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Sepp Blatter, der Allmächtige des Weltfussballs. Bild: Ronald Zak/AP/KEYSTONE

Was ist der Unterschied zwischen Gott und Sepp Blatter? Gott hält sich nicht für Blatter

Joseph S. Blatter lässt sich zum fünften Mal als Fifa-Präsident wählen. Die Bilanz des Wallisers an der Spitze des Weltfussballs ist gelinde gesagt durchzogen, trotzdem sind seine Gegner ohne Chance. Ein Erklärungsversuch.



Der Witz oben im Titel ist nicht neu. Am Fifa-Hauptsitz in Zürich kursiere er seit Jahren, wird kolportiert. Er sagt alles aus über das Selbstverständnis des Herrschers über den Weltfussball. Er sei ein sehr gläubiger Mensch und glaube an Gott, hat Joseph S. Blatter gesagt. Aber auch an sich selbst. Und für sich selbst hat er eine gottgleiche Position erobert.

Daran wird sich so bald nichts ändern. Am Freitag wird sich der 79-jährige Walliser am Fifa-Kongress in Zürich erneut als Präsident wählen lassen, zum fünften Mal bereits. 

Als er 1998 sein Amt antrat, versprach er, nur acht Jahre bleiben zu wollen. Blatter hielt sich nicht daran. Zu machtbewusst und eitel ist er, geblendet vom Prestige des Amtes und überzeugt, alles am Besten selbst machen zu können. Sagen sogar Leute, die ihm wohl gesinnt sind.

Die Kandidaten für die FIFA-Präsidentenwahl 2015

Drei Kandidaten wollten gegen Blatter antreten, um die Fifa zu erneuern und vom Skandalgeruch zu befreien. Nach dem Rückzug von Michael van Praag, Präsident des niederländischen Verbands, und Ex-Weltfussballer Luís Figo bleibt noch Prinz Ali Bin Al Hussein von Jordanien im Rennen. Die Bündelung der Kräfte wird nichts nützen. Eher gelingt es, den Mount Everest mit einer Nagelfeile abzutragen, als dass man Sepp Blatter stürzen könnte.

Der ruinierte Ruf

Eigentlich erstaunlich, denn in seinen 17 Jahren als Präsident hat Sepp Blatter den Ruf der Fifa ruiniert. Zumindest in den Augen jener Fans, für die der Fussball nicht mit dem Schlusspfiff endet oder mit der Frage, wer der weltbeste Spieler ist, Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi. Blatters Amtszeit wurde durch Skandale und Affären geprägt. Zwei aktuelle Dokumentarfilme werfen ein unvorteilhaftes Licht auf den mächtigsten Sportverband der Welt.

Der US-Sportsender ESPN behauptet, Blatter traue sich seit 2011 nicht mehr in die Vereinigten Staaten, weil die Bundespolizei FBI wegen Korruption gegen die Fifa ermittle. Eine ARD-Doku zeigt zudem, wie wenig sich in der Fifa allen Reformversprechen zum Trotz geändert hat. Das betrifft etwa die Zustände auf den Baustellen in Katar, wo die WM 2022 stattfinden soll. Kürzlich wurde dort ein BBC-Filmteam festgenommen, das eigentlich zu einer PR-Reise eingeladen war.

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Der ARD-Film «Der verkaufte Fussball». YouTube/David Herzog

In einer funktionierenden Demokratie oder einem nach den Grundsätzen der Corporate Governance geführten Unternehmen würde ein Präsident mit einer derartigen Bilanz mit Schimpf und Schande davongejagt. Joseph S. Blatter wird am nächsten Freitag mit Glanz und Gloria wiedergewählt werden.

24 Stunden für den Machterhalt

Eine Erklärung bietet die Struktur der Fifa. Sie ist ein milliardenschwerer Konzern mit den Statuten eines Chüngelizüchter-Vereins. Das gibt dem Vorsitzenden eine enorme Machtfülle. Blatter weiss, sie zu nutzen. «Er ist 24 Stunden mit Machterhalt beschäftigt», sagte der ehemalige Fifa-Pressechef Guido Tognoni am Montag in der SRF-Sendung «Schawinski». Blatters Mittel zum Zweck ist das Geld, das er an die Mitgliedsverbände verteilen kann.

