Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa07755133 Swiss Moto2 rider Thomas Luethi of Dynavolt Intact GP during the qualification of the Motorcycling Grand Prix of the Czech Republic, 03 August 2019. The race will take place on 04 August 2019.  EPA/MARTIN DIVISEK

Muss Tom Lüthi seine Weltmeisterträume begraben? Bild: EPA

Tom Lüthis schwerste Niederlage – kann man so Weltmeister werden?

Der WM-Titel war das Ziel. Nach dem Sturz in Brünn sind die Titelchancen nur noch theoretischer Natur. Wie kann es sein, dass in zwei Rennen aus einem Vorsprung von 8 Punkten ein Rückstand von 33 Punkten auf WM-Leader Alex Marquez geworden ist?

klaus zaugg, brünn



Die Stimmung in Tom Lüthis Box ist bluesig. So wie wenn die Roadies nach einem verregneten Open Air die Musikanlage abbauen und in den Trucks verstauen. Mit dem Zusammenpacken konnte früher als geplant begonnen werden. Schon in der vierten Runde rutschte Tom Lüthi vor Kurve Nummer fünf mit seiner Maschine von der Piste ins Kiesbett.

Der Sturz von Lüthi im Video.

Jeder weiss, was er zu tun hat. Viel wird nicht gesprochen. Hektische Geschäftigkeit kommt nur ganz kurz auf, als der «Besenwagen» Tom Lüthis zerbeulte Höllenmaschine zurückbringt. Die Verschalung sieht aus, als hätte sie eine Kuh im Maul gehabt, und einer der Mechaniker schüttet das Kies aus, das sich nach dem Sturz in der Verschalung angesammelt hat.

Tom Lüthi (32) hat sich längst aus dem Leder-Kampfanzug geschält und gibt frisch gebürstet und gekämmt Auskunft.

Es geht um seine schwerste Niederlage. Zumindest statistisch und wenn wir das missglückte MotoGP-Abenteuer der letzten Saison ausklammern. Nach Assen war er mit 8 Punkten Vorsprung auf Alex Marquez (23) WM-Leader. Nun, zwei Rennen später, hat er 33 Punkte Rückstand auf den Spanier.

Der momentane WM-Stand.

In keinem anderen Sport sind Ausreden so wohlfeil wie im Rennsport. Wetter, Konkurrenten, Reifen, Bremsen – alles Mögliche ist schuld. Nur nie der Fahrer.

«Selbst eine bessere Startposition hätte nicht geholfen. Ich konnte nicht um den Sieg fahren.»

Tom Lüthi

Aber Tom Lüthi sucht keine Ausreden. Zweimal musste er aus der vierten Reihe (als Zwölfter) losfahren. Er räumt ein, dass er die letzten zwei Rennen auch im Training verloren hat. «Die Trainings sind ein wichtiger Faktor.» Seit der Einführung neuer Reifen (seit dem GP von Jerez) sei die technische Abstimmung aus der Balance geraten. «Das soll keine Ausrede sein. Die anderen mussten ja damit auch fertig werden und Alex Marquez hat offensichtlich damit kein Problem. Aber Fakt ist, dass wir dieses Problem noch nicht im Griff haben.»

Konkret gehe es um die Bremse. «Die Ausgeglichenheit ist so gross, dass es nur auf der Bremse möglich ist, zu überholen. Auf der Bremse bin ich eigentlich stark. Aber hier habe ich sofort gespürt, dass es nicht funktioniert. Selbst eine bessere Startposition hätte nicht geholfen. Ich konnte nicht um den Sieg fahren.» Zum Sturz kam es in der Bremsphase vor der Kurve.

