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Germany's head coach Joachim Loew, center, lifts the trophy after the World Cup final soccer match between Germany and Argentina at the Maracana Stadium in Rio de Janeiro, Brazil, Sunday, July 13, 2014. Germany beat Argentina 1-0 to win its fourth World Cup title. (AP Photo/Frank Augstein)

Joachim Löw mit dem Lohn für seine harte Arbeit Bild: Frank Augstein/AP/KEYSTONE

Die detaillierte Taktik-Analyse

Argentinien macht fast alles richtig, doch eine kleine strategische Umstellung bricht den Gauchos das Genick

Deutschland ist Weltmeister, schlägt Argentinien in einer dramatischen Partie mit 1:0. Mario Götze nutzt am Ende einen Fehler der Albiceleste aus und verpasst Sabellas Team den Stich ins Herz.

martin rafelt / spielverlagerung.de

Grundausrichtung

Beide Teams wollten zunächst ihr Personal im Vergleich zu den vorangegangenen Halbfinal-Partien nicht verändern. Jedoch fiel Sami Khedira kurz vor Beginn der Partie aus. Christoph Kramer startete für ihn im Mittelfeld. Joachim Löw setzt wie bei der gesamten WM auf eine bestimmte Form des 4-3-3, die zunächst vor allem auf der rechten Seite etwas breiter angelegt war und wo auch Kramer seine Aktionen hatte.

Löws Pendant Alejandro Sabella konnte nicht auf Angel di María zurückgreifen, wodurch Enzo Pérez in der Mannschaft blieb. Allerdings agierte der Profi von Benfica Lissabon zunächst auf der linken Seite und Ezequiel Lavezzi startete rechts. Sabella beliess es beim 4-4-1-1 und der Freirolle von Lionel Messi hinter dem horizontal agilen Gonzalo Higuain.

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Grundformation der ersten halben Stunde. Bild: watson

Spielaufbau der Deutschen

Zu Beginn startete Argentinien mit durchaus überraschenden Pressing-Stichen, bei denen Higuain aggressiv jagte und die Innenverteidiger abtrennen wollte, während die Aussenspieler situativ herausschoben, das restliche Kollektiv einzelne Mannorientierungen einstreute und Messi sich eher – oft sogar bewusst – ballfern positionierte.

Dagegen konnte sich die deutsche Mannschaft wegen der unkollektiven Ausrichtung der Argentinier relativ einfach über die Mittelfeldakteure wie den beweglichen Schweinsteiger lösen, doch entstand daraus ein unangenehmer Rhythmus, der sich auch zeigte, wenn diese Spieler dann im weiteren Angriffsverlauf relativ unvermittelt auf die argentinische Mittelfeldkette trafen.

Germany's defender Benedikt Hoewedes (L) and Argentina's forward and captain Lionel Messi vie for the ball during the 2014 FIFA World Cup final football match between Germany and Argentina at the Maracana Stadium in Rio de Janeiro, Brazil, on July 13, 2014. AFP PHOTO / ODD ANDERSEN

Die Deutschen hatten Lionel Messi bis auf wenige Ausnahmen gut im Griff. Bild: AFP

Dass die Deutschen vor der Pause nur zu drei Abschlussversuchen kamen, lag dann aber auch an der erzwungenen Auswechslung Kramers, die zwar mehr Offensivpotential durch Schürrle erzeugte, aber auch die Strukturen veränderte. Im nun praktizierten und gestreckteren 4-2-3-1 mit Özil als Zehner und dem neuen Mann auf links fehlten diese diagonalen Synergien im rechten offensiven Halbraum um Kramer herum, da die Strukturen nun klarer angelegt waren.



Argentinischer Defensivrhythmus

Die Argentinier formierten sich grundsätzlich in einem 4-4-1-1/4-4-2; sie spielten tief, über längere Ballstafetten der Deutschen passiv und hatten gewisse Probleme in der Ordnung. So gab es häufiger eine relativ geringe horizontale Kompaktheit zu sehen, wo die Halbräume unbesetzt oder unsauber strukturiert besetzt waren. Dazu kamen die üblich sehr grossen Abstände von Mittelfeld auf Angriff, während die Vertikalabstände von Abwehr auf Mittelfeld natürlich sehr gering waren und über die meisten Spielphasen den Zwischenlinienraum für Deutschland versperrten.

