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epa06745390 Novak Djokovic of Serbia in action against Albert Ramos-Vinolas of Spain during their men's singles third round match of the Italian Open tennis tournament in Rome, Italy, 17 May 2018.  EPA/ETTORE FERRARI

Kein Gramm Fett, definiert, austrainiert. Vielleicht zu austrainiert?  Bild: EPA/ANSA

Wie Novak Djokovic mit seinem Ernährungswahn in eine Sackgasse geriet

Novak Djokovic wirkt in Roland Garros dünner denn je. Was dahinter steckt.

30.05.18, 07:39 31.05.18, 13:57

Simon häring, paris



Als er nach dem ersten Satz beim 6:3, 6:4, 6:4-Erfolg gegen den Brasilianer Rogerio Dutra Silva (ATP 134) beim Shirt-Wechsel den Oberkörper entblösst, ist jeder Wirbel zu erkennen, auch die Rippen zeichnen sich deutlich ab. Über zwei Jahrzehnte hat Novak Djokovic seinen Körper geformt. Mit innovativen Trainingsformen.

«Novak Yogovic». Bild: shutterstock, watson

Mit eiserner Disziplin. Mit Yoga. Mit Meditation. Auch einmal im Graubereich des Erlaubten, oft an der Grenze zu dem, was noch als gesund bezeichnet werden kann. Novak Djokovic, 31-jährig, 223 Wochen die Nummer 1 der Welt, 12-facher Grand-Slam-Sieger, ist 1,88 Meter gross. Gemäss Angaben der ATP wiegt er 77 Kilogramm. Doch wer in Paris Bilder des Serben sieht, dem fällt schwer, diesen Zahlen Glauben zu schenken.

Der unsichtbare Feind

Wer verstehen will, wie es so weit kommen konnte, findet in den Anfängen seiner Karriere Antworten. Sie sind geprägt von Atemproblemen, Schmerzen in der Brust und Übelkeit. Erst als der serbische Arzt Igor Cetojevic, ein Mann mit weissem Ziegenbärtchen, den unsichtbaren Feind in seinem Körper entdeckt, wird er zum Seriensieger.

Es ist das Kleber-Eiweiss Gluten, ein Stoffgemisch aus Protein, vornehmlich in Getreide zu finden. Djokovic verträgt es nicht und ernährt sich seither glutenfrei.

Weizen
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Getreide: Das Feindbild von Novak Djokovic. Bild: sinnmoment

Die Folge: Er wird immer dünner – und immer erfolgreicher. Djokovic ist fitter und schneller als seine Kontrahenten, weil er in keinem Bereich seines Lebens Kompromisse eingeht. Auch bei der Ernährung nicht. Er trinkt warmes Wasser, Lakritztee oder Proteinshakes aus Erbsen. Auf dem Speiseplan stehen neben Avocados Cashewnüsse und Manuka-Honig, den er aus Neuseeland importiert. Krämpfe, Blähungen, Durchfall und Atemprobleme gehören der Vergangenheit an. Die Umstellung der Ernährung gilt seither als Erklärung dafür, wie Djokovic es schaffen konnte, aus dem Schatten von Federer und Nadal zu treten.

Auch er sieht das so. Ausschweifend und zuweilen lehrerhaft doziert er zum Thema. 2013 gibt er ein Buch heraus. «Serve to Win» enthält auch einen 14-tägigen Ernährungsplan, dessen Befolgung ein körperliches und geistiges Hochgefühl entfalten soll; erreicht durch eine kohlenhydratarme Diät und Verzicht auf Zucker. Es ist eine Anleitung zur Askese.

Orthorexia nervosa – die Sucht nach gesundem Essen

Die Orthorexie (vom griechischen «orthos» = richtig und «orexis» = Appetit) bezieht sich auf das pathologische Bemühen, beim Essen alles «richtig» zu machen. Obwohl Betroffene ein krankhaftes Essverhalten zeigen, gilt die Orthorexie noch nicht offiziell als Essstörung, begünstigt diese aber. Sie ist von der Anorexia athletica zu unterscheiden, bei der Sportler sich durch Gewichtsreduktion Vorteile versprechen. Die Orthorexie kann zu Fehl- und Mangelerscheinungen führen. 

