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Ein Sprint über 42.195 Kilometer: Wie kann ein Mensch so schnell sein?

Eliud Kipchoge beim Zieleinlauf in Berlin: Ein Sprint über 42.195 Bild: AP/AP

Eliud Kipchoge lief in Berlin die Marathon-Distanz in unfassbarer Zeit - besser gesagt: Er sprintete. Ohne Konkurrenz, ohne Windschatten, ohne jemanden, der die Pace verschärfte. Wie macht er das?

Jan Göbel



Ein Artikel von

Spiegel Online

Die Anspannung löste sich aus seinem Gesicht. Eliud Kipchoge grinste, klatschte, er riss die Arme hoch und ballte die Hände zu Fäusten – alles selbstverständlich noch im schnellen Laufschritt. Dann hatte er sogar noch die Kraft für einen Sprung in die Arme einiger Teammitglieder.

So ausgelassen hat Eliud Kipchoge selten gejubelt. So dominant ist zuvor noch kein anderer Mensch die 42.195 Kilometer gelaufen. Eliud Kipchoge hat in Berlin einen neuen Weltrekord im Marathon aufgestellt.

Der Kenianer ist in 2:01:39 Stunden zur Bestzeit gerannt. Besser gesagt: Er ist gesprintet, und zwar jeden Kilometer unter drei Minuten. Die alte Rekordzeit lag bei 2:02:57 Stunden, Dennis Kimetto hatte sie 2014 aufgestellt. Kipchoge lief also 78 Sekunden schneller als sein Landsmann, der den Rekord ebenfalls in Berlin erzielte. 78 Sekunden schneller – das ist wie ein 8:0-Kantersieg in einem Champions-League-Finale. Es ist die grösste Weltrekord-Verbesserung im Marathon seit 1967. Solche deutlichen Steigerungen sind auf diesem Niveau nur mit sehr grossem Aufwand möglich. Kipchoge trainiert dafür seit fast zwei Jahrzehnten.

Was die Läuferszene längst weiss, ist nun offiziell: Kipchoge ist der schnellste Mensch der Welt über die berühmteste Langdistanz. Kipchoge, der Mentalität im Laufsport für wichtiger hält als Talent. Der 33-Jährige gilt bereits seit Jahren als der Star im Marathon. Wahrscheinlich ist er einer der wenigen Athleten, die von diesem Sport sehr gut leben können. Kipchoge gewann 2004 seine erste Olympische Medaille, damals noch über 5000 Meter. 2016 holte er bei den Spielen in Rio Gold im Marathon.

epa05505023 Eliud Kipchoge (C) of Kenya is on his way to win the gold medal in the men's Marathon race of the Rio 2016 Olympic Games Athletics, Track and Field events at the Sambodromo in Rio de Janeiro, Brazil, 21 August 2016. Kipchoge won ahead of second placed Feyisa Lilesa (L) of Ethiopia and third placed Galen Rupp (R) of the USA.  EPA/YOAN VALAT

Kipchoge im August 2016 auf dem Weg zum Olympiatitel in Rio de Janeiro. Bild: EPA/EPA

Kipchoge siegte immer wieder bei Prestigerennen wie beim Marathon in London im April. Doch den Rekord knackte er nie. Nun ist diese Jagd vorbei und Elius Kipchoge hält den neuen Weltrekord im Marathon – ganz offiziell. Die Betonung auf offiziell ist wichtig, Kipchoge erreichte auf der Distanz im vergangenen Jahr bereits eine Zeit von 2:00:25 Stunden.

Bei einem Projekt seines Sponsors Nike lief Kipchoge die 42.195 Kilometer hinter einem Auto sowie einer Reihe von Tempomachern und verpasste die magische zwei-Stunden-Marke im Ziel nur um wenige Sekunden. Der Versuch fand unter Laborbedingungen statt. Es war kein offizielles Rennen, kein offizielles Ergebnis – auch wenn Kipchoge vor dem Berlin-Marathon sagte: «Für mich war das Weltrekord.»

Das Video von Kipchoges inoffiziellem Rekordlauf

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Video: YouTube/Runners Awesome

Persönliche Bestzeit verpasst

Kipchoge und sein kenianischer Trainer Patrick Sang hielten sich wohl auch deswegen vor dem Start in Berlin mit Zielen zurück. Sang sagte in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung»: «Er wird versuchen, persönliche Bestzeit zu laufen.» Und: «Wir sind hergekommen, um seinen Fortschritt zu maximieren. Wenn es der Weltrekord wird, soll es so sein. Dann ist das kein limitierender Faktor. Dann kann er morgen wieder versuchen, seine Zeit zu verbessern.»

Übersetzt bedeutet das nach dem Berlin-Rennen: Kipchoge ist einen neuen Weltrekord gelaufen, hat seine persönliche Bestzeit aber verpasst. Wer Kipchoges Jubel im Ziel gesehen hat, dürfte jedoch schnell erkannt haben: Seine Freude über den neuen Weltrekord ist grösser als eine mögliche Enttäuschung über die verpasste neue persönliche Bestzeit.