«Die Fifa ist durch die positiven Emotionen, die der Fussball auslöst, einflussreicher als jedes Land der Erde und jede Religion.»

Sepp Blatter

Seine Kontrahenten versuchten deshalb, ihn mit den eigenen Waffen zu schlagen. Sie wollten die WM-Endrunde von 32 auf 40 Teilnehmern aufstocken und köderten damit die aussereuropäischen Verbände. Sepp Blatter will am heutigen Format festhalten – einer der wenigen Punkte, bei denen er die wahren Fussballfans auf seiner Seite weiss. Ausserdem wollten die Gegenkandidaten noch mehr Geld verteilen. Ein verlockendes Angebot, doch es stösst auf taube Ohren.

An ihm bleibt nichts hängen

Auf den ersten Blick ein paradoxer Befund, doch er lässt sich erklären. Was nützt den Landesverbänden mehr Kohle, wenn ein neuer Präsident ihnen verstärkt auf die Finger schaut? Bei Blatter wissen sie, woran sie sind. Er drückt beide Augen zu, wenn das Geld aus dem Entwicklungsprogramm Goal in den Taschen korrupter Funktionäre versickert oder für opulente Verbandshauptsitze verwendet wird, statt für Fussballplätze oder die Nachwuchsausbildung.

Die fragwürdigsten Sprüche von Sepp Blatter

Auf Dauer geht so etwas nicht gut. Immer wieder fliegen Korruptionsaffären auf und Blatter um die Ohren. Doch hier zeigt sich eine andere Eigenschaft des Wallisers. Wenn er in Bedrängnis gerät, läuft er zu Hochform auf. Dann ist er ohne Skrupel bereit, enge Weggefährten zu opfern. An Sepp Blatter aber bleibt nichts hängen. Alle Angriffe gegen seine Person, alle Recherchen von investigativen Journalisten liefen ins Leere. 

Fussball ist attraktiv – auch dank Blatter

Dazu beigetragen hat auch die ungebrochene Strahlkraft des Fussballs. Die letztjährige WM-Endrunde in Brasilien war die beste seit langem, mit grossen Momenten wie dem 7:1 des nachmaligen Weltmeisters Deutschland im Halbfinal gegen die Gastgeber. So lange dies der Fall ist, werden die TV-Gelder fliessen und die Sponsoren zahlen, auch wenn welche abspringen wie zuletzt Sony und Emirates.

«Sepp Blatter ist nicht so gut, wie er sich sehen mag, aber er ist bei weitem nicht so schlecht, wie man ihn macht.»

Ehemaliger Fifa-Funktionär

Fussball ist attraktiv, und das nicht nur wegen, sondern auch dank Sepp Blatter. Die Fifa-Entwicklungsgelder mögen korrupte Gelüste wecken, sie haben aber auch zahlreiche Talente gefördert, die nicht zuletzt die europäischen Ligen bereichern. Unter Blatters Führung hat die Fifa im Jahr 2000 bei der EU-Kommission ein neues Transferreglement durchgebracht, das in erster Linie den Spielern nützt.

Die neue Weltordnung

Blatter hat den Fussball globalisiert, von der Fixierung auf Europa weggeführt, etwa durch die Rotation der WM-Endrunden zwischen den Kontinenten. «Westliche Länder beklagen sich zu Recht über Blatter. Allerdings sollten wir sein Genie anerkennen», schreibt der renommierte Fussball-Kolumnist Simon Kuper in der «Financial Times». Blatter habe sehr früh verstanden, dass eine neue Weltordnung existiert, in der Westler nicht mehr viel Einfluss haben.

