia, dass Mandzukic Kroate geblieben ist, auch wenn er zusehen muss, wie seine Mannschaft gegen die Franzosen unterliegt. «Unglücklich», wie er sagt. Und Mandzukic ist mit seinem Eigentor auch nicht ganz unschuldig daran.

Dass die Fans überhaupt in die Innenstadt von Split gelangen konnten, verdankten sie vor allem großem organisatorischen Geschick. Öffentliche Busse fuhren zwar, doch waren die alle so überfüllt, dass die Busfahrer nur wild gestikulierend hinter der Frontscheibe sassen und beschieden: Voll, nächster Bus bitte. Doch auch der war voll, und der nächste auch.

epa06891222 Supporters of the Croatian national soccer team watch a public broadcast of the FIFA World Cup 2018 final match between Croatia and France, in Zagreb, Croatia, 15 July 2018.  EPA/ANTONIO BAT

Riesige Menschenmengen schauten in Zagreb den Final. Bild: EPA/EPA

Uber-Fahrer und Taxiunternehmen machten das Geschäft ihres Lebens, sofern sie es vermochten, sich an den hupenden Autos und röhrenden Motorrädern vorbeizuschlängeln.

«Mich macht das wahnsinnig stolz»

In der Innenstadt feierten die Fans, dass es die kroatische Fussballnationalmannschaft überhaupt bis ins Finale geschafft hat. Erst vier Mal war sie bei einem WM-Turnier dabei, der grösste Erfolg, der dritte Platz gleich bei der ersten WM-Teilnahme, liegt 20 Jahre zurück.

Diesmal hatten die Kroaten Topmannschaften wie Argentinien mit Superstar Messi, Gastgeber Russland oder Favoriten wie England besiegt. Für viele ist das schon Erfolg genug, der Titel wäre da nur noch das Sahnehäubchen gewesen.

Croatia's Luka Modric holds the golden ball as best player of the tournament after his team lost the the final match between France and Croatia at the 2018 soccer World Cup in the Luzhniki Stadium in Moscow, Russia, Sunday, July 15, 2018. (AP Photo/Martin Meissner)

Luka Modric wurde zum besten Spieler der WM ausgezeichnet. Bild: AP/AP

«Mich macht das wahnsinnig stolz», sagt Monika über den Finaleinzug. Die 27-Jährige ist zwar Kroatin, wurde aber in Mostar, heute Bosnien-Herzegowina, geboren. Vor zwei Monaten war sie in Amerika, erzählt sie, «da konnte mit Kroatien kein Mensch etwas anfangen». Nach diesem Finale, so ihre Hoffnung, würde das anders sein. «Unser Land kennt jetzt jeder auf der Welt.» Freudig zeigt sie Fotos ihres Bruders, der zur WM nach Russland geflogen ist, am Sonntagmorgen noch Selfies mit kroatischen Spielern machen konnte und sie kurz vor Anpfiff seiner Schwester schickte.

Es scheint den meisten kroatischen Fans fast einerlei, so der Eindruck, ob der WM-Titel in das kleine Land kommt, das mit etwas mehr als vier Millionen kaum mehr Einwohner hat als Berlin. Allein die Aufmerksamkeit, die dem Balkanstaat mit dem Durchmarsch ins Finale zuteil wurde, gibt den Menschen einen enormen Schub an Selbstbewusstsein.

«Reicher Onkel» gegen «armen Neffen»

Es hat etwas von 1954, als Deutschland neun Jahre nach dem zweiten Weltkrieg, Fussballweltmeister wurde und so etwas wie eine neue Identität bekam. Der Krieg in Kroatien liegt zwar schon mehr als 20 Jahre zurück, war aber bislang immer noch Bürde und Last. Auch wenn die meisten Regionen an der Küste inzwischen proper herausgeputzt sind und die EU, deren Mitglied Kroatien seit 2013 ist, viel Geld in das Land investiert hat, sind die Wunden des Krieges noch überall sichtbar.