Die Belohnung: 120'000 Euro zahlt allein der Veranstalter für den Sieg und den Weltrekord, hinzukommen wohl weitere Prämien von Sponsoren. Und natürlich der Eintrag in die Geschichtsbücher. Kipchoges beeindruckender Weg ins Ziel wird dort nicht im Detail stehen. Der Kenianer musste bereits ab Kilometer 25 ohne Läufer an seiner Seite auskommen. Keine Konkurrenz, keine Tempoläufer, kein Windschatten, kein anderer, der die Pace verschärft. Kurz: keine Unterstützung.

Eliud Kipchoge runs to win the 45th Berlin Marathon in Berlin, Germany, Sunday, Sept. 16, 2018. Eliud Kipchoge set a new world record in 2 hours 1 minute 39 seconds. (AP Photo/Markus Schreiber)

Ohne Unterstützung: Kipchoge beim Zieleinlauf in Berlin. Bild: AP/AP

Kipchoge gelang es trotzdem, über der Geschwindigkeit des alten Weltrekords zu laufen. Mit die besten Zwischenzeiten lief er sogar zwischen der sehr schwierigen Phase von Kilometer 32 bis 38. Allein das lässt seine Zeit in Berlin in einem noch besseren Licht erscheinen als das Laborergebnis von Monza vor einem Jahr.

Am Ende hatte Kipchoge sogar noch Kraft für einen Sprint durch das Brandenburger Tor ins Ziel. Kipchoge wusste natürlich, dass bei seinem hohen Tempo kaum ein Konkurrent auf Dauer mithalten kann – deswegen hatte der Kenianer auch genau dieses Szenario trainiert. Es sei der «Kipchoge-Weg», sagte er nach dem Rennen. Ein Weltrekordlauf, aus eigener Kraft, ohne fremde Hilfe.

Auch diese Aussagen unterstreichen Kipchoges Willenskraft, die sein Trainer und die internationale Konkurrenz immer wieder betonen. Kipchoges Jubel und der Sprung in die Arme des Teams nach dem Triumph zeigten aber auch: Ein Einzelkämpfer ist Kipchoge abseits der Rennstrecke nicht.

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31
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31Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • NicoHausa 17.09.2018 23:48
    Highlight Highlight Jemand war noch schneller als Kipchoge!

    Manuela Schär fährt in Weltrekordzeit durchs Ziel: 01:36:53
    User Image
  • droelfmalbumst 17.09.2018 23:04
    Highlight Highlight der kann wohl easy 1x um die welt joggen
  • Zap Brannigan 17.09.2018 19:28
    Highlight Highlight Und ich bin (war) Stolz darauf, dass ich als mässiger Läufer und Ex-Heavy-Raucher meine Zeit für 400m (eine Runde auf der Bahn) einigermassen stabil in die Nähe von 80s gebracht habe. Er macht sie in knapp 70s, über 100 mal am Stück. Schon krass. http://M
  • Fischra 17.09.2018 16:22
    Highlight Highlight Ich beobachte und verfolge viele dieser afrikanischen Läufer. Training auf Naturbahnen ohne Schnickschnack. Die Temperatur natürlich immer sehr hoch. Und die mentale Stärke zusammen mit demidealen Körperbau und dem endlosen Training bringen den Erfolg. Unglaublich was diese Läufer schaffen. Ich bin sehr beeindruckt.
  • Zeit_Genosse 17.09.2018 14:59
    Highlight Highlight Extrem beeindruckend. Für alle Läufer eine Sphäre in die sie nicht nahezu gelangen werden und die diese Weltrekordzeit nur staunend und applaudierend zur Kenntnis nehmen können. Ihm ist die unter 2h Marke (das wären nochmals 100Sekunden schneller!!!? (über 2sec./km) - Das ist nochmals ein unfassbar grosser Schritt - unter Bestbedingungen (Windschatten, Kurslegung, Temperatur usw.) als einziger zuzutrauen. Das wäre dann für die Ewigkeit.
    • El diablo 17.09.2018 16:50
      Highlight Highlight Dazu kann man nur sagen: Believe in something, even if it means sacrificing everyghing - Just do it

      Hier passt der Slogan irgendwie sehr gut und er verkörpert dies auch.
    • ndee 17.09.2018 20:43
      Highlight Highlight Für die Ewigkeit? Im Schnitt wird alle 2.5 Jahre ein Rekord im Marathon gebrochen. Diese Rekorde verlaufen parallel zu den neuen Dopingmitteln, welche laufend optimiert werden. Gen-Doping kommt als nächstes. Im 10 Jahren werden Zeiten um die 1:50 bis 1:55h gelaufen. Gute Nacht und träumt schön von sauberen Sport.
  • N. Y. P. D. 17.09.2018 13:57
    Highlight Highlight Wer einen Fahrradcomputer hat, soll mal mit dem Velo mit 21,1 km/h auf flacher Strecke 2 h lang fahren.

