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Karim Hossam geriet auf die schiefe Bahn, weil er sich seine Karriere nicht leisten konnte. bild: itf

Der Fall Karim Hossam – wie ein junges Tennis-Talent in die Hände der Wettmafia geriet

Karim Hossam gehörte vor fünf Jahren zu den besten Tennis-Junioren der Welt. Doch statt die Tennis-Weltrangliste hochzuklettern, liess er sich von einem Wettring zur Spielmanipulation verleiten. Wie das Ganze ablief, zeigen der BBC zugespielte Dokumente eines Whistleblowers.



«Möchtest du einen Match verlieren und 1000 Dollar dafür kriegen?» Mit dieser Frage begann 2014 der tiefe Fall von Karim Hossam. Damals war der ägyptische Tennisspieler 19 Jahre alt, kletterte dank insgesamt vier Turniersiegen auf der ITF-Tour auf Rang 337 der ATP-Weltrangliste und gehörte zu den hoffnungsvollsten Talenten Nordafrikas.

Als Nachwuchsspieler war er 2012 die Weltnummer 11 der Junioren. Ein Jahr zuvor hatte er den Viertelfinal beim Junioren-Turnier des US Open erreicht, dort aber gegen den späteren Weltklassespieler Kyle Edmund verloren.

Im Juli 2018 – viereinhalb Jahre nach der verhängnisvollen Frage – wird Hossam wegen Manipulation von Spielausgängen auf Lebenszeit gesperrt. Die BBC erzählt nun anhand von Informationen eines Whistleblowers die Geschichte, wie die grösste ägyptische Tennis-Hoffnung in die Fänge von Wettbetrügern geriet.

Ende Dezember 2013: Karim Hossam steht in Doha dank einer Wild Card erstmals im Hauptfeld eines ATP-Turniers, sein Gegner ist mit Richard Gasquet gleich die Weltnummer 9. Vor dem Match wird dem jungen Ägypter aber erstmals ein unmoralisches Angebot unterbreitet. 1000 Dollar würde er kriegen, falls er den ersten Satz absichtlich verlieren sollte. «Ich spiele gegen Gasquet. Ich bin nicht hier, um das Match zu verkaufen», antwortete Hossam damals. Er verliert gegen Gasquet 5:7, 1:6 und kassiert 10'700 Dollar Preisgeld.

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Karim Hossam nach dem Match gegen Gasquet (arabisch). Video: YouTube/khaled farouk

1000 statt 100 Dollar

Doch nach dieser Erfahrung holt Hossam die Realität wieder ein. Bei Future-Turnieren in Ägypten verliert er öfter, als dass er gewinnt. Seine Entwicklung stagniert, das Preisgeld beträgt nur ein paar hundert Dollar und Hossam lebt vorwiegend von den Ersparnissen seines Vaters. Vor dem Future-Turnier in Sharm El Sheikh mit einem Gesamtpreisgeld von 15'000 US-Dollar, das Hossam schon dreimal gewonnen hat, wird er dann erneut vom selben Mann kontaktiert, der ihn schon in Doha zur Spielmanipulation verleiten wollte. «Möchtest du einen Match verlieren und 1000 Dollar dafür kriegen?»

Diesmal steigt Hossam darauf ein. Später erzählt er den Ermittlern der «Tennis Integrity Unit», dass er es vor allem aus Neugier gemacht hat: «Ich wollte es nur ausprobieren, weil ich es zuvor noch nie probiert hatte. Ich dachte, dieser Kerl würde mich belügen. Ich wusste nicht, dass Wetten existieren.» Also verliert Hossam gegen den in der Weltrangliste fast 600 Positionen schlechter klassierten Polen Arkadiusz Kocyla in drei Sätzen und kassiert zu den 104 Dollar Preisgeld die versprochenen 1000 Dollar dazu.

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Interview mit Karim Hossam aus dem Jahr 2011. Ein Jahr später wird er die Weltnummer 11 bei den Junioren sein. Video: YouTube/ATAtennis

Hossam erzählt alles seinem Vater. «Er war sehr verärgert und meinte, dass ich mein Leben ruiniere.» Also versucht das Tennistalent, auf die nächsten Angebote nicht mehr einzugehen. Doch der Reiz des schnellen Geldes ist zu gross. «Ich wollte grössere Turniere spielen und in die USA ins Trainingscamp gehen, dafür brauchte ich Geld.» Also nimmt er weiter Geld an, um zu verlieren.

Während Hossam ein paar tausend Dollar verdient, kassiert der Wettring gemäss der BBC Beträge im hohen sechsstelligen Bereich. Denn der junge Ägypter ist nicht der Einzige, der der Versuchung erliegt. Rund 20 weitere, meist nordafrikanische Tennisspieler sollen zur gleichen Zeit ebenfalls Sätze oder Matches – je nachdem, wo die Quoten besser waren – absichtlich verloren haben.