In dieser mangelnden Kompaktheit hatte Argentinien aber durchaus etwas Interessantes, Aggressives, Drohendes und paradoxerweise Kompaktes. Javier Mascherano und Lucas Biglia rückten häufig nach vorne und attackierten die deutschen Mittelfeldspieler; durch die weiten Wege erhielten sie kaum Zugriff, aber drückten Deutschland auf die Seiten und liessen sich dann wieder zurückfallen. Die Flügelstürmer und Aussenverteidiger der Argentinier reagierten darauf und rückten dann aggressiv nach vorne, vereinzelt lief Lavezzi beispielsweise sogar den deutschen Innenverteidiger in Rückpassmomenten an. Ansonsten aber standen sie tief und breit, warteten auf diese leitenden Aktionen der zentralen Spieler.

RIO DE JANEIRO, BRAZIL - JULY 13: Ezequiel Lavezzi of Argentina competes for the ball with Benedikt Hoewedes of Germany during the 2014 FIFA World Cup Brazil Final match between Germany and Argentina at Maracana on July 13, 2014 in Rio de Janeiro, Brazil.  (Photo by Jamie McDonald/Getty Images)

Lavezzi wirbelte die deutsche Hintermannschaft immer wieder durcheinander. Bild: Getty Images South America

In erster Linie war man darauf bedacht, Messi ins Spiel einzubinden. Entweder man schickte den Captain oder auch Lavezzi in Tempodribblings auf der rechten Seite, oder aber der 27-Jährige wurde kürzer im Zentrum angespielt. Messi zog dadurch situativ einen deutschen Sechser mit und konnte sich in der Enge wiederum befreien, beziehungsweise auf einen Kollegen direkt weiterleiten und dadurch den Raum öffnen. Richtig gefährlich wurde es aber nur bei individuellen Fehlern der Deutschen.

Argentiniens Umstellung nach der Halbzeit

Sabella stellte seine Mannschaft direkt nach der Halbzeit um. Agüero als neuer Mann agierte anfangs als Manndecker von Schweinsteiger, während Higuain das Aufbauspiel nach rechts und damit von Toni Kroos wegleitete. So musste die DFB-Elf viel über die Seite aufbauen und konnte ihre beiden spielstarken Sechser zunächst kaum wirkungsvoll einbinden. Wenn Deutschland das Aufrücken gelang und es im letzten Drittel etwas weitflächiger agieren konnte, verliess sich Argentinien auf die effektive 4-3-Stellung vor der eigenen Defensive.

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Grundformation nach der Pause. Bild: watson

Das grosse Offensivproblem der Deutschen lag im zweiten Spielabschnitt darin, dass sie sich gegen die Formation der Argentinier und deren gelegentliches Leiten des Aufbaus zu leicht auf die Seiten ziehen und dort festnageln liessen. Dies gelang Argentinien, indem ihre 4-3-1-2-Staffelung sehr oft zu einem 4-3-3-0 wurde, in welchem sich die Mittelstürmer zurückzogen und das zentrale Mittelfeld für Deutschland mit ihren Deckungsschatten zusätzlich versperrten.

Die Einwechslungen von Gago und Rodrigo Palacio brachten nochmals andere Bewegungsmuster in die Partie, grundsätzlich blieb die argentinische Spielweise aber gleich. Zentrumsfokussierte Durchbrüche, Messi-Fokus mit Ausweichen auf rechts oder nach hinten und eine durchgehend hohe Absicherung.

