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Dominique Aegerter from Switzerland celebrates winning the Moto2 race at the Sachsenring circuit in Hohenstein-Ernstthal, Germany, Sunday, July 13, 2014. (AP Photo/Jens Meyer)

Dominique Aegerter feierte 2014 auf dem Sachsenring den Sieg in der Moto2-Klasse. Bild: AP

Erst Spionage, jetzt Geld – der Sachsenring steht vor dem Untergang

Im Osten Deutschlands, in der ehemaligen DDR zieht ein Drama herauf. Wird der GP von Deutschland in diesen Tagen zum letzten Mal auf dem Sachsenring herausgefahren?

13.07.18, 19:31


In diesen sanften Hügeln Sachsens ist die Zeit stehen geblieben. Im Lande von «Indianer-Gotthelf» Karl May (er hat Winnetou erfunden) wähnt sich der Fremde fast so wie einst zu Zeiten des realen Sozialismus von Walter Ulbricht. Das Leben ist bei weitem nicht so hektisch wie im Westen. Die Menschen sind bescheiden, freundlich und hilfsbereit, die Dörfer mit den alten Häusern verschlafen und putzig – fast wie eine «Disney-Version» der untergegangenen DDR.

Denn hier, rund 80 Kilometer ausserhalb von Dresden und gleich neben Karl Mays Geburtsort Hohenstein-Ernstthal finden wir eine der Kultstätten des rennmässigen Benzinverbrennens. Den Sachsenring. Bereits 1927 duellierten sich hier vor über 100'000 Zuschauerinnen und Zuschauern Explosionsmotoren.

Der Sachsenring. bild: wikimedia

Und in den Zeiten des «Kalten Krieges» öffnete sich hier ein Panoramafenster zum Westen. Über 100'000 Menschen eilten zwischen 1961 und 1972 Jahr für Jahr herbei, wenn der GP der DDR mit den Töffhelden aus dem Westen zelebriert wurde. Als Dieter Braun 1971 das 250er-Rennen gewann stimmen mehr als 100'000 bei der Siegerehrung die westdeutsche Hymne an.

Vergeblich zerschnitten die Stasi-Männer die Kabel zu den Lautsprechern. Die Hymne wurde auch ohne Begleitmusik zu Ende gesungen. Wie ein gewaltiger Protestsong gegen das Ulbricht-Regime. Nach 1972 gab es den GP der DDR mehr. Erst 1998, lange nach dem Einsturz der Mauer, sind die Asphaltcowboys auf den Sachsenring zurückgekehrt.

Bei diesem GP auf der einstigen Naturstrecke geht es um viel mehr als den Erhalt eines Stückes Historie. Heute geht es ums Geld. Der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC), der die Rechte am Deutschland-GP bis 2021 besetzt, hat den Vertrag mit den Rennstreckenbetreibern gekündigt.

Angeblich sind die Verluste inzwischen bei rückläufigen Zuschauerzahlen zu gross. Die Situation ist komplex. Stark vereinfacht gesagt: die Rennstrecke ist nicht permanent, einige Tribunen sind im Privatbesitz und ohne Zuschüsse aus öffentlichen Kassen geht es wohl nicht. Nun wird über eine Verlegung des GP von Deutschland auf den Hockenheim- oder auf den Nürburgring diskutiert. Gross ist die Angst vor einem «Aus», das die Region auch wirtschaftlich treffen würde.

Zentralbild Gahlbeck AV v.3.8.64-3.8.1964 Schwedische Oberschüler weilen gegenwärtig zu einem sechswöchigen Deutschpraktikum im Motorradwerk Zschopau. Meister Walther Leichsenring (rechts) gibt Jören Gustaffson gern einige Tips, denn die 10 schwedischen Gäste haben Gelegenheit, selbst beim Bau der Motorräder mitzuhelfen.

Produktion im Motorradwerk Zschopau. bild: wikimedia

Es geht letztlich um viel mehr als nur den Verlust eines Rennens. Schon einmal hat man den Sachsen etwas «gestohlen.» Hier war nämlich einst das Weltzentrum der Töfftechnologie. MZ heisst die Zauberformel. Im Motorradwerk Zschopau (MZ) entwickelte Walter Kaaden in den 50er-Jahren die Technologie der Zweitaktmotoren mit Einlassdrehschiebern.

