Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Eine instinktive Aktion mit fatalen Folgen: Kermit Washington streckt Rudy Tomjanovich brutal nieder. bild: screenshot youtube

Unvergessen

«The Punch» – wie ein Faustschlag zwei Menschenleben und die NBA drastisch veränderte

9. Dezember 1977: Basketballer Kermit Washington streckt Rudy Tomjanovich mit einem unüberlegten Faustschlag brutal nieder. Das hat weitreichende Folgen. Das Opfer entkommt dem Tod nur knapp, der Täter wird fortan geächtet und die Liga packt ihr Gewaltproblem an der Gurgel – symbolisch gesprochen.

Donat Roduner
Donat Roduner



Die NBA der 1970er Jahre unterscheidet sich drastisch von der heutigen. Sie gleicht mehr der NHL. Der Sport ist extrem physisch, Schlägereien sind an der Tagesordnung. Es dominieren nicht die brillanten Techniker, sondern die rohen Arbeiter, die «Enforcer».

Bild

Eine SI-Ausgabe aus dem Jahr 1977, in der auch Kermit Washington porträtiert wurde.

Auch Kermit Washington ist so ein Enforcer. Der Power Forward der Los Angeles Lakers wird vor allem für seine physischen Qualitäten geschätzt. Diese kommen auch an diesem Sonntag, dem 9. Dezember 1977, im legendären «Forum» zum Tragen.

The Forum Inglewood Los Angeles

«The Forum», Heimstätte der Los Angeles Lakers bis 1999. bild: shutterstock

«Das lauteste Schweigen»

Im Heimspiel gegen die Houston Rockets streitet sich Washington mit Kevin Kunnert intensiv um einen Rebound, die beiden werden handgreiflich, teilen Schläge aus, was Kareem Abdul-Jabbar dazu veranlasst, seinem Teamkollegen zu Hilfe zu eilen. Der Superstar der Lakers, der später zum NBA-Allzeit-Topskorer werden sollte, ist selbst kein Kind von Traurigkeit. Im Eröffnungsspiel der Saison hat er mit einem fiesen Revanchefaustschlag seinem Gegner den Kiefer und sich die Hand gebrochen.

Abdul-Jabbar kümmert sich also um Kunnert, bevor alles plötzlich ganz schnell geht. Rudy Tomjanovich von den Rockets stürmt nun auch mit vollem Karacho in den Kampf. Kermit Washington nimmt das in seinem Rücken spät wahr und handelt instinktiv: Mit einer knallharten Geraden, später nur noch als «The Punch» bekannt, streckt er den heranbrausenden 2,03-m-Hünen nieder. Tomjanovich schlägt mit dem Kopf heftig auf dem Parkett auf und bleibt in einer Blutlache liegen.

abspielen

Nichts für Zartbesaitete: «The Punch». Video: streamable

Es wird totenstill im Stadion. Tomjanovichs Teamkollege Mike Newlin beschreibt es als «das lauteste Schweigen, das man je gehört hat». Rudy Tomjanovich kann sich zwar aus eigener Kraft erheben, doch in den Katakomben wird das Ausmass des Aufpralls schnell klar: Der Schädel des Amerikaners ist Matsch, Gehirnflüssigkeit läuft ihm den Rachen hinunter.

abspielen

Teil 4 von 7 der bewegenden Doku «Searching for Redemption: The Kermit Washington Story» (man findet sie auf YouTube).  Video: YouTube/Reza Davachi

Der 29-Jährige steht unter akuter Lebensgefahr. Zu seinem Glück wird er aber genügend schnell versorgt und kann im Spital gerettet werden. «Es war wie eine zerstückelte Eierschale mit Leim zusammenzukleben», schildert der leitende Arzt das Vorgehen später.

Auswirkungen für die NBA

Auch wenn wegen der anhaltenden Gewalt auf dem Parkett bereits auf die Saison 1977/78 hin Regelverschärfungen vorgenommen wurden, sah sich die NBA nach dem Vorfall gezwungen, noch wesentlich drastischer durchzugreifen. Die Referees wurden angehalten, physisches Spiel absolut konsequent zu ahnden und anbahnende Kämpfe im Keim zu ersticken. Die Strafen für Übeltäter wurden derart verschärft, dass die übermässige Gewalt sehr rasch aus dem Sport verschwand. Die Änderungen sind heute noch spürbar, haben dem Spiel aber ungemein gut getan. 