Cheat-Chats auf Facebook

Hossam steigt innerhalb des Wettrings bald auf, wird zum Mittelsmann. Fast vier Jahre lang hilft er dabei, in Ägypten, Tunesien und Nigeria Spiele zu manipulieren. Via Facebook kommuniziert er mit den Spielern. Im Mai 2016 unterbreitet er einem von ihnen folgendes Angebot: «Bro. Du verlierst den ersten Satz und gewinnst dann das Spiel. Du kriegst 2000 Dollar. Hast du das begriffen?» Dieser antwortet: «Das Resultat spielt keine Rolle. Ich muss nur den ersten Satz verlieren?» Hossam legt nach: «Wichtig ist, dass du den ersten Satz verlierst und dann gewinnst.» Bei erfolgreichen «Matchfixings» verdient der Ägypter zwischen 200 und 1000 Dollar.

Im Juni 2017 wird Hossam im Alter von 24 Jahren schliesslich erwischt, den Ermittlern erzählt er: «Ich konnte mir das Tennisspielen einfach nicht mehr leisten. Ich hatte keine Einnahmen mehr. Mein Vater unterstützte auch meinen kleinen Bruder und gab mir kein Geld mehr.» Er erhofft sich einen Profit aus der Zusammenarbeit mit der «Tennis Integrity Unit», stattdessen wird er im Juli 2018 lebenslang gesperrt. «Jetzt werde ich nur noch mehr wetten», schreibt er enttäuscht einem Kumpel.

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Karim Hossam – gefangen im Netz der Wett-Mafia. bild: twitter

Den Ermittlern geht es in der Folge vor allem darum, die Hintermänner zu erwischen. Etwa jenen Profi, der Hossam 2013 erst in Doha und später in Sharm El Sheik ansprach. Hossam aber erzählt nicht alles. Vielmehr ist er verärgert darüber, dass ihm eine lebenslange Spielsperre droht: «Ich habe alles gesagt, was ich sagen konnte. Ich habe nicht gelogen, ich war offen. Aber eine lebenslange Spielsperre zu erhalten … Ich meine, ich spiele seit 17 Jahren Tennis. Ich wurde gezwungen, das unter gewissen Umständen zu machen. Und ich sehe auch keine Vorteile dabei für mich. Mehr Beweise habe ich nicht, auch keine Chats mehr.»

Hossam ist danach weiter als «Match-Fixer» tätig. Im August 2018 bietet er einem Spieler 3500 Dollar an, um einen Satz mit einem bestimmten Resultat zu verlieren. Doch alles fliegt auf und der Wettanbieter zieht sich zurück.

Die Mehrheit der beteiligten Spieler ist bis heute aus Mangel an Beweisen nicht verurteilt worden. Und auch der Spieler, der Karim Hossam im Dezember 2013 erstmals kontaktiert hat, spielt gemäss der BBC immer noch professionell Tennis. Die finanziellen Anreize der Spielmanipulation und die Enttäuschung über die lebenslange Sperre haben Hossam offensichtlich dazu verleitet, nicht aktiv mitzuhelfen, um gegen die Strippenzieher des Wettrings vorgehen zu können.

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • äti 06.02.2019 20:45
    Highlight Highlight Spielwetten manipulieren ist längst der lukrativste Sport.
  • exeswiss 06.02.2019 20:25
    Highlight Highlight "Ich dachte, dieser Kerl würde mich belügen. Ich wusste nicht, dass Wetten existieren."

    pfft... made my day 🤣
  • Dan Rifter 06.02.2019 16:48
    Highlight Highlight Und wieso ists so attraktiv, in einer derart lukrativen Sportart Spiele zu schieben?

    Weil die Preisgelder für die Top 5-10 explodieren und für die Ränge ab 100 nur Peanuts übrigbleiben.

    Die Siegerchecks bei den Grandslams sind absurd.

    Man würde dieses Geld lieber auf das gesamte Tableau inkl Quali verteilen
    • Jol Bear 06.02.2019 18:00
      Highlight Highlight Rechtfertigt die Manipulation und Betrügerei auch nicht. Allenfalls würden dann die Betrügerprämien nicht verschwinden, sondern nur deren Höhe ansteigen.
    • Yakari 06.02.2019 18:45
      Highlight Highlight Ist aber leider bei praktisch jeder Sportart so.
  • Käpt'n Hinkebein 06.02.2019 14:23
    Highlight Highlight Sehr interessanter Bericht, danke!

    Aber "in die Hände der Wettmafia" wäre wohl mit "ein Teil der Wettmafia" zu ersetzen. Leider. Schade um das Talent.
  • rudolf_k 06.02.2019 14:15
    Highlight Highlight "Denn der junge Ägypter ist nicht der Einzige, der der Versuchung erliegt. Rund 20 weitere, meist nordafrikanische Tennisspieler sollen zur gleichen Zeit ebenfalls Sätze oder Matches – je nachdem, wo die Quoten besser waren – absichtlich verloren haben." -> korrupte Gesellschaft, korrupte Menschen. Schade, denn gerade diese Länder könnten ein paar echte Vorbilder brauchen.
    • DocShi 06.02.2019 14:28
      Highlight Highlight Dafür müsste aber ein Verband in den Ländern existieren der den Talenten auch hilft und unter die Arme greift. Finanziell denn welche afrikanischen Eltern (und auch bei uns) können sich das leisten?

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