Entsprechend schien die deutsche Mannschaft nach der Pause aus dem Rhythmus. Im Angriff wurde vertikaler und schneller in die Spitze gespielt. Toni Kroos verliess zugleich die Doppelsechs und rückte halblinks auf, Özil blieb verstärkt halbrechts. Folglich entstand ein 4-1-4-1. Löw reagierte vorerst nicht auf die Rautenumstellung der Argentinier, wodurch die Albiceleste die wichtigen Aufbauräume Deutschlands abschirmte und insgesamt die Zirkulation der DFB-Elf schwächer wurde. Erst nach einiger Zeit passten die Deutschen sich an und versuchten die Angriffe vermehrt über die Flügel zu strukturieren. 

Argentina's coach Alejandro Sabella reacts during the team's 2014 World Cup final against Germany at the Maracana stadium in Rio de Janeiro July 13, 2014. REUTERS/Kai Pfaffenbach (BRAZIL  - Tags:  SOCCER SPORT WORLD CUP)

Argentiniens Trainer Alejandro Sabella setzte vor allem auf schnelle Gegenstösse und hatte beinahe Erfolg. Bild: KAI PFAFFENBACH/REUTERS

Veränderungen in der Offensivstruktur der Albiceleste

Im Aufbau schienen die Argentinier mit drei zentralen Mittelfeldakteuren etwas besser ins Spiel zu kommen. Zwar konnte sich Deutschland mit einem aus dem 4-2-3-1 oftmals 4-1-4-1-haft angelegten Pressing durch herausrückende Bewegungen von Özil und Kroos relativ einfach an diese Strukturen anpassen, doch war Argentinien damit nicht durchgehend zu kontrollieren. Einige Male fiel Pérez geschickt zurück und kurbelte das Spiel mit weitläufigen Dribblings an, ansonsten setzten die Argentinier gerne auch auf lange Bälle, für die das Offensivtrio sehr hoch stand.

Insgesamt gelang es den Südamerikanern in dieser Phase zumindest, die Partie bei eigenen Offensivaktionen mit nur leicht erhöhtem Risiko offener zu machen und die deutsche Formation ein wenig aufzureissen, was defensive Schwierigkeiten zutage förderte. Bis zur Verlängerung wehte immer etwas Unsicherheit – mal mehr, mal weniger – durch das DFB-Defensivdrittel.

Die Schlussphase

Taktisch und strategisch gab es nur kleinere Veränderungen in der Verlängerung, allerdings äusserten sich diese im Spielgeschehen und im Spielrhythmus sehr deutlich. Deutschland spielte sehr hoch, griff aggressiv an und versuchte die Entscheidung in der Verlängerung zu erzwingen, während die Argentinier das Gegenteil taten. Sie zogen sich zurück, agierten tiefer denn je und konzentrierten sich auf den Lucky Punch im Konterspiel.

Argentina's Rodrigo Palacio, right, lobs a ball over Germany's goalkeeper Manuel Neuer, left, as Germany's Jerome Boateng runs past during the World Cup final soccer match between Germany and Argentina at the Maracana Stadium in Rio de Janeiro, Brazil, Sunday, July 13, 2014. (AP Photo/Victor R. Caivano)

Matchball für die Argentinier in der Verlängerung: Palacios Heber landet nach einem Fehler von Hummels neben dem Tor. Bild: Victor R. Caivano/AP/KEYSTONE

Hier gab es durchaus einige gefährliche Situationen und potenziell durchschlagende Möglichkeiten, aber alles in allem verteidigte Deutschland das hervorragend. Das Gegenpressing funktionierte gut, war stabil und die offensive Ballzirkulation drückte die Argentinier noch weiter nach hinten. Besonders beeindruckend war das Nachstossen Jerome Boatengs, der sich häufig aggressiv in den Zwischenlinienraum vorbewegte und Konter stark abfing, doch auch die Ausgeglichenheit der Bewegungen der Aussenverteidiger und im Mittelfeld überzeugten.