Erfolg als Trainer

Tomjanovich erholt sich und kehrt sogar auf den Court zurück, der ehemalige All-Star ist aber nicht mehr derselbe, hat nicht mehr dieselbe Klasse und tritt 1981 zurück. Danach sattelt er um und wird Trainer. Erst ist er elf Jahre Assistent bei den Rockets, bei denen er 1992 zum Headcoach befördert wird. Ein guter Zug: 1994 und 1995 werden die Texaner unter ihm Meister.

©2011 Bob Straus - ALL RIGHTS RESERVED

Tomjanovich nach dem Zwischenfall ... bild: tumblr.com

Houston Rockets head coach Rudy Tomjanovich calls out to his players in the first quarter against the Minnesota Timberwolves in Minneapolis, in this Feb. 17, 1999 photo. Tomjanovich has agreed to contract terms to become Los Angeles Lakers coach, team spokesman says Friday, July 9, 2004.(KEYSTONE/AP Photo/Ann Heisenfelt)

... und 1999 als Trainer der Rockets. Bild: AP

2003 kam seine Karriere nach 33 Jahren bei den Rockets wegen einer Blasenkrebs-Diagnose zu einem Halt. Nur ein Jahr später trat er bei den Los Angeles Lakers das schwere Erbe von Phil Jackson (Titel 2000, 2001 und 2002) an, seine körperliche Verfassung liess das Traineramt aber lediglich 41 Spiele zu. Seither amtet Tomjanovich als Konsultant für den Verein und daneben auch als Scout für USA Basketball, dessen Nationalteam er 2000 in Sydney zu Gold führte.

Seelenfrieden wiedergefunden

Weniger gut meinte es das Schicksal mit Kermit Washington. Seine Kollegen beschreiben ihn zwar als «netten Kerl», doch nach seinem Aussetzer ist er ligaweit der Geächtete. Er wird mit einer Busse von 10'000 Dollar belegt für 60 Spiele gesperrt. Die Lakers wollen ihn danach nicht mehr in ihren Reihen haben und schieben ihn umgehend zu den Boston Celtics ab.

Bild

Kermit Washington noch im Lakers-Dress. bild: los angeles times

Für Washington beginnt ein Spiessrutenlauf. Spiel für Spiel wird er ausgebuht. Da hilft es auch nicht, dass er 1979/80 für die Portland Trail Blazers eine herausragende Saison spielt und das einzige Mal in seiner Karriere ans All-Star Game berufen wird. Der Forward spielt nach einer zwischenzeitlichen Pause zwar bis 1988 in der NBA, verfällt aber ob seiner Situation in eine Depression.

Erlösung findet er erst, als er sich von seiner Passion Basketball löst. 1994 entschliesst sich Kermit Washington im Zuge des Völkermords in Ruanda, in Afrika karitativ tätig zu werden. Der nun 43-Jährige hilft eigenhändig im Krisengebiet mit und baut später Waisenheime und Schulen. Dank seinen Projekten findet er seinen Seelenfrieden wieder und kehrt sogar zeitweise als Assistenztrainer in der amerikanischen D-League (D für Development) ins Basketball-Business zurück. Heute ist er unter anderem Regional-Repräsentant für die Spielergewerkschaft NBPA.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei. 
Um nichts zu verpassen, like uns auch auf Facebook!

Beste Retro-Sport-Games: «NBA Jam»

Unvergessene NBA-Geschichten

26.07.1992: Das beste Team, das jemals Basketball gespielt hat, verzaubert die ganze Welt

Link zum Artikel

13.01.1999: Michael Jordan verkündet seinen zweiten Rücktritt, lässt damit die Basketball-Welt stillstehen und die Nike-Aktie absacken

Link zum Artikel

05.04.1984: Kareem Abdul-Jabbar knackt den NBA-Punkterekord, den er bis heute besitzt

Link zum Artikel

27.05.1991: Air Jordans Chicago Bulls laufen auf dem Weg zum ersten Titel die Gegner davon – wortwörtlich

Link zum Artikel

19.04.1990: Heute kostet ein böser Tweet in der NBA 25'000 Dollar – früher konnte man für dieses Geld eine Massenschlägerei anzetteln

Link zum Artikel

19.02.1996: Das ist tatsächlich Shaqs einziger Dreier in 1423 NBA-Spielen

Link zum Artikel

21.03.2012: Erst der umjubelte Dreier, dann die grosse Showeinlage – der Hollywood-Auftritt des Mick Pennisi