    Und dann überlegt :

    Kann ein Mensch nature so eine Leistung vollbringen ?

    Auf jeden Fall geht das. Mit Links und auf einem Bein sogar.
    • Binnennomade 17.09.2018 16:51
      Highlight Highlight Ich komm auf 18.4km/h..?
    • Binnennomade 17.09.2018 20:33
      Highlight Highlight Ups. Ohje.
      #rächnechani
  • Laeddis 17.09.2018 13:46
    Highlight Highlight RESPEKT!
  • Baba 17.09.2018 13:44
    Highlight Highlight Die Leichtigkeit, mit der Kipchoge die letzten Kilometer (und wohl auch die vorangehenden, nur habe ich die nicht gesehen) gelaufen ist, war beeindruckend. Amos Kipruto kam da im Vergleich richtig "gezeichnet" ins Ziel.
  • svnstmoo 17.09.2018 13:35
    Highlight Highlight Eine coole Dokumentation dazu ist "Breaking 2" auf youtube. da sieht man wie diese Sportler die Marathonzeit von unter 2h erreichen wollen.

    Play Icon
  • 's all good, man! 17.09.2018 13:24
    Highlight Highlight Damit man das unfassbare Tempo, dass Kipchoge gelaufen ist, etwas besser einordnen kann:

    Er ist 421 Mal die 100m in rund 17 Sekunden gelaufen. Als einigermassen gesunder und fitter Mensch kann man das schaffen - aber das ununterbrochen weitere 420 Mal?

    Oder: 105 Mal hintereinander die 400m-Bahnrunde in gut 69 Sekunden (der 400m-Weltrekord liegt bei 43,03 Sekunden).

    Wahnsinn!
    • saugoof 17.09.2018 14:40
      Highlight Highlight Ich gehe in der Regel so zweimal in der Woche rennen und fahre zudem gegen 200km Velo. Bin also nicht ganz un-fit auch wenn ich nie auf Geschwindigkeit trainiert habe. Aber ich würde kaum auch nur einen Kilometer so schnell laufen wie Kipchoge das den ganzen Marathon durchgezogen hat.

      Eine absolute Wahnsinnsleistung!
    • Adumdum 17.09.2018 14:44
      Highlight Highlight Hammer
    • 's all good, man! 17.09.2018 15:00
      Highlight Highlight @estelle
      Neee, wie kommst du denn auf die Idee? 😱😄 Klar! Bereite mich gerade selber auf meinen zweiten Marathon vor und setze mich daher durchaus etwas mit der Materie auseinander. 😉

      @saugoof
      Wirklich krass! Eine einzelne 400m-Runde in 68sec bringe ich wohl auch hin. Aber der Kerl macht das mehr als 100x hintereinander. Wer selber läuft, kann einigermassen erahnen, was das für ein Wahnsinnstempo ist.
    Weitere Antworten anzeigen
  • 's all good, man! 17.09.2018 13:17
    Highlight Highlight Das perfekte Meisterstück. Ich bin noch immer tief beeindruckt von diesem Rennen - wohl wurden wir hier Zeugen einer der sportlich herausragendsten Leistungen seit langem und für vielleicht sehr lange. Er ist ein rieisiges Vorbild, ein wahrer Star. Ich denke, der wirkliche Schlüssel zu dieser Fabelzeit ist seine mentale Stärke und sein wohl unerschöpfliches Selbstvertrauen. Er hat so sehr daran geglaubt, dass er das kann und hat es nun allen gezeigt.
  • Kaspar Floigen 17.09.2018 13:14
    Highlight Highlight Hut ab für diese Leistung. Dieser Lauf wird in die Geschichte eingehen.
  • guido85 17.09.2018 13:04
    Highlight Highlight Eigentlich verrückt. Im Radsport würden nun die Doping-Sprachrohre laut werden :(
    • Schutudent 17.09.2018 13:26
      Highlight Highlight Selbst wenn er gedopt hätte (ich will ihm auf keinen fall was unterstellen), ist seine leistung jejenseits von gut und böse! Man schaue nur schon seine konkurenz an, die total chancenlos hinten wegbleibt.
    • ThomasHiller 17.09.2018 14:15
      Highlight Highlight Sagen wir mal so: Ich hoffe, saß er seine Leistung auf legalem Weg erreicht hat und nicht durch Beschuss.
      Seine Leistung ist um so wertvoller, wenn man ihn ohne Zweifel bejubeln darf!



      P.S.: Ich gehe auch mal davon aus, daß er ausführlich auf Doping überprüft wird und hoffe, daß er diese Tests besteht.
    • BossAC 17.09.2018 14:35
      Highlight Highlight Nur aus Interesse so als Frage. 2h ist ja quasi die magische Grenze. Wenn Doping so viel bringen würde, müssten diese 2h mit besagten Mitteln untertroffen werden können? Oder sprechen wir hier bereits über die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit?
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