Zusätzlich fanden die Deutschen mit den erweiterten zentralen Räumen und erhöhten Verlagerungsmöglichkeiten wieder in den alten Rhythmus, während bei Argentinien die horizontale Kompaktheit, die Sauberkeit der Staffelungen, das Versperren der offenen Räume und damit die Defensivpräsenz zusehends nachliessen. Dies waren die entscheidenden Faktoren beim 1:0 und dominierten generell das Spielgeschehen in der Verlängerung.

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Das goldene Tor von Mario Götze. Gif: SRF

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    Alle Leser-Kommentare
  • greenfields 15.07.2014 11:56
    Highlight Highlight Der erste, der hätte vom Platz fliegen müssen, war Höwedes nach seiner Attacke mit gestrecktem Bein ohne überhaupt nur zu versuchen, den Ball spielen zu können. Und dann hätte Neuer folgen müssen - Höwedes und Neuer nach zwei mehr als nur gesundheitsgefährdenden Attacken - aber im späteren Verlauf auch noch ein Argentinier. Was z.B. Schweinsteiger einstecken musste - grundsätzlich während der ganzen WM - war des Guten zu viel.
    Dass es Kramer erwischte war dessen eigener Fehler, weil er seine Gegner zu wenig genau beachtete. Die Schirileistung im Final passte zur ganzen WM. Die Schiris waren bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen eine Katastrophe, weil viel zu nachlässig und viel zu feige, auch gegen grosse Namen mit roten Karten durchzugreifen.
    • spirit 15.07.2014 13:07
      Highlight Highlight Deutschland hatte Glück, dass Sie das Spiel mit 11 Spielern beendet haben, gebe ich dir Recht. Dies liegt definitiv an der Schiedsrichter-Leistung, die an dieser Weltmeisterschaft wirklich unterirdisch war. Es gibt ja auch Gerüchte, dass so spät wie möglich erst Karten gezogen werden sollen. Finde das schade und es ist keine Frage, dass sich in Zukunft etwas ändern muss!
      Zu behaupten, dass es Kramer seinen Fehler war, nicht zu beachten was der Gegner macht, finde ich falsch. Habe das Video nochmals angeschaut und er fokussiert sich auf den Ball und nicht das von der Seite Garay mit einer solchen Wucht anrempelt.
  • spirit 15.07.2014 09:04
    Highlight Highlight Vielen Dank für die Spielverlagerung! Finde diese Artikel immer sehr spannend.

    Gerne möchte ich anmerken, dass im allgemeinen sehr oft und harte Fouls begangen wurden. Nicht nur die Aktionen von Neuer und Garay, die aus meiner Sicht beide geahndet werden müssen, kommt auch das harte Eingreifen von Mascherano ins Spiel. Dieser hat mehrere Fouls an der Gelb-Grenze getätigt. Auch wie im gesamten Spiel Schweinsteiger angegangen wurde, kann nicht toleriert werden. In der Verlängerung haben einige argentinische Spieler eine Verletzung leichtsinnig in Kauf genommen.

    Argentinien hatte mehrmals die Chance das Spiel zu entscheiden und konnte diese nicht nutzen. Wer keine Tore schiesst, kann nicht gewinnen.
    Deutschland hatte zwar Glück, ist aber mit dem starken Kollektiv aus meiner Sicht verdient Weltmeister! Herzliche Gratulation und auf eine Goldene Generation, die noch eine Zeit andauern wird!
  • Skipper 14.07.2014 11:15
    Highlight Highlight ist doch alles bla blabla. wenn der Schiri korrekt pfeift fliegt Neuer raus und wer weiss wie das Spiel sich entwickelt hätte.
    • Jay_Jay 14.07.2014 23:57
      Highlight Highlight Wenn der Schiri pfeift wären die Argentinier als 1. mit 10 Mann auf dem Platz gewesen.... Das selbe Foul (vllt ein bisschen schlimmer) gab's am Deutschen Kramer, nur dort schreit keiner nach einer Roten... Und wie sie auf Schweinsteiger eindreschten, davon fange ich erst gar nicht an!
  • Romeo 14.07.2014 11:01
    Highlight Highlight Dafür hat der Schiri etwas falsch gemacht. Auch Neuers Knie.
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