Die Abstimmung obliegt dem Fahrer in enger Zusammenarbeit mit dem Cheftechniker. Die Frage ist natürlich: Ist es ein Problem, dass Cheftechniker Michael Thier keine Erfahrung hat? Er kommt vom Fahrwerkhersteller Kalex und kann eine Maschine in einer Dunkelkammer mit verbundenen Augen zusammenbauen. Aber den Pulverdampf an der Rennfront atmet er diese Saison zum ersten Mal ein. Tom Lüthi sagt, was er sagen muss. «Nein, das ist nicht das Problem.» Und sein Manager Daniel Epp ergänzt: «Auch die Mannschaft von Alex Marquez musste erst zusammenwachsen. Erst jetzt im vierten Jahr kann er Trainings und Rennen dominieren.»

Das Versagen hat also keine personellen Konsequenzen im Team. «Wir planen die nächste Saison mit den gleichen Leuten», sagt Daniel Epp.

13.09.2013; Misano; Motorsport - Training GP San Marino 2013;
Thomas Luethi (SUI), Suter und Teamchef Daniel Epp werden auch 2014 weitermachen. (Waldemar Da Rin/freshfocus)

Daniel Epp im Jahr 2013. Bild: Waldemar Da Rin

Das Motto ist nach diesem bitteren Rückschlag also klar: Nur nicht den Kopf verlieren. Ruhig weiterarbeiten. Das Team zusammenrücken lassen. Zügig, aber ohne Hast eine Lösung suchen. «Wir müssen die Probleme so schnell wie möglich lösen», sagt Tom Lüthi. «Das Rennen am nächsten Sonntag in Zeltweg wird noch viel mehr auf der Bremse entschieden als hier Brünn. Ich habe diese Saison den GP in Austin gewonnen. Auf einer extremen Bremsstrecke. Das zeigt doch, dass wir es können …» Die Suche nach der verlorenen Magie des Bremsens.

Ganz vorne und ganz oben ist die Luft dünn. Eine Weltmeisterschaft wird nicht nur mit fahrerischen Heldentaten entschieden. Mindestens so wichtig ist die unspektakuläre Detailarbeit im Team. Wer weniger Fehler macht, triumphiert.

«Nein, der WM-Titel ist nicht verloren. Der Glaube ist da.»

Tom Lüthi

Tom Lüthi und seine Crew haben auf dem Sachsenring und nun in Brünn zu viele Fehler gemacht. Das mag Manager Daniel Epp nicht bestreiten. «Aber alle machen Fehler. Das gehört bei diesem komplexen Sport dazu.» Sündenböcke gebe es keine.

Ist der WM-Titel verloren? «Nein», sagt Tom Lüthi. «Der Glaube ist da.» Der Rückschlag habe auf seine Motivation keinen Einfluss. Es gehe darum, nun in jedem Rennen ein Optimum herauszuholen. Oder wie es sein Manager sagt: «Wir versuchen Training für Training, Rennen für Rennen zu gewinnen und dann zu sehen, wo wir stehen.» In den Eishockey-Playoffs sagen die Präsidenten, Sportchefs, Trainer, Betreuer und Spieler in dieser Situation: «Nichts ist verloren. Wir nehmen Spiel für Spiel.»

Neun Rennen bleiben. 225 Punkte sind noch zu vergeben. Da können 33 Punkte aufgeholt werden. Theoretisch. Praktisch ist die Sache fast gelaufen. Wenigstens ist Tom Lüthi der direkte Verfolger, zwischen ihm und dem WM-Leader ist kein anderer Fahrer klassiert. Ereilt das Pech Alex Marquez, dann ist Tom Lüthi der Profiteur.

Spain's rider Alex Marquez of the EG 0,0 Marc VDS sprays champagne to celebrate his victory in the Moto2 race at the Czech Republic motorcycle Grand Prix at the Automotodrom Brno, in Brno, Czech Republic, Sunday, Aug. 4, 2019. (AP Photo/Petr David Josek)

Momentan ist es immer Alex Marquez, der jubelt. Bild: AP

Was in so einer Situation gesagt werden muss, haben Tom Lüthi und sein Manager gesagt. Die Enttäuschung haben sie in Brünn mit höchster Professionalität gemanagt. Die Erklärungen machen Sinn. Wenn Daniel Epp sagt, das Team werde durch diese Erfahrung stärker, hat er wohl recht.

