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Erleichtert und glücklich: Sepp Blatter nach seiner erknorzten Wiederwahl. Bild: ARND WIEGMANN/REUTERS

«Lieber Sepp Blatter, nutzen Sie die Chance und erneuern Sie die FIFA – dieses Mal wirklich»

Es kam, wie es kommen musste: Joseph S. Blatter ist als FIFA-Präsident wiedergewählt worden. Warum dies keine Katastrophe sein muss, sondern eine Chance sein kann: Ein offener Brief.



Lieber Sepp Blatter,

verzeihen Sie die etwas intime Anrede. Ich bin Ihnen vor einigen Jahren diverse Male begegnet, einmal auch zu einem grösseren Interview. Persönlich habe ich Sie in guter Erinnerung. Sie sind ein Mensch, der mit seiner gewinnenden Art ganze Säle für sich einnehmen kann. Oder zumindest konnte. In den letzten Jahren sind Ihre Auftritte, die ich aus der Distanz mitverfolgte, zunehmend bizarr geworden. Und wenn Sie den Mund aufmachen, wird es teilweise peinlich.

Trotzdem haben Sie es geschafft, die Delegierten Ihrer heissgeliebten FIFA haben sie glanzlos für eine fünfte Amtszeit wiedergewählt. Dazu gratuliere ich Ihnen, wenn auch widerwillig. Denn niemand, der halbwegs bei Trost ist, kann über den Zustand der FIFA glücklich sein. Sie selber sprachen am Donnerstag von «Schande und Beschämung» für den Fussball durch die jüngsten Ereignisse.

Sieben FIFA-Funktionäre in Zürich verhaftet

Eigene Fehler aber wollten Sie partout nicht einräumen. «Wir können nicht jeden überwachen», haben Sie gesagt. Dabei haben Sie die FIFA wesentlich geprägt, als Generalsekretär ab 1981 und als Präsident seit 1998. Es ist zu einfach, alles auf die Bestechlichkeit einzelner Funktionäre abzuschieben. Die Geldmaschine, zu der sich die FIFA entwickelt hat, weckt Begehrlichkeiten. Die Enthüllungen der letzten Tage dürften nur die Spitze des Eisbergs sein.

«Noch widersetzen sich die in Zürich verhafteten Funktionäre ihrer Auslieferung an die USA. Der Zeitpunkt aber wird kommen, da werden sie singen wie Luciano Pavarotti selig in seinen besten Zeiten, um ihre Haut zu retten.»

Dabei ist nicht alles schlecht, was Sie geleistet haben, das räume ich gerne ein. Kleine und arme Länder, die früher nichts hatten, konnten Fussballplätze bauen und Talente ausbilden. Die Dankbarkeit, die Ihnen entgegengebracht wird, erfolgt nicht immer aus Eigennutz, sie ist häufig echt und kommt von Herzen.

Das aber kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass viel Geld in dunkle Kanäle versickert ist. Sie konnten oder wollten das nicht wahrhaben, Herr Blatter. Ihre Macht basiert darauf, dass Sie bedingungslose Loyalität erwarten und im Gegenzug bereit sind, die Augen vor den Missständen zu verschliessen.

Das konnte nicht gut gehen. Wenn Sie einen hemmungslos gierigen Menschen wie den US-Amerikaner Chuck Blazer in Ihrem Umfeld duldeten, mussten Sie damit rechnen, dass die Behörden seiner Heimat ihm irgendwann auf die Schliche kommen. Und wen die US-Justiz in die Mangel nimmt, der muss sich warm anziehen. Genau so ist es gekommen.

Die FIFA-Skandale unter Sepp Blatter

«Ich bin sicher, dass weitere schlechte Nachrichten folgen werden», orakelten Sie am Donnerstag. Darauf können Sie wetten. Noch widersetzen sich die in Zürich verhafteten Funktionäre ihrer Auslieferung an die USA. Der Zeitpunkt aber wird kommen, da werden sie singen wie Luciano Pavarotti selig in seinen besten Zeiten, um ihre Haut zu retten.

Die grösste Gefahr dürfte Ihnen von Ihrem ehemaligen Gefolgsmann Jack Warner drohen, einem gewissenlosen Menschen, dem nachgesagt wird, er habe sogar Benefizgelder für HIV-infizierte Waisenkinder in die eigene Tasche gesteckt. Einem solchen Mann ist alles zuzutrauen, auch dass er aus purem Rachedurst versucht, Sie mit in den Abgrund zu reissen. 

«Kann sein, dass Sie scheitern werden, aber Sie hätten es zumindest versucht und viel dafür getan, Ihren schlechten Ruf aufzupolieren.»

Es kommen ungemütliche Zeiten auf Sie zu. Eigentlich haben Sie nur eine Option: Sie müssen sich dazu durchringen, dass diese Amtszeit definitiv Ihre letzte ist, und dann zum Angriff übergehen.

Lassen Sie den Untersuchungsbericht des US-Ermittlers Michael Garcia zu den WM-Vergaben 2018 und 2022 veröffentlichen, ohne Rücksicht auf Namen, die darin genannt werden.

Sorgen Sie dafür, dass die initiierten Reformen nicht nur auf dem Papier existieren, sondern in der Praxis angewendet werden, dass die FIFA und ihre Finanzen wirksamen Kontrollen unterworfen werden. Beseitigen lässt sich die Korruption damit nicht, aber zumindest eindämmen.

Setzten Sie die Kataris unter Druck, dass sie die erbärmlichen Zustände auf ihren WM-Baustellen und die sklavenartige Behandlung der Arbeiter beseitigen, wenn sie ihre Advents-WM durchführen wollen. Es kann nicht sein, dass in Stadien gespielt wird, für die Menschen ihr Leben lassen mussten. Drohen Sie mit einer Neuvergabe des Turniers. Die Zeit ist knapp, aber nicht zu knapp.

Alle Stadien der WM 2022 in Katar

Einfach wird es nicht, dessen bin ich mir bewusst, Herr Blatter. Sie sind mächtig, aber nicht allmächtig, Sie müssen mit einer «Regierung» arbeiten, die nicht von Ihnen ernannt wurde. Die 24 Mitglieder des Exekutivkomitees werden von den Kontinentalverbänden bestimmt. Sie werden sich Feinde machen und auf grosse Widerstände stossen. 

Doch bereits früher haben Sie bewiesen, dass Sie durchgreifen können, wenn es eng wird. Sie haben noch jeden klein gekriegt, der es gewagt hat, an Ihrem Thron zu rütteln.

Vielleicht hat Ihr Freund, Rivale und Möchtegern-Nachfolger Michel Platini recht, Sie fürchten sich vor der Leere in Ihrem Leben ohne die FIFA und klammern sich deshalb an Ihr Amt. Wenn Sie aber kompromisslos als Saubermann antreten, sollte Ihnen das Loslassen leichter fallen. Kann sein, dass Sie scheitern werden, aber Sie hätten es zumindest versucht und viel dafür getan, Ihren schlechten Ruf aufzupolieren.

Einer Ihrer schärfsten Kritiker, der deutsche Journalist Jens Weinreich, hat geschrieben, Sie würden weiter mehr schlecht als recht amtieren und das von Ihnen aufgebaute System verwalten. So muss es nicht kommen, Sie haben es in der Hand. Wenn Sie aber weitermachen wie bisher, dann dürfen Sie meinetwegen den Rest Ihres Lebens in einem amerikanischen Seniorenknast verbringen.

Mit wohlwollenden Grüssen

Ihr Peter Blunschi

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