Man muss nur 30 Kilometer von der Küstenstrasse ins Hinterland fahren – in Orten wie Gospi oder Perusi stehen noch immer von Einschusslöchern gezeichnete Häuser, noch immer warnen Schilder vor Minen, die noch nicht geräumt sind.

Das Spiel Frankreich gegen Kroatien war auch ein Spiel «reicher Onkel» gegen «armen Neffen» so sehen das viele an der Adriaküste. Mag Frankreich noch so viele wirtschaftliche Probleme haben; sie sind nichts gegen die kroatischen.

Supporters of the Croatian national soccer team cheer their team on in central Zagreb,  Croatia, Sunday, July 15, 2018. Croatia's national soccer team lost to France in the World Cup final in Russia. (AP Photo/Marko Drobnjakovic)

Selbst auf Dächern haben Kroaten Platz genommen, um das Spiel mitzuverfolgen. Bild: AP/ap

Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von umgerechnet etwas mehr als 13.000 Dollar liegt Kroatien auf Platz 60 in der Welt. Trinidad und Tobago liegt noch davor oder auch das notorisch klamme Griechenland. Die Arbeitslosenquote erreicht fast 20 Prozent, die Quote der Jugendarbeitslosigkeit ist mehr als doppelt so hoch. Wie zum Trotz war die Public-Viewing-Leinwand in Split direkt vor dem französischen Konsulat aufgestellt.

«Auch der zweite Platz wird das Land wieder aufrichten»

Die Lage im Land sei «beschissen», sagt auch Ivan, der als Kellner in einer Bar in Split arbeitet. Wirtschaftlich, gesellschaftlich und auch politisch liege viel im Argen, so der 27-Jährige. Rund 20 Prozent des Bruttoinlandprodukts erzielt Kroatien mit Tourismus. Die beiden Kreuzfahrtschiffe, die am Sonntagabend im Hafen lagen, tröteten bei jedem der insgesamt sechs Tore, bei den kroatischen besonders lang. «Wo ist das ganze Geld, dass unser Land damit verdient», fragt er. Es läuft nicht rund, da kam der WM-Erfolg der Nationalmannschaft gerade richtig, glaubt er. «Auch der zweite Platz wird das Land wieder aufrichten.»

Als der Schiedsrichter kurz vor sieben Uhr das Spiel abpfiff, zündeten einige Fans bengalische Feuer, der DJ auf der Haupttribüne legte Musik auf, als gäbe es den Sieg zu feiern, die Menge sang, tanzte und klatschte.

Aus den Lautsprechern tönte «Neopisivo» von den Zapresic Boys, das heisst «Unbeschreiblich» und ist das kroatische Pendant zum deutschen WM-Song «Zusammen» der «Fantastischen Vier». Am Montagabend wird das Lied wohl wieder gespielt, wenn die Fans die kroatische Mannschaft nach einem Zwischenstopp in der Hauptstadt Zagreb in Split erwarten. Besonders einen werden sie als besonders unbeschreiblich preisen: Der andere Torschütze neben Mandzukic, Ivan Perisic, wurde 1989 in Split geboren.