Am Sonntag, 5. Juni 2016, sitzt Novak Djokovic in Paris strahlend neben der Coupe des Mousquetaires. Er hat soeben erstmals die French Open gewonnen. Er ist jetzt Titelhalter bei allen vier Grand-Slam-Turnieren. Djokovic gilt als bester Tennisathlet der Gegenwart, als Prototyp: Drahtig, schnell, kräftig, beweglich.

epa05347602 Novak Djokovic of Serbia poses with the trophy after winning against Andy Murray of Britain their men's single final match at the French Open tennis tournament at Roland Garros in Paris, France, 05 June 2016.  EPA/Caroline Blumberg

Djokovic nach dem French-Open-Titel 2016: Er war auf dem Höhepunkt angelangt. Bild: EPA/epa

Niemand widerspricht ihm. Niemand schöpft Verdacht. Keiner sagt, es gehe zu weit, dass selbst sein Hund Pierre glutenfreies Futter erhalte. Keiner schlägt Alarm. Dabei wird rückblickend klar, dass aus Interesse an gesunder Ernährung längst Obsession geworden war.

Das sieht auch Ernährungsberater Jürg Hösli so. Der Zürcher sagt: Djokovic leidet an der Essstörung Orthorexie. Das Perfide: Zunächst verbessert sich die Leistungsfähigkeit spürbar. Man fühlt sich stärker und besser, weil der Körper mehr Sauerstoff aufnimmt. Zugleich wird der Laktatgehalt reduziert. Es handelt sich dabei um einen Abfallstoff, der sich bildet, wenn der Muskel überlastet wird, aber auch um eine wichtige Energiequelle im Grenzbereich.

Die Highlights von Djokovics Erstrundensieg gegen Dutra Silva. Video: YouTube/Roland Garros

Verliere der Muskel die Fähigkeit, Laktat zu produzieren, habe das schwerwiegende Folgen. Man werde anfällig für Allergien und Intoleranzen, werde dünnhäutiger und verliere die Stressresistenz. Man werde in allen Lebensbereichen weniger leistungsfähig.

Anleitung zum Burnout

Djokovic habe einen defekten anaeroben Stoffwechsel, der Abstieg sei selbst verschuldet, sein Buch eine «Anleitung zum sportlichen und psychologischen Burnout». Helfen könne nur: mehr Kohlenhydrate und Zucker. Nur so könne der Körper wieder mehr Laktat produzieren. Doch der müsse erst wieder lernen, damit umzugehen.

Das alles klingt alarmierend, auch ein wenig populistisch. Doch die Reaktion Djokovics lässt erahnen, dass auch er sich Gedanken dazu macht. Als er Anfang Mai in Rom von der serbischen Zeitung «Novosti» darauf angesprochen wird, sagt er: «Ich möchte mich nicht dazu äussern, weil die Leute die Dinge verdrehen.» Über seine Ernährung will er schon lange nicht mehr reden.

«Hör auf, mir zu sagen, dass Brot ungesund ist!»

Video: watson/Adrian Bürgler, Emily Engkent

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Phrosch 30.05.2018 20:43
    Highlight Lasst mich ein Märchen ausräumen: glutenfreie Ernährung führt nicht zu Gewichtsreduktion. Weniger Kalorien essen, als man verbraucht, lässt Kilos schwinden.
    Glutenfreies Essen ist auch nicht gesünder, wenn man nicht an Zöliakie leidet. Viele glutenfreie Produkte sind voll von Konservierungsmitteln und Hilfsstoffen, da es schwierig ist, sie herzustellen und sie lange haltbar sein sollen.
    Zum glutenfreien Tierfutrer: in Haushalten mit kleinen zöliakiekranken Kindern kann das sinnvoll sein, wenn denen in den Sinn kommt, das Tierfutter zu probieren. Und das kommt Kleinkindern schon in den Sinn.
    2 1 Melden
  • Slavoj Žižek 30.05.2018 11:24
    Highlight Sich Gesund zu ernähren soll also eine Krankeit sein. Das kann ja nur von Ärzten kommen die Angst haben das ihnen die Kunden wegfallen, weil sie zu Gesund sind.
    15 62 Melden
    • Amboss 30.05.2018 12:11
      Highlight Dann willst du also sagen, Djokovic hätte sich "gesund" ernährt...???
      50 6 Melden
  • Hayek1902 30.05.2018 10:08
    Highlight Frage: wie kann man seinen Hund oder Katze Glutenhaltig ernähren? Ich kann mir schwer vorstellen, dass die Pasta oder Brot essen.
    27 8 Melden
    • Kleine Hexe 30.05.2018 11:39
      Highlight Viele Tierfutter enthalten Getreide...
      28 1 Melden
    • leno 30.05.2018 11:58
      Highlight lies mal die Inhaltsstoffe von Fertigfutter. Ganz ganz oft ist da Weizen drin.
      und sehr wohl essen Hunde gerne (blosse, gekochte) Pasta. Muss man ihnen nicht geben, klar. Aber fressen tun sie's schon, wenn sie's kriegen können.
      18 1 Melden
    • Schpudelchen 30.05.2018 12:01
      Highlight Viele "günstige" Katzenfutter haben zum strecken Getreide drin. Weizen ist halt billiger als Fleisch.
      Vom zugefügten Zucker fange ich erst gar nicht an...
      18 1 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • Nelson Muntz 30.05.2018 09:54
    Highlight Jeder soll essen was er will und dabei niemanden bekehren wollen.