Schon als Generalsekretär hat der Walliser zudem jene Regeländerungen vorangetrieben, die das Offensivspiel schützen und ankurbeln. Dafür braucht es politisches und diplomatisches Geschick. Sonst hätte er sich kaum so lange an der Spitze halten können. Es hängt nicht alles am Geld allein.

Alle FIFA-Präsidenten seit 1904

«Sepp Blatter ist nicht so gut, wie er sich sehen mag, aber er ist bei weitem nicht so schlecht, wie man ihn macht», meint ein ehemaliger hochrangiger Fifa-Mitarbeiter. Er ist überzeugt, dass die Fifa-Exekutive auch unter einem anderen Präsidenten korruptionsanfällig wäre.

Selbstherrlich und dünnhäutig

Darin liegt mehr als ein Körnchen Wahrheit. Und dennoch bleibt ein Nachgeschmack. Während seiner ersten Amtszeit erlebte ich Sepp Blatter diverse Male aus nächster Nähe, auch während den Turbulenzen um seine Wiederwahl 2002. Damals war Blatter offen und zugänglich, er liess seinen legendären Charme spielen, stellte sich kritischen Fragen. Heute wirkt er abgehoben und selbstherrlich. Das Angebot für ein TV-Duell mit seinen drei Herausforderern lehnte er als einziger ab. 

Auf Kritik reagiert er dünnhäutig, wie in der ARD-Doku, und in den immer selteneren Interviews – etwa im März mit der «SonntagsZeitung» – lässt er sich zu Aussagen hinreissen wie: «Die Fifa ist durch die positiven Emotionen, die der Fussball auslöst, einflussreicher als jedes Land der Erde und jede Religion. Wir bewegen Massen. Das wollen wir nutzen, um mehr Frieden, Gerechtigkeit und Gesundheit auf der Welt zu schaffen.»

Witze wie jener im Titel kommen nicht von ungefähr. Man muss damit rechnen, dass er 2019 mit 83 Jahren für eine sechste Amtszeit kandidieren wird. Denn Götter kennen keinen Ruhestand.

Die Geschichte des Fussballs in einem Bild

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7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • mrgoku 28.05.2015 08:01
    Highlight Highlight schade.. die zwei nächsten WM's werden mir sowas von schnuppe sein... wen interessiert eine WM in Russland oder Qatar? und zweite erst noch im winter? da fuq? die haben doch alle zuviel gekifft oder gesoffen... oder dann den kompletten realitätsverlust....
  • zimtlisme 28.05.2015 01:01
    Highlight Highlight heuchlerischer als ein papst. letzterer veranstaltet wenigstens keine künstlichen wiederwahlen, sondern hockt freimütig auf dem thron, solang er lebt (oder mag).
  • Hans Jürg 27.05.2015 01:46
    Highlight Highlight God is good, but Sepp is butter...
  • a rabbit called beast 26.05.2015 23:06
    Highlight Highlight Gott hat weniger Kohle
  • Lil'Ecko 26.05.2015 07:16
    Highlight Highlight Sepp der Depp soll endlich ins Altersheim wo er hingehört!
  • Jol Bear 25.05.2015 22:35
    Highlight Highlight Wahrscheinlich stünde die FIFA mit einem andern Präsident als Blatter hinsichtlich Korruption keinen Deut besser da. Es würden sich nur die " Baustellen" verschieben. Trotzdem ist es so, dass Blatter dem guten Image der Schweiz nicht allerorten zuträglich ist. Aber das hat der Sepp einkalkuliert: Der weltweite Imageverlust durch die FIFA-Probleme wird durch die internationale Beliebtheit von Roger Federer mehr als aufgehoben. Darum wird Blatter erst dann zurücktreten, wenn Federer seine Karriere beendet.
  • Lumpirr01 25.05.2015 09:24
    Highlight Highlight Der steuerbefreite Hauptsitz der FIFA in Zürich und der Mann an der Spitze dieser ominösen Organisation sind für das Image der Schweiz im Ausland nicht besonders förderlich!

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