Aber etwas hat in Brünn gefehlt. Keiner war nach dieser bitteren Niederlage zornig. Keiner war missmutig. Keiner hat geflucht. Keine Türe ist zugeknallt worden. Keine Werkzeuge sind durch die Box geflogen. Kein «Heilanddonner-Reflex».

Professionelle, harmonische Enttäuschung. Freundliche Verlierer.

Kann man so Weltmeister werden?

Kunst auf der Haube: Kühlerfiguren von anno dazumal

Das könnte dich auch interessieren:

Greta Thunberg wollte Panik säen, erntet nun aber Wut

Link zum Artikel

Pasta mit Tomatensauce? OK, wir müssen kurz reden.

Link zum Artikel

Zug steckt während 3 Stunden zwischen Grenchen und Biel fest – Passagiere wurden evakuiert

Link zum Artikel

Vorsicht, jetzt kommt die Wohnmobil-Rezession!

Link zum Artikel

YB-Fan lehnt sich im Extrazug aus dem Fenster – und wird von Schild getroffen

Link zum Artikel

Uli, der Unsportliche – warum GC-Trainer Forte in Aarau unten durch ist

Link zum Artikel

Sogar Taschenrechner verwirrt: Dieses Mathe-Rätsel macht gerade alle verrückt

Link zum Artikel

Ab heute lebt die Welt auf Ökopump – und diese Länder sind die grössten Umweltsünder

Link zum Artikel

MEI, Minarett und Güsel: Das musst du zum Polit-Röstigraben wissen

Link zum Artikel

Wahlvorschau: Die Zentralschweiz ist diesmal nicht nur für Rot-Grün ein hartes Pflaster

Link zum Artikel

10 Tweets, die zeigen, dass in Grönland gerade etwas komplett schief läuft

Link zum Artikel

Immer wieder Djokovic – oder Federers Kampf gegen die Dämonen der Vergangenheit

Link zum Artikel

Google enthüllt sechs Sicherheitslücken in iOS – das solltest du wissen

Link zum Artikel

«Es ist absurd» – der Chef erklärt, was er vom Feminismus hält

Link zum Artikel

Apples Update-Schlamassel – gefährliche iOS-Lücke steht zurzeit wieder offen

Link zum Artikel

Die bizarre Geschichte der Skinwalker-Ranch, Teil 4: Die Zweifel des Insiders

Link zum Artikel

Prügelt Trump die amerikanische Wirtschaft in eine Rezession?

Link zum Artikel

Liam und Emma sind die beliebtesten Namen der Schweiz – wie sieht es in deinem Kanton aus?

Link zum Artikel

Schweizer Firmen wollen keine Raucher einstellen – weil sie (angeblich) stinken

Link zum Artikel

Keine Hoffnung auf Überlebende nach Unwetter im Wallis ++ Gesperrte Pässe in Graubünden

Link zum Artikel

2 mal 3 macht 4! – Das wurde aus den Darstellern von «Pippi Langstrumpf»

Link zum Artikel

Oppos Reno 5G ist ein spektakuläres Smartphone – das seiner Zeit voraus ist

Link zum Artikel

AfD-Politikerin Alice Weidel ist heimlich wieder in die Schweiz gezogen

Link zum Artikel

So viel verdient dein Lehrer – der grosse Schweizer Lohnreport 2019

Link zum Artikel

Der neue Tarantino? Ist Mist. Aber vielleicht seht ihr das ganz anders

Link zum Artikel

Ich hab die 3 neuen Huawei-Handys 2 Monate im Alltag getestet – es gab einen klaren Sieger

Link zum Artikel

Mein Horror-Erlebnis im Militär – und was ich daraus lernte

Link zum Artikel

Du bist ein Schwing-Banause? Wir klären dich rechtzeitig fürs Eidgenössische auf

Link zum Artikel

Gewalt und Krankheiten – die Bewohner der ersten Steinzeit-Stadt lebten gefährlich