Die hupenden Kreuzfahrtschiffe werden dann abgelegt haben. Aber neue werden da sein. Und sicher wieder hupen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Bene86 16.07.2018 10:35
    Highlight Oh nein... die bösen Pyros wieder überall!
    6 13 Melden
  • BNCity 16.07.2018 10:16
    Highlight Wieso wird in keinem Wort die Situation in Bosnien beschrieben. Ein Land welches wie kein anderes vom Bürgerkrieg gebeutelt wurde. Ich erwarte ausserdem eine Klarstellung der Tatsachen. Wenn die Monika schreibt sie sei in Mostar geboren, dann heisst das sie ist gebürtige Bosnierin. Nach dem Bürgerkrieg haben Serben und Kroaten an ortodoxe und Katoliken Gratis Pässe verteilt. Es wird zeit das Europa wieder hinsieht.
    6 54 Melden
    • Die verwirrte Dame 16.07.2018 10:25
      Highlight Wieso sollte die Situation in Bosnien erwähnt werden, wenn es in dem Bericht um Kroatien geht?
      65 2 Melden
    • BNCity 16.07.2018 11:12
      Highlight Weil mit anderen Worten geschrieben wird, dass Mostar früher Kroatien war. Das entspricht eibfach nicht der Wahrheit. Zitat: "Die 27-Jährige ist zwar Kroatin, wurde aber in Mostar, heute Bosnien-Herzegowina"
      3 21 Melden
    • Adrian Buergler 16.07.2018 11:17
      Highlight @BNCity: Die von dir erwähnte Passage bedeutet folgendes:
      1. Sie ist Kroatin (hat also den kroatischen Pass).
      2. Sie wurde in Mostar geboren.
      3. Mostar liegt heute in Bosnien-Herzegowina. Früher war es Teil von Jugoslawien.

      Alles andere hast du interpretiert.
      41 2 Melden
    • RacKu 16.07.2018 11:51
      Highlight Mostar war doch ein Teil von Kroatien. ;-)
      3 5 Melden
    • Armend Shala 16.07.2018 13:23
      Highlight Dass die Hälfte von Mostars Bevölkerung ethnische KROATEN sind, verschweigst du gekonnt.
      6 1 Melden
  • mogad 16.07.2018 09:18
    Highlight Ich weiss nicht, ob die bessere Mannschaft gewonnen hat. Es gab zwei umstrittene Schiedsrichterentscheide, die zu Toren für Frankreich führten! Dennoch Gratulation an Kroatien. Wenn man bedenkt, dass wir CHs schon glücklich wären mit einer Viertelfinalteilnahme.
    31 30 Melden
    • bcZcity 16.07.2018 10:05
      Highlight Auch ohne die 2 immer wieder erwähnten Entscheide und den Torwart Fehler der Franzosen, hätte Frankreich dieses Spiel dann eben 2:1 gewonnen. Kroatien hat 110% gegeben! Frankreich wirkte immer so als ob da nur 90% des Potentials abgerufen wird, die hätten wenn es eng geworden wäre, sicher noch eine Schippe drauflegen können. Hat aber auch so gereicht und Frankreich ist - auch wenn man das ganze Turnier betrachtet - verdient Weltmeister.

      Die Kroaten haben gezeigt was mit Talent und viel Einsatz - und etwas Glück - möglich ist. Respekt! Das Land/Politik ändert sich deswegen aber nicht!
      31 12 Melden
    • zsalizäme 16.07.2018 10:26
      Highlight Das erste Tor war umstritten, da gebe ich dir recht. Das zweite Tor war meiner Meinung nach aber nicht umstritten. Für mich war das ein klarer Penalty. Auch wenn ich darauf gehofft habe, dass Kroatien gewinnt finde ich, dass Frankreich verdient Weltmeister wurde.
      16 5 Melden
  • Hans der Dampfer 16.07.2018 09:03
    Highlight Ich muss sagen das mir das Herz aufgegangen ist als ich die Kroatische Staatspräsidentin (?) gesehen habe mit welcher Freude sie alle geherzt hat. Franzosen, die Schiris und natürlich die eigenen Spieler, alle hat sie umarmt und ich glaube das man den Stolz auch da ablesen kann. Das hat mich wirklich berührt. 👏
    91 9 Melden
    • loquito 16.07.2018 09:40
      Highlight UND Sie hat den Pokal geküsst als Erste... 😂😂😂
      42 4 Melden
    • Blitzableiter 16.07.2018 14:22
      Highlight Wenn sie den Pokal geküsst hat und anschliessend Macron die gleiche Stelle, und die Spieler Frankreichs ebenso den Pokal.. Dann bedeutet das, dass selbe wie wenn sie sich alle gegenseitig geküsst hätten. Hui, Olala! 😘
      5 1 Melden

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