    (sorry das Bild musste trotzdem sein 😆)
    95 32 Melden
    • leno 30.05.2018 11:56
      Highlight :-D
      aber ich würde jetzt auch nicht gerade behaupten, die Gattung 'Mensch' sei grundsätzlich besonders aktiv... :-/ ;-)
      21 0 Melden
    • Lukakus 30.05.2018 12:48
      Highlight Es gibt ein ähnliches Bild mit Penisgrössen. Jetzt rate mal, wer die grössere Ausstattung besitzt.
      19 0 Melden
  • Snowy 30.05.2018 09:17
    Highlight Beim Essen ist es wie mit allem was Spass macht: Es ist nicht wirklich gesund - jedenfalls, der Teil der uns wirklich schmeckt (Fett / Zucker).

    Sollen wir deswegen darauf verzichten? Natürlich nicht, aber ein bisschen mehr common sense wäre angebracht:

    Je mehr körperliche Betätigung = Je mehr Fett / Zucker

    Je weniger körperliche Betätigung = Je weniger Fett / Zucker

    Zuviel (Bauch)-Fett?

    Dann verzichte auf Süssigkeiten/Süssgetränke/gepökeltes Fleisch/Weissbrot, iss weniger Kohlenhydrate, Fleisch, Frittiertes und dafür mehr Gemüse und Fisch mit fettarmen Saucen.
    46 15 Melden
    • Snowy 30.05.2018 10:32
      Highlight Natürlich.
      Obiges ist als Faustregel zu verstehen, welche bei der Mehrheit funktioniert: Ohne teure Ernährungszusätze, Personaltrainer, hippen Superfood oder ähnliches.
      28 0 Melden
  • chnobli1896 30.05.2018 09:01
    Highlight [...] Keiner sagt, es gehe zu weit, dass selbst sein Hund Pierre glutenfreies Futter erhalte. [...]

    Wobei Katzen und Hunde von Natur aus keinen Gluten vertragen und es bei diesen Tieren ratsam ist eine glutenfreie Ernährung durchzuziehen ;-)
    27 20 Melden
    • Nelson Muntz 30.05.2018 10:09
      Highlight Also mein Hund hat Pasta geliebt und wurde stolze 16 Jahre alt ;-)
      32 6 Melden
  • wasps 30.05.2018 08:50
    Highlight Ferndiagnose sind immer die besten Diagnosen. Sie eignen sich bestens für die Eigenwerbung selbsternannter Ernährungsapostel.
    150 10 Melden
  • Toerpe Zwerg 30.05.2018 08:30
    Highlight Es wäre dem Tennisspot zu wünschen, dass der Djoker in alter Stärke zurückkommt - es darf nicht sein, dass dieser grossartige Athlet auf diese Weise abtritt. Für mich gab es nie einen besseren Spieler als den Djoker 2013-2016.
    45 95 Melden
    • who cares? 30.05.2018 08:45
      Highlight Und alle Schweizer so "Blasphemie 😱"
      98 5 Melden
    • MacB 30.05.2018 08:58
      Highlight Du musst dir mal die Roger-Brille anziehen :) Es gab für mich nie einen besseren Spieler als Federer 2004-2006, ausser vielleicht Fedi 2017 ;)
      68 7 Melden
    • Max Dick 30.05.2018 09:12
      Highlight Naja, um einen besseren Spieler als Djokovic 2013, 2014 und 2016 zu finden, muss man nicht mal bei seiner Konkurrenz suchen gehen - der Djokovic von 2011 war auch einiges besser :D
      21 0 Melden
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Federer und Zverev sichern Team Europe den Laver-Cup-Sieg – danach geht's so richtig ab

Obwohl sie das gemeinsame Doppel verloren hatten, sicherten Roger Federer und der Deutsche Alexander Zverev dem Team Europe den Sieg am Laver Cup. Beide Spieler gewannen ihre Einzel, sodass Novak Djokovic gar nicht mehr zur letzten Partie gegen Nick Kyrgios antreten musste.

Zunächst kam's am Sonntagabend (Schweizer Zeit) zu einer packenden Doppel-Partie zwischen Roger Federer/Alex Zverev und John Isner/Jack Sock. Der Schweizer und der Deutsche gewannen den ersten Durchgang, verloren im Tiebreak den zweiten, so dass es zu einem entscheidenden Tiebreak kam. In diesem hatten die Europäer zwei Matchbälle, welche das US-Duo aber abwehrte. Dieses sicherte sich den Sieg letztlich mit einem 11:9 in der Entscheidung.

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