Link zum Artikel

02.03.1962: 100 Punkte in einem einzigen NBA-Spiel – diesen Rekord knackte nicht einmal Air Jordan

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Das könnte dich auch interessieren:

AfD-Politikerin Alice Weidel ist heimlich wieder in die Schweiz gezogen

Link zum Artikel

Mein Horror-Erlebnis im Militär – und was ich daraus lernte

Link zum Artikel

2 mal 3 macht 4! – Das wurde aus den Darstellern von «Pippi Langstrumpf»

Link zum Artikel

Greta Thunberg wollte Panik säen, erntet nun aber Wut

Link zum Artikel

Pasta mit Tomatensauce? OK, wir müssen kurz reden.

Link zum Artikel

«Es war die Hölle» – dieser Schweizer war am ersten Woodstock dabei

Link zum Artikel

Oppos Reno 5G ist ein spektakuläres Smartphone – das seiner Zeit voraus ist

Link zum Artikel

MEI, Minarett und Güsel: Das musst du zum Polit-Röstigraben wissen

Link zum Artikel

Ich hab die 3 neuen Huawei-Handys 2 Monate im Alltag getestet – es gab einen klaren Sieger

Link zum Artikel

Keine Hoffnung auf Überlebende nach Unwetter im Wallis ++ Gesperrte Pässe in Graubünden

Link zum Artikel

Immer wieder Djokovic – oder Federers Kampf gegen die Dämonen der Vergangenheit

Link zum Artikel

QDH: Huber ist in den Ferien. Wir haben ihn vorher noch ein bisschen gequält

Link zum Artikel

YB-Fan lehnt sich im Extrazug aus dem Fenster – und wird von Schild getroffen

Link zum Artikel

10 Tweets, die zeigen, dass in Grönland gerade etwas komplett schief läuft

Link zum Artikel

Wahlvorschau: Die Zentralschweiz ist diesmal nicht nur für Rot-Grün ein hartes Pflaster

Link zum Artikel

Sogar Taschenrechner verwirrt: Dieses Mathe-Rätsel macht gerade alle verrückt

Link zum Artikel

Die bizarre Geschichte der Skinwalker-Ranch, Teil 4: Die Zweifel des Insiders

Link zum Artikel

Uli, der Unsportliche – warum GC-Trainer Forte in Aarau unten durch ist

Link zum Artikel

Die Bloggerin, die 22 Holocaust-Opfer erfand, ist tot, ihre Fantasie war grenzenlos

Link zum Artikel

Google enthüllt sechs Sicherheitslücken in iOS – das solltest du wissen

Link zum Artikel

Der neue Tarantino? Ist Mist. Aber vielleicht seht ihr das ganz anders

Link zum Artikel

Wohin ist denn eigentlich die Hitzewelle verschwunden? Nun, die Antwort ist beunruhigend

Link zum Artikel

Gewalt und Krankheiten – die Bewohner der ersten Steinzeit-Stadt lebten gefährlich

Link zum Artikel

Ab heute lebt die Welt auf Ökopump – und diese Länder sind die grössten Umweltsünder

Link zum Artikel

ARD-Moderatorin lästert über «Fortnite»-Spieler und erntet Shitstorm – nun wehrt sie sich

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Königlicher Skandal beim Eidgenössischen? Ja. Aber zuletzt vor 57 Jahren

12. August 1961: Skandale und das Eidgenössische Schwingfest, das passt etwa so gut zu zusammen wie Sommer und Langlaufberichterstattung. 1961 wurde Karl Meli in Zug aber tatsächlich unter skandalösen Umständen König – nur gab es das Wort Skandal damals im Schwingen noch nicht.

Die Könige der Neuzeit nehmen wir alle als Titanen wahr. Auch durch die Beschreibungen und Abbildungen in den Medien: Rudolf Hunsperger, Ernst Schläpfer, Jörg Abderhalden, Kilian Wenger und Matthias Sempach erscheinen zu Recht als Giganten.

Doch einer war noch eine Nummer grösser. Der erste Titan, der das Schwingen 22 Jahre lang geprägt hat: Karl Meli. Von seinem ersten Eidgenössischen 1956 bis zu seinem Rücktritt 1978 im Alter von 40 Jahren hat er bei 125 Kranzfesten nur einmal den …

Artikel lesen
Link zum Artikel