Er gehörte einst zum Mitarbeiterstab von Wernher von Braun und half bei der Entwicklung der V2-Rakete. Er hätte nach dem 2. Weltkrieg mit seinem Chef in die USA emigrieren können. Das freundliche, bescheidende Genie blieb in Sachsen und wandte sich der Rennsporttechnik zu. Die von ihm unter den schwierigen Bedingungen der DDR-Mangelwirtschaft entwickelten Rennmaschinen waren Wunderwerke.

Ernst Degner führte 1961 auf der MZ die 125er-WM an. Ein Fahrer aus der DDR deklassierte auf DDR-Technik auch die Japaner. Der britische Rennfahrer und Töff-Chronist Mat Oxley beschreibt in seinem Buch «Gestohlene Geschwindigkeit», wie es den Suzuki-Generälen gelang, Ernst Degner zu «kaufen». Mit viel Geld zur Flucht in den Westen zu verführen und dabei auch noch gleich die Geheimnisse der MZ-Technologie mitzubringen. Er setzte sich nur wenige Wochen nach dem Bau der Berliner Mauer in den Westen ab.

Um die Flucht des zuvor im Arbeiter- und Bauernstaat gefeierten Grand-Prix-Stars ranken sich bis heute Mythen. Ob er ein Verräter war oder einfach nur das tat, was andere an seiner Stelle auch getan hätten, darüber sind die Menschen hier noch heute geteilter Meinung. Es gibt «Degnerianer», die ihn als Helden und Märtyrer verehren und solche, die ihn als Verräter verachten.

Ernst Degner. Bild: wikimedia

Während es mit der DDR in den Folgejahren wirtschaftlich bergab ging, stieg die Suzuki Motor Company mit der gestohlenen Technologie zu einem weltweit erfolgreichen Motorradhersteller auf. Ab Mitte der 1970er Jahre bis nach der Jahrtausendwende war die Zweitakter-Technologie das Mass aller Dinge im Töff-Rennsport. Walter Kaaden starb 1996 im Alter von 77 Jahren in Frieden. Der «Verdiente Techniker des Volkes» und Träger des «Vaterländischen Verdienstordens» ist für die Flucht seines Stars nicht zur Verantwortung gezogen worden.

Ernst Degner ist hingegen im Westen nicht glücklich geworden. Er holte zwar für Suzuki 1962 auf Anhieb den WM-Titel in der neu gegründeten «Schnapsglasklasse» (50 ccm). Aber 1963 und 1965 erlitt er bei Stürzen Knochenbrüche und schwere Verbrennungen. 1967 beendete er seine Motorsportkarriere nach einem kurzen Abstecher auf vier Räder.

Der einst gefeierte Held litt unter schweren Depressionen, die zu Tablettenabhängigkeit führten. Am 8. September 1983 fand ihn sein Sohn tot in seiner Wohnung auf Teneriffa. Die Behörden gaben Herzversagen als Todesursache an. Aber es zirkulieren heute noch Kopien des angeblichen Totenscheins, auf dem der Eintrag der Todesursache durchgestrichen ist. So wird die Legende befeuert, Ernst Degner sei in Tat und Wahrheit von der Stasi umgebracht worden.

Sachsen hat seine Technologie und seinen Töffhelden verloren – und jetzt will man den Sachsen auch noch den Grand Prix wegnehmen. Da bleibt im Land von Karl May wahrlich nur noch die Zuflucht in Mythen und Legenden.

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Video: srf

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • nödganz.klar 14.07.2018 16:58
    Highlight „die Menschen sind bescheiden, freundlich und hilfsbereit,“

    In Sachsen. Mhm. Ausser...
    2 1 Melden
  • Laborchef Dr. Klenk 13.07.2018 20:24
    Highlight MotoGP 2 Stunden von meiner Haustür entfernt? Bitte bringt das Ding nach Hockenheim!!!
    1 8 Melden

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