Link zum Artikel

«Es war die Hölle» – dieser Schweizer war am ersten Woodstock dabei

Link zum Artikel

Die Bloggerin, die 22 Holocaust-Opfer erfand, ist tot, ihre Fantasie war grenzenlos

Link zum Artikel

Wohin ist denn eigentlich die Hitzewelle verschwunden? Nun, die Antwort ist beunruhigend

Link zum Artikel

ARD-Moderatorin lästert über «Fortnite»-Spieler und erntet Shitstorm – nun wehrt sie sich

Link zum Artikel

QDH: Huber ist in den Ferien. Wir haben ihn vorher noch ein bisschen gequält

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

9
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • rock-n-roll 04.08.2019 22:50
    Highlight Highlight Leider, leider! Es wird immer mehr zur Tatsache, Tom Lüthi ist das Supertalent! Nicht mehr und nicht weniger. Aber er ist kein Weltmeister!
  • länzu 04.08.2019 19:35
    Highlight Highlight Als Sturzpilot kannst du nicht Weltmeister werden. Und Lüthi ist ein Sturzpilot.
    • Tschaesu 04.08.2019 22:25
      Highlight Highlight Sam Lowes ist ein Sturzpilot..
    • marsen 05.08.2019 14:08
      Highlight Highlight hä? Lüthi ist ganz sicher kein Sturzpilot.
      Aber Weltmeister wird er auch nicht, irgendwo zwischen zu wenig Killerinstinkt und Pech.
  • The Returner 04.08.2019 16:42
    Highlight Highlight Die Antwort auf die abschliessende Frage hast du im Text oben bereits selber niedergeschrieben, Klaus!

    Nein, kann man nicht.

    Aber das ist nichts Neues.

    Und, jedes Rennen wird auf der Bremse entschieden.

    Abschliessend, wenn du am 31.8./1.9. noch freie Kapazitaet hast:

    Schau doch gschwind in Koppigen beim Rasenrennen vorbei. Domi wird oepe auch dort sein ( und wir auch😉😉✊🏻✊🏻🏁)

  • Beat-Galli 04.08.2019 16:25
    Highlight Highlight In dem Team, Fahrer oder Technik nicht gut genug war.
    Ganz einfach Herr Zaugg.
  • _kokolorix 04.08.2019 16:13
    Highlight Highlight Hat ein Heilanddonner jemals eine substantielle Besserung gebracht?
    Lüthi ist seit jeher ein Sensibelchen. Er ist nur schnell wenn alles stimmt.
    Marquez ist da vermutlich robuster. Aber auch ihn kann das Pech eines Nullers ereilen ...
    • Buonarroti 04.08.2019 21:37
      Highlight Highlight Bei den ersten vier Rennen, war lüthi dann wohl der robustere?!
    • _kokolorix 04.08.2019 22:43
      Highlight Highlight Nein, da hat noch alles gepasst

Drei Tote in 24 Stunden – das Sterben bei der «Isle of Man TT» nimmt kein Ende

Selten passt das Adjektiv «berüchtigt» so zum Wort «berühmt» wie bei der Tourist Trophy. Beim legendären Töffrennen auf der Isle of Man fährt der Tod stets mit. Gestern starben drei Teilnehmer innerhalb von 24 Stunden.

Die Isle of Man ist aus drei Gründen bekannt. Erstens gilt sie als Steueroase. Zweitens hat sie eine äusserst kuriose Flagge, bestehend aus drei angewinkelten Beinen. Und drittens ist die Insel jedes Jahr Gastgeberin der Tourist Trophy, des tödlichsten Töffrennens der Welt. Mehr als 250 Menschen verloren im Temporausch ihr Leben, seit die Trophy 1911 erstmals ausgetragen wurde.

Vorgestern und gestern kamen innerhalb von 24 Stunden drei Teilnehmer um: der Holländer Jochem van den Hoek (28), der …

Artikel lesen
Link zum Artikel